Alice and Sparkle von Ammaar Reshi, ein Bilderbuch über ein Mädchen und seine Roboter-Freundin, löste Anfang 2023 eine internationale Berichterstattung aus; das Buch wird zum kulturellen Ereignis. Reshi erstellte Alice and Sparkle mit verschiedenen Tools künstlicher Intelligenz (KI) – an einem Wochenende. Er geht offen mit dem Produktionsprozess um, tweetete darüber. Was folgte, war eine Twitter-Debatte zwischen denen, die es als Demokratisierung der Kreativität zelebrieren, und anderen – auch Illustratorinnen und Illustratoren sowie Autorinnen und Autoren –, die es als Schund und einen Diebstahl von Stil und Arbeit erachten. Heute ist es kein Novum mehr, auf KI-generierte Kinderbücher zu stoßen. Die Bücher erscheinen meist im Eigenverlag und werden insbesondere im Onlineversandhandel zum Kauf angeboten. Sie bestehen aus Texten und/oder Bildern, die entweder vollständig oder mit Hilfe generativer KI-Tools erstellt wurden. Die relevanten Programme hierfür sind u. a. DALL-E und ChatGPT von OpenAI, Nano Banana von Google, Midjourney, Adobe Firefly, Canva Magic Design, aber zunehmend auch Technologien wie BookBildr, Framily oder Magisches Kinderbuch, die spezifisch für die Erstellung von Bilder- und Kinderbüchern entwickelt wurden. Den im deutschsprachigen Raum veröffentlichten Büchern soll im Folgenden nachgegangen werden. Verfolgt wird keine technische Analyse, sondern eine Erkundung der narrativen und ästhetischen Strukturen KI-generierter Kinderbücher (Was und wie erzählen die Werke textlich wie bildlich? Welche Welt wird entworfen, und wer wird als Lesende entworfen? Wer spricht, und wer wird angesprochen?) sowie eine kritisch-konstruktive Einordnung, insbesondere aus literaturdidaktischer Perspektive. Jedoch ist es sachdienlich, die Funktionsweise von Text- und Bildgeneratoren zumindest rudimentär zu verstehen.

Wie funktionieren Text- und Bildgeneratoren?


Künstliche Intelligenz (KI) ist ein umfassender Begriff für Maschinen und Programme, die eigenständig Probleme lösen, lernen und somit menschliches Denken, Handeln und Verhalten automatisieren. Ein spezifischer Teilbereich sind generative Künstliche Intelligenzen: mathematische Wahrscheinlichkeitsmodelle wie die oben genannten, die darauf optimiert sind, menschliche Sprache in Form von Texten zu verarbeiten und zu erzeugen. Sie können nicht nur sprachliche Texte, sondern mittlerweile auch Bilder, Audio, Videos und mehr generieren. Um solche neuen Inhalte jeglicher Art erschaffen zu können, sind sie an riesigen Mengen von Daten aus Büchern, Websites und anderen Dokumenten trainiert worden, in denen sie Muster und Strukturen identifizieren, um aus ihnen wiederum neue Inhalte zu erzeugen. Und diese müssen plausibel sein, indem sie den Erwartungen entsprechen. Sie sollen schlicht verstanden werden. Um solch ‚passende‘, also wahrscheinlich erwartbare Produkte generieren zu können, durchlaufen KI-Programme ein weiteres Training: eine algorithmische Optimierung, sodass nachfolgende Modelle noch kompatiblere Texte und Bilder liefern (vgl. Meyer 2025b, S. 53-59; Thomson et al. 2026, S. 162). Die Produkte ergeben sich somit aus Statistiken und Wahrscheinlichkeitsanalysen. Welche Informationen genau die KI aus den Unmengen an Trainingsdaten nutzt, leitet die menschlich eingegebene Aufforderung an, der sogenannte Prompt. Er funktioniert im Sinne eines Suchauftrages; meist ist er wortbasiert (vgl. Meyer 2025b, S. 55; Thomson et al. 2026). Erneut schriftlich, im Falle von bildgenerierenden KIs auch in Form von Schaltflächen, Reglern oder per Eingabe von Referenzbildern, können Anpassungen vorgenommen werden, um sich dem gewünschten Produkt schrittweise zu nähern.

