2 Explikat
Im Fachdiskurs der Medienpädagogik hat der Begriff der Mediendidaktik einen engen Zuschnitt. Er steht dort für eine Perspektive, die Medien speziell als Mittel des Lehrens und Lernens in den Blick nimmt (vgl. Tulodziecki 1997, S. 45). Die Fachdidaktik Deutsch jedoch, der sich vorliegender Artikel anschließt, fast unter Mediendidaktik alle Aspekte des Lehrens und Lernens, die mit Medien verbunden sind, auch solche, die Medien als Lerngegenstand betrachten und die notwendigen Kompetenzen für einen rezeptiven und produktiven Umgang mit Medien vermitteln. Frederking / Krommer / Maiwald entwerfen in ihrem Standardwerk zur Mediendidaktik Deutsch ein Drei-Säulen-Modell der Deutschdidaktik, in dem sie die Mediendidaktik gleichberechtigt als dritte Säule neben die Sprachdidaktik und die Literaturdidaktik stellen. Die Säule der Mediendidaktik ist dabei in Analogie zu den beiden anderen Säulen in die Bereiche Mediales Lernen, Mediale Kompetenzen und Mediale Bildung untergliedert (vgl. Frederking / Krommer / Maiwald 2018, S. 119).
Abb. 1: Drei Säulen der Deutschdidaktik (vgl. Frederking / Krommer / Maiwald 2018, S. 119)
Für den Bereich des medialen Lernens, das in Anlehnung an Kaspar H. Spinners wirkmächtigen Entwurf des literarischen Lernens benannt ist (vgl. Spinner 2006), werden sieben Handlungs-bereiche bestimmt: Diese sind 1. Lernen mit und über Schreib- bzw. Produktionsmedien. 2. Lernen mit und über Lese- und Rezeptionsmedien. 3. Lernen mit und über Präsentations- und Visualisierungsmedien. 4. Lernen mit und über Kommunikations- und Kooperationsmedien. 5. Lernen mit und über symmediale(n) Analyse- und Interpretationsmedien. Lernen mit und über symmediale(n) Handlungs- und Gestaltungsmedien. 7. Lernen mit und über Lehr- und Lern-medien (vgl. Frederking / Krommer / Maiwald 2018, S. 107–108).
Bei der Definition von Medienkompetenzen orientiert sich die Mediendidaktik an dem Modell des Medienpädagogen Dieter Baacke, der Medienkompetenz in die vier Bereiche, nämlich Medienkunde bzw. Analyse, Medienkritik, Mediennutzung und Mediengestaltung unterscheidet (vgl. Baacke 1997, S. 71), und dann vor allem an dem Modell von Norbert Groeben, der sieben Dimensionen von Medienkompetenz beschreibt: Medienwissen / Medialitätsbewusst-sein, medienspezifische Rezeptionsmuster, medienbezogene Genussfähigkeit, medienbezogene Kritikfähigkeit, Selektion / Kombination von Mediennutzung, Ausbildung produktiver Par-tizipationsmuster und Fähigkeiten zur Anschlusskommunikation (vgl. Groeben 2002).
