- Titel: Transmedialität
- von: Tobias Kurwinkel
- Erstveröffentlichung: 02.05.2012
- von Link: https://www.kurwinkel.de/
Das Erzählen in verschiedenen Medien
Das Erzählen in verschiedenen Medien
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Das kurze und für das Fachlexikon ansonsten typische kurze Explikat fehlt an dieser Stelle. Diese Leerstelle ist jedoch nicht zufällig bzw. aus Faulheit entstanden, sondern soll vielmehr auf die Schwierigkeiten verweisen, die dem Begriff des Erzählers eingeschrieben sind. Dass man sich mit diesem bewussten Setzen einer Leerstelle durchaus in guter Gesellschaft befindet, macht auch Jochen Vogt deutlich, wenn er ausführt:
Der Begriff "Erzähler" aber rührt selbst an eine zentrale und nach wie vor umstrittene Frage der Erzählforschung. Konkurrierende theoretische Konzepte, unscharfe Begrifflichkeit und die häufige Vermischung analytischer und programmatischer Aussagen lassen sie besonders verwickelt und eine klare Antwort fast unmöglich erscheinen. (Vogt 2006, S. 42)
Deutlich werden diese Schwierigkeiten schon in der Begriffsbestimmung. Sollte man von dem Erzähler oder der Erzählerin sprechen? Von Erzählinstanzen? Erzählsituationen? Oder, um Verwechslungen mit anderen literarischen Figuren zu vermeiden, von Erzählfunktionen? (vgl. Martínez und Scheffel 2012, S. 48)
Allerdings trifft auch letztere Begrifflichkeit nicht auf ungeteilte Zustimmung. So verwendet sich Vogt gegen diese und führt an:
Am ehesten könnte man diese Aufgabe mit der Rolle und Funktion des Spielleiters am Rande der Bühne, des Regisseurs vergleichen, der ja in aller Regel nicht mit dem Dramatiker selbst identisch ist. Diese metaphorische – und gewiss unzulängliche – Vorstellung der Rolle eines fiktiven "Erzählers" (die sich als Rolle des Biographen, Chronisten, Psychologen usw. konkretisieren kann) wird der ambivalenten Natur dieses Zwischenwesens jedenfalls eher gerecht als seine Überhöhung zum Romanfigur oder seine Degradierung zum bloßen Effekt der Erzählfunktion. (Vogt 2006, S. 49-50)
Doch es ist nicht nur die Begrifflichkeit, die Schwierigkeiten bereitet, sondern es sind bisweilen die verschiedenen Erzählinstanzen selbst, die sich nicht an eine Einteilung in Figur, Stimme oder Funktion halten. So wenden sich einige unter ihnen in Form von Apostrophen und metaleptisch an die Lesenden oder Zuhörenden, treten ebenso metaleptisch in den fiktiven Welten auf, inszenieren sich als Autoren und zuverlässig sind sie auch nicht immer. Bisweilen leihen Autoren wie Michael Ende im Hörspiel den Erzählerfiguren oder -stimmen auch noch ihre eigene, um die Bestimmung noch ein wenig schwieriger zu gestalten. An dieser Stelle wird trotz dieser Schwierigkeiten – oder gerade wegen dieser – das fehlende Explikat nachgeschoben:
Erzähler oder – etwas neutraler – Erzählstimme: Narrative und fiktive Instanz im Rahmen einer Geschichte, die diese oder zumindest einen Teil dieser erzählt.
Die Konzepte von Franz Karl Stanzel und Gérard Genette
Die Frage nach dem "Wer spricht"? (Genette 2010, S. 119), die hinter dieser Definition steht steht, kann auf sehr unterschiedliche Weise beantwortet werden. Zwei zentrale und konkurrierende Modelle sollen im Rahmen dieses Lexikons als Antwortmöglichkeiten herausgestellt werden. So beantwortet Gérard Genette diese Frage mit den Begriffen homo- und heterodiegetisch und stellt diesen das Konzept der Fokalisierung an die Seite, während Franz Karl Stanzel an ihre Stelle die Begriffe der Ich-Erzählsituation, der auktorialen Erzählsituation und der personalen Erzählsituation setzt.