KI-generierte Bilder- und Kinderbücher auf dem deutschsprachigen Markt

Mithilfe dieser Technik kann jede Person „Geschichten in Minutenschnelle zu einzigartigen Bildbänden mit der Kraft der KI [verwandeln]“; auch die Erstellung von Unterrichtsmaterialien wird angepriesen (Website BookBlder). In einschlägigen Onlineversandhandel finden sich unzählige mutmaßlich mit den oben beschriebenen Plattformen erzeugte Bücher. Populär gewordene Titel[1], ab 2021 erschienen, sind Sammlungen von kurzen Geschichten inklusive Illustrationen wie Weil du ein wundervolles [oder auch wunderbares oder besonderesMädchen bist oder Weil du ein wunderbarer [oder auch großartigerJunge bist, in sich geschlossene, vornehmlich fantastische, oft illustrierte Narrationen wie Josi das Vampirmädchen. Vampiralarm in der Schule oder Leo und die magische Fußball-Akademie: Der größte Zauber liegt in dir!, aber auch Sachbücher wie Klug wie Einstein. Unglaubliche Fakten für Kids oder 101 Dinge, die nur 10-jährige Mädchen [bzw. andersaltrige sowie Jungsdürfen. Als Autorinnen und Autoren werden Namen wie Nina Blume, Tom Weiler, Alicia Richter, Sabine Jahn oder Marvin Klug aufgeführt. Oft werden sie als Pseudonyme gekennzeichnet, ab und an könnten tatsächliche Biographien hinter den Namen stecken. 

Was kennzeichnet die KI-generierten Kinder- und Bilderbücher? 

Der erste Blick auf die materielle Beschaffenheit offenbart eine mindere Druckqualität: Die Bücher sind eher Hefte, die Seiten sehr dünn. Die Schrift ist (auch für Erstleseliteratur) sehr groß, sodass eine Seite mit wenigen Sätzen bereits gefüllt ist. Während das Cover in farbiger Hochglanzoptik daherkommt und vermuten lässt, dass das gesamte Buch in dieser Art gestaltet ist, weichen die innenliegenden Illustrationen hiervon ab. Sie sind schwarz-weiß und meist in einem anderen Stil.

Ebene des Textes: Narrative und sprachliche Merkmale

Die erzählenden Texte verhandeln Alltagssituationen wie das schulische Diktat oder den ersten allein getätigten Einkauf. Auch die Vampir-Geschichte fokussiert klassische Themen kindlicher Lebenswelten wie Freundschaft, das Ankommen in einer neuen Schulumgebung und familiäres Zusammenleben. Die dargestellten Konflikte wirken jedoch konstruiert und werden schnell (und stets zum Guten) aufgelöst; eine Spannung, die über einen kurzen Höhepunkt hinausgeht, entsteht nicht. Die Texte sind dramaturgisch flach konzipiert. So werden gewöhnliche Begebenheiten wie ein Gedichtvortrag in der Schule oder ein fehlgeleiteter Federball künstlich dramatisiert und emotionalisiert: Die kindlichen Protagonistinnen und Protagonisten werden als zitternd, mit pochendem Herzen, weinend und angsterfüllt dargestellt; der ‚Konflikt‘ wird dabei explizit angekündigt (z. B. „Doch dann geschah es!“, „Doch dann ein plötzliches Stocken!“, „Der Raum wurde still.“, Blume 2021). Lediglich die in sich geschlossene, fantastische Geschichte Josi das Vampirmädchen liefert einen anhaltenden Grundkonflikt, narrative Wendungen und wirkliche Anknüpfungspunkte an das Leben der Lesenden. Auch expliziert werden Intentionen, Motive und Gefühle von Figuren: z. B. „versuchte sie, ihre Tochter ein wenig aufzumuntern.“; „so [sic!] als ob ihn nichts aus der Ruhe bringen könnte.“; „Alles wirkte so groß und neu.“, Blume 2021). Die Geschichten sind eindimensional und eindeutig; es fehlt an Ambiguität und Offenheit. Doch die Figuren sind durchaus mit Handlungsmacht ausgestattet. Sie reagieren nicht nur auf äußere Umstände, sondern handeln autonom und bestimmen damit aktiv den Narrationsverlauf.

