von Tanja Lindauer

New York, die Stadt, die niemals schläft: Das Leben in dieser Metropole hat viele Vorteile – aber auch Nachteile. Herman und Rosie leben gerne in der Stadt, und doch sind sie einsam. Denn Freunde zu finden ist gar nicht so einfach ...

Inhalt

Gordon, Gus: Herman und Rosie. Eine Geschichte über die Freundschaft.                                                                                                A. d. Englischen von Gundula Müller-Wallraff.
Knesebeck, München 2013.
32 S. 14,95 €
ISBN 978-3-86873-596-3

"Schließlich, nach mehreren Monaten Erfahrung, wurde mir klar, dass [New York] eine glänzende Wüste ist – eine gewölbte und vieltürmige Einöde – wo der Fremde unter Millionen seiner Artgenossen EINSAM ist."

Dieses Zitat von Mark Twain hat Gus Gordon zum Anlass genommen, um ein neues Bilderbuch zu veröffentlichen. Die Einsamkeit und Größe der Stadt erfahren auch die Protagonisten Herman Schubert, ein Krokodil, und Rosie Bloom, eine Antilope. Sie leben in New York und haben viel gemeinsam: Beide lieben die Musik, er spielt Oboe und sie ist Jazzsängerin. Die Leidenschaft für Hotdogs und Meeresfilme teilen sie ebenfalls. Man könnte sagen, sie sind Seelenverwandte. Sie wohnen dicht beieinander und doch kennen sie sich nicht.

Sie leben in der Stadt, die niemals schläft. Es wimmelt von Menschen und es herrscht ständig Trubel, doch Freunde zu finden ist nicht einfach.

Herman arbeitet in einem Büro und verkauft "Sachen". Er liebt seinen Job, denn so hat er die Möglichkeit, mit Menschen zu sprechen. Rosie arbeitet als Tellerwäscherin. Sie fiebert jedem Donnerstagabend entgegen, denn da hat sie einen Auftritt im Jazzclub. Dann, eines Abends, hört Herman Rosies Gesang und ist begeistert. Zu Hause greift er, inspiriert von dem Gesang, zu seiner Oboe. Und diese Melodie hört Rosie wiederum in ihrer Wohnung und ist entzückt. Beide haben fortan die Melodie des anderen im Kopf und ihre Wege kreuzen sich auch, aber dennoch treffen sie sich nicht. Doch dann verstummt die Melodie: Herman wird gekündigt und Rosies Jazzclub wird geschlossen, sie ziehen sich zurück, möchten nicht mehr musizieren und trösten sich mit der Jacques-Cousteau-Unterwasserfilmsammlung. Einige Zeit später haben sie genug getrauert und machen sich auf in die Stadt, ihr Ziel: ihr Lieblings-Hotdog-Stand. Auf dem Weg dorthin kreuzen sich abermals ihre Wege und sie nehmen sich erneut nicht wahr. Alleine gehen sie wieder nach Hause. Dann spielt Herman auf seiner Oboe und Rosie folgt der Melodie ...

Kritik

Der Australier Gus Gordon, der schon zahlreiche Kinderbücher veröffentlicht hat und – so ist es auf seiner Webseite zu lesen – "for small people and older people who like small people's books" schreibt und illustriert, erzählt in seinem neuen Werk von Freundschaft, Einsamkeit und der Liebe zur Musik.

Sie ist die treibende Kraft, sie verbindet. Der Jazz schwingt regelrecht – auch aufgrund der Noten auf etlichen Seiten im Buch – auf jeder Seite mit und zieht den Leser tief in die Geschichte hinein. Die einfache und zugleich poetische Sprache harmoniert wunderbar mit dieser Atmosphäre. Sätze wie "Es fühlte sich an wie direkt aus dem Glas genaschter Honig" (o. S.) finden sich auf den liebevoll gestalteten Seiten.

