von Yasmina Sayhi

Ein Kind – verschiedene Welten. Ein Zuhause. Die Geschichte von Karlinchen ist fantasievoll und doch so real: Annegert Fuchshuber erzählt die Geschichte eines kleinen Mädchens, das erst vielen verschiedenen Wesen begegnen muss, bis es ein Zuhause findet. So gelingt es durch fantasievolle Welten und Fabelwesen sowohl Kindern als auch Erwachsenen eine Ahnung davon zu geben, wie eine Flucht durch Kinderaugen aussehen könnte. Und obwohl diese Geschichte bereits vor über 20 Jahren entstand, hat sie eine bemerkenswerte Zeitlosigkeit. Dies ist keine Kriegsgeschichte. Sie hält vielmehr jenen einen Spiegel vor, die Flüchtenden begegnen – und bleibt doch bemerkenswert kindgerecht.

Fuchshuber, Annegret: Karlinchen - Ein Kind auf der Flucht.
Berlin, Annette Betz, 2015 (Neuausgabe, Originalausgabe 1995).
32 Seiten, 14,95 €
ISBN 978-3-219-11692-2.
Empfohlen ab 5 Jahren.

Inhalt

Die Geschichte beginnt abrupt, aber man erkennt den Grund für den Titel des Buches bereits auf der ersten Doppelseite. Karlinchen ist der kleine Rotschopf, der mit resigniertem Gesichtsausdruck dem brennenden Dorf dem Rücken zukehrt. Das "Feuer fiel vom Himmel" und vertrieb Karlinchen von ihrer Heimat. Sie hat Hunger, doch "niemand kümmert sich um ein Kind, das allein war und voll Angst". So trüb die Aussichten für Karlinchen sind, sie geht weiter und sucht nach Menschen die ihr helfen. Nach einem neuen Zuhause.

Karlinchen läuft und läuft, bis sie einem alten Ehepaar vor deren Haus begegnet. Sie sonnen sich und sind zufrieden. Bis das Mädchen ihre Bitte vorträgt: Unterschlupf und etwas zu essen? Nein, ein Kind, das bettelt und allein ist, darf es nicht geben. Und ehe sich Karlinchen versieht, läuft es vor der Polizei davon. Tief in einem Wald ernährt sich Karlinchen zunächst von Beeren und schläft im warmen Moos. Doch die Beeren machen sie nicht satt und der Wald ist dunkel und laut.

So beschließt sie weiterzugehen. Dabei trifft Karlinchen auf die Steinbeißer. Große graue Köpfe ragen aus dem Kieselboden. Sie sind friedlich und bieten Karlinchen leckere Steine an. Diese kann Karlinchen jedoch nicht essen und mag sie auch nicht besonders. Dies beleidigt die Steinbeißer. Und so kommt es, dass sie Karlinchen fortschicken. Das Mädchen ist traurig. "Sie mögen mich nicht, weil ich fremd bin und anders als sie" (S. 8).

Und auch der nächste Wald bietet ihr nicht das Heim, das Karlinchen sucht. So freundlich die Seidenschwänze zunächst auch zu ihr sind. Als sie bemerken, dass Karlinchen sich von ihnen unterscheidet, wird sie fortgeschickt. Das Mädchen fühlt sich zurückgewiesen, denn auch die Nebelkrähen am Rande des Waldes verstoßen sie, als Karlinchen sich weigert die tote Maus zu essen. "Sie verstehen mich nicht, weil ich fremd bin und anders als sie", wiederholt Karlinchen, als sie den Wald verlässt.

Auch die Stadt bietet dem Mädchen keinen Schutz. Die großen, dicken Schaffraffer sind zwar herzlich miteinander, verwehren Karlinchen aber jede Zuneigung. Auch das viele Essen, das übrig bleibt, werfen sie lieber weg als es Karlinchen zu geben. Sie ist sich nun sicher: Die Reichen verstehen nicht, was es heißt, Hunger und Durst zu haben. Also beschließt sie, zu den armen Leuten am Rande der Stadt zu gehen. Diese Leute müssen doch wissen, wie sich das anfühlt? Und obwohl Karlinchen mit dieser Annahme richtig liegen mag, stößt sie wiederum auf Ablehnung.