Hinsichtlich der real-fiktiven Welt der Erzählungen fällt auf, dass eine ‚heile Welt‘ konstruiert wird: Die zu meisternden Situationen der kindlichen Charaktere beschränken sich, wie oben bereits angedeutet, auf alltägliche Herausforderungen, die zu vermeintlichen Katastrophen stilisiert werden. Wirkliche Probleme oder gar existentielle Nöte werden nicht verhandelt. Die dargestellten Kinder leben durchweg in funktionierenden sozialen Kontexten mit verständnisvollen Lehrpersonen, sich sozial erwünscht verhaltenden Klassenkameradinnen und -kameraden, teilenden Geschwistern und unzertrennlichen Freundschaften, mit sich sorgenden und sich kümmernden Müttern, die Kuchen „mit etwas Sahne“ (Blume 2021, S. 48) backen, ihre Kinder „Engel“ oder „Schatz“ nennen, sich zu ihnen setzen und ihnen Haarsträhnen aus dem Gesicht streichen. Ihre Umgebungen sind grüne Gärten und reichhaltig ausgestattete Häuser, „der Weg zur Bäckerei [ist] weder weit noch gefährlich.“ (Blume 2021, S. 37). Kinder, die in alternativen Familienkonzepten oder in prekären Verhältnissen aufwachsen, bekommen keine Stimme. Auch fehlt es an einer konkreten Verortung: Eine spezifische Region, Kultur oder erkennbare Jahreszeit werden nicht beschrieben. Weiterhin charakterisiert die Geschichten ein moralischer Duktus. Die Kinder werden als regelkonform und anstrengungsbereit beschrieben, sozial erwünschtes Verhalten wird expliziert: z. B. „‘[…] Irgendwann wirst du sicher auch mal dankbar dafür sein, dass du in die Schule gehen durftest.‘ Marie lauschte den Worten ihrer Mama und irgendwie konnte sie es jetzt kaum erwarten, dort zu sein.“ (Blume 2012, S. 13 f.); „Normalerweise hörte sie immer aufmerksam zu und passte gut auf.“ (ebd., S. 26). Damit geht einher, dass die einzelnen Geschichten stets erklärend mit einer explizit verbalisierten Botschaft im Sinne einer Moral enden. Die KI-generierten Bücher sind pädagogisch überfrachtet.

Auch das Sachbuch wartet mit simpel konstruierten Texten auf. Die zu erklärenden Themen werden auf lediglich ein bis zwei Seiten verhandelt, die dazugehörigen Phänomene in nur einem Absatz erläutert. „Hast-du-gewusst…“-Merkkästen greifen den Aufbau bekannter Sachbuch-Reihen auf. Nicht nur die Texte sind einfach konstruiert, auch ihr Inhalt ist fachlich äußerst reduziert sowie unzusammenhängend dargestellt. In einigen Fällen werden gar sich widersprechende und falsche Informationen vermittelt. So wird z. B. geraten, sich im Falle eines Gewitters „am besten unter einem hohen Baum in Hockstellung“ (Klug 2024, S. 10) hinzusetzen.

Auffällig ist weiterhin, dass alle vorliegenden Bücher, außer die zusammenhängende Vampir-Geschichte, die Lesenden in einem Vorwort direkt adressieren. Entweder die kindlichen Rezipierenden oder die vorlesenden Eltern werden persönlich angesprochen. Nicht nur im Vorwort, bereits in vielen Titeln zeigt sich dieses Vorgehen – und das mit einer expliziten Geschlechterzuordnung: (Gelesene) Jungs und Mädchen werden separat und jeweils exkludierend adressiert. Ziel der direkten Ansprache sowie der Geschlechtertrennung ist wohl, die Individualität der Rezipierenden hervorzuheben. Programme wie Magisches KinderbuchWonderbly oder Framily reizen den individualisierenden Aspekt aus, indem mit eigenen Fotos und Namen die Hauptcharaktere personalisiert werden können. Weitere Zielsetzungen scheinen zu sein, Mut zu machen, Geborgenheit zu vermitteln, zu empowern. Affirmationen („Denn ohne ein Böse gäbe es auch kein Gut“, Jahn 2022, S. 6) und Coaching-ähnliche Glaubenssätze („Du bist völlig einzigartig“, Blume 2021, S. 4) legen dies nahe.

Die erzählenden Geschichten sind im für fiktionale Erzählungen typischen Präteritum verfasst. Vereinzelte Rechtschreib-, Grammatik- und Kommafehler (insbesondere bei Relativsätzen) finden sich in fast allen Narrationen und auch in den Sachbüchern. Größtenteils sind die Sätze jedoch korrekt und rhythmisch akzeptabel. Jedoch wird man sich keinen Satz merken: Es gibt keine sprachlichen Überraschungen, kein unerwartetes Sprachbild oder -spiel. Die Sprache wirkt durchschnittlich. Es fehlt somit in allen vorliegenden Werken an einer originellen Stimme. 

