In der aktuellen Diskussion um eine kritische Literaturdidaktik sind zwei wesentliche Impulse zu erkennen, mit denen innovative Perspektiven entwickelt wurden, die aber bisher zu wenig in den Dialog getreten sind. Einerseits gibt es eine wirkmächtige Tendenz, einen starken Begriff literarästhetischer Erfahrung zu entwickeln, mit dem die Literarizität als wesentliches Moment literaturdidaktischer Theorie (wieder) stark gemacht wird; andererseits werden kulturwissenschaftliche und dominanzkritische Ansätze entwickelt, mit denen im Bereich von Gender sowie postkolonialer und postmigrantischer Studien kritische Impulse der Literatur/ästhetischen Medien und des Literaturunterrichts gegen den Primat ökonomischen Denkens in Gesellschaft und Schule entwickelt werden. Die geplante Tagung fragt danach, ob und wie sich die genannten Impulse verbinden lassen, ob und wie also eine Literatur- und Mediendidaktik entwickelt werden kann, die den Eigenwert literarästhetischer Erfahrung zu bewahren und gleichzeitig dominanzkritische Impulse zu entwickeln vermag.
In der Debatte um die „Ansprüche der Literatur als Herausforderung für den Literaturunterricht“ (vgl. Nagy/Mitterer/Wintersteiner 2016) hat Nicola Mitterer (vgl. Mitterer 2016) mit ihrer Idee einer responsiven Literaturdidaktik die Fremdheit der Literatur ins Zentrum ihrer Überlegungen gestellt und damit ein Konzept präsentiert, das die Literatur als das Andere der empirischen Wirklichkeit und die literarästhetische Erfahrung als eine Provokation konventionellen Denkens konzipiert. Michael Baum (vgl. Baum 2019) hat in seinen Überlegungen zu einer dekonstruktiven Literaturdidaktik überzeugend dargelegt, dass Literatur in keinem Fall dazu beitragen sollte, gesellschaftlichen Konsens zu reproduzieren, dass Literatur vielmehr tradierte Überzeugungen erschüttert und Selbstverständlichkeiten in Frage stellt. Carlo Brune (vgl. Brune 2020) hat mit seinem Konzept einer „literarästhetischen Literalität“ den Bezug des Literarischen zum Ästhetischen allgemein verdeutlicht und dargelegt, welche spezifischen Formen von Erkenntnis in den Dimensionen Perzeption, Imagination und Kognition die literarästhetische Erfahrung prägen. Dass der Narratologie in der Diskussion um das Spezifische des Literarischen ein besonderer Stellenwert zukommt und dass eine reflektierte literarästhetische Erfahrung narratologische Perspektiven in literaturdidaktischen Kontexten zu beachten hat, zeigen Bernhardt/Henke (vgl. Bernhardt/Henke 2023) und Bernhardt (vgl. Bernhardt 2024) in aktuellen Sammelbänden. Die Bedeutung kulturwissenschaftlicher Konzepte für eine kritische Literaturdidaktik wurde im Hinblick auf Transkulturalität seit Jahren in den Arbeiten von Werner Wintersteiner (vgl. Wintersteiner 2006, 2022) betont. Die Relevanz migrantischer und postmigrantischer Konstellationen für Literaturdidaktik und Literaturwissenschaft heben Rösch (vgl. Rösch 2017) und Hodaie/Hofmann (vgl. Hodaie/Hofmann 2014) hervor. Eine kritische Diskursanalyse in postkolonialer Perspektive legte Kißling (vgl. Kißling 2020) vor und sie zeigte, wie eine kritische Lektüre kanonischer Texte diese in einem neuen Licht erscheinen lässt. Perspektiven zu einer grundlegenden kulturwissenschaftlichen Erneuerung der Literaturdidaktik legten Thielking/Esau/Hofmann (vgl. Thielking/Esau/Hofmann 2023) vor und Aspekte eines rassismussensiblen Deutschunterrichts wurden in dem Band von Becker/Hofmann (vgl. Becker/Hofmann 2023) diskutiert. Mit Bezug zu Österreich hat Hajnalka Nagy (vgl. Nagy 2020) die Relevanz von Konzepten des kulturellen Gedächtnisses für die Literaturdidaktik eindringlich verdeutlicht. Hier können Impulse der postkolonialen Pädagogik aufgenommen werden, die mit Gayatri Spivak (vgl. Spivak 1988, 2012) vom „Verlernen“ hegemonialer Denkmuster sprechen (vgl. Castro Varela 2007 und Sternfeld 2017).
Zu fragen ist nun, ob und wie diese verschiedenen Impulse, die mit der Betonung des Eigenwerts literarästhetischer Erfahrung auf der einen Seite und einer hegemonie- und dominanzkritischen Perspektive auf der anderen Seite bezeichnet werden können, in einer sinnvollen Weise verbunden werden können. Wir bitten deshalb um Beiträge, die folgenden Fragen nachgehen:
- Wie verbinden sich in didaktischen Studien zu Gegenwartsliteratur/-medien Dimensionen literarästhetischer Erfahrung mit hegemonie- und dominanzkritischen Impulsen?
