Explikat

Armut ist ein kontrovers diskutierter Begriff, dessen Bestimmung maßgeblich von der jeweiligen theoretischen Perspektive abhängt. Hauser (2008, S. 95) weist darauf hin, dass „hinter jeder Interpretation des Armutsbegriffs und hinter jedem darauf beruhenden Messverfahren Wertüberzeugungen“ stehen, die auf philosophisch, humanistisch oder religiös begründeten ethischen Vorstellungen beruhen. Eine solche Sichtweise, die vor allem auf die Diskursivität des Armutsbegriffs abhebt, fokussiert die soziale Konstruiertheit von Armut, die beispielsweise zu gesellschaftlichen Ausschlüssen führen kann. Allerdings hält ein solches Verständnis auch die Gefahr bereit, dass die materiellen Dimensionen von Armut vernachlässigt und reale Entbehrungen bagatellisiert werden.

Von absoluter Armut ist betroffen, „wer seine Grundbedürfnisse nicht zu befriedigen vermag, also die für das Überleben notwendigen Nahrungsmittel, sicheres Trinkwasser, eine den klimatischen Bedingungen angemessene Kleidung und Wohnung, sowie eine medizinische Basisversorgung entbehrt“ (Butterwege 2018, S. 9–10). Die Weltbank definiert die Grenze absoluter Armut aktuell bei 3 US-Dollar pro Tag (Mahler/Bloch). Relative Armut bezeichnet die Situation von Personen, die zwar ihre Grundbedürfnisse befriedigen können, aber „über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist“ (Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung 2001, S. 7). Laut EU-Konvention gilt als relativ arm, wer weniger als 60 % des Durchschnittseinkommens aller Haushalte des jeweiligen Mitgliedsstaats zur Verfügung hat (Leclerf 2016, S. 5).

Während absolute Armut eine existenzielle Mangelerscheinung darstellt, verweist relative Armut auf den Wohlstand einer Gesellschaft, der sie hervorbringt – sie ist „nicht gott- oder naturgegeben, sondern vorwiegend systemisch, d.h. durch die bestehenden Eigentums-, Macht- und Herrschaftsverhältnisse bedingt“ (Butterwegge 2018, S. 11). In einem reichen Land wie Deutschland bedeutet, arm zu sein, vor allem Mittellosigkeit, dauerhafter Mangel an allgemein für notwendig erachteten Gütern, Benachteiligung in den Bereichen Arbeit, Wohnen und Freizeit, Ausschluss von Bildung und Kultur, Beeinträchtigung der Gesundheit, Verlust an gesellschaftlicher Wertschätzung sowie Macht- und Einflusslosigkeit (vgl. ebd., S. 13).

Kinderarmut

Kinderarmut stellt in Deutschland ein verstetigtes Phänomen dar. Kinder sind die am stärksten von Armut betroffene Altersgruppe, etwa jedes vierte Kind wächst heute in Armut auf (vgl. DESTATIS 2025). Die Folgen von Armut für Kinder sind gravierend und langfristig. Dies zeigt sich besonders deutlich in Bildungskarrieren: Arme Kinder besuchen seltener und später eine Kindertagesstätte, werden häufiger verfrüht oder verspätet eingeschult, wiederholen öfter Klassen, erhalten schlechtere Noten, auch bei gleicher Leistung, und wechseln häufiger auf eine Förderschule und seltener auf ein Gymnasium (vgl. Holz 2008 S. 485). Es zeigt sich: „Die Spielräume der Kinder, in angemessenen Umfang an Gesellschaft partizipieren zu können und am materiellen, sozialen und kulturellen Reichtum der Gesellschaft teilzuhaben, werden in vielen Fällen extrem eingeschränkt“ (Rahn und Chassé 2020, S. 12).

Besonderheiten im Kontext mit Kinder- und Jugendmedien

In der Literatur für Kinder und Jugendliche hat das Motiv eine lange Tradition (vgl. Führer 2020, S. 116; Roeder 2012, S. 58).  Die literaturwissenschaftliche Forschungslage lässt sich hingegen als rudimentär bezeichnen.

Vor allem in historischer Perspektive sind die erzieherischen Funktionen einer Literatur, die das Thema Armut verhandelt, hervorzuheben. Erst seit den 1870er-Jahren lassen sich auch sozialkritische Perspektiven ausmachen (vgl. Josting 2025, S. 8). In der Zwischenkriegszeit entwickelt sich eine klassendifferenzierte KJL aus polarisierten gesellschaftlichen Verhältnissen (vgl. Mikota 2025, S. 21). Die KJL der Nachkriegszeit findet in einem geteilten Deutschland statt. Auffällig ist, dass Armut in Kinder- und Jugendmedien beider Staaten lange Zeit ein eher randständiges Thema zu sein scheint, das mit Verdrängungstendenzen einhergeht (vgl. Josting 2025, S. 13).

Seit den 1980er-Jahren rückt Armut stärker in den Fokus einer problemorientierten Kinder- und Jugendliteratur. Über Armut zu sprechen, ist ein Politikum, weil stets Reichtum, Klassengegensätze und soziale (Un-)Gerechtigkeit mitreflektiert werden. Auch wenn Kinder- und Jugendliteratur sich seit jeher in unterschiedlichen Medien realisiert, verhandelt vor allem bildbasierte Literatur Motive der Armut und des Klassismus in den vergangenen Jahrzehnten vielfältig und zum Teil in drastischer Konkretisierung  (vgl. Ritter 2025, S. 31).

