Stefan, im Juni 2026 wird es in der MEWA-Arena in Mainz mit „Laola-Lesen“ einen weiteren Weltrekordversuch geben. Was genau ist darunter zu verstehen?

So wie in meinen vorherigen Lese-Weltrekorden möchte ich auf originelle Weise aufzeigen, wie spannend und wie überraschend Literatur sein kann. Im Stadion des Fußballvereins Mainz 05 wird es so sein, dass Tausende von Kindern eine Laolawelle bilden werden – wie man das von sportlichen Veranstaltungen so kennt. Bloß, dass diejenigen Kinder, die sich in Bewegung befinden, gleichzeitig einen Text von mir vorlesen werden, der ihnen auf der Großleinwand gezeigt wird.

Welchen Text hast Du dafür ausgesucht? Bestimmt geht es darin um Fußball, nicht wahr?

Oh, das ist der Moment, in dem ich zugeben muss, dass ich so gar kein Fußballfan bin. Und darum geht es mir auch nicht. Für mich sind zwei Dinge in der Geschichte wichtig: Zum einen, dass sie in der MEWA-Arena spielt, denn dadurch entsteht für die Kinder der Eindruck, dass sie Teil der Handlung sind und sich gerade mitten in der Erzählung befinden. Und zum anderen braucht der Text eben einen gereimten, rhythmischen Anteil an der Stelle, an der sich die Kinder in die Formation der Laola hineinlesen. Die Basis der eigens geschriebenen Geschichte wird eine neue Buchreihe von mir sein: „Soulwings“ (Loewe Verlag). die Veröffentlichung des ersten Bandes ist für genau einen Tag nach dem Weltrekord geplant.

Wer stellt denn eigentlich fest, ob ein Weltrekord erfolgreich war?

Für die offizielle, weltweite Anerkennung eines gelungenen Rekordversuches braucht es eingetragene und anerkannte Rekord-Institute. Das bekannteste der Welt ist natürlich Guinness-World-Records ©. Wir arbeiten seit Jahren sehr begeistert und sehr erfolgreich mit dem Rekordinstitut für Deutschland © (RID) zusammen, das seinen Sitz in Hamburg hat. Und zu jedem unserer Weltrekordversuche kam ein Juror oder eine Jurorin vom RID angereist, um vor Ort selbst den Versuch zu dokumentieren und den Erfolg zu bestätigen. Ich glaube, dort sitzen selbst einige begeisterte Leseratten.

Wie viele Kinder nehmen teil? Und: Wo kommen die eigentlich alle her?

In diesem Jahr gestalten wir den Weltrekordversuch gemeinsam mit dem SWR und dem Fußballverein Mainz 05. Beide erhoffen sich eine Mindestbesucherzahl von 5.000 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen – es dürfen sehr gern auch viel mehr sein. Die Organisation im Vorfeld leiste ich nicht selbst. Das wäre wohl kaum zu schaffen. Bei allen fünf bisherigen Weltrekorden hat dies die Leserattenservice GmbH übernommen. Mit Eva Pfitzner, der Inhaberin der Leserattenservice GmbH, plane und gestalte ich die Weltrekord-Ideen gemeinsam nach den Wünschen und den Vorstellungen derer, die uns einladen. Wir sind dabei super eingespielt. Während ich für das Bühnenprogramm verantwortlich bin, übernimmt sie mit ihrem Team die gesamte Organisation, vom Anschreiben der Schulen über die Pressearbeit bis hin zur Planung, welche Schule mit welchen ihrer Klassen auf welchen Rängen und Sitzen Platz nehmen wird. Da sind sehr viel Know-How, Geduld und Fingerspitzengefühl gefragt. Doch Eva Pfitzner und ihr Team sind genau die Richtigen dafür – was ja der Erfolg beweist: Bisher haben wir ja alle fünf Lese-Weltrekorde geschafft.

Wir veranstalten unsere Rekordversuche normalerweise in Schulwochen. Auf diese Weise haben Schulen die Möglichkeit, mit ganzen Klassen und Jahrgangsstufen teilzunehmen. Denn die Kollegien, die bisher dabei waren, nehmen unsere Aktionen als Ergänzung zu ihren eigenen Leseförder-Projekten wahr.

Mindestens also 5.000 Kinder. Wie hält man solch eine Menge an Kindern im Zaum?

Der riesige Vorteil ist, dass allen Kindern bewusst ist, dass sie Weltrekordler werden können und sie wissen natürlich auch im Vorfeld, was sie dafür leisten müssen. Eva Pfitzner und ihr Team verschicken schon Wochen vor dem großen Tag ausführliche Informationen, aber auch eine Menge Übungsmaterial, womit sich die angemeldeten Klassen auf den Rekord einstellen und ihren Beitrag einstudieren können. Ähnlich wie das Training zu einem Sport-Event üben sich die Kinder im Vortragen, und im Textverständnis. Dadurch sind alle hoch motiviert für den eigentlichen Weltrekordversuch. Meine Aufgabe ist es, die Erwartungen und die Fähigkeiten der Kids zu bündeln.

