Inhalt
Die Erzählung beginnt mit der jungen Protagonistin Alva, die lediglich mit ihrem Pferd Captain und den Pflanzen in ihrem Garten zusammenlebt. Alva und die Pflanzen sind freundschaftlich verbunden und können miteinander kommunizieren. Als sowohl Menschen als auch Pflanzen von einer mysteriösen Krankheit befallen werden, kommt der Verdacht auf, dass die Pflanzen die Ursache der tödlichen Krankheit seien. Der Ortsvorsteher Atlas äußert sich wie folgt dazu:
» […] Diese Krankheit ist von einem Ort gekommen, an dem schlimme Übel herrschen. Sie kommt aus der Wildnis.« Er sprach das Wort Wildnis aus, als ob er es kaum ertragen könne, es überhaupt in den Mund zu nehmen. Seine Lippen verzogen sich angewidert. (S. 42)
Entsprechend ordnet er die Vernichtung allen pflanzlichen Lebens an, was Alva zutiefst schockiert, da sie alle Pflanzen als ihre Freunde und Vertrauten sieht. Um die Auslöschung ihrer vegetabilen Freunde zu verhindern, stellt Alva – unterstützt durch die Aufzeichnungen ihrer verstorbenen Mutter und zwei weiteren Kindern aus dem Dorf – Nachforschungen an, die sie erstmals aus ihrem vertrauten Umfeld reißen und unausweichlich mit anderen Menschen konfrontieren. Auf ihrer Reise freunden sich die drei Kinder an und Alva lernt, dass sie sich nicht nur auf ihre pflanzlichen, sondern auch auf menschliche Individuen verlassen kann. Das Trio entdeckt schließlich, dass der profitgierige Ortsvorsteher Atlas durch den Abbau der Materialien für seine Tintenherstellung den Fluss und damit die Natur und die Menschen vergiftet. In einem spannungsgeladenen Showdown können sie ein Heilmittel herstellen und Atlas nicht nur öffentlichkeitswirksam stürzen, sondern auch die Krankheit besiegen.
Kritik
Die Geschichte handelt von der Entwicklung der jungen Protagonistin Alva, die sich – anders als die anderen Menschen – mit Pflanzen unterhalten kann. Seit dem Tod ihrer Mutter hat sie sich von den Menschen zurückgezogen und zunehmend auf ihre vegetabilen Freunde und ihr Pferd konzentriert: „[S]eit Ma tot war, lebte sie […] alleine und ganz auf sich gestellt. Sie kümmerte sich um den Garten, und der Garten kümmerte sich um sie. Alva fand, dass sie niemanden anderen brauchte.“ (S. 6) Hieran zeigt sich die einzigartige Verbindung, die Alva zur Natur hat. Sie sieht die Pflanzen als companion species (Donna Haraway) und somit als Freunde und Vertraute, die menschliche soziale Kontakte ersetzen können. Die Pflanzen füllen diese Rolle aus, indem sie Alva beispielsweise bestärken: Kluges Mädchen, sagte der Efeu“ (S. 62). Außerdem bezeichnen sie Alva als „[a]lte Freundin“ (S. 181) und warnen sie vor Bedrohungen: „Duck dich, warnte die Wasserminze“ (S. 47). Die Aussagen der Pflanzen werden im Roman typografisch durch Kursivierung hervorgehoben, verfügen nicht über Anführungszeichen und werden so grafisch von den menschlichen Sprechakten abgegrenzt. Diese Mensch-Pflanzen-Differenzierung ist besonders in einem Werk, das sich der Annäherung der Menschen an die Pflanzen annimmt, bemerkenswert. Durch diese typografische Differenzierungsentscheidung wird somit indirekt wieder eine Mensch-Pflanzen-Grenze etabliert, was der inhaltlich im Roman angelegten Annäherung auf formaler Ebene entgegensteht.
Teilweise wirkt es so, als ob die Pflanzenaussagen lediglich die innere Stimme von Alva widerspiegeln. Da die Pflanzen jedoch über Vorgänge Bescheid wissen, die die Protagonistin nicht kennt, kann dies negiert werden. Ein Beispiel hierfür ist folgender Textauszug: „Da kommt jemand, sagte der Efeu an der Wand. Dunkle Jacke, dunkle Pferde. Die Straße entlang. Über die große Brücke.“ (S. 39) Die Pflanzen fungieren im Werk somit als eigenständige Figuren mit individuellem Erkenntnishorizont. Dies zeigt sich auch in ihrer aktiven Unterstützung Alvas: Bei der Herstellung einer Heilsalbe für ihr verletztes Pferd treten die Pflanzen nicht lediglich als passive Ressourcen auf, sondern beraten Alva und bringen jeweils eigenes Wissen ein: „Schlechte Blätter, grummelte das Moos unter den Apfelbäumen. Sie sind gut genug!, widersprach der Beinwell. Was du jetzt brauchst, ist etwas Kiefer, flüsterte der Beifuß. Kiefernsaft und Harz und Teer!, rief der Garten im Chor.“ (S. 8) Die Pflanzen werden so als handlungs- und wissensfähige Akteur*innen inszeniert, deren unterschiedlichen Perspektiven relevant sind. Darüber hinaus werden sie durch gattungsspezifische Eigenschaften und Verhaltensweisen charakterisiert: „Der Efeu war weise, der Beinwell loyal. Und der Beifuß ... Na ja. Der Beifuß erzählte ihr immer genau das, was sie nicht hören wollte, selbst dann nicht, wenn sie wusste, dass er eigentlich recht hatte.“ (S. 23) Zwar werden sie durch die Erhebung auf den Figurenstatus individualisiert, doch scheinen sich alle Individuen einer Gattung denselben Charakter (und teilweise auch Wissensstand) zu teilen. Eine Individualisierung auf Ebene der einzelnen Pflanzen findet demnach nicht statt: Efeu bleibt beispielsweise immer Efeu mit demselben Charakter. Lediglich die Pflanzen, die weiter von Alvas Heimat entfernt leben, machen den Anschein, Alva auch weniger zu kennen.