Ebenen des Bildes und der Text-Bild-Beziehung

Die KI-generierten Illustrationen der Bücher sehen sehr ähnlich aus: Die Figuren haben große Augen, Stupsnasen, Wangenröte, volles Haar und erinnern damit sehr an den Stil der Disney-Produktionen bzw. an das Kindchenschema. Sie wirken eigentümlich makellos, wie poliert, leicht plastisch. Spuren von Material wie Pinselduktus oder Stiftführungen sind daher nicht zu finden. Der plastische, 3D-hafte Stil strebt keine bildliche Vereinfachung an. Vielmehr wirken die Bilder foto-, in einigen Fällen gar hyperrealistisch, indem bestimmte Bildelemente äußerst detailliert dargestellt sind.

 

KI-generatives_Bild.jpeg

Abb.  1: Beispiel einer KI-Illustration (Richter 2025, S. 10, © Clevere Möwe Verlag)

Zugleich wird ein malerischer Stil nachgeahmt. Die Konturen sind oft weichgezeichnet, runde Formen dominieren. Ins Auge springt, dass die meisten Bilder wie lichtdurchflutet wirken. Insbesondere die Figuren auf den Coverbildern scheinen von einer Aura umgeben zu sein, was einen dramatischen Eindruck erweckt. Innerhalb der Bücher taucht immer mal wieder ein bekanntes technisches Problem von generativer KI auf: Figuren werden nicht immer konsistent dargestellt. So wirkt bspw. eine Figur zunächst wie eine Vierjährige. Sie ist klein, gedrungen, trägt offenes schulterlanges Haar. Ein paar Seiten weiter ist jedoch eine eher Siebenjährige dargestellt: hochgewachsen, schlank, zwei Zöpfe, andere Kleidung und einen anderen Schulranzen tragend. Auch der Bildstil ist ein anderer; er wirkt beliebig eingesetzt. In einer anderen Geschichte trägt die Oma zunächst eine Brille, dann nicht mehr (vgl. Blume 2021). Die Wiedererkennung wird erschwert. Darüber hinaus sind gröbere Bildfehler möglich: Die Darstellung einer Brezel bspw. ist nicht gelungen (siehe Abb. 2).

KI-generiertes_Bild.jpeg

Abb.  2: Misslungene Darstellung einer Brezel (Blume 2021, S. 40, © Pisionary Verlag)

Für Aufsehen erregten zuletzt KI-generierte Unterrichtsmaterialien, die im Kohl-Verlag erschienen sind. Deren Zeichnungen sind sogar verstörend, weil abgebildete Figuren sechs Finger haben, ein Kopf körperlos auf der Rutsche liegt oder im Zoo undefinierbare Tiere zu finden sind (siehe Himmelrath 2026). Anatomische Fehler, kuriose Schriftzüge, physikalische Unstimmigkeiten und surreale Details sind bei heutigen Programmen immer noch gängig. Pannen sind auch im Verhältnis zum Text zu verzeichnen. Dinge, von denen auf textlicher Ebene berichtet wird (z. B. ein Kleid mit Pullover), sind in den Illustrationen nicht abgebildet (z. B. stattdessen ein Rock mit weißer Kragenbluse und Pullover). Passen Text und Bild zueinander, sind sie redundant. Sich ergänzende oder gar widersprechende Verhältnisse kommen nicht vor. Der Text beschreibt in der Regel genau das, was das Bild zeigt. Dies verflacht die Erzählungen zusätzlich.

