Inhalt

Remy ringt um ihr Gedächtnis. Ihr geliebter Freund Jack ist erschossen worden, und die Teenagerin war am Tatort. Nun soll sie der Polizei Rede und Antwort stehen, doch in ihrer Erinnerung fehlen die entscheidenden 14 Minuten, in denen der Mord geschah. In Rückblenden entfaltet sich die sodann die Handlung, die von dem Jahr erzählt, bevor Jack ermordet wurde, davon, wie Remy ihn kennen und lieben lernte. Doch im Zentrum der Geschichte steht nicht Jack, sondern ihre beste Freundin Elise, die sie vor ziemlich genau einem Jahr kennengelernt hatte, als Remy von ihrem damaligen Freund verlassen wurde. Wie ein Racheengel tauchte plötzlich Elise auf und überzeugte das verunsicherte Mädchen von der Sinnhaftigkeit sog. "Rachestreiche". Es fängt noch relativ harmlos an, als Elise vor dem Haus von Remys Ex-Freund Feuerwerkskörper entzündet, um ihm einen Schrecken einzujagen. Doch diese „Rachestreiche“ wachsen sich schnell zu einem regelrechten Wettkampfsport aus und richten immer mehr Schaden an. Elise schart eine Gruppe von Jugendlichen um sich, die es sich zur Aufgabe macht, all jenen einen Denkzettel zu verpassen, die durch irgendeine Tat unangenehm auffallen. Ins Visier geraten vor allem Ex-Freundinnen und Ex-Freunde, deren "Fehler" es war, jemanden verlassen zu haben, aber mit der Zeit auch Lehrerinnen und Lehrer, die sich in der Schülerschaft nach Meinung Elises unbeliebt gemacht haben. Remy beobachtet diese „Streiche“ mit zunehmender Skepsis, aber sie fühlt sich Elise auch zutiefst verbunden, zumal beide sich in intimen Gesprächen traumatische Erlebnisse aus ihren Elternhäusern anvertraut haben. Remys Eltern streiten pausenlos und drohen mit Trennung, liebesvolle Zuwendung scheint in dieser Familie ein Fremdwort zu sein. Elise lebt allein mit ihrem Vater, der sie misshandelt und schlägt. Nach und nach wird klar, dass sich ihre Rachephantasien aus einem schweren Trauma speisen, das sie nicht bewältigen kann. Immer wieder schaut sie sich die Kill Bill-Filme an und übernimmt aus diesen den Appell, sich mit Gewalt gegen Unrecht zu wehren und zu rächen. An ihrer Freundin Remy klammert sie fast neurotisch, und als diese sich in Jack verliebt, ist im Grunde von vornherein klar, dass alles in einer Katastrophe enden wird...

Kritik

...was die ansonsten sehr spannende und auch psychologisch glaubwürdige Handlung leider ein bisschen vorhersehbar macht. Der 398 Seiten starke Roman weist Längen auf, denn dass es Elise war, die Jack erschossen hat, ist im Grunde sofort klar. Dennoch sind dem Text Spannung und psychologische Tiefenschärfe in der Figurenkonzeption nicht abzusprechen. Durch die Referenzen auf die Kill Bill-Filme ist ihm zudem eine intermediale Verweisstruktur eingeflochten, welche sich in ihrer expliziten Markierung relativ leicht erschließt und in der Figurenrede auch deutlich erklärt wird. So führt Elise aus:

Ich meine nur – mir ist klar, dass das nur ein Film ist, aber gleichzeitig ist es eben auch so viel mehr. Mir geht`s um die Grundsätze, nach denen sie lebt. Es geht nicht um Rache. Sondern um Selbstachtung. Um die Überzeugung, dass man die ganze Scheiße, die andere einem zufügen, nicht einfach hinnehmen muss. Darum dass man, selbst wenn einen jemand zu Boden trampelt, weiß: Irgendwann kommt der Tag der Abrechnung. Irgendwann kommt der Tag, an dem man aufsteht wie Phönix aus der Asche und es den Leuten heimzahlt, die einen fertigmachen wollten. (S. 128)

Darum will Elise eine Superheldin sein und erklärt ihrer Freundin: "Es gibt einen Grund dafür, dass die Heldin im ersten Teil keinen Namen hat, weißt du? Weil sie jede sein könnte. Jede von uns könnte die Braut sein." (ebd.)

Die Bezeichnung der Racheakte wiederum als „Streiche“ haftet ihnen eine an Max und Moritz erinnernde Harmlosigkeit an, die diesen aber definitiv nicht innewohnt. Der Name expliziert die Naivität der Ich-Erzählerin, die zunächst nicht wahrhaben will, dass ihre Freundin Elise zutiefst gestört ist. Zu sehr ist sie mit ihrem eigenen Familiendrama beschäftigt, dem ständigen Streit zwischen ihren Eltern, von denen sie nicht weiß, warum sie überhaupt noch zusammen sind. Aber genau das versteht sie zum Ende hin, denn, kurz bevor es zu den katastrophalen Schüssen auf Jack kommt, erkennt Remy, dass sie in ähnlich pathologischer Weise an Elise hängt wie ihr Vater an der Mutter. Die Erkenntnisse und Erzählungen der Protagonistin sind auf zwei sich abwechselnden Erzählebenen angesiedelt: In der Gegenwart sitzt sie verzweifelt auf dem Polizeirevier und ringt um ihr Gedächtnis, auf der anderen entfaltet sich ihre tragische Freundschaft mit Elise von Beginn an bis zu ihrem bitteren Ende.

Fazit

Ein eindringliches Leseerlebnis, das Einblick in die Profile tragischer jugendlicher Figuren liefert, die vernachlässigt und misshandelt werden. Der Roman setzt mehr auf die Entwicklung einer spannenden Handlung und weniger auf tiefenpsychologische Deutungen. Darum ist er auch eher eine leichte Lektüre, deren Handlung sich in intermedialer Verweisstruktur auf die Antiheldinnen-Geschichte der Kill Bill-Filme bezieht. In diesem Sinne: leicht zu lesen, aber keine leichte Kost. Empfohlen für Jugendliche ab 14 Jahren, die nach einem dicken Buch suchen, das man nicht mehr aus der Hand legen mag, wenn man es einmal angefangen hat.

Titel: 14 Minuten - Gelogene Wahrheit
Autor/-in:
  • Name: Lyu, Sarah
Erscheinungsort: Bamberg
Erscheinungsjahr: 2020
Verlag: Magellan Verlag
ISBN-13: 978-3-7348-5047-9
Seitenzahl: 398
Preis: 18,00 €
Altersempfehlung Redaktion: 14 Jahre
Lyu, Sarah: 14 Minuten – Gelogene Wahrheit