Die besondere Verbindung zu den Pflanzen gerät jedoch in Gefahr, als durch die angedrohte Rodung durch den Ortsvorsteher auch Alvas Refugium bedroht ist:
»Wenn wir alles, was aus der Wildnis kommt, aus dem Dorf entfernen, werden wir länger und gesünder leben, und wir werden verhindern können, dass diese Krankheit auch uns befällt! […] Wir müssen unsere Gärten und Felder von Pflanzen befreien, die Bäume fällen und unsere Wälder roden. […]« (S. 43)
Die vegetative Natur wird hier zum Sündenbock für die Bedrohung der menschlichen Gemeinschaft erklärt und soll entsprechend ausgerottet werden. Indem im Buch diese Ausgrenzungs- und Vernichtungslogik kritisch inszeniert wird, bezieht es zugleich eine politische Position, die sich gegen Speziesismus und die Abwertung nichtmenschlichen Lebens richtet. Alva muss aktiv werden, denn: „Er meinte offensichtlich sämtliche Pflanzen: Er meinte sie alle. Er meinte ihren Garten […].“ (S. 43) Alva ist klar: „Ohne die Pflanzen würde sie keine Nahrung und kein Heilmittel haben […]. Und keine Freunde“ (S. 27).
Bei der Aufklärung des Ursprungs der Krankheit lernt sie durch die Begegnung mit den Kindern Idris und Ariana widerstrebend, dass Menschen nicht per se bedrohlich sind. Zunächst wehrt Alva sich vehement gegen deren Unterstützung: „Ich bin [sie] bald wieder los.“ (S. 72). Doch die beiden Kinder erweisen sich als beharrlich, sie sind „die reinsten Kletten!“ (S. 95). Indem die Kinder metaphorisch mit Pflanzen gleichgesetzt werden, wird die Mensch-Pflanzen-Grenze auch auf sprachlicher Ebene durchlässig. Im Verlauf ihrer gemeinsamen Abenteuer entwickelt sich aus dieser Widerständigkeit eine wechselseitige Verlässlichkeit, die Alvas Misanthropie allmählich auflöst. Die menschliche Freundschaft ergänzt ihre Beziehung zu den Pflanzen, ersetzt diese jedoch nicht: „Ihre Stimmen [die der Pflanzen; C. L.] würden niemals ganz verstummen, selbst wenn Alva ab jetzt auch noch andere Freunde hatte, mit denen sie sich unterhalten konnte.“ (S. 307) Die Kommunikation mit Pflanzen bleibt gegenüber ihren menschlichen Freunden ein Geheimnis, doch Alva universalisiert ihre Perspektive dahingehend, dass: „die gesamte Welt mit einem [spricht], wenn man nur zuhörte.“ (S. 307).
Fazit
Alva und das Rätsel der flüsternden Pflanzen dekonstruiert anthropozentrische Denkweisen systematisch, indem Pflanzen nicht nur schmückendes Beiwerk sind, sondern einen aktiven Einfluss auf den Handlungsverlauf haben. Sie werden als Akteure mit eigenständigem Erkenntnishorizont und Interessenrepräsentation konzipiert. Ökokritisch vertieft wird diese Perspektivverschiebung durch eine exemplarische ökologische Krise: Die Vergiftung eines Flusses und damit auch von Mensch und Natur durch profitgieriges Handeln. In diesem Konflikt nehmen die pflanzlichen Akteure eine ambivalente Rolle ein, da sie sowohl Opfer der Krise als auch integraler Bestandteil ihrer Überwindung sind (Pflanzen fungieren als Heilmittel gegen die durch Vergiftung ausgelöste tödliche Krankheit). Der Roman schließt mit einer indirekten Leser*innenadressierung: „Und die Pflanzen werden flüstern, mit allem Menschen, die ihnen zuhören.“ (S. 313) und inspiriert damit zum ökologischen Denken.
Neben diesem ökokritischen Pflanzenfokus adressiert der Roman auch Themen, die in dieser Intensität für die intendierte Zielgruppe ungewöhnlich früh erscheinen: Tod, ökonomische Ausbeutung, Krankheitsnarrative und existenzielle Angst. Die Diskrepanz zwischen der inhaltlichen Komplexität und Schwere sowie der verlegerischen Altersempfehlung von 10 Jahren lässt Raum für divergente Rezeptionsweisen: Für manche Leser*innen mag sie herausfordernd sein, für andere bildet sie Änlasse zur Reflexion und Resilienzentwicklung. Ich halte das Buch erst ab einem Lesealter von 12-14 Jahren für geeignet.
- Name: Townsend, Yarrow