Inhalt
Nachdem Tom Holland in seinen ersten drei Spider-Man-Auftritten Homecoming (2017), Far From Home (2019) und No Way Home (2021) Peter Parker als High-School-Teenager ins Marvel Cinematic Universe integrieren durfte, ist er in Brand New Day erwachsen geworden – und zugleich sehr allein: Seit den Ereignissen von No Way Home und dem tragischen Tod seiner Tante May (Marisa Tomei) haben selbst seine große Liebe Mary Jane (Zendaya) und sein bester Freund Ned (Jacob Batalon) dank eines Zauberspruchs von Doctor Strange vergessen, wer Peter Parker ist. Damit ist das zuvor massiv instabil gewordene Spider-Man-Multiversum vorerst wieder im Lot und Peter kann sich ganz auf Dasein als allseits beliebter Verbrechensbekämpfer konzentrieren. Dass das kein Dauerzustand sein kann, ist klar: die mysteriöse Telepatin Jane Grey (Sadie Sink, Max Mayfield aus „Stranger Things“) ergreift zeitweise Besitz von Menschen und anderen Mutanten, um im „Department of Damage Control“ (DDC) an geheime Informationen über ihre verschwundene Schwester zu gelangen. Das DDC räumt den Kollateralschäden der mittlerweile allzu häufigen Superheld*innenkämpfe hinterher, widmet sich aber auch der Umerziehung allzu renitenter Exemplare.
Passenderweise hinterlässt Grey bei ihren Aktionen selbst eine Schneise der Verwüstung. Während Peter noch mit der unkontrollierten Evolution seiner Spinnensinne zu kämpfen hat, versucht er Jane Grey aufzuhalten – nur um festzustellen, dass beide einander ähnlicher sind als gedacht.
Kritik
Man merkt bereits der Inhaltsbeschreibung das scheinbare Paradox des Marvel Cinematic Universe an: Eigentlich können sich nur noch Aficionados halbwegs in der Masse an Filmen, Comics und Figuren(versionen) orientieren, und doch sind die mittlerweile 38 (!!!) Filme so populär, dass Brand New Day bereits sechs Tage nach Kinostart die Milliarden-Dollar-Schallmauer an den internationalen Kinokassen durchbrochen hat.
Das hat viel damit zu tun, dass die Superheld*innengeschichten sich auf einen einfachen Kern in der Tradition der Held*innenreise herunterbrechen lassen. Auch in Brand New Day kämpft der Titelheld nicht nur gegen eine lediglich anfänglich böse erscheinende Antagonistin, sondern auch mit den unliebsamen körperlichen und sozialen Nebenwirkungen seiner Fähigkeiten. Gegenspieler entpuppen sich als treue Gefährten, scheinbare Verbündete als zwielichtige Gestalten mit eigener Agenda. Das ist schlicht perfektes Popcorn-Kino mit umwerfenden Visual und Sound Effects, mit clever eingesetzter 3D-Technologie mit einem an Spinnen-Lianen durch Hochhausschluchten schwingenden Titelhelden, funktionierenden Spannungskurven und handwerklich versierten Schauspieler*innen, denen man die Identifikation mit dem (lukrativen) Franchise anmerkt.
Fazit
Brand New Day lohnt definitiv den Ausflug ins nächste mit Popcorn und Nachos bestückte Multiplex-Kino, bevorzugt in Begleitung mehrerer superheldenaffiner Kinder. Selbst wenn man als abgebrühter erwachsener Cineast so manche Plot-Volte fünf Hochhäuser weit heranschwingen sieht, selbst wenn man im Dschungel der Marvel-Referenzen bisweilen den Überblick über das Plot-Konvolut verlieren mag, kann man sich dann am Kinovergnügen der Dreikäsehochs ergötzen, die einander nach besonders spannenden Verfolgungsjagden auch mal abklatschen.
Exkurs zum Spider-Man-Franchise
Dieser Franchise hat seine ganz eigene Geschichte, die für sich genommen hochgradig faszinierend ist: Nach einer ersten Trilogie zwischen 1977 und 1981 mit Nicholas Hammond in der Titelrolle verschwand Spider-Man lange in einer Art doppelten Hölle: in der development hell von Marvel Comics, die sich in den 1980er und 1990er Jahren abmühten, eine Kinofassung zu produzieren, und in der legal hell eines ausufernden Rechtsstreits zwischen Marvel und Sony Pictures, die verbissen um die Filmrechte stritten.
Tobey Maguire spielte schließlich in drei Filmen zwischen 2002 und 2007 unter der Regie vom Sam Raimi, bevor Marc Webb 2012 und 2014 einen Reboot mit Andrew Garfield in der Hauptrolle unternahm, der finanziell aber nicht die Erwartungen erfüllte. Die jahrelangen Rechtsstreitigkeiten zwischen Sony und Marvel mündeten schließlich in einer Rechteteilung, die überhaupt erst eine nachhaltige Integration der Figur des Spider-Man ins das Marvel Cinematic Universe ermöglichten – und damit den Weg für Tom Holland bereitete.
Parallel dazu versuchte Sony zum einen, Franchise rund um einige Nebenfiguren aus dem Spider-Man-Kosmos wie Venom, Madame Web oder Morbius zu etablieren. Zum anderen stellt Into the Spider-Verse (2018) den Startschuss für das Animated Spider-Verse mit der Figur des Miles Morales als Spider-Man.
Wer seinen Arthouse-Cineasten-Hut auch im Superheldenkino aufbehalten möchte, dem seien wärmstens Into the Spider-Verse (2018) und Across the Spider-Verse (2023) empfohlen, die wahrlich diversitätssensible Geschichten aus dem Spider-Man-Multiversum erzählen und dabei explizit mit verschiedenen Animationsstilen experimentieren.
(Die vertrackte Beziehung zwischen Sony und Marvel lässt sich hier nachhören: https://www.npr.org/2023/06/07/1180778283/spider-man-sony-marvel-dispute)
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