Literarische Medien und Gegenstände, die sich der bildlichen, textuellen und paratextuellen Ebene bedienen, lassen sich in den unterschiedlichsten Formen, Epochen und Gattungen verorten. Paratexte befinden sich dabei an der „Schwelle” (Genette 2011, 7) eines Textes und beeinflussen dessen Wahrnehmung und Rezeption, indem sie Aufmerksamkeit oder Anerkennung sichtbar machen und den Zugang zur Lektüre steuern. Beispiele für diese Verschränkung finden sich viele, u.a. in Bilderbüchern, Comics, Romanen, Künstler:innenbüchern, visual poetry, Netz-/Codeliteratur oder Memes – und vielem mehr.
So nutzt beispielsweise textbasierte Literatur – ob nun Horrorstör (Hendrix 2014), das eine Horrorerzählung im Layout eines Ikea Kataloges erzählt, neuere Werke wie House of Leaves (Danielewski 2000), Ship of Theseus (Dorst/Abrams 2013) oder Klassiker der deutschsprachigen Literatur wie Der Mensch erscheint im Holozän (Frisch 1979) – Ephemera, Annotationen und Fußnoten als zentralen Teil der Erzählung. Dies kann aber nicht nur einzelne Werke, sondern auch ganze (Unter-)Gattungen betreffen. Der Peritext von Kriminal- bzw. Detektiverzählungen befeuert beispielsweise peri-bildlich und peri-schriftlich die Verrätselung bereits vor Lektüre des Haupttextes: Titelgebung und Titelbild konstituieren den Gegenstand vage, dienen Genette zufolge der „Verführung” möglicher Rezipient:innen (sind so kauf- und rezeptionsentscheidend), legen falsche Fährten, verleiten zu spannungsvollen Assoziationen im Sinne des Genres und präfigurieren potenziell die Rezeption und das Miträtseln.
Demgegenüber umfasst der Peritext von Erstlesebüchern beispielsweise Angaben zur Lesekompetenz der Zielgruppe oder zur sprachlichen und typographischen Gestaltung, die sich vornehmlich an erwachsene Vermittlungsinstanzen wie Eltern oder pädagogisches Fachpersonal richten. Andererseits adressieren insbesondere Titel und Buchcover die kindlichen Leser:innen und können erste Erwartungen an Thema, Inhalt und Figuren der Narration wecken. Zum Paratext von Bilderbüchern zählen etwa Titel, Cover, Vorsatzblätter, Klappen- und Umschlagtexte sowie typographische und materielle Elemente. In ihrer Verschränkung können diese bereits Bezüge untereinander und zur Narration herstellen, Deutungsräume eröffnen und die Grenzen zwischen Paratext und eigentlicher Bild-Text-Narration durchlässig werden lassen.
Auch Comics nutzen ein vielfältiges Spektrum visueller und gestalterischer Mittel, das neben der Ausgestaltung einzelner Bilder, ihrer sequenziellen Anordnung und der Seitenarchitektur auch Typographie, Layout, Marginalien, (Unter-)Titel, Klappentexte, Verlagswahl und andere paratextuelle Elemente umfasst. Diese Paratexte können den Comic nicht nur einordnen und bewerben, sondern die in ihm verhandelte textuelle Erzählung supplementieren, strukturieren oder selbst dominant konstituieren.
Dies erweitert sich auch ins Digitale und Interaktive: Erste Erwartungen an die Gestaltung von Bilderbuch-Apps entstehen häufig durch Beschreibungstexte in den App-Stores, zusätzlich werden sie geprägt durch Icons auf dem Tablet- oder Smartphonebildschirm. Ebenso könnenseparate, für Kinder nicht unmittelbar zugängliche Menüs mit Informationen für Erwachsene den Paratext von Bilderbuch-Apps gestalten. Paratexte in Regelwerken von Pen-and-Paper-Rollenspielen wiederum fungieren als Aktivatoren und Imaginationshilfen für mögliche Narrationen im Spielprozess (Jara 2018). Diese Funktion kommt insbesondere Bildern zu, die spielerische Vorstellungsräume eröffnen und Regelbücher durch ihre ausgeprägte Visualität als ästhetische Gegenstände erfahrbar machen.
