Aktuelle Empfehlungen:
Ob kleine oder große Lyrikfans ‒ wer Verse und Reime mag, ist hier genau richtig. Wir empfehlen euch elf Gedichtbücher für Kinder, die sich gerne vorlesen lassen, für Kinder, die gerne reimen und mit Worten spielen sowie für Kinder, die schon selbst lesen können.
- Maren Amini, Ahmadjan Amini: Ahmadjan und der Wiedehopf
Mit Auszügen aus Die Konferenz der Vögel von Fariduddin Attar in der Übersetzung von Annemarie Schimmel.
Carlsen Verlag, Hamburg 2024, 238 Seiten, 26 Euro.
EINE EMPFEHLUNG VON KARLA REIMERT MONTASSAR
Mit Ahmadjan und der Wiedehopf halten wir eines der außergewöhnlichsten Bücher der letzten Jahre in den Händen, eine Graphic Novel, die sofort in den Bann schlägt. Maren Amini erzählt darin die Lebensgeschichte ihres Vaters Ahmadjan, der nach einer Kindheit in Afghanistan nach Deutschland kommt, um Künstler zu werden. Es ist eine lebenslange Odyssee zwischen Kunst und Krieg, Heimat und Neuanfang, Flucht und Verantwortung – zärtlich erzählt, ohne Heroisierung, mit großer Genauigkeit und feinem Humor. Das geistige Zuhause dieser Graphic Novel ist. Die Konferenz der Vögel des persischen Dichters Fariduddin Attar, eines der großen Werke der Weltliteratur. Der Wiedehopf, der im Epos die Vögel zusammenruft, begleitet Ahmadjan als Krafttier durchs Leben. Seine Botschaft ist tröstlich: Die Welt wird nicht von einzelnen Königen gerettet, sondern von uns allen – im gemeinsamen Unterwegssein, im Sprechen, durch Liebe und Verzeihen. Persische Dichtkunst, Gedichte, Lieder und Illustration sind hier auf Weltniveau poetisch verwoben; Werke des Vaters fließen in die Zeichnungen ein, ergänzt durch ein Glossar und authentische Fotografien. Ein bereits vielfach ausgezeichnetes, zutiefst glücklich machendes Buch. (ab 11 J.)
- Ludwig Bemelmans: Madlen
Aus dem Englischen übersetzt von Nadia Budde Péridot.
Köln 2025, 54 Seiten, 16 Euro.
EINE EMPFEHLUNG VON UTE WEGMANN
Auf dem Cover viel Grün und eine Ordensschwester mit zwölf kleinen Mädchen, die auf den in der Ferne aufragenden Eiffelturm zugehen. Ort der Handlung: Paris. Alle Mädchen tragen die gleichen Hüte und Mäntel. Sind sie Waisenkinder, Evakuierte, Geflohene? Heiter und leicht folgen Bemelmans Verse aus dem Jahr 1939 den mit luftigem Strich und überwiegend nur in einer Farbe gesetzten Szenen. Nadia Budde hat die Reime nah am Original neu inszeniert, das eine oder andere nicht mehr geläufige Wort eingebunden.
Madlen, die Kleinste, ein selbstbewusstes, zupackendes Kind, weint eines Nachts. Blinddarmentzündung. Krankenhaus. Operation. Einzelzimmer. Aber die Tage fern von den anderen werden zu einer abwechslungsreichen Zeit, mit Blumen, einer freundlichen Krankenschwester und einem Bett, das man rauf- und runterkurbeln kann. Die Mädchen, die Madlen besuchen, staunen, wie aufregend es im Krankenhaus ist. In der darauffolgenden Nacht hört man ein lautes Weinen aus elf Betten: Blinddarm-Alarm. Viele Fragen bleiben offen, jeder kann die Geschichte auf seine Weise lesen. (ab 6 J.)
- Franziska Biermann: Herr Fuchs mag Po-esie!
Edition Nilpferd, Wien 2025, 75 Seiten, 15 Euro.
