Inhalt

Im Nachwort von Uwe-Michael Gutzschhahn verweist dieser auf seine frühe Kindheitsbegegnung mit dem Buch Mein Urgroßvater und ich (1959) von James Krüss, seine wiederholten Fahrten auf die Insel Helgoland und die dabei bereits im frühen Alter erfahrenen Anstöße für das eigene Schreiben und Dichten, was ihn schließlich zu dem vorliegenden Gedichtband angeregt hat.

James Krüss liebte es in Reimen, Wortverdrehungen und vielfältigen Anspielungen auf humorvolle Art und Weise mit Sprache zu spielen. Auf ihre jeweils ganz eigene Weise greifen die hier versammelten und abschließend mit ihrer Biografie kurz vorgestellten Autorinnen und Autoren den Impuls des Dichters auf, stellen vielfältige Bezüge zu dessen Werk her, nehmen die Insel Helgoland mit der Nordsee, den Wellen und dem Strand in den Blick und lassen die charakteristische Tierwelt mit Seehunden, Möwen, Basstölpeln, Lummen und Hummern lebendig werden.

 

 Kritik

Schon auf den ersten Blick sind viele typische Merkmale von der Insel Helgoland untergebracht worden, deren "auf der Kippe" stehender schiefer Leuchtturm uns bereits auf dem Cover begegnet – zusammen mit dem dunkelblauen Meer und dem nächtlichen Himmel. Im Weiteren werden auch selbst die Wolken fantasievoll in die "Reimereien" einbezogen. In der Art eines kurzen Einstiegs werden zu Beginn zwei kurze Auszüge aus Gedichten des geehrten Dichters persönlich aufgenommen, begleitet auf grafischer Ebene von verstreuten Tintenklecksen des im Mittelpunkt stehenden Zauberers Kori, Kora, Korinthe, der für den vorliegenden Band Manfred Schlüter zu dem Gedicht über die Birnenfrau Halli, Hallo, Helene angeregt hat. An das Bilderbuch Henriette Bimmelbahn (1958) von James Krüss erinnert das in 12 Versen verfasste Gedicht Lieselotte Hafenfähre von Lena Raubaum, in das auch der Dichter selbst einbezogen wird:  

Lieber James hast du schon wieder

deinen Ausstieg heut verpasst

weil du wieder in dein Büchlein

ein Gedicht geschrieben hast?! (S. 15)

Anlass, den spielerischen Wortverdrehungen intensiver nachzugehen, geben das Gedicht Flugaus, das auch wiederum den Namen des Dichters einbezieht: "… und ein paar witzige Dichtege/ von Krames Jüss gelesen" (S. 10). Unter dem genannten Titel bedarf es schon eines kurzen Innehaltens bis sich der Inhalt erschließen lässt – dies trifft z. B. zu auf die erste Mitteilung: "… mit dem Ratamakan/ von Burgham nach Lelgohand gefahr’n" (ebd.). Weitere Begebenheiten mit besonderen Bauten bzw. landschaftlichen Merkmalen der Insel werden häufig eingestreut: "Ich sah im Reich der Hummerklippen/ den Leuchtturm oft im Schlummer wippen" (Manfred Schlüter, S. 30) oder "Anna Lange/ gar nicht bange/ klettert auf die/ lange Anna" (Michael Augustin, S. 31). Ebenso gibt es unter den hier versammelten Gedichten zahlreiche, die sich mit der vielfältigen Tierwelt auf der Insel beschäftigen, wie z. B. Käpt’n Krabbe und seine Crew von Lena Raubaum (S. 39). Es rücken sogar Miesmuscheln bei Uwe-Michael Gutzschhahn in den Blick und (gleich mehrfach) die Möwe:  "Es war einmal ein Möwenkind/ Das zählte alle Sachen…" (Mona Harry, S.52) oder sogar der Wal – "war ein wal vor helgoland/kam so angeschwommen …" (Arne Rautenberg, S. 58) bzw. der Basstölpel-Song von Uwe-Michael Gutzschhahn (S. 22) und das Loblied für die feuchten Freunde – als da u.a. wären Tintenfisch, Seestern oder Auster bei Manfred Schlüter.

Unwahrscheinliche Begebenheiten (kombiniert mit Wortverdrehungen) kommen als "verkehrte Welt" daher und regen zum Schmunzeln an wie "Am siebzehnten Oktebruar/ Passier’n verrückte Dinge" (Mona Harry, S. 16) oder "ein bisschen unwahrscheinlich/ ist ein wolkenloser regenhimmel/ das stille glockengebimmel" (Nils Mohl, S. 13) ebenso wie "Wenn früh am Tag der Rollmops bellt/ ein Möwenei vom Himmel fällt" (Michael Augustin, S. 38).

