Literatur und ästhetische Medien bieten die Möglichkeit, auf ästhetische und affektiv-grundierte Art und Weise rezipiert zu werden (vgl. dazu Odendahl 2018; Windrich 2023). So können Texte und Medien als „Resonanzraum“ fungieren und emotionalisierend wirken (vgl. dazu von Koppenfels/Zumbusch 2017: 21). Für Odendahl macht es eine Spezifik des literarischen Lesens aus, dass hier Vertrautes mit Eigentümlichem, Neuem, Unvertrautem zusammengebracht wird (vgl. Odendahl 2018: 130). Das lesende Subjekt könne Vertrautes in verfremdeter Gestalt wiedererkennen und zu einem leiblich-affektiven Einfühlen in die Textwelt gebracht werden (ebd.).  

Wenn es um Emotionen im Kontext von Literatur und Medien geht, ist allerdings zu bedenken, dass das Thema noch weitere Facetten aufweist: So ist zu unterscheiden zwischen

  • in Literatur/Medien ausgestalteten Emotionen,
  • durch Literatur/Medien ausgelöste Emotionen und auch
  • den Emotionen gegenüber dem Gegenstand

Es ist auch zentral, welche emotionalen Vorerfahrungen jemand mit dem Lesen von Büchern gemacht hat oder wie empfänglich jemand für die entsprechenden Darstellungsweisen ist (vgl. zu Fiktions-, Meta-, Artefakt- und ästhetischen Emotionen, denen Momente der emotionalen Involviertheit einer- und emotionalen Distanz andererseits inhärent sind z. B. von Koppenfels/Zumbusch 2017; Poppe 2012; Hillebrandt 2011; van Holt & Groeben 2006). Fraglich bleibt, inwiefern Literaturunterricht zur Emotionalität oder auch zur emotionalen Distanz beitragen sollte (vgl. hierzu Frickel/Zepter 2020; Frickel 2023; Olsen 2023; vgl. zur ästhetischen Distanz auch Winkler 2015) und inwiefern Emotionen, Embodiment und Affekte sich in einem kompetenzorientierten Bildungssystem in den Unterricht implementieren lassen. Welche Rückschlüsse lassen sich daraus für die Auseinandersetzung mit Emotionen und emotionalen Fähigkeiten (vgl. hierzu z. B. Klinkhammer et. al 2022) im Rahmen des Literaturunterrichts ziehen?

Der geplante Sammelband fragt danach, welche Potenziale mit der sprachästhetischen Gestaltung literarischer Texte z. B. im Hinblick auf Empathie und Distanz, Emotionsregulation oder Emotionsausdruck einhergehen und wie Embodiment, affektives Rezipieren und zugleich die Emotionswahrnehmung und -regulierung im Spannungsfeld aus Kompetenzorientierung und emotional-ästhetischer Bildung gefördert werden können. Es sollen Beiträge versammelt werden, die

a) den Fokus auf die Darstellungsweisen literarischer Texte lenken und didaktische Möglichkeiten zur Förderung literarischer und emotionaler Zugangsweisen anhand eines oder mehrerer konkreter Texte eruieren.

b) praktisch erprobte Unterrichtskonzepte eines emotions- und affektbezogenen Literaturunterrichts vorstellen und deren Ergebnisse diskutieren.

Erwünscht sind Beiträge, die z. B. folgenden Fragen nachgehen:

  • Inwiefern lassen sich bereits in den Gegenständen Strategien der Emotionslenkung identifizieren?
  • Wie lassen sich ausgewählte Aspekte literarischen Lernens in Verbindung mit einem emotional-affektiven Literaturunterricht bringen?
  • Welche Rolle spielen literarästhetische Konzepte wie Spannung, Komik, Störung, Irritation oder Angstlust bei einer affektiv-emotionalen Rezeption und wie lassen sie sich gegenstandsorientiert?
  • Welche Umgangsformen mit systematisieren Empathie, Emotionsausdruck, Resilienz oder Hoffnungserleben lassen sich im Literaturunterricht konkret in den Blick bringen und welche kritischen Aspekte und Herausforderungen gilt es, dabei zu beachten?
  • Welche didaktischen Potenziale bieten insbesondere lyrische Texte für einen emotionsorientierten Literaturunterricht?
  • Wie kann Ekpathie als Gegenstück zur Empathie (vgl. Olsen 2023) im Literaturunterricht konkret gefördert werden?

