Explikat
Der Formenreichtum der Lyrik ist derart immens, dass sich im vorliegenden Zusammenhang die Frage stellt, um was für Texte es sich handelt, wenn im (Deutsch-)Unterricht Gedichte geschrieben werden. Oder bezüglich der gesamten Gattung lässt sich fragen: Was ist Lyrik? Deutschdidaktisch einschlägig ist die Definition von Burdorf (2015, S. 21), die folgendermaßen einsetzt: „Lyrik ist die literarische Gattung, die alle Gedichte umfasst.“ Ein Gedicht weist dabei nach Burdorf (ebd.) mindestens die folgenden beiden Eigenschaften auf:
- Es ist eine mündliche oder schriftliche Rede in Versen, ist also durch zusätzliche Pausen bzw. Zeilenbrüche von der normalen rhythmischen oder graphischen Erscheinungsform der Alltagssprache abgehoben.
- Es ist kein Rollenspiel, also nicht auf szenische Aufführung hin angelegt.
Diese Minimaldefinition lässt sich durch Eigenschaften ergänzen, die für Gedichte charakteristisch, aber nicht notwendig und dementsprechend nicht bei jedem Gedicht vorzufinden sind (vgl. ebd., S. 21). Literaturdidaktische Gattungsbestimmungen setzen hier insbesondere die folgenden Eigenschaften relevant (vgl. ausführlich z. B. Spinner 1995, S. 6-18): Differenz zur Alltagssprache (z. B. durch Metrum und Reim), relative Kürze, ausgeprägte Bildlichkeit und Mehrdeutigkeit, ausgeprägte Lautlichkeit/Musikalität, Subjektivität in dem Sinne, dass in Gedichten vergleichsweise häufig selbstexpressive Äußerungen (z. B. mit Blick auf Beziehungen oder Erlebnisse) zu finden sind oder thematisch werden.
Wozu aber überhaupt Gedichte schreiben? Für den Literatur- und Schreibunterricht gilt, dass die drei zentralen Konzeptionen gestaltenden Schreibens dies unterschiedlich beantworten. So zielen Schreibaufgaben beim kreativen Schreiben insbesondere auf Kreativitätsförderung und Selbstausdruck (vgl. Waldmann 2016, S. 46), während der produktionsorientierte Literaturunterricht, bei dem typischerweise in Auseinandersetzung mit einem bestehenden literarischen Text geschrieben wird, allen voran darauf ausgerichtet ist, diesen Text besser zu verstehen (vgl. ebd.). Ist demnach das Verfassen literarischer Texte innerhalb dieser beiden Ansätzen dominant mit Vermittlungsintentionen im Sinne eines Um-zu verknüpft, so ist beim literarischen Schreiben „das Verfassen von literarischen Texten [...] eine eigene Zieldimension“ (Spinner 2019, S. 254). Zentral ist hier insbesondere die Frage, wie Lernende dabei unterstützt werden können, poetische Schreibkompetenz (vgl. ebd.) zu entwickeln und damit die „Fähigkeit, […] poetische Verfahren selbst auszuführen und literarische Bauformen zu realisieren“ (Abraham 2021, S. 73).