EINE EMPFEHLUNG VON MIRJAM BURKARD
Mitten ins Herz getroffen hat der Pfeil der Amorfliege Herrn Fuchs nicht … Dafür mitten in den Po! Aua! Als ihm Dachsdame Mira zur Hilfe eilt, verliebt sich Herr Fuchs schockartig in sie. Mit dem Verliebtsein einhergehen für Herrn Fuchs nicht nur die sprichwörtliche rosarote Brille sowie Frühlingsgefühle de luxe, sondern auch, dass er, eigentlich Autor spannender Geschichten, nun »nur noch« poetisiert: »Mein Herz verlor ich ganz an sie / MIRA!!! Ich folge jetzt der PO-E-SIE // Gleich werd ich mein Buch vernichten. / Sorry Schultz, ich werd jetzt nur noch dichten!« Das gefällt Schultz – Herrn Fuchs’ Verleger – gar nicht … Wie am Ende natürlich die Liebe zu Mira aber auch zur Poesie siegt – nicht nur davon erzählt Franziska Biermann in ihrem wortwitzigen im knallig-bunten Comic-Stil illustrierten Kinderbuch: Vielmehr lädt Herr Fuchs mag Po-esie! alle dazu ein, es Herrn Fuchs gleichzutun und eigene Gedichte zu schreiben. Kleine und große Leser:innen werden so zum Spiel mit Sprache, Worten, Reim und Rhythmus angeregt – und wie Herr Fuchs auf Amors Spuren wandeln, das kann man natürlich außerdem! (ab 6 J.)
- Cornelia Boese, Stefanie Jeschke (Illus.): Arche Boa
mixtvision, München 2025, 72 Seiten, 20 Euro.
EINE EMPFEHLUNG VON MICHAEL SCHMITT
Cornelia Boese kennt sich auf, unter und hinter Bühnen aus, denn sie hat lange als Opernsouffleuse gearbeitet und in Versen vom Leben berühmter Musiker erzählt. Mit der Bibel ist sie auch vertraut, hat etwa die Weihnachtsgeschichte und die Arche Noah bedichtet. Auf ihrer Arche Boa findet manches davon nun in eigenwilliger und fröhlicher Weise zusammen: als Geschichte eines Spektakels vor kindlichem Publikum ums Überleben von Tierarten, deren Lebensraum von den Menschen zerstört wird. Mit Auftritten von Tiger, Fledermaus & Co, die von ihrem Leid berichten und um die Gunst des Publikums und um einen einzigen Platz auf der rettenden Arche konkurrieren sollen. Sie inszeniert das in kühnen Reimen und mit exaktem Versmaß, vor allem aber mit einer Pointe, die ein ziemlich zynisches Event in eine große solidarische Hilfsaktion verwandelt. Und Stefanie Jeschke unterstützt das durch Illustrationen, die alle Episoden in Farben und Formen noch ein bisschen weitertreiben, so dass Aktivismus, Sprachspiel und Witz überzeugend zusammenfinden. (ab 5 J.)
- Rike Drust, Nele Palmtag (Illus.): Hört mal! Brülle-Post-Leporello
Kunstanstifter, Mannheim 2025, 16 Seiten, 20 Euro.
EINE EMPFEHLUNG VON SUSANNE STRASSER
»Ihr könnt euch mal gehackt legen!« Wie bitte? »Er will sich nackt ins Gras legen?« Hä? »Er würde jetzt nicht aufgeben!« Ja, was denn nun? Was brüllt er wirklich, der bärtige Mann im karierten Hemd, der seinen Einkaufswagen durch Nele Palmtags und Rike Drusts Hört mal! schiebt. Das als Loop konzipierte Leporello entfaltet auf über einem Meter Länge eine mit Bleistift gezeichnete und mit Tusche kolorierte Straßenszenerie und gewährt so einen Blick in ein Viertel und seine Menschen. Die Friseurin, die Jogger, zwei Polizisten … Alle beziehen den Ausruf des Mannes auf sich, hören aber ähnlich wie in »Stille Post« etwas vollkommen anderes. So wird der anfangs ziellos hinausposaunte Satz zu einem lustig-absurden Lyrik-Verhörspiel, in das man sogleich einstimmen und die Kette von »Verhörern« weiterspinnen möchte. Ganz beiläufig lernt man hier, wie Reimen funktioniert, wie spielerisch Sprache sein kann, aber auch wie mächtig, wenn Missverständnisse ihre Wirkung zeigen, positiv wie negativ. So stecken in dem Buch unzählige Geschichten und Gesprächsanlässe. Große Kunst im ungewöhnlichen Format. (ab 3 J.)
- Heinz Janisch, Helga Bansch (Illus.): Auf dem Weg
Jungbrunnen, Wien 2024, 32 Seiten, 18 Euro.