Reflexive Einordnung der Beobachtungen

Dass die KI-generierten Geschichten inhaltlich nicht komplex sind und auf formal-ästhetischer Ebene sowohl hinsichtlich der sprachlichen als auch der bildlichen Gestaltung sehr ähnlich und wenig innovativ sind, ist nicht verwunderlich. Vielmehr ist es folgerichtig, denn Generizität ist Essenz der Arbeitsweise von KI (vgl. Meyer 2025b). Wie oben ausgeführt, generieren Midjourney, ChatGPT etc. Inhalte, die ihren Trainingsdaten semantisch ähnlich sowie hinsichtlich geschmacklicher Vorlieben algorithmisch optimiert sind. Somit können keine Innovationen im eigentlichen Sinne entstehen, sondern lediglich neue Zusammensetzungen von bereits Existierendem; im Falle von KI-generierten Bildern sind das Imitationen von Epochenstilen, von einzelnen Kunstschaffenden oder auch Herstellungsverfahren. Es entstehen allgemein verständliche, eindeutig ‚lesbare‘: generische Inhalte (ebd., S. 52). Die makellos und plastisch wirkenden, wie von Innen heraus leuchtenden Bilder sind somit der ‚Look‘, der am wahrscheinlichsten erkennbar, plausibel und vertraut ist und somit als präferiert eingeschätzt wird (vgl. Meyer 2025a). Der Medien- und Bildwissenschaftler Roland Meyer bezeichnet diese entstehende Ästhetik des Generischen als „Plattformrealismus“ (Meyer 2025b, S. 52). Hiermit gehen verschiedene Konsequenzen einher, die unmittelbare Auswirkung auf die Produkte, hier die Bilder- und Kinderbücher, haben und die als problematisch einzuschätzen sind. Es entstehen zwangsläufig sich gleichende, letztendlich standardisierte Produkte. Dass die vorliegenden Narrationen in allen Fällen eine heile Welt als Ausgangspunkt haben, ein Alltagsproblem zu einer vermeintlichen Katastrophe dramatisieren und im Happy End münden, ist also ihre KI-Natur. Eine inhaltliche wie ästhetische Vielfalt an KI-generierten Bilder- und Kinderbüchern kann sich nicht ohne Weiteres ausbilden. Vielmehr führt das Modeltraining dazu, dass sich dominante Stile ergeben (vgl. Thomson et al. 2026, S. 151). Kinder lesen und sehen dadurch das Immer-Gleiche. Zudem führen das Ziel der Wiedererkennbarkeit sowie die Anpassung an algorithmische Reaktionen dazu, dass Klischees (re-)produziert werden (vgl. Meyer 2025b, S. 61). Der Prozess der Produktgenerierung ist nicht neutral, sondern maßgeblich von sozialen Strukturen bestimmt. Gesellschaftlich vorherrschende Vorurteile gehen einerseits dadurch ein, dass bereits das Trainingsmaterial vor allem aus Dokumenten der westlichen Welt besteht, sodass es von den ästhetischen Mustern eben dieses Kulturkreises geprägt ist. Erzeugnisse nicht-dominanter Kulturen finden nachweislich kaum Eingang (vgl. Thomson et al. 2026, S. 149 ff.). Andererseits treibt die algorithmische Optimierung mittels User-Reaktionen eine Voreingenommenheit voran (‚Algorithm Bias‘: algorithmische Verzerrung), da sie von einem vergleichsweise kleinen und sozialstrukturell homogenen Personenkreis ausgeführt wird, der vornehmlich aus weißen, männlichen, technologieaffinen Angehörigen der europäischen und nordamerikanischen Mittelschicht besteht, wie eine Studie nachweisen konnte (vgl. Buschek & Thorp 2024, zit. nach Meyer 2025a, o. S.). Andere gesellschaftliche Gruppen sind somit in den Datensätzen unterrepräsentiert. Dass die Bilder- und Kinderbücher explizit an Mädchen bzw. Jungs adressiert sind, eine ‚heile‘, bürgerliche Welt und alleinig deren menschliche Erfahrungen porträtieren, äußerst moralisierend und bewahrpädagogisch sind, ist also auf die wenig diversen Datensätze zurückzuführen – das ist schlicht ihre statische Logik. Die Bücher enthalten (und reproduzieren) somit Geschlechterklischees, Stereotype von Kulturen sowie von ‚Kindsein‘. Ergebnis sind ‚traditionelle‘, geradezu rückwärtsgewandte Geschichten (vgl. Meyer 2025a).

Die Erkenntnisse dieses explorativen Zugangs decken sich mit den Studien, die zu experimentell erstellten KI-Erzählungen vorliegen: Auch sie sind strukturell homogen, inhaltlich von Konflikten stimuliert, die unerheblich sind, während tiefgreifende beschönigt bzw. negiert werden, narrative Spannung weicht Versöhnung, Tradition steht über Innovation (vgl. u. a. Rettberg & Wigers 2025).

Literaturdidaktische Perspektiven

Zur Erstellung von Unterrichtsmaterialien bieten KI-Produktionen durchaus Chancen und Potenziale – vorausgesetzt die Qualität hinsichtlich inhaltlicher Richtigkeit sowie nicht-verstörender Darstellungen (siehe Himmelrath 2025) wird überwacht. Sie halten ein demokratisches Potenzial bereit, da Lehrpersonen mit ihnen auch ohne Designkenntnisse künstlerisch tätig werden können, um hochwertiges Material zu erschaffen, das visuell nicht flach sein muss und mit dessen Erstellung sie sowohl Zeit als auch Kosten sparen können. Weiterhin können sie der Binnendifferenzierung im Sinne eines personalisierten Lernens dienen, da individuelles Lernmaterial mit wenig Aufwand erstellt werden kann: Unterlagen, die passgenau auf die Bedarfe, Lernniveaus, Sprachen und Vorlieben jedes einzelnen Lernenden abgestimmt sind. Damit kann ein inklusiveres und effektives Lernumfeld geschaffen werden, wie Studien belegen (vgl. u. a. Ayeni et al. 2024).