Mit der Vorstellung der beiden Konzepte soll der Eindruck vermieden werden,
als sollte die Auseinandersetzung zwischen den Befürwortern des Stanzel'schen 'Typenkreis der Erzählsituationen' und seinen frankophilen Kritikern in einen veritablen Glaubensstreit ausarten – Züge eines Gerangels zwischen PC- und Apple-usern hatte sie allemal, wenn auch an manchen Instituten den Studenten […] die Wahl erspart blieb, weil schon höherenorts entschieden worden war, nach welcher Fasson sie selig zu werden hätten – eben doch: cuius regio, eius religio. (Bode 2011, S. 143)
Fortgetragen werden soll dieser Streit somit nicht im Rahmen von Fachlexikaeinträgen und auch die Wahl von Jutebeuteln als 'Kampfschauplatz' scheint an dieser Stelle nur bedingt günstig gewählt, auch wenn Genette diese 'Schlacht' zumindest auf dem Marktplatz Amazon durchaus zu gewinnen scheint.
Genette vs. Stanzel? – Vor- und Nachteile der beiden Konzepte
Dass sich das Fachlexikon als weiterer Austragungsort dieser Auseinandersetzung nur bedingt eignet, mag auch daran liegen, dass beide Modelle durchaus problembehaftet sind. So spricht gegen Stanzels Modell vor allen Dingen die Tatsache, dass der Typenkreis, den er eingeführt, verbessert und angepasst hat, die für die narratologische Analyse zentralen Elemente der Ordnung, der Dauer, des Ortes und des Zeitpunkt des Erzählens vernachlässigt (vgl. Martínez und Scheffel 2012, S. 96). Zudem bietet gerade die Trennung von Stimme und Wahrnehmen oder der Fragen von "Wer spricht?" (Genette 2010, S. 119) und "Wer nimmt wahr?" (ebd.), die sich in Genettes Modell im Gegensatz zu Stanzels findet, wichtige Ansatzpunkte für die Analyse. Allerdings ist Stanzels Modell oder Typenkreis laut Bode "genial wie einfach, elegeant und effizient" (Bode 2006, S. 145) und ermöglicht es so, eine Vielzahl an Texten systematisch und effizient zu erfassen (vgl. ebd.).
Gerade diese Systematik und Effizienz scheinen Aspekte zu sein, an denen Genette gerade in Bezug auf seine Begriffswahl hin und wieder scheitert. Ein Umstand, den er selbst mehr oder weniger entschuldigend einräumt:
Diese Laxheit wird sicherlich einige schockieren, aber ich wüsste nicht, warum die Narratologie ein Katechismus werden sollte, der auf jede Frage mit einem ankreuzbaren Ja oder Nein zu antworten erlaubt, wo die richtige Antwort oft genug lautet: das hängt vom Tag, vom Zusammenhang und von der Windgeschwindigkeit ab. (Genette 2010, S. 218)
Vielleicht ist es bezüglich der Wahl der Terminologie oder des Modells ein bisschen so, wie mit der richtigen Antwort im obigen Zitat: Sie hängt weniger von der Windgeschwindigkeit, aber durchaus vom Zusammenhang, vom jeweiligen Text und vor allen Dingen vom jeweiligen Erkenntnisinteresse ab (vgl. Bode 2006, S. 143).
Bibliografie
Das Motiv stellt nach Christiane Lubkoll "die kleinste strukturbildende und bedeutungsvolle Einheit innerhalb eines Textganzen" dar und zudem "eine durch die kulturelle Tradition ausgeprägte und fest umrissene thematische Konstellation." (Lubkoll 2013, S. 542)
"Zeitgeschichtliche Kinder- und Jugendliteratur" umfasst als Genre kinder- und jugendliterarische Texte, welche Zeitgeschichte fiktional thematisieren.
