Das Festival Hart am Wind, das 2008 erstmals am Staatstheater Oldenburg in der Nachfolge des Norddeutschen Theatertreffens NTT stattfand, reiht sich ein in die Riege der fünf bundesweiten, regionalen Kinder- und Jugendtheaterfestivals. Diese spiegeln im regelmäßigen Rhythmus den Leistungsstand professionell arbeitender Theater, die sowohl in kommunaler als auch in freier Trägerschaft geführt werden, wider. Sie verstehen sich als Arbeitstreffen auf regionaler Ebene, als kulturpolitische Demonstration und in enger Einbeziehung des Zielpublikums. Initiatoren dieser sechs Festivals – Arbeitstreffen der Kinder- und Jugendtheater in Baden-Württemberg, Südwind Bayerisches Theatertreffen für junges Publikum, KUSS Kuck! Schau! Spiel! Hessische Kinder- und Jugendtheaterwoche, Theatertreffen für junges Publikum NRW Westwind, Norddeutsches Theatertreffen für junges Publikum Hart am Wind und Wildwechsel Kinder- und Jugendtheaterfestival im Osten  – sind die regionalen Arbeitsgruppen der ASSITEJ, des Verbandes der Kinder- und Jugendtheater in Deutschland.

Die norddeutsche Szene des Theaters für junges Publikum erweist sich als eine regional äußerst heterogene. Die fünf nördlichen Bundesländer sind in der Arbeitsgemeinschaft Nord zusammengeschlossen. Niedersachsen und Hamburg bilden dabei mit ihren zahlreichen Theatern das Schwergewicht, aus Bremen überzeugen seit Jahren die professionellen Inszenierungen für junges Publikum aus dem Bremer Theater heraus. Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein folgen aufgrund weniger Theater und entsprechender Angebote mit deutlichem Abstand. Konzentrieren sich in Schleswig-Holstein die professionellen Theater auf die Landeshauptstadt Kiel, sucht man in dem Flächenland Mecklenburg-Vorpommern vergeblich nach kontinuierlich geförderten, kommunalen Kinder- und Jugendtheatern. Das Theater Parchim, vom benachbarten Staatstheater Schwerin als Junge Sparte etabliert, bestätigt als Ausnahme diese Regel. Aus diesen beiden Bundesländern lagen wenige Bewerbungen zur Teilnahme an Hart am Wind 2024 vor, und diese überzeugten die auswählende Jury nicht.

Dass in Bremen, Hamburg und Niedersachsen eine vielfältige Theaterszene für junges Publikum existiert, hat in erster Linie mit der aktiven Förderpolitik in den jeweiligen Bundesländern zu tun. Ferner tragen die seit vielen Jahren fest etablierten Jungen Sparten der dortigen Stadt- und Staatstheater und einer Landesbühne zu dieser Angebotsdichte bei. Eine besondere Rolle spielt die Stadt Hildesheim und die dortige Stiftung Universität Hildesheim. Diese verfügt am Institut für Medien, Theater und Populäre Kultur eine in Deutschland einzigartige Professur für die Ästhetik des Kinder- und Jugendtheaters. Aus diesen Studiengängen entstehen immer wieder neue Impulse in Theorie und Praxis für das junge Theater, gründen Absolventinnen und Absolventen neue Theatergruppen und erproben performative Spielweisen auch für das junge Publikum. So lag es auf der Hand, dass Studierende des Fachbereichs 2 der Universität an den konzeptionellen Vorbereitungen von Hart am Wind 2024 beteiligt waren und Studierende die Publikumsgespräche nach den Vorstellungen leiteten.

Zukunft machen lautete das Motto von Hart am Wind 2024. 60 Bewerbungen lagen der intergenerativen Jury aus Expertinnen und Grundschülern zur Begutachtung vor. Elf Inszenierungen (plus zwei aus den veranstaltenden Häusern) wurden eingeladen. So unterschiedlich die Jury besetzt war, so unterschiedlich war das Programm. Die Auswahl bestätigte die These, dass ein zeitaktuelles Kinder- und Jugendtheater in seinen Spielweisen ein äußerst vielfältiges Theater ist. Die Formenvielfalt reichte von Performances bis Autorentheater, von Tanz- bis zum Figurentheater, vom interaktiven Spiel bis zum Forschungstheater. Die Inhalte konzentrierten sich auf Fragen an die Zukunft unserer Gesellschaft: Diversität, Partizipation, Klima, Anti-Rassismus. Zehn der dreizehn Inszenierungen richteten sich – immer unter den Aspekt einer all age Produktion – an ein Kinderpublikum bis 13 Jahren.

Programmatisch für die gesamte Festivalphilosophie kann das Eröffnungsprogramm gesehen werden. In beiden gezeigten Gastspielen aus Hamburg und Bremen standen nicht die Profis auf der Bühne, sondern spielfreudige Kinder und Jugendliche. Unter professioneller Regie und dem Einsatz moderner Bühnentechnik waren die jungen Amateure vom SchauSpielRaum (Junges SchauSpielHaus Hamburg) sowie von dem Junge-Akteur:innen-Ensemble (Junges Theater Bremen) nicht nur Spielerinnen und Spieler, sondern von der Stückentwicklung bis zur szenischen Umsetzung an allen Prozessen beteiligt. Kinder und Jugendliche als Expertinnen ihres Alltags und als eine Generation, die die Zukunft (mit)gestalten wird, werden in diesen partizipativen Theaterformen nicht nur angesprochen, sondern künstlerisch kreativ einbezogen. Dazu passen auch theatrale Forschungsprojekte, z.B. über Familienstreit (Die AZUBIS) oder das interaktive Geräuschetheater ACHTUNG! Bau:Stille (Theater Kormoran).

Die Tendenz ist unübersehbar: Die Kinder- und Jugendtheater in Deutschland stellen sich intensiv der Frage, wie die nachwachsende Generation in das Theater eingebunden, beteiligt und dieses demokratisch mitgestalten kann. „Zugänge schaffen, aber wie?“ ist eine zur Zeit häufig gehörte Fragestellung. Antworten darauf finden die Theater sowohl hinter als auch auf der Bühne. Mit dem Blick der „Jungen Perspektive“ (Augenblick mal! Das Festival des Theaters für Junges Publikum), mit der Einbeziehung von Patenklassen, Kinder- und Jugendjurys sowie den vielseitigen Vermittlungs- und performativen Angeboten, z.B. Queer*Town (Stuttgart), Junge X Bühne (Mannheim) oder Theaterakademie (Dresden) haben sich die Theater weit geöffnet. Das Festival Hart am Wind 2024 erwies sich sowohl von der intendierten Programmatik über das interaktive Rahmenprogramm bis hin zu den künstlerisch vielschichtigen Gastspielen auf der Höhe der Zeit. Mehr „up to date“ geht nicht.

[Henning Fangauf]