Von der Publikumsgröße über den Einsatz von Rutschautos bis zur schnellsten Lesereise: Du hast schon ganz verschiedene Rekorde geschafft. Worum geht es Dir im Kern bei diesen Rekorden?

Es geht mir und uns darum, Lesemuffeln aufzuzeigen, dass sie etwas verpassen, wenn sie die Welt der Bücher bisher noch nicht entdeckt haben. Und zudem wollen wir lesebegeisterte Kinder in ihrer Leidenschaft bestärken. Man darf nicht unterschätzen, wie groß die Sogwirkung ist, wenn sich eine solch riesige Menschenmasse mit dem Medium Buch und der Technik des Lesens befasst. Dadurch bilden die Rekordversuche eine ganz besondere Form der Leseförderung. Denn die Kids können durch’s Lesen Weltrekordler werden. Das ist hoch motivierend. Sie sind dann bereit, zu üben und sich einzusetzen. Und es wird ja auch einiges von ihnen verlangt. Im Juni zum Beispiel müssen sie ihren Einsatz erkennen, in der Bewegung den Text erfassen, laut vorlesen und sich gleichzeitig in den Rhythmus der Welle einfinden. So etwas lässt sich im Vorfeld nicht als Gesamtheit trainieren. Diese Leistung muss vor Ort erbracht werden. Ich bin selbst sehr gespannt, wie gut das wohl funktioniert.

 

V.l.n.r.-PEN-Mitglied Stefan Gemmel, PEN-Generalsekretaer Michael Landgraf, der Darmstädter Oberbürgermeister Hanno-Benz u. RID-Rekordrichterin Laura Kuckenbecker, Foto: PEN.

 

2025 hatte der Weltrekord eine politische Komponente: Worum ging es da genau?

Der Lese-Weltrekord 2025 stand ganz im Zeichen der Demokratie-Stärkung. Denn in diesem Fall hatte uns das Deutschen P.E.N-Zentrum eingeladen, einen Weltrekord zum Thema „Freiheit des Wortes“ zu gestalten. Der zugehörige Lese-Weltrekord trug den Titel „Die meisten Nationalitäten in einer Lesung“. Wir hatten also Kinder aus über 70 Nationalitäten vor Ort und mir war es wichtig, alle willkommen zu heißen. Über die Großleinwand hinter mir konnte ich alle Flaggen, Schriften und verschiedene Begriffe aus allen Sprachen der anwesenden Kinder zeigen und vorlesen lassen. Zudem gab es ein kleines Experiment: Wir haben versucht, Sprache einzufangen. Die Kinder sollten mir Worte zurufen und ich habe versucht, sie mit meinen Händen zu greifen. Das gelang natürlich nicht. Es zeigte sich also, dass es nicht die Worte selbst sind, die gefangen und ihrer Freiheit beraubt werden können. Nach diesem Experiment konnte ich eine Überleitung schaffen zum Thema „Entzug der Freiheit von Menschen, die Sprachen gebrauchen, die verboten sind“. Es zeigte sich also, dass nicht Worte eingesperrt werden können, dass aber auf der ganzen Welt immer wieder Menschen inhaftiert oder verfolgt werden, die in einer Sprache sprechen, schreiben, singen oder unterrichten, die einer Obrigkeit nicht gefällt.

Meine Zuhörerschaft in Darmstadt war daran äußerst interessiert. Es herrschte eine Ruhe und eine Aufmerksamkeit, die man beinahe greifen konnte. Das bedeutet: Über das Thema Lesen konnten wir nicht nur ein besonderes Massenerlebnis zaubern und Weltrekordler werden, sondern es ist auch möglich, Inhalte zu verbreiten, mit denen wir viele Menschen berühren können.

Was war für Dich bisher der eindrucksvollste Moment bei den Lese-Weltrekorden?

Oh, das ist schwierig zu sagen, denn jeder Rekord hat ja seinen eigenen Reiz und seine eigenen Herausforderungen. Ich denke, es ist wie bei meinen Lesungen: In mir hüpft mein Vorleser-Herz immer vor Freude, wenn ich merke, dass diejenigen Kinder, die eigentlich keine echte Lust auf die Veranstaltung hatten, sich plötzlich einbringen und sich doch mitreißen lassen. Da ist es mir egal, ob das unter Tausenden von Kindern in einer Arena geschieht oder mit zwanzig bis dreißig Kindern in einer Schulklasse.

Danke für das Interview und viel Erfolg beim Weltrekordversuch 2026!