Das Modell der Erzählsituationen nach Franz Karl Stanzel beantwortet die Frage "Wer spricht?" (Genette 2010, S. 119) in dreifacher Weise: mit der auktorialen Erzählsituation, der Ich-Erzählung und der personalen Erzählsituation.
Die verschiedenen narrativen Ebenen beschreiben den Ort des Erzählens und berühren damit auch die Tatsache, dass in einer Erzählung nicht nur ein Erzähler eine Geschichte erzählen kann, sondern dass innerhalb dieser Geschichte und der sie umgebenden erzählten Welt wiederum Erzählakte stattfinden können, innerhalb dieser wiederum Erzählakte stattfinden können… (und wenn sie nicht gestorben sind, erzählen sie noch heute.)
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Der Begriff der literarischen Figur bezeichnet die handlungstragenden Bewohner der erzählten Welt.
"Erzählst du mir ein Märchen?", bat Momo leise. […] Er legte Momo einen Arm um die Schulter und fing an: "Es war einmal eine schöne Prinzessin mit Namen Momo, die ging in Samt und Seide und wohnte hoch über der Welt in einem Schloss aus buntem Glas." (Ende 2013, S. 38)
Die Bitte Momos an ihren Freund Gigi Fremdführer, ihr doch ein Märchen zu erzählen, setzt eine Vielzahl von Prozessen in Gang: So markiert sie auf struktureller Ebene den Beginn einer Binnenerzählung und etabliert somit das Verhältnis von Rahmen- und in sie eingeflochtener Binnenerzählung. Schon allein über Gigis einleitende Worte 'Es war einmal…' wird zudem eine intertextuelle Verbindung zur Märchentradition und ebenfalls eine streng genommen intermediale Verbindung zu Michael Endes Theaterstück Das Gauklermärchen geschaffen. Als wäre dies noch nicht genug, inszeniert Gigi Fremdenführer in dieser kurzen Erzählung in der Erzählung sich und Momo metaleptisch als handlungstragende Figuren und wird gleichzeitig nicht nur in die Rolle des Prinzen und Doppelgängers seiner selbst versetzt, sondern auch in die des gleichermaßen intradiegetischen und extradiegetischen Erzählers, der auf der tertiären Ebene eine meta-metadiegetische Geschichte erzählt.
Erzählen als menschliche Kommunikationsform
Neben den eingangs benannten, auf struktureller Ebene ablaufenden und narratologisch interessanten Prozessen verdeutlicht die zitierte Passage noch eine andere Facette des Erzählens: Es ist die kurze Erzählung des Märchens, mit der es Gigi gelingt, Momos und seine eigene Geschichte durch das Erzählen der fiktiven Ereignisse innerhalb der Fiktion zu ordnen, zu überprüfen, zu deuten und sich über diese Geschichte zum einen mit Momo zu finden:
"Schaute man aber zu zweit hinein, dann wurde man wieder unsterblich. Und das haben die beiden getan." Groß und silbern stand der Mond über den schwarzen Pinien und ließ die alten Steine der Ruine geheimnisvoll glänzen. Momo und Gigi saßen still nebeneinander und blickten lange zu ihm hinauf und sie fühlten ganz deutlich, dass sie für die Dauer dieses Augenblicks beide unsterblich waren. (ebd. S. 54)
Zum anderen findet Gigi darüber auch ein Stück weit sich selbst. Denn es sind die Märchen, die Gigi Momo und sich selbst erzählt, die seinen Geschichten Flügel wachsen lassen (vgl. ebd. S. 43). Die eingebundene Märchenhandlung in Momo erfüllt demnach nicht nur strukturelle oder narratologische Funktionen, sondern führt vielmehr das Erzählen selbst als wichtige Kommunikationsform und menschliche Tätigkeit vor (vgl. Vogt 2016, S. 115): Gigi erzählt gemeinsam mit Momo und erzählt gleichzeitig, um sich und seine Welt zu verstehen.