Das quirlige New York wird illustratorisch durch die Verwendung unterschiedlicher Techniken wie Buntstift, Aquarell und Kohle dargestellt. Einige Seiten sind auch mit Collagen versehen, die diesen dynamischen, bewegten und auch teils chaotischen Eindruck noch weiter unterstützen. Hierfür verwendet Gordon neben Fotografien auch Zeitungsausschnitte, Briefmarken oder Stadtpläne. Je nach Stimmung sind die Bilder dabei sehr detailreich und bunt, vor allem, wenn sie eine positive Wirkung auf den Leser haben sollen, denn in New York ist einfach alles möglich. So wird Rosies Auftritt durch die Verwendung von kräftigen Farben positiv konnotiert. Mit nur wenigen Strichen hingegen werden Einsamkeit und Traurigkeit vermittelt. Auch Hermans Kündigung, dargestellt auf alten Kalender- und Kontokorrentblättern, ist trist und mit Farben wurde hier eher sparsam umgegangen, sodass Braun- und Grautöne dominieren. Doch die Bilder vermögen viel mehr, als nur Gefühle zu vermitteln. So ist eine Doppelseite mit einem groben Stadtplan mit den Fußwegen von Rosie und Herman versehen, inklusive Hotdog-Stand, und der Leser fiebert geradezu mit, dass sich die beiden doch nun endlich treffen mögen. Bei solchen Bildern bedarf es im Grunde keiner Worte mehr.

Gus Gordon greift in seinem Buch zudem ein altbekanntes Thema der Literatur auf: die Metropolen. Ein Thema, das vor allem Erwachsene aus ihrer Erfahrungswelt kennen und an das junge Leser altersgerecht herangeführt werden. Seit jeher ist die Stadt in der Literatur mit einer Ambivalenz behaftet und wird als lebensfeindlicher Raum betrachtet, wie es auch Herman und Rosie am eigenen Leib erfahren müssen. In der Literatur dient die Stadt mehrfach als Darstellung der menschlichen Sehnsüchte, zugleich wird sie aber auch als Moloch beschrieben, der die Menschen verschlingt. Sie fungiert als Wunscherfüllung und Gaukelspiel der Phantasie. Kann der Mensch sich in diesem Umfeld assimilieren oder wird er in die Isolation getrieben? Auch die Frage, wie darstellbar die Stadt überhaupt ist, greift der Autor auf und es gelingt ihm, durch die unterschiedliche Gestaltung der einzelnen Seiten die vielen Facetten New Yorks bildlich zu konkretisieren. Menschenmassen, Straßenverkehr, Lärm, Maschinen, aber auch politische Umbrüche prägen oftmals das heutige literarische Stadtbild. Die Folgen eines Lebens in der anonymen Menschenmasse: Vereinsamung und Isolation. Das Chaos der Straßen, die Stadt als sozialer Umschlagplatz von Immigranten, als hektische Abfolge diskontinuierlicher Eindrücke, fehlende Kommunikation und gesellschaftliche Entwurzelung sind Aspekte, die die Metropole als zerstörerische Kraft darstellen. Schon Döblin oder Melville thematisierten die Isolation der Stadt und auch das Motiv des Stadtwandlers, wie man es etwa bei Auster vorfindet, wird bei Gordon aufgegriffen. (S. z.B. Klotz 1969 und Simmel 2006.)  Herman und Rosie jedoch gelingt es, sich dieser zerstörerischen Kraft zu entziehen, sodass Gordon einen positiven Ausgang für sie wählt.

Fazit

Gus Gordons Bilderbuch wurde zu Recht 2014 für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Bilderbuch nominiert. Der Untertitel des Buches Eine Geschichte über die Freundschaft wird diesem Bilderbuch dabei nicht gerecht. Geht es doch nicht nur um die Freundschaft. Einsamkeit, die Liebe zur Musik, Jazz und auch die Darstellung New Yorks greift der Autor gekonnt auf. Ein Kleinod, das nicht nur junge Leser ab fünf Jahren (so der Verlag) begeistern wird!

 

 

Literatur:

Klotz, Volker: Die erzählte Stadt. Ein Sujet als Herausforderung des Romans von Lesage bis Döblin. München 1969; Simmel, Georg: Die Großstädte und das Geistesleben. Berlin, [1903] 2006.

Erstveröffentlichung: 23.06.2015


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