Die Preisträgerin
Jutta Richter, geboren 1955 in Burgsteinfurt / Westfalen, ist eine deutsche Autorin und Lyrikerin, die zu den bedeutendsten Stimmen der Kinder- und Jugendliteratur zählt. Aufgewachsen im Ruhrgebiet und im Sauerland, verbrachte sie als Austauschschülerin ein Jahr in Detroit, wo sie mit dem Schreiben ihres ersten Buches begann. Sie studierte Theologie, Germanistik und Publizistik in Münster und lebt seit 1978 als freie Autorin im Münsterland sowie zeitweise in Italien. Ihre Werke, die oft poetisch, zugleich aber realistisch und märchenhaft geprägt sind, wurden in über 30 Sprachen übersetzt. Neben Romanen verfasst sie Gedichte, Hörspiele, Theaterstücke und Lieder.
Zu Jutta Richters Auszeichnungen zählen u. a. der Deutsche Jugendliteraturpreis, der Katholische Kinder- und Jugendbuchpreis und der Große Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Internationale Anerkennung erhielt sie außerdem durch den italienischen Premio Andersen und eine Nominierung für den Astrid Lindgren Memorial Award.

Das ausgezeichnete Buch

Jutta Richter: Rabenkonzert. Gedichte für kleine und große Menschen
Mit Illustrationen von Julie Völk.
Berlin: Insel 2025. 109 Seiten. 16 Euro.
ISBN 978-3-458-64545-0

In diesen 73 dahinsprühenden Gedichten hat sich ein kinderlyrisches Lebenswerk angesammelt. Zutiefst menschlich, tierlieb, lebensgetränkt. Es gibt viel zu entdecken, etwa das Traumel, das die Träume bunt macht, den Räuber Kitzelkalt oder den Brennnesselengel – und apropos Engel: „Ein Engel hat immer für dich Zeit,/ das ist der Engel der Langsamkeit.“ Wie Tröstlich! Und Trost ist nötig, denn Jutta Richters Verse gehen auch mal dahin, wo es weh tut: gestorbene Hunde, die verschwundenen Schwalben, Kriegserfahrungen, das Tränental des Vermissens. Auch die Wut bleibt nicht aus: „Heute bin ich wild und böse./ Bin ein Wolf im grauen Fell/ bin ein Drache, bin ein Löwe/ und ich beiße und ich bell“. Diese Gedichte sind keine lyrischen Schnellschüsse, sie sind gut durchgearbeitet und legen nicht selten eine vielstrophige Ausdauer an den Tag. Kein Wort ist zu viel. Welch Witz in der Knappheit liegen kann, zeigt dieser charmante Abzählreim: „Die Frau/ die Maus/ die Waschmaschine/ aus.“

Die blauen, strichbasierten Zeichnungen von Julie Völk erzählen eine ganz eigene Geschichte. Sie sind als feines Schienenwerk angelegt, das die Doppelseiten unaufdringlich umspielt. Eine starke Idee! So wird die große (Lebens-)Reise evoziert, auf die wir uns mit Jutta Richters Gedichten begeben. Wir spüren, dass ein großes Herz in diesen Gedichten pocht. Jede Menge Leben steigt vor uns auf, es ist zum Lachen, ist zum Weinen, zum Wundern – allemal ist es zum Spielen … eine Gedichtsammlung, die satt macht!

Empfehlungsliste

Heinz Janisch: Ich freue mich furchtbar sehr
Illustriert von Linda Wolfsgruber.
Wien: Jungbrunnen 2025. 96 Seiten. 17 Euro.
ISBN: 978-3-7026-6006-2

In unfreundlichen Zeiten, so steht es als Motto in Heinz Janischs Gedichtband, brauche es freundliche Gedichte. Genau das ist es auch, was die Lyrik in diesem Buch so bemerkenswert macht: jener freundliche, geradezu zärtliche Blick auf Menschen und Dinge, auf das Leben und die Poesie – und auf das Kleine und noch Kleinere, zum Beispiel die Hosentasche, die einzelne Schneeflocke und Gottes Hörgerät. Auch Sinneseindrücken begegnet Janisch mit liebevoller Präzision, man kann seine Gedichte hören, schmecken und sogar riechen, letzteres etwa mit der geliehenen Nase einer Kuh. Die Lyrik in diesem Band ist überdies von einem großen Formenreichtum geprägt, der in den Zeichnungen, Drucken und Collagen der Illustratorin Linda Wolfsgruber eine brillante künstlerische Entsprechung findet.