Nur wenige Kulturprodukte üben dabei Kritik an den hegemonialen Kulturvorstellungen bildungsbürgerlicher Provenienz – und richten damit einen selbstreflexiven Blick auch auf die eigenen diskursiven Verstrickungen im literarökonomischen System. Hervorzuheben ist in dieser Hinsicht Schnipselgestrüpp (2010) von Christian Duda und Julia Friese. Das von der Forschung stark rezipierte Bilderbuch (vgl. u. a. Führer 2020), dekonstruiert den ‚richtigen‘ Umgang mit bildungsbürgerlichen Leitmedien. Der gezeigte Eskapismus lenkt vom trüben Alltag in Armut ab, das Spiel mit Fremdheit gereicht aber nicht zur Bewältigungsstrategie (vgl. ebd., S. 122).

Armut wird in der aktuellen Literatur intensiv bearbeitet und auch die Forschung widmet sich zunehmend den Repräsentationen dieser sozialen Problematik. Heutige literarische Medien präsentieren ein breites Spektrum zwischen Stereotyp und Differenzierung. Nur selten wird dabei allerdings die (bildungs-)bürgerliche Wertperspektive gänzlich verlassen oder wirksam unterlaufen.

Literatur

Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung: Lebenslagen in Deutschland. Erster Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Berlin, 2001. In: armuts-und-reichtumsbericht.de. URL: https://www.armuts-und-reichtumsbericht.de/SharedDocs/Downloads/Berichte/lebenslagen-erster-armuts-reichtumsbericht.pdf?__blob=publicationFile&v=2, zuletzt aufgerufen am 08.04.2026.

Butterwegge, Christoph: Armut. Köln: PapyRossa, 2018.

DESTATIS: AROPE­Rate (Armuts­ oder Ausgrenzungsgefährdung) und ihre Teilindikatoren nach Geschlecht und Alter. Wiesbaden, 2026. In: destatis.de. URL: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Lebensbedingungen-Armutsgefaehrdung/Tabellen/arope-geschl-alter.html?templateQueryString=arope, zuletzt aufgerufen am 08.04.2026.

Duda, Christian/ Friese, Julia: Schnipselgestrüpp. Weinheim: Beltz, 2010.

Führer, Carolin: Prekäre Kindheit und Jugend. Soziale Frage(n) in kulturwissenschaftlicher und literaturdidaktischer Perspektive. In: Ökonomisches Wissen und ökonomische Bildung im Literaturunterricht. Hrg. von Nicole Mattern und Uta Schaffers. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren, 2020. S. 114–127.

Hauser, Richard: Das Maß der Armut: Armutsgrenzen im sozialstaatlichen Kontext – der sozialstaatliche Diskurs. In: Handbuch Armut und Soziale Ausgrenzung. Hrsg. von Ernst-Ulrich Huster, Jürgen Boeckh und Hildegard Mogge-Grotjahn. Wiesbaden: VS Verlag, 2008. S. 122–146. https://doi.org/10.1007/978-3-658-37806-6

Holz, Gerda: Kinderarmut und familienbezogene soziale Dienstleistungen. In: Handbuch Armut und Soziale Ausgrenzung. Hrsg. von Ernst-Ulrich Huster, Jürgen Boeckh und Hildegard Mogge-Grotjahn. Wiesbaden: VS Verlag, 2008. S. 483–500. https://doi.org/10.1007/978-3-658-37806-6

Josting, Petra: Armut in der historischen Kinder- und Jugendliteratur. In: Kjl&m 25.2 (2025), S. 3–15.

Leclerf, Marie: Armut in der Europäischen Union. Die Krise und ihre Folgen. In: europa.eu (2016). URL: https://www.europarl.europa.eu/RegData/etudes/IDAN/2016/579099/EPRS_IDA(2016)579099_DE.pdf, zuletzt aufgeruften am 08.04.2026.

Mahler, Daniel Gerzon/ Bloch, Kimberly: Behind the numbers: How we measure global poverty. In: worldbank.org (2025). URL: https://blogs.worldbank.org/en/opendata/behind-the-numbers--how-we-measure-global-poverty, zuletzt aufgerufen am 08.04.2026.

Mikota, Jana: Armut in der Kinder- und Jugendliteratur seit den 1990er Jahren. In: Kjl&m 25.2 (2025), S. 16–25.

Rahn, Sylvia/ Chassé, Karl August: Kinderarmut – Einleitende Überlegungen zu diesem Buch. In: Handbuch Kinderarmut. Hrsg. von Sylvia Rahn und Karl August Chassé. Opladen und Toronto: Barbara Budrich, 2020. S. 9-26.

Ritter, Alexandra: Armut im Bilderbuch. Historische und aktuelle Darstellungen von sozialer Not. In: Kjl&m 25.2 (2025), S. 26–36.

Roeder, Caroline: Von Westminster bis Walachei. Arm und Reich auf dem kinder- und jugendliterarischen Stadtplan. In: Der Deutschunterricht 5 (2012), S. 58–67.