Lyrik vermag viel. Auf Seiten der Rezipient*innen kann sie Vergnügen bereiten, zur Nachahmung und zu Reflexionsprozessen anregen, ästhetische Wahrnehmung ermöglichen, wenn es hochkommt, ästhetische Erfahrung. Sie kann aber auch, so berichteten mir unzählige Deutschstudierende, abschreckend wirken, wenn diese auf die eigenen Unterrichtserfahrungen der weiterführenden Schulen zurückblicken und sich an Analysen erinnern, die ihnen jegliche Freude an der Gattung nahmen. Dabei beginnt die Begegnung mit Lyrik in den meisten Fällen vermutlich eher positiv, zumal sie – wie Jentgens/Karst mit Verweis auf Hans Magnus Enzensberger u. a. in Bd. 2 der Einführung in die Kinder- und Jugendmedien betonen (in: Kurwinkel/Ritter 2025, 111 ff.) – allgegenwärtig ist: Abzählreime schon für die Jüngsten liegen in allen Sprachen vor, man lernt sie im Elternhaus oder Kindergarten kennen; Fernsehformate wie Die Sendung mit der Maus nehmen Kinderlyrik wie auch Klassiker ins Programm auf oder Lyrik wird verfilmt; bekannte Autor*innen stellen ihre neuesten Gedichte auf ihre Homepages oder posten sie auf Social Media Kanälen; Jugendliche kommen vor allem über Musikrezeption mit Lyrik in Berührung, in Deutschland seit fast 30 Jahren auch über Poetry Slam. Die Liste ließe sich fortsetzen. Vorschläge zur Didaktik von Lyrik für unterschiedliche Altersgruppen liegen in Form zahlreicher Veröffentlichungen vor, weshalb methodische Aspekte nicht den Schwerpunkt dieses Heftes bilden; gleichwohl gehen einige Autor*innen darauf ein. Ziel ist es vielmehr, sowohl einen Einblick in die Geschichte der Lyrik für Kinder, Jugendliche und andere Leute zu geben als auch das aktuelle Geschehen auf dem Markt zu skizzieren. Dieses weite Spektrum möge dazu anregen, ältere Texte ebenso aufzugreifen wie neuere, vielfach noch unbekannte.