Wenn Sie Interesse haben, senden Sie bitte bis zum 07.10.2026 einen Beitragsvorschlag (max. 1 Seite) mit bio-bibliographischen Angaben an die Herausgeber:innen oder melden Sie sich gern mit ersten Fragen:

Prof. Dr. Sebastian Bernhardt
Germanistisches Institut der Universität Münster – Abteilung: Literatur- und Mediendidaktik,
Professur für Literatur- und Mediendidaktik
Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Dr. Julia Kruse
Department Lehrerbildung, Humanwissenschaftliche Fakultät der Universität Potsdam – Abteilung:
Grundschulpädagogik Deutsch
Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

 

Zeitplan

Abgabe der Beiträge (Umfang: maximal 40.000 Zeichen): 05.09.2027

Erscheinen des Bandes: spätestens Dezember 2027

Die Beiträge werden allesamt bis spätestens 08.09.2027 lektoriert und kommentiert. Es gibt dann eine Überarbeitungsphase und eine zweite Rücklaufschleife. Damit der Band schnell erscheint, bitten wir darum, diese Schleifen gleich einzuplanen. Der Band wird als print und eBook in der Reihe „Literatur – Medien – Didaktik“ im Verlag Frank & Timme erscheinen und über die Springer Bibliotheken abrufbar sein.

 

Literatur

Frickel, Daniela A. (2023): „Literatur erleben – Zwischen Identifikation und Beobachtung. Ansätze für eine Emotionen fokussierende didaktische Analyse“. In: Magirius, Marco/Meier, Christel/Kubik, Silke/Führer, Carolin (Hrsg.): Evaluative ästhetische Rezeption als Grundlage literarischen Verstehens und Lernens. Theorie und Empirie. München: kopaed, S. 63–79.

Frickel, Daniela A./Zepter, Alexandra L. (2020): „Eiszeit im Literaturunterricht? Ansätze für einen emotional turn“. In: 1000 und 1 Buch (1), S. 28–31.

van Holt, Nadine/Groeben, Norbert (2006): „Emotionales Erleben beim Lesen und die Rolle text- sowie leserseitiger Faktoren“. In: Klein, Uta/Mellmann, Katja/Metzger, Stefanie (Hrsg.): Heuristiken der Literaturwissenschaft. Disziplinexterne Perspektiven auf Literatur. Paderborn: Mentis, S. 111–131.

Hillebrandt, Claudia (2011): Das emotionale Wirkungspotenzial von Erzähltexten. Mit Fallstudien zu Kafka, Perutz und Werfel. De Gruyter.

Klinkhammer, Julie/Voltmer, Katharina/von Salisch, Maria (2022): Emotionale Kompetenz bei Kindern und Jugendlichen. Entwicklung und Folgen. 2. Aufl. Stuttgart: Kohlhammer.

Odendahl, Johannes (2018): Literarisches Verstehen. Grundlagen und didaktische Reflexionen. Berlin: Peter Lang.

Olsen, Ralph (2023): „Empathie und Ekpathie beim literarischen Lesen und ihre Bedeutung für einen intersektionalitätssensiblen Literaturunterricht“. In: Abrego, Verónica/Henke, Ina/Kißling, Magdalena/Lammer, Christina/Leuker, Maria-Theresia (Hg.): Intersektionalität und erzählte Welten: literaturwissenschaftliche und literaturdidaktische Perspektiven. Darmstadt: wgb, S. 445–468.

Poppe, Sandra (Hrsg.) (2012): Emotionen in Literatur und Film. Würzburg: Königshausen & Neumann.

von Koppenfels, Martin/Zumbusch, Cornelia (Hg.) (2016): Handbuch Literatur & Emotionen. Berlin; Boston: De Gruyter, S. 1–36.

Windrich, Johannes (2022): „Interpretation der Verkörperung. Embodied Cognition, die Spezifik literaturdidaktischen Interpretierens und Kafkas Urteil.“ In: Bernhardt, Sebastian/Hardtke, Thomas (Hg.): Interpretation. Literaturdidaktische Perspektiven. Berlin: Frank&Timme, S. 193–216.

Winkler, Iris (2015): „‚Subjektive Involviertheit und genaue Wahrnehmung miteinander ins Spiel bringen‘. Überlegungen zur Spezifikation eines zentralen Konzepts für den Literaturunterricht“. In: Leseräume. Zeitschrift für Literalität in Schule und Forschung 2(2), S. 155–168.

 

 [Quelle: Pressemitteilung]