Inhalt
Sara Crewe (Liesel Matthews) ist ein wohlhabendes etwa 10-jähriges Mädchen, das in Indien als Halbwaise aufgewachsen ist. Als ihr englischer Vater Captain Crewe (Liam Cunningham) in den Ersten Weltkrieg ziehen muss, bringt er seine Tochter in Miss Minchins (Eleanor Bron) Mädchenpensionat in New York unter. Sara hängt sehr an ihrem Vater und der Abschied fällt ihr schwer. Dank ihrer empathischen Art und ihrer Gabe zum Geschichten erzählen findet sie jedoch bald Freundinnen und ist bei den meisten ihrer Kameradinnen beliebt. Zudem hat Sara durch die Stellung ihres Vaters auf materieller Ebene alles, was sie braucht und gehört zu den besonders begünstigten Schülerinnen des Pensionats. Das ändert sich, als Miss Minchin die Nachricht bekommt, dass Saras Vater im Krieg gefallen ist. Sara wird lieblos in eine zugige, feuchte Dachkammer umquartiert und zum Arbeiten als Dienstmädchen verurteilt. Das Mädchen versucht, die Hoffnung nicht zu verlieren, und die Freundschaft zu der kleinen Becky (Vanessa Chester), die ebenfalls als Dienstmagd im Pensionat tätig ist, hilft ihr dabei. Sara bemüht sich, ihren neuen tristen und kräftezehrenden Alltag durch ihre Fantasie erträglich zu machen, und vergisst nie, was ihr Vater ihr einmal gesagt hat: dass sie immer seine kleine Prinzessin sein wird…
Kritik
Liesel Matthews ist blond und blauäugig und entspricht damit äußerlich nicht der Beschreibung Sara Crewes in der Buchvorlage: "Ihr Haar war schwer und pechschwarz und an den Spitzen gewellt; sie hatte große, wundervolle graugrüne Augen mit langen schwarzen Wimpern"[1]. Ein bisschen erinnert Matthews, verstärkt durch die Korkenzieherlocken, an Shirley Temple, die Sara in der filmischen Adaption des Stoffes von 1939[2] spielte. Dies ist nicht die einzige Parallele zwischen der 1939er- und der 1995er-Adaption: So wurde in beiden Filmen die Handlung zu Gunsten eines märchenhaften Happy Ends verändert, sodass es zu einer Wiedervereinigung von Sara mit ihrem totgeglaubten Vater kommt, welcher im kinderliterarischen Prätext tatsächlich stirbt. In beiden Filmadaptionen ist es der Kriegsdienst, der den Vater zwingt, sich von seiner Tochter zu trennen. Bei Hodgson Burnett, deren Roman bereits vor dem Ersten Weltkrieg erschien, sind es die gesellschaftlichen Konventionen, die zur Unterbringung im Pensionat führen.
Abb. 1: Saras Ankunft im Mädchenpensionat. Screenshot aus LITTLE PRINCESS (1995). Verleih: Warner Bros.
Eine weitere Abweichung der Adaption von 1995 gegenüber der Buchvorlage ist der Ort, an dem sich das Pensionat Miss Minchins befindet: New York statt London. Saras Puppe Emily ist im Film ein Überraschungsgeschenk von ihrem Vater, wohingegen es im Buch Sara ist, die eine genaue Vorstellung von Emily hat und sie mit ihrem Vater zusammen in Spielwarengeschäften sucht und findet. Auch die Idee, dass Puppen lebendig werden, wenn sie alleine sind, kommt im Film vom Vater und im Buch von Sara selbst. Vielleicht soll durch diese Abänderungen der Vater gleich zu Beginn als besonders einfallsreich und liebenswert charakterisiert werden. Eine Ergänzung der Filmadaption von 1995 ist die Romanze von Miss Amelia (Rusty Schwimmer), der Schwester Miss Minchins, mit dem Milchmann (Time Winters). Dieser Nebenstrang lockert die vorrangig dramatische Haupthandlung um Sara auf und sorgt für Komik.
Die instrumentale und teilweise von Chören begleitete Filmmusik von Patrick Doyle spielt eine tragende Rolle im Film: Sie transportiert und verstärkt die bei den Zuschauenden ausgelösten Emotionen, sorgt für mehr Dramatik, Rührung und gegebenenfalls Tränen. Die Musik unterstreicht außerdem die unterschiedlichen Atmosphären an den verschiedenen Schauplätzen: Indien, Pensionat, Krieg. Als Leitmotiv zieht sich dabei das an Sara (und ihren Vater) gebundene "Kindle my Heart"-Thema durch.
Die Farbgebung der verschiedenen Orte unterstützt das jeweilige Ambiente, das geschaffen wird. Miss Minchins Pensionat sowie die Schuluniformen der Schülerinnen werden von gedeckten Grüntönen dominiert. In Indien hingegen sind helle und bunte Farben vorherrschendend, besonders Orange und Gold. Dies trifft sowohl auf die Szenen zu Beginn des Filmes zu, die in Indien spielen, als auch auf jene, die die von Sara erzählten fantastischen Geschichten zeigen, welche aus dem Ramayana, einem alten indischen Heldenepos, stammen. Wenn Sara und Becky im letzten Drittel des Filmes in einem völlig veränderten Turmzimmer aufwachen, dann ist dieses indisch angehaucht und die freundlichen Farben halten Einzug in die trostlose Dachkammer. In dieser bestimmen zuvor Braun- und Grautöne die Farbgebung, ebenso wie in den Schützengräben, in denen man Captain Crewe im Krieg sieht. Die unterschiedlichen Farben stehen also in ihrer Symbolik für Tristesse und Trauer (Braun- und Grautöne) oder Hoffnung und Fröhlichkeit (Orange- und Goldtöne).