- Wie lassen sich Perspektiven der Transkulturalität, des Postkolonialen und Postmigrantischen mit literarästhetischen Perspektiven so verbinden, dass einerseits das Spezifische des Literarischen bewahrt bleibt, andererseits die kritischen Impulse literarischer Texte/ästhetischer Medien fruchtbar werden können?
- Wie lassen sich kanonische Texte/Medien so interpretieren, dass einerseits deren literarisch-ästhetischer Gehalt respektiert wird, andererseits aber eine hegemonie- und dominanzkritische Perspektive eingenommen werden kann?
- Wie können narratologische Konzepte so eingesetzt werden, dass einerseits das Spezifische literarischen Sprechens bewahrt bleibt, andererseits aber auch Fragen nach dem Sprechen der Subalternen und der Infragestellung hegemonialen Sprechens gestellt werden können?
- Wie können die Kategorien des Ästhetischen und des Ethischen auf einer theoretischen Metaebene miteinander verbunden werden und welche Prinzipien hat eine Didaktik zu berücksichtigen, die beiden Paradigmen gerecht werden möchte?
- Dabei gehen wir von einem erweiterten Textbegriff aus und interessieren uns nicht nur für gedruckte Literatur, sondern auch für Hörspiele, Filme und weitere polymediale Gegenstände.
Prof. Dr. Sebastian Bernhardt
Literaturverzeichnis
- Baum, Michael (2019): Der Widerstand gegen Literatur. Dekonstruktive Lektüren zur Literaturdidaktik. Bielefeld
- Becker, Karina/Hofmann, Michael (Hrsg.) (2023): Rassismussensibler Literaturunterricht. Grundlagen, Dimensionen, Herausforderungen, Möglichkeiten. Würzburg.
- Bernhardt, Sebastian, (Hrsg.) (2024): Unzuverlässiges Erzählen in Literatur und Medien. Didaktische Perspektiven. Berlin.
- Bernhardt, Sebastian/Ina Henke (Hrsg.) (2023): Erzähltheorie(n) und Literaturunterricht. Verhandlungen eines schwierigen Verhältnisses. Berlin.
- Brune, Carlo (2020): Literarästhetische Literalität. Literaturvermittlung im Spannungsfeld von Kompetenzorientierung und Bildungsideal. Bielefeld.
- Castro Varela, Maria do Mar (2007): Verlernen und die Strategie des unsichtbaren Ausbesserns. Bildung und Postkoloniale Kritik. Zitiert nach: https://www.linksnet.de/artikel/20768
- Hodaie, Nazli/Hofmann, Michael (Hrsg.) (2024): Postmigrantische Literatur Grundlagen, Analysen, Positionen. Berlin.
- Kißling, Magdalena. (2020): Weiße Normalität. Perspektiven einer postkolonialen Literaturdidaktik. Bielefeld.
- Mitterer, Nicola (2016): Das Fremde in der Literatur. Zur Grundlegung einer responsiven Literaturdidaktik. Bielefeld.
- Nagy, Hajnalka (2020): Erzähl mir Österreich. Transkulturelle Erinnerungsarbeit in kulturwissenschaftlicher Theorie und deutschdidaktischer Praxis. Habilitationsschrift
- Nagy, Hajnalka/Mitterer, Nicola/Wintersteiner, Werner (Hrsg.) (2016): Die Ansprüche der Literatur als Herausforderung für den Literaturunterricht Theoretische Perspektiven der Literaturdidaktik. Bern u.a.
- Rösch, Heidi (2017): Deutschunterricht in der Migrationsgesellschaft. Eine Einführung. Stuttgart.
- Spivak, Gayatri Chakravorty (2012): An Aesthetic Education in the Era of Globalization. Cambridge/Massachusetts, London.
- Spivak, Gayatri Chakravorty (1988): Can the Subaltern speak? In Marxism and the Interpretation of Culture, Hrsg. Cary von Nelson, und Lawrence Grossberg, 66-111.Chicago
- Sternfeld, Nora (2017): Der langsame und zähe Prozess des Verlernens immer schon gewusster Machtverhältnisse. Zitiert nach: http://www.migrazine.at/artikel/der-langsame-und-zahe-prozess-des-verlernens-immer-schon-gewusster-machtverhaltnisse
- Thielking, Sigrid/Esau, Miriam/Hofmann, Michael (Hrsg.) (2023): Neue Perspektiven einer kulturwissenschaftlich orientierten Literaturdidaktik. Würzburg.
- Wintersteiner, Werner (2006): Transkulturelle literarische Bildung. Die „Poetik der Verschiedenheit“ in der literaturdidaktischen Praxis. Innsbruck, Wien, Bozen: Studien Verlag.
- Wintersteiner, Werner (2022): Poetik der Verschiedenheit. Literatur, Bildung, Globalisierung. Klagenfurt: Drava.
[Quelle: Pressemitteilung]