Explikat

Dramatische Texte haben schon lange einen festen Platz im Deutschunterricht (im Überblick vgl. Paule 2009, Kap. 2). Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts herrschte didaktisch eine erzieherische Ausrichtung vor, die meist Texte des dramatischen Kanons im Sinne jeweils geltender Wertmaßstäbe bzw. Ideologien in Dienst nahm. Das grundsätzlich pädagogische Potenzial einer solchen Ausrichtung spielt auch heute noch eine Rolle, doch hat die Dramendidaktik weitere Konzepte entwickelt, die die Literarizität, insbesondere die Gattungsspezifik des Dramas zum Lerngegenstand machen. Bei dieser Ausrichtung werden grundlegende Strukturen des Dramatischen vermittelt, einschließlich verschiedener dramatischer Formen und deren Wirkungsweise. In höheren Klassen ergänzt dies ein literaturhistorischer Ansatz, der die Texte im Hinblick auf Epochenzugehörigkeit oder Kanonisierung diskutiert. Daneben wurde bereits ab den 1970er Jahren punktuell reflektiert, dass das Drama in der Regel für eine Aufführung im Theater bestimmt ist. Dieser theatralen Dimension tragen Konzepte Rechnung, die das szenische Spiel oder inszenierende Tätigkeiten in den Dramenunterricht einbinden. Fachdidaktisch haben solche theatralen Arbeitsweisen zwei Funktionen: Sie fördern das Textverständnis, weil sie eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem dramatischen Text fordern, und sie geben Einblicke in die Gestaltung und Wirkung theatraler Zeichen. Dadurch denken sie das Zuschauen im Theater implizit bereits mit.

Gleichzeitig mit diesen Konzepten hat sich die Dramendidaktik zunehmend Texten außerhalb des dramatischen Kanons geöffnet, insbesondere auch Dramen für Kinder und Jugendliche. Diese Texte – zumindest renommierter Autorinnen und Autoren – sind thematisch nah an der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler und zudem ästhetisch anspruchsvoll gestaltet, wodurch sie sich nicht nur für einen thematischen Literaturunterricht, sondern auch zur Förderung literarischen Lernens eignen. Eine Orientierung am Konzept des literarischen Lernens bietet sich im Kontext Drama/Theater u. a. deshalb an, weil es im aktuellen Diskurs (vgl. Maiwald 2022) medial breit angelegt ist und damit sowohl die Gegenstände Drama als auch Theater (vgl. Spinner 2010) umfasst.

Vergleichsweise spät hat die Dramendidaktik auch die Aufführung eines Dramas im Theater als Lerngegenstand etabliert. Didaktische und methodische Konzepte, die z. B. die Inszenierung auf die in ihr erkennbare Deutung des Textes befragen und die dafür gefundene theatrale Form beschreiben und diskutieren, sind kontinuierlich erst seit der Jahrtausendwende entwickelt worden (vgl. Paule 2009, Kap. 2, 4). Die damit sich herausbildende Theaterdidaktik hat sich seitdem weiter ausdifferenziert und weist heute deutlich über den Dramenunterricht hinaus. Denn sie setzt nicht beim Drama oder einer anderen literarischen Textvorlage an, sondern geht konsequent vom Bühnengeschehen aus. Das Theater aber ist eine multimodale und -mediale Kunstform, in der der gesprochene Text – wenn überhaupt vorhanden – nur eines von vielen Zeichensystemen ist. Damit verschiebt sich der fachdidaktische Gegenstand. Theaterdidaktisch interessiert das Ereignis der Aufführung, das im gemeinsamen Vollzug von Akteuren und Publikum entsteht und dem ein Inszenierungskonzept zugrunde liegt, das vor und im Probenprozess erarbeitet wurde und das (mehr oder weniger) festlegt, was auf der Bühne zu sehen sein soll. An diesen beiden Perspektiven, der Inszenierung und der Aufführung, orientieren sich demnach fachdidaktische Konzepte für das Zuschauen im Theater (z. B. Bönnighausen/Paule 2011, Roselt 2004, 2010, Kamps 2018).

Besonderheiten im Kontext von Kinder- und Jugendmedien

Dramatische Texte für Kinder und Jugendliche haben einige Besonderheiten in der Produktion, Distribution und Rezeption. Autorinnen und Autoren produzieren zwar mit Blick auf Kinder oder Jugendliche, doch gelesen werden die Texte primär von Theaterschaffenden im Rahmen der Stückauswahl für das Kinder- bzw. Jugendtheater. Deshalb waren die Texte über lange Zeit zwar in Theaterverlagen erhältlich, im Buchhandel aber kaum präsent. Die eigentliche Zielgruppe, die Kinder und Jugendlichen, lernte die Stücke in der Regel in einer Theateraufführung kennen. Dies hat sich insofern verändert, als dramatische Texte für Kinder und Jugendliche verstärkt Eingang in den Deutschunterricht gefunden haben und z. B. Schulbuchverlage Texte namhafter Autorinnen und Autoren in preiswerten Schulausgaben anbieten. Fachdidaktisch verfügen solche Stücke über ein hohes dramen- wie theaterdidaktisches Potenzial, da sie thematisch und dramaturgisch ein breites Spektrum entfalten und zudem auf den Bühnen des Kinder- und Jugendtheaters aufgeführt werden. Der Begriff Kinder- und Jugendtheater umfasst dabei sowohl das professionelle oder nicht-professionelle Theater, bei dem Erwachsene Theater für Kinder und Jugendliche machen, als auch Theaterformen, in denen die Kinder und Jugendlichen selbst Theater spielen, z. B. im Schultheater oder in Jugendclubs am Theater. Die genannten Bereiche unterscheiden sich, untereinander wie auch intern, z. B. hinsichtlich der Professionalität der jeweiligen Spielleitung, der strukturellen und personellen Ausstattung und des Öffentlichkeitsgrads von Aufführungen. Theaterdidaktisch wird je nach Zielperspektive zu bewerten sein, über welches fachdidaktische Potenzial die verschiedenen Angebote verfügen.

 Literatur

Bönnighausen, Marion/ Paule, Gabriela (Hrsg.): Wege ins Theater. Spielen, Zuschauen, Urteilen. Berlin: LIT-Verlag, 2011.

Kamps, Philipp: Wahrnehmung – Ereignis – Materialität. Ein phänomenologischer Zugang für die Theaterdidaktik. Bielefeld: transcript Verlag, 2018.

Maiwald, Klaus: Literarisches Lernen. https://www.kinderundjugendmedien.de/fachdidaktik/6370-literarisches-lernen Erstveröffentlichung 02.05.2022 (03.05.2024)

Paule, Gabriela: Kultur des Zuschauens. Theaterdidaktik zwischen Textlektüre und Aufführungsrezeption. München: kopaed, 2009.

Roselt, Jens: Kreatives Zuschauen – Zur Phänomenologie von Erfahrungen im Theater. In: Der Deutschunterricht (2004) (Theaterdidaktik) H. 2. S. 46-56.

Roselt, Jens: Die Kunst des Ereignisses. In: karlsruher pädagogische beiträge 75 (2010) (Theaterrezeption), S. 47-63.

Spinner, Kaspar H.: Literarisches Lernen durch die Beschäftigung mit Theateraufführungen. In: karlsruher pädagogische beiträge 75 (2010) (Theaterrezeption). S. 17-28.