Nina Dulleck (*1975) ist Illustratorin und Autorin. Sie hat Reihen wie das "Sams" von Paul Maar und Die Schule der magischen Tiere von Margit Auer illustriert und Bücher herausgegeben, bei denen sie beide Funktionen übernommen hat: Autorin und Illustratorin, zum Beispiel mit Boje hebt ab, Die Schluckaufprinzessin und Miep, der Außerirdische. Dulleck hat vor kurzem einen neuen Illustrationspreis ausgelobt – den "Goldenen Pinsel", der im Februar 2020 erstmals vergeben wurde.
Das folgende Interview wurde als Briefinterview im Anschluss an die Verleihung des "Goldenen Pinsels" an Felicitas Kuhn geführt.

Abb. 1: Schule der magischen Tiere. © Nina Dulleck

Anna Zamolska: Liebe Nina Dulleck, Sie illustrieren nun schon seit vielen Jahren für renommierte Kinder- und Jugendbuchverlage und bebildern die Welten so berühmter und erfolgreicher Autoren wie Paul Maar. Dann schreiben und illustrieren Sie auch noch selbst Bücher. Wie haben Sie Ihren Weg gemacht? Oder besser gesagt, wie haben Sie Ihren unverwechselbaren Stil gefunden?

Nina Dulleck: Die Antwort steckt schon in Ihrer Frage: Über die Jahre und Schritt für Schritt. Dazu kommt noch eine gehörige Portion Neugierde und ein großer Spaß daran, neue Techniken auszuprobieren und das Schreiben zu lernen.

A. Z.: Wie gehen Sie bei der Arbeit vor, wenn Sie ein Buch illustrieren? Ihre Bilder haben einen "Pinselstrich", der neugierig macht, wie er entsteht – es sind ja keine Bleistiftzeichnungen zu erkennen oder Aquarelltöne...

N. D.: Och doch, wenn Sie genau hinschauen, können Sie bei Boje hebt ab, meinem neuesten Bilderbuch, das Acryl erkennen und bei Spinnenalarm den Buntstift. Letztendlich entscheide ich immer je nach Projekt, welche Technik ich verwende. Großen Spaß macht es mir, analoge mit digitalen Techniken zu vermischen.

Abb. 2: Aus Boje hebt ab. © Nina Dulleck

A. Z.: Auffällig ist, dass Ihre Bilder wenige Kanten aufweisen, alles wirkt rundlich – von den kugelrunden Augen bis zum Schriftzug. Wie kommt das?

N. D.: Jetzt wo Sie es sagen! Überall Kreise ... nasowasaberauch! ;-)

Nina Dulleck. © Nina Dulleck

A. Z.: Je mehr man hinschaut, desto detailreicher und interessanter bzw. hintergründiger werden Ihre Illustrationen. Woher kommt diese Liebe zu diesem Detailreichtum und diese Verspieltheit?

N. D.: Schätze, das bin einfach ich. Wobei ich natürlich auch etwas hinterhältig bin: Je schöner die Illustration, je mehr Details, desto lieber schauen es sich die Kinder an. Wenn es immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt, blättern sie auch immer wieder ins Buch hinein. "Nebenbei" lernen sie dabei lesen.

A. Z.: Ihre Illustrationen bestechen vor allem durch ihren Humor. Vor allem in Ihrem Mutmachkalender für dieses Jahr. Ich denke, das ist der beste Weg, Kinder zu erreichen...?

Abb. 3: Mutmachkalender 2020. © Nina Dulleck

N. D.: Ich gehe davon aus, dass Erwachsene auch nur langgezogene Kinder sind (Walt Disney hat das mal gesagt). Von daher: Humor ist der beste Weg, Menschen zu erreichen. Egal, wie alt.

A. Z.: Was waren eigentlich Ihre Lieblingsbücher und -Illustratoren in Ihrer Kindheit?

N. D.: Auf jeden Fall Walter Trier und der Herr Tripp, die die Texte von Erich Kästner bebildert haben. Der Glückliche Löwe ist ein sehr zerfleddertes Buch, weil ich es OFT angeschaut und gelesen habe. Walt Disney hat eine Weile lang wunderschön gezeichnete (Erstlese-)Bücher zu seinen Zeichentrickfilmen herausgebracht. Diese Reihe hatte meine Mutter abonniert. Im Wechsel bekam mein Bruder eins oder eben ich. Die Illustratoren wurden in diesen Büchern unverständlicherweise nicht genannt, aber sie haben mich nachhaltig geprägt. Und Ilon Wikland selbstverständlich. Und Felicitas Kuhn natürlich.

A. Z.: Ihre Homepage ist mit einem C. S. Lewis-Zitat gestaltet. Haben Sie zu diesem Autor eine besondere Verbindung?

N. D.: C. S. Lewis war im Grunde der Autor meiner Teenager-/ Jugendzeit. Seine Bücher haben mir bei meiner Suche nach dem Sinn meines Lebens enorm beigestanden und ich war und bin immer noch gerne und häufig in Narnia zu Besuch.