Lena Raubaum: Schlich ein Puma in den Tag
Illustriert von Verena Pavoni.
Mannheim: kunstanstifter 2025. 144 Seiten. 28 Euro.
ISBN 978-3-948743-50-5

Als Sgraffito von Verena Pavoni ins Bild gesetzt, kommt uns Raubaums Puma wie in einer wissenden Verneigung vor Rilkes Panther auf dem Cover entgegen. Gemeinsam mit der Wortkünstlerin folgen wir schematisch dem Entstehungsprozess eines Tiergedichts Wort für Wort, Zeile für Zeile, Wiederholung für Wiederholung. Sinnenreiche Wortverwandlung: von der Beobachtung zum Einswerden mit dem Tier: dem Puma, der in den Tag schleicht; dem Frosch, der zum Sprung ansetzt; dem Kugelfisch kurz vor dem Platzen; dem farbwechselnden Leguan oder der Schleiereule, deren Gesicht einem Schalltrichter gleicht. Pavonis Illustrationen und Franziska Walthers Buchgestaltung verleihen dem Werk eine unvergleichlich haptisch-visuelle Kraft. Eine poetische Meisterwerkstatt der Metamorphose für Kinder mit Schritt-für-Schritt-Anleitung zu fabelhaft lyrischer Wort- und Bildkunst. Zum Einsatz in Kita, Bücherei und Schule „tierisch“ empfohlen.

Bettina Obrecht: Wo kommen die Ideen her?
Illustriert von Carla Haslbauer.
Mannheim: kunstanstifter 2026. 32 Seiten. 22 Euro.
ISBN 978-3-948743-57-4

Kinder haben oft die tollsten Ideen. Dabei zählt dieser Begriff selbst zum Grundbestand philosophischen Denkens. Das Bilderbuch möchte sichtbar machen, wodurch Ideen angeregt werden können, durch Menschen, Tiere, Gegenstände, Ereignisse, und widmet sich damit dem sowohl psychologisch als auch pädagogisch wichtigen Prozess der Ideenfindung. Die „Idee“ zu diesem Buch ist freilich ebenfalls hervorragend, denn Kinder werden nicht nur durch die gut 40 Verszeilen dazu angeregt, sich kreativ Gedanken zu machen, sondern vor allem auch durch die Bilder, die in ihrer vorsichtigen Gestaltung, ihren andeutenden Strichen und ihrer zarten Farbgebung nichts vorwegnehmen, sondern ihren animierenden Charakter bewahren. Kinder werden am Schluss verstanden haben, dass die Phantasie des Menschen unerschöpflich ist und dass es sich lohnt, immer neue Ideen zu entwickeln.

Michael Hammerschmid: wolkenschaum. gedichte für kinder
Illustriert von María José de Tellería.
Wien: Jungbrunnen 2025. 32 Seiten. 18 Euro.
ISBN 978-3-7026-5999-8

Seit Michael Hammerschmids Debüt Schlaraffenbauch, 2018 mit dem Josef Guggenmos-Preis ausgezeichnet, hat sich die deutschsprachige Kinderlyrik verändert. So viel kurzzeilige Poesie war nie, kindnah und leise, verspielt und überraschend, eher zu wenig als zu viel sagend und das große Geheimnis umstrahlend. So auch in diesem Bilderbuch farbenfroher Kinderlyrik. María José de Tellería hat sich dafür von Kinderzeichnungen inspirieren lassen und wunderbare Illustrationen gemalt, gezeichnet, geschnitten und geklebt. Zarte Motive werden angetippt: einfach stehenbleiben, zwischen Tropfen gehen, den Boden spüren. Wonach riecht der Schnee? „nach weißer/ straße aus licht!/ nach es blendet dich“ – oder „was du mit deinem lachen kannst: eisen verbiegen/ steine schmelzen/ menschen erschrecken/ die sonne aufwecken“. Die Gedichte von Michael Hammerschmid lassen die Sonne in uns nicht untergehen.