Werden Midjourney und Co. von kreativen Partnern zu Kunstschaffenden befördert, könnte man wohl in ähnlicher Weise von einer Demokratisierung auf Ebene der Kunst-Produktion sprechen, da nun dank Technologie jede Person sich und ihren Ideen Ausdruck verleihen kann (siehe auch Altgeld 2025) – wobei es zugleich antidemokratisch ist, dass für das KI-Training urheberrechtlich geschützte Arbeit von Künstlerinnen und Künstler ungefragt und unvergütet gebraucht wird. Doch was heißt das für die Rezeptionsebene: Wie sind die KI-generierten Bücher aus literaturdidaktischer Sicht zu bewerten? Problematisch ist die zwangsläufige Homogenisierung der Produkte, die die künstlerische Vielfalt in Gefahr bringt. Wenn Kinder das Immer-Gleiche rezipieren, ist zumindest fragwürdig, wie Lesemotivation erhalten, ästhetische Erfahrung, Genuss und Befriedigung von Neugierde initiiert werden sollen. ‚Gute‘ poetische Texte sind eben nicht vorhersehbar; sie überraschen und irritieren, stoßen manchmal gar ab. Da auch die sprachlichen Textstrukturen nicht vielgestaltig, sondern am Durchschnitt orientiert sind, tauchen ähnliche Wortwahlen und sprachliche Mittel repetitiv auf. Literarische Sprache hingegen sucht die Abweichung, durchbricht gewohnte Wahrnehmungs- und Denkmuster, beugt orthografische und grammatikalische Normen – macht also genau das Gegenteil von generischer KI-Sprache. Die Potenziale der KI-generierten Texte für sprachliches Lernen im Allgemeinen und für das Hineinwachsen in poetische Sprache im Speziellen sind somit äußerst eingeschränkt.

Es stellt sich die Frage, ob der Anspruch der Bücher einfach nicht sehr hoch ist, ob die KI-Programme die Auffassung reproduzieren, Kinder- und Jugendliteratur sei ästhetisch minderwertig und im Vergleich zur ‚eigentlichen‘ Literatur weniger komplex. Damit lässt die neue Technologie die bereits ad acta gelegte Meinung in der Kinder- und Jugendliteraturforschung aufleben, dass Kinder- und Jugendliteratur „aus sich selbst heraus verständlich sei und keiner literaturwissenschaftlichen Interpretationskunst bedürfe“ (Gansel & Korte 2009, S. 7). Hier zeigt sich ein problematisches Verständnis des Merkmals ‚kindgemäß‘. Wahr ist aber auch, dass dies kein neues Phänomen in Zeiten von KI ist. Der Kinder- und Jugendliteraturmarkt (und damit auch ein Gros der Kinderzimmer) war und ist schon immer von kommerziell ausgerichteten, massenproduzierten Produkten bestimmt, die ‚künstlerisch anspruchsvollen‘ gegenübergestellt werden können – man denke an die sogenannten ‚Kaufhausbilderbücher‘. Die oben festgestellten Merkmale wie Spannungsarmut und bildliches Kindchenschema treffen auf diese genauso zu. Doch Heranwachsende haben auch ‚gute‘, anspruchsvolle Texte verdient. Der Durchschnitt, der nun mal funktionsbedingt das alleinige Ergebnis von KI-Produktionen ist, sollte nicht die Messlatte sein. Solch ein Ansatz traut zum einen jungen Lesenden nichts zu und wertet zum anderen Kinder- und Jugendliteratur per se ab. Damit korrespondiert, dass in den KI-generierten Texten die zweckgerichtete didaktische und erzieherische Funktion klar im Vordergrund steht. Mit Hurrelmann (2004) lässt sich feststellen, dass hier die Pädagogisierung sowohl Ästhetik- als auch Polyvalenzkonvention verdrängen. Die ästhetische Gestaltung, Offenheit und Mehrdeutigkeit treten gegenüber Erziehungs- und Moralbotschaften zurück.