A. Z.: Ihre Liebe zu Felicitas Kuhns Bildern hat Sie zu einer beeindruckenden Geste bewegt: Vor zwei Monaten haben Sie einen neuen Illustrationspreis ausgelobigt: Den Goldenen Pinsel. Wie kam es dazu?

N. D.: Wie erwähnt haben ihre Bücher mich als Kind berührt und geprägt. Dabei besaßen wir nur vier ihrer Pestalozzi-Märchenbücher. Aber es ist, als wäre es eine ganze Bibliothek gewesen, so oft hab' ich sie durchgeblättert und angeschaut.

Abb. 4: Brüderchen und Schwesterchen. © Felicitas Kuhn

Während ich nun also Illustratorin wurde, ganz autodidaktischerweise über die Jahre, habe ich immer darauf gewartet, dass Felicitas Kuhns Arbeit eines Tages gewürdigt würde. Das erschien mir bei ihrer Reichweite und Kunst eine logische Folge. Ich rechnete Jahr für Jahr damit.
Doch im Kinderbuch werden bis heute – wenn überhaupt – hauptsächlich die Autoren gesehen/ bepreist. Die Illustratoren nennt man oft noch nicht einmal auf den Covern. Und das im Kinderbuchbereich, wo kein einziges Buch ohne Illustrationen verkauft werden würde!
Diese Entdeckung löste erst einmal Kopfgeschüttel bei mir aus. Illustrationen werden unglaublicherweise als "Beiwerk" verstanden (von den Erwachsenen). Darüberhinaus sei es sehr kompliziert und aufwendig, einen Preis auszuloben, sagte man mir, als ich bei wichtigen Leuten nachgefragt habe, wann Frau Kuhn denn nun endlich einen Preis bekommt. Dann erfuhr ich das Geburtsjahr von Frau Kuhn und da machte es bei mir KLICK. Jetzt oder nie! Wenn die wichtigen Leute es für zu kompliziert halten, dann mach das eben ich. PENG hab' ich meinen Mann gefragt, wie hoch ich das Preisgeld ansetzen darf. PENG hab' ich den Preis ausgelobt (auf Facebook) und versucht, Frau Kuhn zu kontaktieren, um sie von ihrem Glück in Kenntnis zu setzen (nicht auf Facebook :)). PENG noch schnell einen Namen für den Preis ausgedacht und PENG von Robert Scheffner die Trophäe bauen lassen. PENG bin ich nach Baden bei Wien geflogen und habe Den Goldenen Pinsel übergeben. Kurz vor dem Shutdown wegen Corona. JUHU!!!

Abb. 5: Der Goldene Pinsel. © Robert Scheffner

A. Z.: Wie sehen Sie die Rolle des Illustrators?

N. D.: Im Kinderbuch steht zuerst das Bild. Die Autorenzunft wird mir jetzt versuchen, den Kopf abzureißen, aber: Isso. Wir Illustratoren haben mit den Pappbilderbüchern den Auftrag, u. a. Lust aufs Buch zu machen und für ein unterhaltsames, angenehmes "Vorlese"erlebnis zu sorgen. Erste Worte werden gebildet. Durch Bilder. Aber nicht nur das. Letztendlich sind die Illustrationen die erste Begegnung eines Kindes mit dieser Spielart unserer Sprache und darüber hinaus mit Kunst als solcher. Eine Kinderbuchillustration steht also durchaus für sich und ist nicht ausschließlich an das Wort gebunden. Wenn alles gut läuft, verführen wir die Kinder dazu, Bilderbücher zur Hand zu nehmen, Erstleser und schon bald die Bücher, in denen mehr Text als Bilder sind. Niemand wird sich an die Belletristik wagen, geschweige denn die hohe Literatur, wenn er nicht vorneweg von guten Kinderbüchern geprägt worden wäre, oder?
Wie auch immer und kurzum: Im Kinderbuch müssen Wort und Bild Hand in Hand gehen – wie Vater und Mutter. Dann erst kommt ein prächtiges Kind, äh, Buch bei raus. Basta ;-)

A. Z.: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

N. D.: Im Bezug auf Ihre vorhergehende Frage wünsche ich uns Urhebern im Kinderbuchbereich, dass wir anfangen, gemeinsam Kinderbücher zu machen. Als Künstler hinterlässt du einen ganz persönlichen Fingerabdruck mit deinem Text, deinen Bildern. Freu dich daran und wertschätze die Fingerabdrücke der anderen. Wir brauchen einander! Hab keine Angst vor Konkurrenz, sondern zeige, wer DU bist und was DU dazu beitragen kannst, damit wir zu allererst gemeinsam Kindern durch Bücher Mut zum Leben machen. Danach Lust auf Bildung und nicht zuletzt Mut zu Demokratie und zum Selber- und Miteinanderdenken.

Liebe Frau Dulleck, ich danke Ihnen herzlich für dieses wunderbare Interview und hoffe, dass sich Ihre Branche in Ihrem Sinne entwickeln wird...
Wir sind schon gespannt, wer der nächste Preisträger Ihres Preises sein wird!



Erstveröffentlichung: 20.04.2020


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