Abb. 2: Sara und Emily im Turmzimmer. Screenshot aus LITTLE PRINCESS (1995). Verleih: Warner Bros.
Die Kamera zeigt viele Close-Ups von Saras Gesicht, manchmal wird auch nur eine einzelne Träne gezeigt, die ihre Wange hinunterrollt. Die Aufmerksamkeit der Zuschauenden wird so auf den jeweiligen Gesichtsausdruck von Sara gelenkt, was emotionsverstärkend wirkt und zu einem erhöhten Identifikationspotenzial führt. Nicht nur von Sara werden Nahaufnahmen gezeigt, sondern auch von den anderen Mädchen. So zum Beispiel in einer Szene, in der Sara eine Geschichte erzählt und ihre kleinen Zuhörerinnen ihr an den Lippen hängen. Die Ramayana-Geschichten, während derer die Zuschauenden weiterhin Saras Erzählstimme aus dem Off hören, heben sich in ihrer farbenfrohen und fantastisch-stilisierten Art von der Haupthandlung um Sara ab. Die Macht der Fantasie wird so verbildlicht und filmisch unterstrichen. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass Rama, der göttliche Held, von Liam Cunningham gespielt wird, der auch Saras Vater darstellt. Die so entstehende Überhöhung des Vaters verdeutlicht, dass die surrealen Szenen direkt aus Saras Imagination stammen.
Schon zu Beginn des Filmes bekommt Sara von ihrem indischen Kindermädchen gesagt, dass alle Mädchen und Frauen Prinzessinnen seien und ihr Vater bekräftigt dies. Die Worte prägen Sara und werden zu ihrem Leitspruch. Mit dem Prinzessinnen-Sein soll der Wert der Einzelnen hervorgehoben werden. Jede ist etwas Besonderes, alle sind gleich viel wert – egal welcher Ethnie sie angehören, welcher Herkunft sie entstammen oder was für eine gesellschaftliche Stellung sie innehaben. So interpretiert Sara das Prinzessinnen-Sein und in diesem Sinne handelt und fühlt sie auch, sie sieht zum Beispiel keinen Unterschied zwischen Becky und sich selbst. Diese Menschlichkeit Saras trägt sehr dazu bei, dass sie eine sympathische Heldin ist, mit der man mitfiebert und die zudem eine Vorbildfunktion erfüllt, was Toleranz, Empathie und Mitmenschlichkeit angeht.
In Little Princess lassen sich mehrere Märchenmotive wiederfinden: Ähnlich wie im Aschenputtel-Stoff wird Sara nach dem Tod ihres Vaters zur Dienstmagd degradiert und zum Arbeiten verurteilt. Das Turmzimmer Saras gleicht dem von Cinderella (1950) in der Disney-Adaption des Märchens. Eine weitere Parallele zwischen Little Princess und Cinderella ist, dass die Protagonistin im letzten Akt jeweils in ihr Zimmer eingesperrt wird, einmal von Miss Minchin, einmal von der bösen Stiefmutter. Das Happy End orientiert sich ebenfalls an einer märchenhaften Narration, verstärkt wird dieser Eindruck durch die unwahrscheinliche Gegebenheit, dass Captain Crewe sich direkt im Nachbarhaus befindet und im entscheidenden Moment seine Erinnerungen wiederfindet. Teil des Happy Ends ist auch, dass nicht nur Sara erlöst wird, sondern auch ihre Freundin Becky ein Zuhause findet.
Abb. 3: Sara und Becky im veränderten Turmzimmer. Screenshot aus LITTLE PRINCESS (1995). Verleih: Warner Bros.
Fazit
Empfohlen sei dieser Film allen, die ein Happy End lieben. Wer eine werkgetreuere Adaption des Kinderbuchklassikers erwartet, könnte ergänzend Gefallen finden an der japanischen 46-teiligen-Anime-Adaption von 1985 oder der britischen Miniserien-Adaption von London Weekend Television aus dem Jahre 1987[3]. Little Princess ist trotz düsterer Passagen von der FSK ohne Altersbeschränkung freigegeben. Der Film dürfte mit einer Dauer von gut 90 Minuten für die Aufmerksamkeitsspanne von Vorschulkindern zu lang und zu wenig episodisch angelegt sein. Empfohlen sei er ab einem Alter von 8 Jahren, wenn das Kind der Dauer und der Komplexität des Filmes gewachsen ist und sich alterstechnisch langsam der Protagonistin annähert. Auch Jugendliche und Erwachsene werden sich von der emotionalen Reise, auf der sie Sara begleiten, in den Bann ziehen lassen. Der Film eignet sich hervorragend für einen Familienfilmabend.
[1] Hodgson Burnett, Frances (1905): Sara, die kleine Prinzessin. München: dtv junior 1990. S.12.
[2] Die kleine Prinzessin (Spielfilm, R: Walter Lang, USA 1939).
[3] Die kleine Prinzessin Sara (Anime, R: Fumio Kurogawa, Japan 1985); Sara, die kleine Prinzessin (Miniserie, R: Carol Wiseman, GB/USA 1987).
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