Frederking / Krommer / Maiwald (2018, S. 114) formulieren ihre differenzierte Definition von Medienkompetenz im Rahmen der Fachdidaktik Deutsch wie folgt:
„Die im Fach Deutsch zu vermittelnden bzw. zu erwerbenden medialen Kompetenzen umfassen einerseits kognitive Fähigkeiten und Fertigkeiten zum fachspezifischen Um-gang mit Medien und medialen Grundlagen von Sprache und Literatur und zur Lösung damit verbundener theoretischer und praktischer Problemstellungen. Andererseits gehören zu medialen Kompetenzen aber auch die motivationalen, volitionalen und so-zialen Bereitschaften und Fähigkeiten, diese auf medienspezifische Fragen bezogenen Problemlösungen zielführend im Umgang mit der Medialität von Sprache, Literatur und anderen Medien zu verwirklichen.“
In Analogie zu Literaturdidaktik und literarischer Bildung (vgl. Dawidowski 2022) kann als dritte Zieldimension der Mediendidaktik die Entwicklung medialer Bildung betrachtet werden. Dabei wird Bildung in Abgrenzung zum funktionalen Kompetenzbegriff verstanden, im humanistischen Sinne einer Bildung der Person in ihrem Selbst- und Weltverhältnis. Für eine solche auf die Person ausgerichtete mediale Bildung werden vier Aspekte bestimmt: (1) ein medienreflexives Selbst- und Weltverhältnis, (2) medienkulturgeschichtliches Bewusstsein, (3) ein medientheoretisch und medienästhetisch reflektierter Rezeptions- und Bewertungshorizont sowie (4) Kreativ synästhetischer Selbstausdruck (vgl. Frederking / Krommer / Maiwald 2018, S. 121–123).
3 Besonderheiten im Kontext mit Kinder- und Jugendmedien
Wenngleich die in der Mediendidaktik behandelten Gegenstände nicht ausschließlich aus dem Bereich der Kinder- und Jugendmedien stammen, sondern auch übergreifende Phänomene wie Künstliche Intelligenz, Informationsbeschaffung, Kommunikation in digitalen Netzwerken etc. ausmachen, so stellen Kinder- und Jugendmedien doch einen ihrer wichtigsten Gegenstandsbereiche dar. Die medialen Formate, die sich spezifisch an Kinder und Jugendliche richten, sind zahlreich und nehmen in ihrer Zahl weiter ständig zu. Das breite Spektrum reicht dabei von Bilderbüchern über Hörmedien für Kinder, Kinder- und Jugendfilme, Informationsplattformen für Kinder, Social Media-Netzwerke, die Heranwachsende bereits früh absorbieren, bis hin zu Computerspielen. Es stellt dabei eine besondere Herausforderung für die Mediendidaktik dar, überhaupt mit den neuen Entwicklungen und Phänomenen im Bereich der digitalen Medien schrittzuhalten. Gegenüber den klassischen Medien des Druckzeitalters lässt sich bei vielen digitalen Medien geradezu eine Verkehrung bei den primären Kenntnissen beobachten. Während in Bezug auf klassische Druckmedien wie Bücher oder Zeitungen das überlegene Wissen von Erwachsenen und Lehrkräften an Heranwachsende weitergegeben wurde, ist es bei neuen medialen Entwicklungen in der digitalen Welt häufig so, dass Kinder und Jugendliche mit diesen oft bereits vertraut sind, bevor Eltern und Lehrkräfte solche überhaupt zur Kenntnis nehmen. Dies stellt eine Didaktik, die den Anspruch hat, aktuelle und relevante Medienkompetenzen an Heranwachsende zu vermitteln und die diese umgebende Medienkultur zu reflektieren, vor eine besondere und dauerhafte Aufgabe.
Literatur
Baacke, Dieter (1997): Medienpädagogik. Tübingen: Niemeyer.
Dawidowski, Christian (2022): Literarische Bildung. Stuttgart: Reclam.
Frederking, Volker / Krommer, Axel / Maiwald, Klaus (2018): Mediendidaktik Deutsch. Eine Einführung. 3. Aufl., Berlin: Erich Schmidt.
Groeben, Norbert (2002): Dimensionen der Medienkompetenz: Deskriptive und normative Aspekte. In: Groeben, Norbert / Hurrelmann, Bettina (Hg.): Medienkompetenz. Voraussetzungen, Dimensionen, Funktionen. Weinheim: Juventa, S. 160–197.
Spinner, Kaspar H. (2006): Literarisches Lernen. In: Praxis Deutsch 200, S. 6–16.
Tulodziecki, Gerhard (1997): Medien in Erziehung und Bildung. Grundlagen und Beispiele einer handlungs- und entwicklungsorientierten Medienpädagogik. 3. überarb. u. erw. Aufl., Bad Heilbrunn: Klinkhardt.