Das Generische, das KI-Texte verfolgt, unterdrückt ein weiteres Potenzial von (Kinder- und Jugend-)Literatur: Alteritätserfahrung. Literatur bietet ihren Rezipierenden einen Raum, in dem sie in fremde Lebensrealitäten – in andere Kulturen, Wertesysteme, Zeiten oder auch sozioökonomische Verhältnisse – eintauchen können. Dies kann dazu führen, andere Perspektiven (auch von Marginalisierten) einzunehmen, sein eigenes Weltbild zu hinterfragen und damit den eigenen Horizont oder gar die eigene Identität zu erweitern. Doch da die verzerrten Trainingsdaten lediglich eine kleine gesellschaftliche Minderheit repräsentieren, können sich derartige Möglichkeitsräume in KI-Texten nicht ausbilden. Auch scheint die Entwicklung zur problemorientierten Kinder- und Jugendliteratur ab den 1970er Jahren keinen Eingang in die Referenzdaten gefunden zu haben – anders lässt sich der durchgehende bewahrpädagogische Ansatz in den Büchern, lediglich unerhebliche Probleme sowie eine ‚heile‘ Kindheit zu verhandeln, nicht erklären. Und das ist insofern alarmierend, als Kinderliteratur – da sie von Erwachsenen produziert, vertrieben und gekauft wird – „in den von der Welt der Erwachsenen gesetzten Zusammenhang, in den sozialen und historischen Wandel von Familie und Kindheit und den damit verbundenen Wandel der Erziehungsvorstellungen und des Bildes vom Kind und von der Kindheit“ (Wild 2008, S. XII) einzubetten ist. In den KI-generierten Werken zeigt sich in dieser Hinsicht ein äußerst rückwärtsgewandtes, reaktionäres Bild von Kind und Kindheit. Meyer beschreibt generell die Ästhetik von KI-Programmen als „strukturell konservativ, ja sogar nostalgisch“ (Meyer 2025b, S. 59). ‚Zeitgemäße‘, emanzipatorische Inhalte und Innovationen gehören also nicht zum gängigen KI-Output. Da verwundert es nicht, dass sich besonders die politische Rechte für KI-Produktionen begeistert (vgl. Meyer 2025a).

Grundsätzlich kann festgestellt werden, dass KI nicht wie Kunstschaffende aus tatsächlichen menschlichen Erfahrungen, aus wahrhaftigen Sehnsüchten, Begierden und Empfindungen, sondern aus dem Algorithmus und damit aus assoziierten, nachgeahmten Erfahrungen schöpft (Thomson et al. 2026, S. 164; Meyer 2025b, S. 56). Nach Heidegger (2015) könnte man zwischen einem tatsächlich künstlerischen ‚Schaffen‘ im Sinne eines schöpferischen Hervorbringens und einem ‚Anfertigen‘ im Sinne eines industriellen Prozesses des Herstellens unterscheiden (was aber auch kein alleiniges KI-Phänomen ist, sondern für andere kommerziell ausgerichtete Werke ebenso gilt). 

Fazit

Derzeitige KI-generierte Bücher werden als gewinnbringende Massenware ohne redaktionelle Bearbeitung und Kontrolle veröffentlicht, was zu Qualitätsproblemen führt. Inhaltliche, orthografische und grammatikalische sowie bildliche Fehler sind in allen untersuchten Werken zu finden. Problematisch ist weiterhin, dass die Funktionsweise der Programme dazu führt, die immergleichen generischen Inhalte sowie Erzählstrukturen zu erzeugen. Das kollidiert mit den Ansprüchen an künstlerischen Artefakte – und reproduziert ‚nebenbei‘ Klischees und Stereotype (vgl. Meyer 2025b). Experimente zeigen aber auch, dass KI in kompetenten Händen durchaus Literaturschaffende im Schreibprozess unterstützen kann; jedoch als funktionales Werkzeug und nicht als Ersatz menschlicher Autorschaft (vgl. Lauer 2026). Nicht zuletzt müssen ethische und (arbeits-)rechtliche Fragen gestellt werden, die hier nur erwähnt werden können: Für die Trainingsdatensätze wird das geistige Eigentum von Kunstschaffenden genutzt, ohne sie zu entlohnen. Das Urheberrecht wird missachtet, ihre Arbeit wird entwertet. Sollten sich KI-Tools in der Kunstproduktion – trotz der derzeitigen evidenten Mängel – als kostensparende Alternative durchsetzen, bedrohen sie die Existenzgrundlage von Illustratorinnen und Illustratoren wie Schreibenden. Fakt ist aber auch, dass technologische Neuerungen das Verständnis von Kunst schon immer wandeln – man denke an den Druck oder die Fotografie und an Walter Benjamins Überlegungen (siehe auch Graf 2023). Welche Transformationen nun KI-Technologie bringen wird, wird die Zukunft zeigen.