Völlig entmutigt geht das kleine Mädchen fort. Orientierungslos und ohne jede Hoffnung schleppt sich Karlinchen durch den strömenden Regen und gelangt an einen wundersamen Baum, der mit allerlei buntem Gerümpel behangen ist. Daraus schaut ein ebenso bunt gekleideter Mann hervor, der ihr sein Käsebrot anbietet und sie zu sich ins Haus einlädt. Karlinchen ist skeptisch. Doch wie sich herausstellt, steht Karlinchen vor einem "Narren". Und obwohl sie nicht viel über ihn weiß, sieht sie doch, wie freundlich und anders dieser Mensch ist. Für Karlinchen ist nun klar: Auch sie möchte nun ein Narr und damit gut zu anderen sein.

Kritik

Annegert Fuchshuber bildet in ihrer Geschichte auf sehr eindringliche Weise die unterschiedlichen Milieus, Meinungen und Lebensstile ab, die sich innerhalb einer Gesellschaft befinden können. Dabei arbeitet die Autorin vor allem mit zwei scheinbar unterschiedlichen Welten: Den Fabelwesen und der Menschenwelt.

In der Welt der Fabelwesen begegnet Karlinchen zunächst den Steinbeißern und Seidenschwänzen, die nur solange nett zu ihr sind, bis sie ihr Essen verschmäht oder sich optisch von ihnen unterscheidet. Zu guter Letzt finden auch die Krähen einen Grund Karlinchen fortzuschicken. Als sich herausstellt, dass sie nicht fliegen kann, weigern sie sich, sie zu beherbergen. Andere Nahrungsgewohnheiten, anderes Aussehen und das Fehlen von geforderten Fähigkeiten. Die oberflächliche Begegnung von Menschen aus anderen Kulturen ist ein Problem, mit dem sich auch viele Flüchtlinge konfrontiert sehen. Da Nahrungsmittel auch in der westlichen Welt oft zu Kulturgütern erklärt werden, ist dieser Teil der Geschichte also nicht nur rein fiktiv.

Die Menschen in Fuchshubers Geschichte gehen bei ihrer Ablehnung gegenüber Karlinchen anders vor: Sie sehen nur sich selbst. Ihnen ist nicht wichtig, wie Karlinchen aussieht oder welche Fähigkeiten sie besitzt. Was sie isst oder nicht isst. Aus dem einfachen Grund, weil es ihnen egal ist. Ein kleines Kind, das ohne Eltern umherirrt und so zerlumpt aussieht wie Karlinchen, sollte es schlicht und ergreifend nicht geben. Dabei begegnet Karlinchen Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen. Sie begegnet sowohl der reichen Oberschicht, die ihre üppigen Körper in dicke Pelzmäntel zwängt, als auch den ärmsten unter den Armen, die ihre Häuser auf den Müllbergen außerhalb der Stadt bauen mussten. Beide Gruppen behaupten von sich, nicht genug übrig zu haben, um Karlinchen zu beherbergen. Und jeder scheint seine Gründe zu haben. Dazu gehört auch das alte Ehepaar zu Beginn der Geschichte, das sich außerhalb der städtischen Klassengesellschaft befindet.

Erst der Narr zum Ende der Geschichte beweist, dass es auch anders sein kann. Er haust in einem Baum, weit weg von den Fabelwesen und Menschen. Und doch wirkt seine Erscheinung wie ein Hybrid aus beiden Welten (Menschengesicht und blaues Kostüm). Dies soll möglicherweise ein Hinweis darauf sein, dass einem in beiden Welten Gutes begegnen kann. Zwischen den Ästen befinden sich Gegenstände, die Karlinchen bereits auf ihrer Reise begegnet sind: zum Beispiel die Hühner der Bauern oder die Straßenlampe aus der Welt der Schaffraffer. Auch sie geben einen Hinweis darauf, dass die Welten an dieser Stelle miteinander verschmelzen und verleihen der Geschichte einen durchaus hoffnungsvollen Ausgang.

Die Rolle des Narrs ist die des Befreiers. Er ist der Held der Geschichte. Karlinchen kennt diese Bezeichnung zwar nicht, aber es scheint etwas Gutes zu sein. Was sie nicht weiß, ist, dass Selbstlosigkeit in vielen Gesellschaften als Schwäche angesehen wird. Wie kann ein Mensch ohne jede Gegenleistung so aufopferungsvoll sein?