EINE EMPFEHLUNG VON INES GALLING
Rote Nase, roter Rucksack – die kleine Maus zieht es in die Welt hinaus. Unter einem »Feuerball« trifft sie auf Zebras und Nashörner, kurz darauf sitzt sie unter einem blauen Schirm in einem Boot in Richtung »Wasserfall«. Dann folgen »Zauberzwerg[e]« auf »Monsterberg[e]«, und nach der »Urwaldwiese« wartet der »Nebelriese«. Und spätestens jetzt merkt man: Das ist ja ein Gedicht! Auf vielen Seiten des Bilderbuchs steht nur ein Wort – Heinz Janischs Verse sind poetische Verdichtung in Reinkultur. Helga Bansch setzt sie ins Bild, macht sie sichtbar, spinnt sie weiter. Heinz Janisch und Helga Bansch haben schon viele Bücher gemeinsam gemacht – und auch hier gehen Text und Bild eine perfekte Symbiose sein: Helga Bansch verknüpft mit ihrer Farbwahl die einzelnen Bilder wie Heinz Janisch mit seinen Reimen die Worte. So nimmt Auf dem Weg die Lesenden auf eine Entdeckungsreise mit: Man guckt, staunt, sinniert. Für ihre Arbeit wurden Heinz Janisch und Helga Bansch vielfach ausgezeichnet – auch, weil sie mit kindlicher Neugier auf die Welt blicken. (ab 3 J.)
- Melanie Laibl, Cansu Yakin (Illus.): In mir spielt Musik. Ein Aufwachbuch
Vermes, Tulln an der Donau 2024, 28 Seiten, 14 Euro.
EINE EMPFEHLUNG VON SARAH ZEISS
Früh am Morgen fällt es oft schwer, unter der kuscheligen Decke hervorzuschlüpfen. Magengluckern, das Surren der Kaffeemaschine und das Bellen des Nachbarhunds – noch nicht ganz wach verweben sich all diese Geräusche zu einem einzigartigen Klangteppich. Diesen kostbaren Moment fangen Melanie Laibl und Cansu Yakin in ihrem Aufwachbuch für kleine Morgenmuffel ein und reichen die Hand in eine zauberhafte Zwischenwelt. Dort lauschen wir unseren eigenen Klängen und entdecken fasziniert immer mehr Geräusche, die mit unseren Tönen einen feinen Dialog eingehen. Mit dem Fluss der Sprache klingen, klangen und klongen wir uns von Seite zu Seite und lassen uns langsam in den anbrechenden Tag spülen. Die bis zum Rand illustrierten Seiten zeichnen dabei die verschwimmenden Grenzen zwischen Zeit und Raum, Realität und Traum, zwischen meinem und deinem Klang nach. Denn warum sollte ein Wecker nicht auch ein Spiegelei sein oder ein Kind nicht mit einem Regenschirm über die Kontinente segeln? Also raus aus den Federn – die große, weite Welt wartet schon, und es gibt so viel zu erleben! (ab 2 J.)
- Lena Raubaum, Verena Pavoni (Illus.): Schlich ein Puma in den Tag
Kunstanstifter, Mannheim 2025, 144 Seiten, 28 Euro.
EINE EMPFEHLUNG VON MARLENE ZÖHRER
Puma, Laubfrosch, Kugelfisch, Leguan und Schleiereule – diesen fünf Tieren sind die rund 140 Seiten des großformatigen und hochwertig ausgestatteten Gedichtbandes gewidmet. Lena Raubaum und Verena Pavoni spüren ihnen in poetischen Texten und expressiven Bildern nach und stellen dabei eindrucksvoll – indem die Genese begleitet und sichtbar gemacht wird – die Magie von Sprach- und Bildkunst unter Beweis: Pavoni legt den Entstehungsprozess ihrer Sgraffito-Kratzbilder – vom schrittweisen Malen der Tiere über das Übermalen bis hin zum anschließenden Freilegen der Tiere unter der Schicht aus schwarzer Ölkreide – offen, während sich parallel dazu Lena Raubaums Verse Doppelseite um Doppelseite aneinanderreihen und zu einem Gedicht fügen. Bilder, Texte und deren Entstehungsprozesse korrespondieren und ergänzen sich, öffnen Gedankenräume und wecken die Fantasie. Das Prozesshafte, das Lesenden in der Regel verborgen bleibt, bildet das gestalterische Prinzip des Bandes, der die Leserinnen und Leser einlädt, selbst schöpferisch aktiv zu werden und die Kunst des Werdens zu entdecken. (ab 5 J.)
- Jutta Richter, Julie Völk (Illus.): Rabenkonzert. Gedichte für kleine und große Menschen
Insel, Berlin 2025, 109 Seiten, 16 Euro.
