Inhalt

Berlin 1947: Paul lebt mit seiner Mutter allein, denn der Vater ist aus dem Krieg nicht heimgekehrt. Mutter und Sohn verbindet ein inniges Verhältnis. Nur mit Mühe und Not halten sie sich in den schweren Nachkriegszeiten über Wasser. Auf dem Schwarzmarkt organisiert Paul immer wieder Lebensmittel, doch der beschwerliche Alltag hält daneben auch kindliche, spielerische Freuden bereit. Paul ist Mitglied einer Bande, die ausgelassen in den Trümmern spielt, deren Mitglieder jedoch noch stark indoktriniert sind von den Ideologien, die ihnen in der Hitlerjugend eingetrichtert wurden. Fremdenfeindliche Parolen sind an der Tagesordnung und strukturieren das sonst ausgelassene, freie Spiel. Insbesondere die Anführerin der Bande, Falke genannt, hetzt gegen die amerikanische Besatzung und trumpft mit rassistischen Kommentaren auf. Deshalb und auch, weil Paul immer noch hofft, sein Vater würde heimkehren, ist der Protagonist massiv getroffen und bestürzt, als seine Mutter sich in einen amerikanischen Soldaten verliebt, noch dazu in eine Person of Color. Die Mutter hält den Vater für tot, ist glücklich mit Bill, will ihn heiraten und zeigt sich überfordert, weil der Sohn diese Liebe nicht akzeptieren kann. Mit allen Mitteln intrigiert Paul gegen Bill, obwohl dieser überaus freundlich und verständnisvoll zu ihm ist. Der Hass des Jungen geht so weit, dass er Bill nach dem Leben trachtet. Auf dem Schwarzmarkt organisiert er ein Messer und gibt vor seinen rechtsgesinnten Banden-Freunden damit an, den Freund der Mutter umbringen zu wollen. Der Plan bringt ihm vor allem Falkes Respekt ein. Doch es kommt anders: Paul schafft es (natürlich) nicht, einen Mord zu begehen, und dann steht eines Tages doch sein Vater wieder vor der Tür. Paul ist außer sich vor Freude, verehrt den Vater wie einen Helden, doch bald wendet sich das Blatt. Keine von Pauls Hoffnungen bewahrheitet sich. Zwar jagt der Vater "den Ami" vor die Tür, doch aufgrund seiner Kriegstraumata ist er zu keiner liebevollen oder zugewandten Haltung seiner Frau und seinem Sohn gegenüber in der Lage. Vielmehr terrorisiert er die Familie so sehr, bis Paul sich nicht mehr anders zu helfen weiß und Bill zurückholt. Der Traum vom Kriegsheldentum weicht der bitteren Erkenntnis, dass die Welt sich doch nicht so einfach in gut und böse einteilen lässt, wie Paul bislang geglaubt hat, denn auch bei der dominanten Falke, die als Flackhelferin an der Front war, werden auf einmal schwere Kriegstraumata sichtbar.

Kritik

Sarah Bergmann hat mit ihrem Debüt einen sehr einnehmenden, spannenden und gut erzählten zeitgeschichtlichen Jugendroman vorgelegt, der seine Leserinnen und Leser in die unmittelbare Nachkriegszeit entführt. Für erwachsene Rezipienten und Rezipientinnen mag es vorhersehbar erscheinen, dass Paul es nicht schafft, den Liebhaber seiner Mutter zu erstechen und ebenso, dass der als Held verehrte Vater sich schließlich als beziehungsunfähiger und gebrochener Mann entpuppt. Innerhalb der Diegese sind hiermit aber überraschende Wendungen markiert, denn der Text bleibt ganz dicht an seinem Protagonisten, sieht und fühlt mit ihm, wodurch eine mitreißende Unmittelbarkeit entsteht. Die im Grunde tragische und traurige Geschichte Pauls erhält durch die Episoden der Bandenspiele immer wieder auflockernde Leichtigkeit, die der Handlung die Härte nehmen. Das Berliner Trümmerland avanciert zu einem Abenteuerspielplatz, das Spiel befreit und kennt keine Grenzen. Und Paul spielt auch alleine – als der verhasste Stiefvater in spe ihm Superman-Comics schenkt, ist er begeistert und kann nicht aufhören, den Comichelden nachzuspielen, ist darüber jedoch zutiefst beschämt, weil er Bill und alle Amerikaner doch verabscheuen will. Bergmann gelingt es eindrücklich, auf die Ambivalenzen der Figuren aufmerksam zu machen, vor allem auf die der durch die NS-Ideologie indoktrinierten Kinder, die ihre Orientierung und ihre Idole verloren haben. Sie erzählt davon, wie diese langsam aufbrechen, Ambivalenzen und Zweifel Raum bekommen und Platz machen für Neuorientierungen. Für Paul ist das alles sehr schwer. Er will Bill hassen, weil er Amerikaner und nicht sein Vater ist, aber der ist nett und tolerant ihm gegenüber. Seinen Vater will er verehren und ihm alles erzählen, doch der hört nicht zu, schlägt ihn und die Mutter und geht so weit, die geliebten Kaninchen seines besten Freundes zu schlachten. Dies ist der entscheidende Wendepunkt für Paul, um von nun an den Realitäten ins Auge blicken zu können. Er läuft zu Bill und bittet ihn um Hilfe.

Bergmann erzählt in deutlicher, klarer Sprache, mit beeindruckender Nähe zu ihrem Protagonisten, der schwankt zwischen kindlicher Naivität und jugendlicher Reife, zwischen Vorurteilen, Empathie und eigener Wahrnehmung der Dinge und seiner Mitmenschen. Im kindlichen Spiel mit den Freunden fühlt er sich "losgelöst von allem, unbeschwert und frei" (S. 204), und gerade durch das Spiel und den freundschaftlichen Zusammenhalt in der Bande gelingt ihm und den anderen eine vorsichtige Loslösung von den Härten des Nachkriegsalltags und auch dem, was sie bislang für wahr und unumstößlich gehalten haben.

Fazit

Wenngleich Bergmann in ihrem Roman auf einige Klischees und Stereotypen (freundlicher Ami, böser Heimkehrer) zurückgreift, so gelingt ihr doch eine einnehmende, lesenswerte Geschichte, die vor allem von ihrer Nähe zum kindlichen Protagonisten lebt. Es ist die Geschichte einer Wandlung und einer Entwicklung und damit ein starkes jugendliterarische Debüt für historisch interessierte Leserinnen und Leser ab 13 Jahren, die nicht nur unterhalten werden möchten. So bleibt zu hoffen, dass wir von Sarah Bergmann noch mehr lesen und hören werden!

Titel: Der Junge aus dem Trümmerland
Autor/-in:
  • Name: Bergmann, Sarah
Erscheinungsort: Bamberg
Erscheinungsjahr: 2020
Verlag: Magellan
ISBN-13: 978-3-7348-4723-3
Seitenzahl: 220
Preis: 15,00 €
Altersempfehlung Redaktion: 13 Jahre
Bergmann, Sarah: Der Junge aus dem Trümmerland