Titel des Projekts/Title: Jenseits der Gegenwart – Literarische Totenfiguren des Postspektralen und Postsäkularen

VerfasserIn/Author: Stephanie Wollmann (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.)

Sprache/Language: Deutsch

Art des Projekts/Type: Dissertation

Projektlaufzeit/Duration: 2024-

Universität/University: FAU Erlangen-Nürnberg

Keywords: Tod, Postspektralität, Postsäkularität, Prosa, Trauer, Erinnerung, Schuld, Kulturwissenschaften

 

Beschreibung/abstract:

Seit etwa der Jahrtausendwende lässt sich in der Gegenwartsliteratur – sowohl in Texten der Allgemeinliteratur, als auch in Texten der Kinder- und Jugendliteratur – eine Häufung von Totenfiguren beobachten, die nicht in explizit fantastischen, sondern in tendenziell realistisch codierten Erzählwelten auftreten, so etwa in Sibylle Lewitscharoffs Roman Consummatus (2006), Jutta Nymphius’ Ihr geht mir auf den Geist (2025), Monika Marons Zwischenspiel (2013) oder Kirsten Reinhardts Elvis Gursinski und der Grabstein ohne Namen (2022). Die Totenfiguren, die in den Texten auftreten, verfügen über eine Form von Körperlichkeit, ein konsistentes Bewusstsein und vor allem: über Handlungsmacht. Sie werden von den lebenden Figuren recht schnell als integraler Bestandteil der veränderten Wirklichkeit akzeptiert.

Das Auftreten der Toten scheint auf einen veränderten Umgang mit Tod und Transzendenz in der sogenannten postsäkularen Gesellschaft zu reagieren. Jürgen Habermas und andere bezeichnen damit eine plurale Gesellschaft, in der religiöse oder spirituelle Gemeinschaften, Überzeugungen und Hoffnungen in einer fortwährend säkularisierten Umgebung weiterhin bestehen bleiben. So auch in der Literatur, die als ästhetisches Reflexionsmedium betrachtet werden kann, an dem heterogene Sinnangebote erprobt, zugespitzt oder kritisch transformiert werden.

Neben dem Postsäkularen wird auf eine weitere Kategorie zurückgegriffen, nämlich auf die des Postspektralen: Postspektrale Figuren lassen sich insofern zu spektral-hauntologischen Lesarten abgrenzen, indem sie sich gerade nicht bloß als metaphorische Chiffren für Verdrängtes oder Unbearbeitetes auflösen lassen. Die Toten des Textkorpus greifen tatsächlich in das Geschehen ein und agieren damit als handelnde Figuren, nicht als psychologisch zu verstehende Projektionen. Sie sind für ihre Mittlerfiguren konkret erfahrbar und nicht nur symbolisch wirksam.

Vor diesem theoretischen Hintergrund ergeben sich zusammenfassend mehrere Leitfragen:

  1. Welche funktionalen Typen von Totenfiguren lassen sich in den ausgewählten Texten identifizieren?
  2. Welche narrativen Verfahren werden eingesetzt, um das Erscheinen der Toten und ihre Interaktion mit den Lebenden darzustellen?
  3. In welcher Weise ist das Auftreten der Totenfiguren mit postsäkularen Diskursen verknüpft?
  4. Welche epistemischen Effekte gehen von diesen Verfahren aus?

Ziel der Arbeit ist es, auf Basis dieser Fragen eine funktional orientierte Typologie literarischer Totenfiguren zu entwickeln. Dabei lässt sich von drei Großkategorien ausgehen:

  1. Totenfiguren, die im Kontext von Vergangenheitsaufarbeitung und Schuldverhand- lungen auftreten und damit Fragen von Verantwortung und Reue thematisieren;
  2. Totenfiguren, die in akuten Krisensituationen zur Trauerbewältigung auftreten und ihre Medien psychisch, sozial und spirituell unterstützen;
  3. Totenfiguren mit Archiv- oder Gedächtnisfunktion, die individuelle oder kollektive Erinnerung strukturieren, revidieren oder unterlaufen.

 

Biographische Informationen/CV:

Stephanie Wollmann studierte im Master of Education Deutsch und Katholische Religionslehre an der Universität Trier, wo sie außerdem Zertifikate für Deutsch als Fremdsprache und interdisziplinäre Geschlechterstudien erlangte. Nach Stationen an der Fernuniversität Hagen und der Bergischen Universität Wuppertal promoviert sie seit 2024 an der FAU Erlangen-Nürnberg.
In ihrem Dissertationsprojekt beschäftigt sie sich mit Totenfiguren der Gegenwartsliteratur. Weitere Interessen liegen in der Vermittlung von Literaturgeschichte, digitaler Lehre und Gender Studies.

 

Weitere Informationen/Additional information:

Stephanie Wollmanns Internetseite an der Universität Nürnberg-Erlangen