Ulla Schuh: Ich in 100 Teilen
Mit Illustrationen von Irmela Schautz.
Weinheim: Beltz & Gelberg 2026. 144 Seite. 15 Euro.
ISBN 978-3-407-79043-9

In ihrer Familie fühlt Rike sich als Außenseiterin. Es ist, als hätten die anderen – Vater, Mutter, ihre Schwester Larissa – unsichtbare Schwimmringe an, findet Rike, die sie auf Abstand halten. Umso spannender ist die Ankunft von Nicolai in Rikes Klasse, der sie ermutigt, die Dinge auszusprechen, die sie fühlt – und aufzuschreiben. Ulla Schuhs Ich in 100 Teilen ist ein Versroman und damit in derselben Form verfasst wie die erfolgreichen Jugendbücher von Sarah Crossan oder Anne Webers Heldinnenepos Annette. Schuh lotet aus, wozu diese Form in der Lage ist und was sie ermöglicht: Indem sie die hundert kurzen Kapitel, die selten mehr als eine Seite einnehmen, wie Mosaiksteine einer Biographie zueinander stellt und zugleich jedem von ihnen durch die lyrische Form in freien Versen eine eigene, in sich geschlossene Spannung verleiht, gewinnt das Werk an Dichte und Dringlichkeit. Rikes Erzählung erreicht dadurch zuverlässig ihr Publikum. Man wünscht sich, dass darunter auch ihre Familie ist.

Clemens J. Setz: Mopsfisch
Illustriert von Stefanie Jeschke.
Berlin: Insel 2025. 32 Seiten. 15 Euro.
ISBN 978-3-458-64500-9

„Mopsfisch lila./ Mopsfisch rot./ Mopsfisch Luftballonpilot!“ Drei funky Zeilen genügen und das Bilderbuch-Abenteuer beginnt. Der packende Sprachgroove wird beibehalten, das Abenteuer ausgeweitet: „Mopsfisch losflieg./ Mopsfisch land./ Mopsfisch hängt in Efeuwand.“ Clemens J. Setz zieht das in 32 Strophen durch und nimmt uns mit in Mopsfischs Wunderwelten, variantenreich und oft doppelseitig in Bilder übersetzt von Stefanie Jeschke. In seiner famosen Sprachmelodie wurde hier ein grandioses Vorlesebuch geschaffen, das einen verrückten Spagat kann: Zum einen beugt es verknappte Sprache ganz im Sinne moderner Poesie, zum anderen gerät die so geschaffene Mopsfisch-Sprache erstaunlich nah an (Klein-)Kindersprache. Dada lässt grüßen! Und zum Schluss? „Mopsfisch glotzglotz./ Mopsfisch stutzt./ Mopsfisch ist total verdutzt!“ – Die große Liebe wartet. Wir Sprach­liebende spüren sie beim Vor- und Mitlesen längst.

Preisverleihung

Die Preisverleihung findet im Jubiläumsjahr der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur in Volkach statt. Unter dem Titel „Von Sergei Prokofjew zu Taylor Swift. Musik und Poesie in der Kinder- und Jugendliteratur in Zeiten der Krise“ veranstaltet die Akademie am 23. und 24. April 2026 eine festliche Tagung mit Musik und Vorträgen, Lesungen und Verleihung des Josef Guggenmos-Preises aus Anlass ihrer Gründung vor 50 Jahren. Die Tagung sucht Antworten auf die Frage, wie Musik und Poesie Kindern und Jugendlichen Halt und Orientierung gerade auch in Zeiten der Krise geben.

Die Laudatio auf die Preisträgerin Jutta Richter hält Arne Rautenberg, der erste Josef Guggenmos-Preisträger. Nils Mohl, Preisträger von 2022, bereichert den Festakt mit Stand-Up Poetry.

Der Eintritt zur gesamten Tagung, zur Preisverleihung oder weiteren Lesungen ist frei.

Anmeldungen nimmt Josef Rößner M. A. in der Geschäftsstelle der Akademie telefonisch oder per E-Mail entgegen.

Zum Preis
Zum Gedenken an Josef Guggenmos (1922–2003) verleiht die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugend­literatur seit 2016 den Kinderlyrikpreis – bisher immer in Irsee, Guggenmos’ Geburtsort, an dem er auch den Großteil seines Lebens verbrachte. Daher unterstützen die Marktgemeinde Irsee und die Kulturstiftung Irsee die Vergabe des Preises, die Raiffeisenbank Kirchweihtal und die Sparkasse Allgäu statten den Preis mit 3.000 Euro aus. Die Akademie Faber-Castell überreicht einen „perfekten“ Bleistift, der das Schreiben weiterer preiswürdiger Gedichte inspirieren soll.

Die Jury für den Josef Guggenmos-Preis für Kinderlyrik 2026

Arne Rautenberg (Jury-Vorsitz, Preisträger 2016, Lyriker)
Prof. Dr. Dr. Kurt Franz (Ehrenpräsident der Akademie)
Dr. Susan Kreller (Berlin)
Dr. Claudia Maria Pecher (Präsidentin der Akademie)
Dr. Tilman Spreckelsen (Redakteur, FAZ)

[Quelle: Pressemitteilung]