Primärliteratur:

  • Blume, Nina: Weil du ein wundervolles Mädchen bist. o. O.: Pisionary Verlag, 2021.
  • Jahn, Sabine: Weil du ein wunderbarer Junge bist. o. O.: Independently published, 2022.
  • Klug, Marvin: Klug wie Einstein - Unglaubliche Fakten für Kids. o. O.: Wendt & Marvs, 2024.
  • Richter, Alicia: Josi das Vampirmädchen. Vampiralarm in der Schule. o. O: Clevere Möve, 2025.

Sekundärliteratur:

  • Altgeld, Jan-Martin: Kunst und KI. (K)ein Widerspruch. https://www.deutschlandfunkkultur.de/ki-kunst-auswirkungen-kreativitaet-100.html (01.06.2026).
  • Ayeni, Oyebola Olusola, Al Hamad, Nancy Mohd, Chisom, Onyebuchi Nneamaka, Osawaru, Blessing und Adewusi, Ololade Elizabeth: AI in education: A review of personalized learning and educational technology. In: GSC Advanced Research and Reviews, 18 (2024), S. 261–271.
  • Gansel, Carsten und Korte, Hermann: Vorbemerkungen. In: Kinder- und Jugendliteratur und Narratologie. Hrsg. Von dems. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2009. S. 7–9.
  • Graf, Stephanie: KI-Kunst: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Produzierbarkeit. https://artcube21.at/kunst-und-gesellschaft/ki-kunst-das-kunstwerk-im-zeitalter-seiner-technischen-produzierbarkeit/?srsltid=AfmBOoqwobObREr41Y4uYRiAijcNHfwXrSe78DATmQ7tMsEbrZzHhJcn (03.05.26).
  • Heidegger, Martin: Holzwege. Frankfurt a. M.: Vittorio Klostermann, 2015.
  • Himmelrath, Armin: Mutmaßlich KI-generiertes Unterrichtsmaterial. Ein Kinderkopf ohne Körper, Aufgaben voller Fehler. https://www.spiegel.de/panorama/bildung/kohl-verlag-verkauft-mutmasslich-ki-generiertes-material-fuer-inklusionsklassen-a-d7cdcd7f-0765-49ac-8b3e-004945d81361 (15.05.2026)
  • Hurrelmann, Bettina: Kinder-u. Jugendliteratur in der literarischen Sozialisation. In: Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur. Band 1: Grundlagen – Gattungen. Hrsg. von Günter Lange. Baltmannsweiler: Schneider, 2005. S. 901–920.
  • Lauer, Gerhard: Der Roman aus der Maschine. In: Der Sprachdienst, 70 (2026) H. 2–-3, S. 120–131.
  • Meyer, Roland: Echte Emotionen. Generative KI und rechte Weltbilder. https://geschichtedergegenwart.ch/echte-emotionen-generative-ki-und-rechte-weltbilder/ (24.05.26).
  • Meyer, Roland: Plattformrealismus. Eine Ästhetik des Generischen. In: Generativität. Begriffe des digitalen Bildes. Hrsg. von Matthias Bruhn und Katharina Weinstock. München; Wien: Open Publishing LMU; Buchschmiede, 2025b. S. 51–62.
  • Rettberg, Jill Walker und Wigers, Hermann: AI-generated Stories Favour Stability over Change: Homogeneity and Cultural Stereotyping in Narratives Generated by GPT-4o-mini [version 1; peer review: 1 approved, 1 appro
  • approved with reservations]. Open Res Europe 2025, 5:202 (https://doi.org/10.12688/openreseurope.20576.1)
  • Thomson, T.J., Bouko, Cathrine, Laba, Nataliia und Wildfeuer, Janina: On Machines, Users, and the Politics of Visual Style in AI-Generated Images. In: Six Critical Lenses on AI-Generated Images. Hrsg. von Catherine Bouko und Nataliia Laba. Boca Raton: CRC Press, 2026. S. 146–171.
  • Wild, Reiner: Vorwort zur ersten Auflage. In: Geschichte der deutschen Kinder- und Jugendliteratur. Hrsg. von dems. Stuttgart: J. B. Metzler, 2008. S. XI–XIII.

[1] Die ausgewählten Werke erhielten mindestens 3-stellige bis über 4000 Bewertungen auf der bekannten Onlineversandplattform.