Wie lässt sich das Schreiben von Gedichten im (Deutsch-)Unterricht anleiten? Die folgende Tabelle liefert einen ersten Überblick:
| Prozessphase | Verfahren |
|---|---|
| Sammeln, Planen, Entwerfen |
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| Formulieren |
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| Weiterentwickeln/ Überarbeiten |
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Tab. 1: Verfahren lyrischen Schreibens (adaptiert und ergänzt nach Abraham 2021, S. 36-39)
Besonderheiten im Kontext von KJM
Kinder- und Jugendlyrik lässt sich zum einen rezeptions-, zum anderen produktionsseitig bestimmen; beide Aspekte sind für das Schreiben von Gedichten im (Deutsch-)Unterricht bedeutsam. In diesem Zusammenhang ist zunächst die Produktionsperspektive augenfällig: Texte der Kinder- und Jugendlyrik lassen sich als diejenigen Gedichte definieren, die von Kindern oder Jugendlichen verfasst worden sind (Jentgens und Karst 2025, S. 117; Zabka 2025, S. 133). Wenn Schülerinnen und Schüler im Unterricht Gedichte schreiben, handelt es sich dieser Definition zufolge also in den meisten Fällen um Kinder- und Jugendlyrik. Neben Gedichten von Kindern und Jugendlichen werden auch alle Gedichte für Kinder und Jugendliche zur Kinder- und Jugendlyrik gezählt (Jentgens und Karst 2025, S. 117; Zabka 2025, S. 133). Insofern literarische Texte innerhalb der unterschiedlichen Ansätze gestaltenden Schreibens nicht selten in Anlehnung an Modelltexte verfasst werden, rücken in puncto Textauswahl damit die unterschiedlichen Genres der Kinder- und Jugendlyrik in den Blick. Als Genres der Kinderlyrik hervorzuheben sind dabei nach Jentgens und Karst (2025, S. 117) „Fingerspiele, Kniereiterverse, Schlaf- und andere Kinderlieder, Sprachspiele, Abcdarien, Rätselgedichte, Nonsensverse, Tiergedichte, Alltags- und Umweltlyrik, Konkrete Poesie, Rap-Texte, Insta-Lyrik und vereinzelt auch Versromane“. Zur Jugendlyrik zu rechnen sind demgegenüber insbesondere die folgenden Genres beziehungsweise Publikationsformen: Song- und Raptexte, Slam und Spoken Poetry, Poetry Clips, Instapoetry, spezifisch für Jugendliche konzipierte Lyrikbände und Alltags- und Umweltlyrik (vgl. Jentgens und Karst 2025, S. 117; Zabka 2025, S. 133).
Literatur
Abraham, Ulf: Literarisches Schreiben. Didaktische Grundlagen für den Unterricht. Ditzingen: Reclam, 2021.
Bachmann, Thomas/ Becker-Mrotzek, Michael: Schreibkompetenz und Textproduktion modellieren. In: Forschungshandbuch empirische Schreibdidaktik. Hrsg. von Michael Becker-Mrotzek, Joachim Grabowski und Torsten Steinhoff. Münster: Waxmann, 2017. S. 25-53.
Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse. 3., aktual. u. erw. Aufl. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler, 2015.
Jentgens, Stephanie/ Karst, Raila: Kinderlyrik. In: Einführung in die Kinder- und Jugendmedien. 3 Bände. Band 2: Didaktik. Hrsg. von Stefanie Jakobi, Tobias Kurwinkel, Michael Ritter, Philipp Schmerheim und Franziska Thiel. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag, 2025. S. 111-131.
Spinner, Kaspar H.: Umgang mit Lyrik in der Sekundarstufe I. 2., vollständig überarb. Aufl. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 1995.
Spinner, Kaspar H.: Methoden des Literaturunterrichts. In: Lese- und Literaturunterricht. 3 Bände. Band 2: Kompetenzen und Unterrichtsziele. Methoden und Unterrichtsmaterialien. Gegenwärtiger Stand der empirischen Unterrichtsforschung. Hrsg. von Michael Kämper-van den Boogaart und Kaspar H. Spinner. 3., stark überarb. Aufl. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 2019. S. 217-267.
Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK): Bildungsstandards im Fach Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 18.10.2012. Köln: Carl Link, 2014.
Waldmann, Günter: Produktiver Umgang mit Literatur im Unterricht. Grundriss einer produktiven Hermeneutik. Theorie – Didaktik – Verfahren – Modelle. 10. unv. Aufl. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 2016.
Zabka, Thomas: Jugendlyrik. In: Einführung in die Kinder- und Jugendmedien. 3 Bände. Band 2: Didaktik. Hrsg. von Stefanie Jakobi, Tobias Kurwinkel, Michael Ritter, Philipp Schmerheim und Franziska Thiel. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag, 2025. S. 133-150.