Eine andere von James Krüss häufig bediente Kleinform ist das ABC-Gedicht. Es darf auch in dem vorliegenden Band nicht fehlen. So verwendet es Alfred Schlüter, der allerdings nur die Buchstaben A, B, C ausdrücklich zu Wort kommen lässt (S. 26) sowie als sehr kurzweiliges und die Buchstaben insgesamt durchdeklinierendes Tier-ABC von Gutzschhahn. In der Verknüpfung mit geografischem Kenntniserwerb kommt das ABC-Gedicht beim Globusdrehen von Lena Raubaum daher, das jeweils drei Buchstabenfolgen, die hier in lautlicher Umschreibung auftreten, zusammenbringt: "Ge, Ha, I/ wo ist denn Tahiti" (S. 59) oder "Emm, Enn, O/ schau, der Fluss heißt Po" (ebd.). Auch Anregungen zum Nachdenken (etwa über die Zeit) werden in einzelnen Gedichten gegeben; so in den Versen von der besonderen Uhr der U(h)rgroßmutter: "Die Uhr weiß Antwort, wenn es heißt/ Wie lange dauert bald? / Wann geht denn diese Zukunft los? / Wann ist man jung, wann alt?" (Lena Raubaum, S. 24).

Letztlich wird eine Metaebene berührt, wenn es um das Schreiben bzw. Dichten selbst geht, und es sind Texte entstanden, die diese Tätigkeit unmittelbar ansprechen wie Nächtliche Geräusche im Schreibzimmer von Nils Mohl oder "Ich habe ein Gedicht im Strandgut gefunden/ […]" (Mona Harry, S. 8) bzw. die Verse zu dem sich in ein Gedicht befindlichen Mann, der einfach aus dem Text herausspringt und davonschwimmt (Manfred Schlüter, S. 9).

Die Landschaft der Insel Helgoland und ihre vielfältige Tierwelt wird von Henrike Wilson in kräftigen Wasserfarben wunderbar anschaulich und stimmungsvoll in Szene gesetzt, so dass ein maritimes Flair das ganze Werk durchzieht. Da füllt ein in hellen Blautönen gehaltener Hintergrund schon einmal eine ganze Doppelseite aus, taucht einer der Bewohner von Meer und Insel am unteren oder oberen Buchrand auf bzw. wird er in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Gedicht eingepasst. Vielfach verleiten die Illustrationen zum Schmunzeln; seien es die Pudelmütze tragende Möwe oder Robbe, der Fritten knabbernde Seehund oder die zusammen mit Inselbewohnern ein Konzert gebenden lustigen Stadtmusikanten in dem Gedicht von Michael Augustin.

Ein informatives Nachwort von Uwe-Michael Gutzschhahn, kurze Angaben zu den Autorinnen und Autoren und der Illustratorin sowie ein übersichtliches Inhaltsverzeichnis runden den Band ab. 

 

Fazit

Der aus dem Lyrikertreffen heraus entstandene Gedichtband knüpft erfolgreich an das Werk des hier geehrten Dichters James Krüss an und führt es mit neuen gereimten Texten in die Gegenwart hinein. Es gibt humorvolle Wortspielereien, Reime, die zum Schmunzeln einladenund Rhythmen, die zum Mitsprechen und darüber hinaus zum Selbstdichten anregen. Dabei kann die angegebene Altersangabe des Verlags ab 5 Jahren durchaus variabel gehalten werden. So eignen sich gerade die ABC-Gedichte gut dazu, im sprachlichen Anfangsunterricht der Grundschule eingesetzt zu werden. An dem humorvollen Spiel mit Sprache dürften Leserinnen und Leser darüber hinaus bis ins Erwachsenenalter hinein ihre Freude haben und so manches Gedicht lädt zum vertieften Nachdenken ein.

 

Literatur

Krüss, James: Mein Urgroßvater und ich. Hamburg 1986 (Original 1959): Oetinger Verlag

Krüss, James: Henriette Bimmelbahn. Köln 2019 (Original 1958): Boje Verlag

Titel: Gedi, Geda, Gedichte. Reimlichkeiten für Klein und Groß
Autor/-in:
  • Name: Uwe-Michael Gutzschhahn
  • Name: Michael Augustin
  • Name: Mona Harry
  • Name: Nils Mohl
  • Name: Lena Raubaum
  • Name: Arne Rautenberg
  • Name: Manfred Schlüter
Illustrator/-in:
  • Name: Henrike Wilson
Erscheinungsort: Zürich
Erscheinungsjahr: 2026
Verlag: Atrium
ISBN-13: 978-3-85535-229-6
Seitenzahl: 80
Preis: 16,00 €
Altersempfehlung Redaktion: 5 Jahre
Cover Gedi, Geda, Gedichte