Die Geschichte von Karlinchen ist vor allem eine über die Suche nach Heimat, Geborgenheit und Zugehörigkeit. Ein Wunsch, den jeder Mensch in der einen oder anderen Situation hat. Doch vor allem für Flüchtlinge bedeutet Heimat alles. Karlinchen hat durch den Brand zu Beginn der Geschichte scheinbar alles verloren. Sie trägt keine Schuhe und über ihrem rosa Kleid liegt eine viel zu große Jacke. Das rosa Kleid steht vermutlich für die Unschuld des Kindes. Die Verspieltheit, die von einem Kind für Gewöhnlich ausgeht, wird von der zu großen braunen Erwachsenenjacke fast gänzlich verdeckt.

Karlinchen feuerroten Haare sind zerzaust. Fuchshuber wählt bei der Illustration ihrer Geschichte satte Farben und starke Hell-Dunkel-Kontraste. Die Landschaften, in denen sich Karlinchen bewegt, sind sehr detailreich. Tiere und Pflanzen werden sehr realistisch dargestellt. Das zeigt sich auch durch die recht kantige Zeichnung der Gesichter von Menschen.

Die Darstellung der Welt, aus der Karlinchen wegen des Feuers und der Polizei geflüchtet ist, zeichnet sich vor allem durch die Verwendung einer breiten Farbpalette und Komplementärkontrasten aus. Bei Betreten des Waldes verändert sich die farbliche Darstellung. So verwendet Fuchshuber bei Karlinchens Umherirren vor allem dunkle Erdtöne. Bei Begegnung mit den Steinbeißern und Krähen hüllt sich die Umgebung in kühles Blau, das vermutlich für den kalten Empfang der Fabelwesen stehen soll. Karlinchen bildet mit ihren feuerroten Haaren und dem rosa Kleid einen starken Kontrast. Die Rottöne der Haare und des Schals lassen sie zwischen den kühlen Fabelwesen warm und menschlich wirken.

Mit der Überwindung des Waldes und seiner Fabelwesen endet auch der Farbfilter und Karlinchen geht in der bunten Farbwelt förmlich unter. Als Karlinchen wieder in die Menschenwelt zurückkehrt, schließt sich also zu guter Letzt auch der Kreis der farblichen Darstellung.

Fazit

Die Geschichte von Karlinchen gibt keinen genauen Hinweis auf konkrete Nationalitäten, Konflikte oder Fluchtorte. Die Tatsache, dass Karlinchen helle Haut und rote Haare hat, damit also nicht die klassisch-exotische Flüchtlingsrolle einnimmt, hat möglicherweise mit der Entstehungszeit der Geschichte zu tun. Im Jahr 1993 kamen vermehrt Flüchtlinge aus Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa nach Deutschland, wozu möglicherweise eine Verbindung hergestellt werden soll. Mit der Neuausgabe im Jahr 2015 kommt jedoch eine neue Perspektive hinzu, nämlich die des Perspektivwechsels. Erstmals entspricht die Protagonistin, zumindest in einigen Punkten, dem Phänotyp der in Deutschland lebenden Bevölkerung. 

Über die Altersempfehlung von fünf Jahren gibt es sicherlich gespaltene Meinungen. Einerseits lehrt Karlinchen den Leser, sich trotz Ablehnung nie entmutigen zu lassen und wird durch die Begegnung mit dem Narren am Ende belohnt. Andererseits durchläuft sie einen regelrechten Leidensweg auf ihrer Suche nach einem Zuhause. Möglicherweise könnten Kinder im vorgeschlagenen Alter nicht mit dieser Form der (beinahe) schmerzhaften Ablehnung zurechtkommen – zumal Karlinchens Glück am Ende nicht weiter ausgeführt wird. Ein Kompromiss wäre an dieser Stelle der Dialog mit den Erziehungsberechtigten, um die Ablehnung gegenüber Karlinchen ein wenig abzuschwächen.

Alles in allem ist dieses Buch jedoch ein wertvoller Beitrag für den Diskurs rund um Flucht und die Suche nach einem neuen Heim. Eltern, die ihren Kindern helfen wollen, Empathie für jene aufzubauen, die neu in diesem Land oder noch auf der Suche sind, können mit diesem Buch eine gute Grundlage schaffen. Wieso flüchten Menschen? Wonach suchen sie und wer hilft ihnen? All dies sind Fragen, die inzwischen die Jüngsten der Gesellschaft beschäftigen. In diesem Buch bekommen sie zumindest ein paar Antworten darauf.

Erstveröffentlichung: 22.10.2016


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