EINE EMPFEHLUNG VON SUSAN KRELLER
Gekrächzt wird in diesem Rabenkonzert denkbar wenig, im Gegenteil: Bemerkenswert klar ist die lyrische Stimme in Jutta Richters Buch und weich wie glänzendes Gefieder. Der Band versammelt zahlreiche Gedichte der großen Schriftstellerin, darunter Arbeiten aus den vergangenen Jahrzehnten und jüngere Texte. Ihnen allen ist gemein, dass sie Verneigungen vor dem Leben in dessen zartester und wuchtigster Form sind: vor Tieren etwa, Jahreszeiten, Wetterphänomenen, Gefühlen, Zeiten des Friedens – und vor der Poesie selbst. Die letztgenannte Verbeugung geschieht schon dadurch, dass die Autorin die Sprache nachgerade streichelt und ihre Texte so liebevoll formt, dass jede Silbe an der genau richtigen Stelle zum Halten kommt. Die Künstlerin Julie Völk greift diese sprachliche und formale Präzision, aber auch den feinen Humor der Gedichte in ihren pointierten, filigran gearbeiteten Illustrationen auf. Gekonnt visualisiert sie zudem die thematische Einheit der Texte durch eine Eisenbahnschiene, die alle Gedichte verbindet und in der auch deren rhythmischer Schwung eine schlaufenreiche Entsprechung findet. (ab 7 J.)
- Clemens J. Setz, Stefanie Jeschke (Illus.): Mopsfisch
Insel, Berlin 2025, 32 Seiten, 15 Euro.
EINE EMPFEHLUNG VON JUDITH DREWS
Charmant lustig, experimentell und eingängig bleibt dieses erste Kinderbuch von Clemens J. Setz mit seinen klaren Dreizeilern im Kopf und hinterlässt zudem ein großes Schmunzeln im Gesicht. Doch wer oder was ist überhaupt ein Mopsfisch? Das Wesen mit Mopsfkopf und schillerndem Fischschwanz ist auf jeden Fall ein echter, manchmal ein wenig tollpatschiger und dennoch mutiger Abenteuerbilderbuchcharakter: »Mopsfisch losflieg. / Mopsfisch land. / Mopsfisch hängt in Efeuwand! « Die Verse sind unverkennbar »clemens-setzig«, und auch Ernst Jandl hört man durch. Die immerfort mit »Mopsfisch« beginnenden Zeilen versprechen großes Vergnügen und einen kleinen Zungenknoten beim Vorlesen – ganz besonders gegen Ende, als ein weiterer Mopsfisch auftaucht … Schon beim ersten Vorlesen lädt der »Mopsfisch« zum Nachsprechen und Weiterreimen der wunderbaren Zeilen ein, und die farbstarken und amüsanten Bilder von Stefanie Jeschke verstärken die Reaktion, die bei diesem Buch nicht ausbleibt: »Nochmal!« (ab 3 J.)
- Bodo Wartke, Alexandra Junge (Illus.): In Barbaras Rhabarberbar wird niemals der Rhabarber rar. Zungenbrechergeschichten
Carlsen, Hamburg 2025, 80 Seiten, 15 Euro.
EINE EMPFEHLUNG VON BENJAMIN TIENTI
Wer, bitte schön, mag keine Zungenbrecher? Ich behaupte: Alle lieben Zungenbrecher, womit dieses Buch das Zeug zum modernen Klassiker hat. Gereimte Geschichten, die auf Zungenbrechern basieren ‒ das ist schlau. Dazu muss man nicht mehr viel sagen, außer vielleicht, dass es die schrägen Illustrationen von Alexandra Junge allein mit ihrer Punkigkeit schaffen, jede einzelne Geschichte um ein Vielfaches zu bereichern. Kein Wunder also, dass ich über viele Figuren mehr erfahren möchte, wie zum Beispiel über »Tomatenmark-Mark«: Ob wohl was aus seiner Romanze mit der »Tomatenmarkt- Magd« geworden ist? Oder über den dicken Dachdecker mit dem Megadeath-T-Shirt, den in meiner Schule jetzt alle als Kuscheltier haben wollen. Vielleicht können die Kinder in 30 Jahren dieses Buch auswendig hersagen und wir werden ihn den »Wartke« nennen! Ich würde es ihm wünschen, ohne Witz – denn er macht einfach nur Spaß! (ab 6 J.)
Die Empfehlenden:
Mirjam Burkard Deutschdidaktikerin | Judith Drews Illustratorin, Autorin | Ines Galling Lektorin für Kinder und Jugendliteraturen, Rezensentin |Susan Kreller Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin | Karla Reimert Montasser Lyrikerin, Übersetzerin | Michael Schmitt Literaturredakteur, Kritiker | Susanne Straßer Illustratorin und Autorin | Benjamin Tienti Schriftsteller, Musiker, Schulsozialarbeiter | Ute Wegmann Redakteurin, Moderatorin, Autorin | Sarah Zeiss Preisträgerin Bundeswettbewerb lyrix | Marlene Zöhrer Professorin für Kinder- und Jugendliteratur, Kritikerin
[Quelle: Pressemitteilungen]