Erzählen zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit
Zudem spielt die Erzählung in der Erzählung noch mit weiteren grundlegenden Annahmen über das Erzählen. Zum einen wird sie als mündliche zwischenmenschliche Kommunikation inszeniert (vgl. ebd.). Zum anderen präsentiert sie sich dem Lesenden aber als narrativer Text und damit als Abfolge von (schriftlichen) Zeichen, die wiederum eine Abfolge von Ereignissen – im vorliegenden Beispiel die Geschehnisse um Prinzessin Momo und Prinz Girolamo – wiedergeben (vgl. Richter 2009). Über die unterschiedlichen Erzählsituationen, die Ende in Momo inszeniert, wird genau diese Verbindung, die Verbindung von Zeichenfolge und Ereignisfolge deutlich ausgestellt. Übersetzt in narratologische Termini finden sich die Ereignisfolge, die Handlung und die erzählte Welt, in der sie ablaufen, in dem Begriff der Histoire wieder. Die Präsentation der Ereignisse, das Wie der Erzählung im Gegensatz zum Was der Histoire, wird als Discours bezeichnet.
Erzählen als zeitlich und räumlich gebundener Prozess
Gleichzeitig wird über die Erzählung in der Erzählung noch eine weitere wesentliche Eigenschaft des Erzählens dezidiert vorgeführt, die erneut Histoire und Discours gleichermaßen berührt. Ende strukturiert das Märchen zeitlich durch, indem er es in heute, gestern und morgen teilt und diese einzelnen zeitlichen Elemente klar benennt. Das mag in Anbetracht der Bedeutung der Zeit für die Handlung von Momo nur folgerichtig sein. Trotzdem macht die bewusste Ausstellung der zeitlichen Dimension in der Märchenhandlung, die zudem im Rätsel Meister Horas auch über die Binnenhandlung hinaus aufgegriffen wird (vgl. ebd. S. 154), deutlich, dass sowohl das Erleben als auch das Erzählen über das Erlebte zeitlich gebunden sind. Die zeitlichen Markierungen, die Ende setzt, haben zudem eine Funktion auf der räumlichen Ebene. Das Heute, Morgen, und Gestern ist im Märchen eben nicht allein eine temporale, sondern auch eine räumliche Größe und führt die enge Verknüpfung von Zeit und Raum im Erzählen, die Mario Vargas Llosa als untrennbar bezeichnet (vgl. Llosa 2004, S. 59), schon auf Ebene der Histoire vor.
Diese kurze Auseinandersetzung mit Momos Bitte um ein Märchen hat neben der Verdeutlichung der Rolle, die das Erzählen über die Epik hinaus spielt, gezeigt, wie stark das Wie und das Was des Erzählens zusammenhängen. Um genau diese Verbindung deutlich zu machen, werden die Grundbegriffe der erzählenden Literatur oder der Epik auf den folgenden Seiten nicht nur definiert und diskutiert, sondern immer auch an konkreten Beispielen aus dem Bereich der Kinder- und Jugendmedien erläutert. Damit soll – vielleicht unnötigerweise – versucht werden, den Irrtum, dem nach Llosa so viele Romanlesende aufgesetzt sind, zu vermeiden:
Die Trennung zwischen Inhalt und Form oder Thema und Stil und narrativem Aufbau ist künstlich, sie darf nur Veranschaulichung vollzogen werden und hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Was ein Roman erzählt, ist untrennbar verbunden mit der Art und Weise wie es erzählt wird. (ebd. S. 289)
Bibliografie
Primärliteratur
Sekundärliteratur
Der Modus des Erzählens ist ein Aspekt des Discours und beschäftigt sich mit dem Grad der Mittelbarkeit und der Perspektivierung des Erzählens. (vgl. Martínez und Scheffel 2012, S. 49)