2 Explikat

Statt von vergleichendem Lesen wird häufiger von Textvergleich gesprochen. Dieser Begriff ist allerdings etwas enger und umfasst z.B. nicht den Vergleich von Text und Bild, der beim vergleichenden Lesen mitberücksichtigt ist. Vergleichendes Lesen wird in verschiedenen Varianten realisiert. Es kann nur auf einen einzelnen Text bezogen sein, wenn z. B. Figuren oder Schauplätze, die im Kontrast zueinander gestaltet sind, miteinander verglichen werden. Ebenso können Varianten aus der Entstehungs- oder Veröffentlichungsgeschichte eines Textes oder es kann ein Motiv in zwei Texten verglichen werden. Weitere Möglichkeiten sind der Vergleich von Text und Bild, von Text und Film, auch von Text und selbst erfahrener Wirklichkeit.

Besonderheiten des vergleichenden Lesens bei Kinder- und Jugendmedien

Man kann mehrere Formen des Vergleichens bei der Beschäftigung mit Kinder- und Jugendmedien unterscheiden:

1. Intratextueller Vergleich: Hier werden Figuren, Schauplätze oder Stellen aus einem Text miteinander verglichen. Am geläufigsten ist der Vergleich von zwei Figuren im Sinne einer vergleichenden Charakteristik. Bei manchen Kinder- und Jugendbüchern ist ein Vergleich von Anfang und Schluss interessant.

2. Vergleich von Textvarianten: Aufschlussreich kann ein Vergleich sein, wenn von einem Text mehrere Varianten existieren.  Das ist z. B. bei vielen Märchen der Fall; handschriftliche Aufzeichnung, Erstauflage und endgültige Auflage unterscheiden sich bei ihnen z. T. deutlich. Sie zeigen, wie die Gebrüder Grimm den uns vertrauten Märchenstil sukzessive entwickelt haben.

3. Vergleich verschiedener Texte: Diese Form des Vergleichens ist im Unterricht besonders verbreitet. Um lohnende Ergebnisse zu erzielen, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: Es muss Gemeinsamkeiten zwischen den Texten und es muss einen bestimmten, interessanten Vergleichsaspekt geben, auf den sich der Vergleich bezieht. Das kann zum Beispiel das Erkennen von Gattungsunterschieden sein, wenn ein Motiv oder ein Stoff in verschiedenen Gattungen aufgegriffen worden ist. Auch intertextuelle Bezüge können hier eine Rolle spielen, z. B. zwischen Defoes Robinson und neueren Robinsonaden. Beliebt im Unterricht ist der Vergleich von Gedichten, z.B. von Frühlingsgedichten.

4. Stilvergleich durch Umschreiben und imitatives Schreiben: Vergleichsoperationen können – implizit und explizit – erfolgen, wenn zu einem stilistisch auffälligen Text oder Textauszug von der Lehrperson oder von den Schülerinnen und Schülern eine alltagssprachliche Fassung erstellt wird, sodass durch den Kontrast die Besonderheit des Originals deutlicher erkennbar wird. Ein solches Umschreiben einer Textstelle mit dem Ziel, durch den Vergleich Stilmerkmale zu verdeutlichen, kann als operatives Verfahren bezeichnet werden. Weiter gefasst ist das imitative Schreiben; hier dient ein literarischer Ausgangstext als formale, manchmal auch inhaltliche Anregung zu einem eigenen Text.

5. Vergleich von Text und Bild: Publikationen mit Illustrationen eignen sich für einen Vergleich von Text und Bild. Dabei kann man sich folgende Fragen stellen: Entspricht die Darstellung der Vorstellung, die man sich selbst beim Lesen gebildet hat? Welche Textelemente hat die Illustration aufgegriffen und welche Interpretation des Textes legt sie nahe? Es kann auch interessant sein, verschiedene Illustrationen miteinander zu vergleichen, vor allem, wenn sie zu unterschiedlicher Zeit entstanden sind. Fragen zum Vergleich können im Unterricht ferner gestellt werden, wenn die Schülerinnen und Schüler selbst Bilder zu Texten gemacht haben. Text-Bild-Vergleiche bieten sich auch bei Bildergeschichten und Comics an; bei ihnen dominiert das Bild. Beim Vergleichen kann man hier fragen, was nur im Text, nur im Bild und was in Text und Bild zu finden ist. Typisch für Comics ist, dass direkte Rede in Sprechblasen wiedergegeben wird und dass lautmalerische Ausrufe oft typographisch hervorgehoben sind, z. B. ein groß geschriebenes, visuell auffälliges "Uff!“ oder „Ooooh!“.

6. Intermedialer Vergleich: Bei verfilmter Literatur, Hörbüchern, Hörspielen und Theaterstücken bietet sich ein intermedialer Vergleich an. Dabei ist z. B. die Frage nach der Wiedergabe von Innensicht interessant. Die Literatur verfügt dazu über Ausdrucksmittel wie Gedankenbericht, inneren Monolog und erlebte Rede, die den anderen Medien nur eingeschränkt zur Verfügung stehen. Beim Film sind die Nahaufnahmen von Gesichtern mit der Wiedergabe von Mimik ein medienspezifisches Ausdrucksmittel, um Gefühle wiederzugeben. In auditiver Textwiedergabe spielen stimmliche Mittel eine Rolle. Es kann also interessant sein, bei der Arbeit mit einem Text in verschiedenen Medien entsprechende Beobachtungen anzustellen. Wenn ältere und neuere Verfilmungen von Jugendbuchklassikern zur Verfügung stehen, bietet sich ein historischer Vergleich an. Entsprechende. Unterrichtsvorschläge sind z. B. zu Kästners Emil und die Detektive veröffentlicht worden.  

7. Vergleich mit der Wirklichkeit: Das Vergleichen kann auch eine Rolle spielen, wenn man einen Text mit der außerliterarischen Wirklichkeit vergleicht. Besonders nahe liegt das bei parabolischen Texten; sie sind auf einen solchen Vergleich angelegt. Die "grauen Herren" in Michael Endes Momo sind z. B. unverkennbar phantastische Wesen, aber mit ihnen verdeutlicht der Autor eine reale Gefahr der heutigen Welt, in der die Menschen für nichts mehr wirklich Zeit haben. Auch Texte, die man nicht zu den Parabeln zählt, können parabolisch auf die Wirklichkeit bezogen werden; die Literatur ist nicht zuletzt deshalb oft wirkungsmächtig, weil sie zum parabolischen Verstehen einlädt. Zensurmaßnahmen aus politischen Gründen beruhen oft auf der Angst vor solcher Wirkung. Vergleich mit der Wirklichkeit kann sich auch auf die eigene Person beziehen. Im Pubertätsalter, wenn sich die Jugendlichen mit der Suche nach der Identität beschäftigen, ist das besonders ausgeprägt; Loslösung von den Eltern und Auseinandersetzung mit der Sexualität sind dabei häufige Themen, die Jugendliche in der Literatur wiederfinden.

3 Literaturverzeichnis

Praxis Deutsch 173 (2002), Hefttitel "Vergleichendes Lesen"