Nicht nur digitale Bewertungsplattformen, sondern auch andere Produkte einer Kultur der Digitalität (Stalder 2016) erzeugen ein produktives, narratives Spannungsfeld zwischen Bild und Paratext: Webcomics und Memes beispielsweise werden auf Social-Media-Plattformen geteilt, rekontextualisiert und reappropriiert. Hier werden nicht nur die Bedeutungen der einzelnen Bild- und Textbestandteile permanent neu ausgehandelt und rekonfiguriert – auch die hierdurch entstehende, komplexe Landschaft digitaler Bild-Text-Kombinationen verdient eine genauere Erkundung.
Kurzum: Das Spektrum derjenigen literarischen Medien, die die textuelle, paratextuelle und visuelle Ebene miteinander verschränken, ist variantenreich und produktiv – schließlich bietet diese Verschränkung umfassendes narratives Potenzial. Aus diesem Grund will die vom Bielefelder Arbeitskreis ›Bildbasierte Literatur‹ organisierte Tagung das vielgestaltige Feld des Erzählens mit/durch/von Bildern und Paratexten kartieren.
Unter anderem können sich die Vorträge mit folgenden – und noch vielen weiteren – Themen und Fragestellungen auseinandersetzen:
- Wie interagieren Text, Bild, Layout und Paratexte in bildbasierter Literatur? Welche Funktionen übernehmen Cover, Klappentexte, Vorworte, Vorsatzpapiere oder Illustrationen? Welche Rolle spielen sie für die Kanonisierung und Vermarktung?
- Welche Funktionen übernehmen diese Paratexte bei der Bedeutungsproduktion literarischer Werke? Wie verhalten sich Medium und Erzählung zueinander? Welche Rolle spielen fingierte oder faktuale Paratexte?
- Wie lässt sich die Schwellenfunktion des Paratextes erweitern, wenn dessen materielle, haptische und körperbezogene Dimensionen systematisch in die Analyse einbezogen werden?
- Lassen sich diachrone Tendenzen im Einsatz von Paratexten und bildbasierten Erzählformen ausmachen? Wie verändern digitale Medien traditionelle Bild-Text-Verhältnisse? Welche intertextuellen, intermedialen und auch paratextuellen Bezüge prägen (bildbasierte) Memes? Wie lässt sich dies kategorisieren und analysieren?
- Wie beeinflussen digitale Paratexte (z. B. auf Social Media/Booktube) die Rahmung und Rezeption bildliterarischer Werke? Wie verschieben sich Grenzen zwischen Werk und Paratext im digitalen Raum? Welche neuen Formen multimodalen Erzählens entstehen an den Schnittstellen von Literatur, Bild, Paratext und digitalem Medium?
- Welche Erwartungen an den Gegenstand wecken werkexterne Paratexte wie z.B. von Verlagen veröffentlichte Beschreibungen digitaler Bilderbuchformate in den App-Stores oder auch werkinterne Paratexte wie z.B. Menüeinstellungen in Bilderbuch-Apps und in welchem Verhältnis stehen sie zur tatsächlichen Gestaltung der Medien?
- Welche Spannungen entstehen zwischen der ästhetischen Mehrdeutigkeit eines Bilderbuchs und seiner paratextuellen Rahmung? Wie positionieren Paratexte dasBilderbuch im Spannungsfeld zwischen ästhetischem Gegenstand, kulturellem Medium und pädagogischem Instrument?
Die Tagung findet vom 17.02.2027 bis 18.02.2027 online statt. Eine Publikation der Beiträge ist vorgesehen. Fachwissenschaftler:innen und -didaktiker:innen aus den Bereichen Literaturwissenschaft, Kunst- und Bildwissenschaft, Medienwissenschaft, Erziehungswissenschaft aber auch allen weiteren Fachbereichen sind aufgerufen, Beitragsvorschläge einzureichen, die sich mit der Interdependenz von bildbasierten Erzählungen und Paratexten auseinandersetzen. Insbesondere sind auch Wissenschaftler:innen in früheren Karrierestufen herzlich zur Beteiligung eingeladen.
Wir bitten daher um die Einreichung eines Abstracts für einen 20-minütigen Vortrag im Umfang von bis zu 400 Wörtern, in dem Sie Ihren Untersuchungsgegenstand, Fragestellung(en) und den methodischen Zugang Ihres Beitrags sowie einen Ausblick auf erste Ergebnisse skizzieren. Bitte fügen Sie Ihrer Einreichung eine kurze Bionote inklusive etwaiger relevanter Publikationen (max. 200 Wörter) an. Bitte reichen Sie Ihr Abstract bis zum 25.10.2026 per Mail an
Rückfragen beantworten Ihnen gerne Yasmin Götza (
[Quelle: Pressemitteilung]