Explikat
Comics haben in der Literaturdidaktik eine durchaus wechselhafte Behandlung erfahren. In den 1950ern wurden sie in der Bundesrepublik Deutschland noch als die Moral und den Intellekt gefährdende Druckerzeugnisse gehandelt, in einigen Städten wurden dementsprechend gar Comic-Verbrennungen inszeniert (vgl. Dolle-Weinkauff 1990, S. 97f.; S. 113–115). Heute gilt die Erzählform in der Literaturdidaktik gemeinhin als ernstzunehmende und potenzialreiche Kunstform. Sie wird – gerade in der Didaktik – häufig unter dem Begriff Graphic Novel besprochen. Der Terminus fungiert oft als „marktstrategische[s] Logo" (Grünewald 2020, S. 108) und soll die besondere literarische Qualität herausstellen (vgl. Eder 2016, S. 157). Der Begriff ist aber umstritten, da bisher keine trennscharfe Definition vorliegt (vgl. Möbius 2025, S. 7). In dem an Lehrkräfte gerichteten praxisorientierten Band Graphic Novels (2022) versuchen Hainmüller und Möbius Graphic Novels von Comics in Anlehnung an Eder (2016) durch folgende Merkmale abzugrenzen: 1. Sie verfolgen einen expliziten literarischen Anspruch. 2. Die einzelnen narrativen Elemente, wie Bild- und Schrifttexte, Layout und Panelformate werden spielerisch-experimentell verknüpft. 3. Sie sprechen Erwachsene an, während sich Comics zumeist an Kinder richten. 4. Sie sind i. d. R. nicht serialisiert und erscheinen als eigenständige Bücher. 4. Sie müssen nicht fiktional sein. 5. Eine selbstreflexiv-autofiktionale Erzählhaltung ist häufig anzutreffen. (vgl. Hainmüller und Möbius 2022, S. 10f.) Abel und Klein (2016) stellen die Graphic Novel als eigenes Format neben Formen und Genres wie Webcomics, Abenteuer- und Kriminalcomics, Superheldencomics und Graphic Memoirs. Abgrenzungsversuche wie diese stoßen schnell an ihre Grenzen. Problematisch an ihnen ist, dass beispielsweise auch ein Superheldencomic literarischen Anspruch erheben und ‚ernsthafter' sein kann. Alan Moores Superhelden-Epos Watchmen (1986/87) wird als „Superhelden-Graphic Novel" (Panini 2026) vermarktet, erschien zunächst aber als zwölfteilige Serie und erst später gesammelt als Hardcover im Buchformat. Hainmüller und Möbius betonen weiterhin, dass es sich bei Graphic Novels um ein Subgenre des Comics handelt (vgl. Hainmüller und Möbius 2022, S. 5), der sich laut Merkmalsliste jedoch an Kinder und Jugendliche richtet (vgl. ebd., S. 11). Hier liegt ein Wiederspruch vor. Problematisch an der fehlenden Trennschärfe ist, dass Lehrkräfte und Lernende beim Umgang mit dem Begriff im Literaturunterricht verunsichert werden können. In der Sekundarstufe II kann eine Diskussion des Terminus konstruktiv sein, doch vor allem in den niedrigen Jahrgangsstufen scheint es ratsamer, bei der Bezeichnung zu bleiben, die alle Formen inkludiert: Comics. Comics sind „narrative Bildfolgen" (Engelns 2025, S. 191) und lassen sich definieren als: „zu räumlichen Sequenzen angeordnete, bildliche oder andere Zeichen, die Informationen vermitteln und/oder eine ästhetische Wirkung beim Betrachter erzeugen sollen" (McCloud 2001, S. 17).

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über erzählerische Mittel des Comics:
| Erzählerisches Mittel | Beschreibung |
|---|---|
| Bildliche und nicht-bildliche Zeichen | Bilder (ikonische Zeichen), aber auch z. B. Linien, Buchstaben und Satzzeichen, Zahlen (symbolische Zeichen) |
| Abstraktionsgrad und Cartoonisierung |
Der Abstraktionsgrad beschreibt, wie stark die Verbildlichung von einer realistischen Darstellung abweicht, etwa indem Linien, Formen und Flächen und damit die Bestandteile der Zeichnungen besondere Aufmerksamkeit erfahren. Cartoonisierung: Das Dargestellte wird auf wenige wesentliche Aspekte reduziert, die durch die Stilisierung hervorgehoben werden (z. B. eine Frisur oder ein besonderes Kleidungsstück). Cartoonisierte Figuren ermöglichen eher eine Identifikation als realistisch gezeichnete Figuren. Außerdem richtet sich durch die Cartoonisierung die Aufmerksamkeit mehr auf die vermittelte Botschaft (z. B. die Handlung oder eine Stimmung) als auf die äußere Gestaltung des Boten. |
| Bildaufbau |
Hierbei finden Begriffe aus der Filmsprache Verwendung. Einstellungsgrößen beschreiben die Nähe und Distanz des Blicks auf das in den Panelausschnitten Gezeigte. Sie werden unterteilt in:
Der Bildaufbau beinhaltet die Position des Rezipierenden:
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| Farben | Farben können symbolische oder atmosphärische Funktionen haben |
| Darstellung von Bewegung und Zeit |
Die Vorstellung von Bewegung und Zeit wird transportiert durch:
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| Panelstruktur |
Das Verhältnis des Einzelpanels zur Buchseite wird mit folgenden Begriffen beschrieben.
Die Form, die Größe und die Farbe des Panels und des Panelrahmens spielen ebenfalls eine Rolle für die Rezeption. |
| Induktion/Closure |
Dies meint die gedankliche Füllung des gutters zwischen den Panels. Dabei beantwortet man, was sich von einem Panel zum nächsten ändert und was gleichbleibt. Mögliche Panelübergänge sind:
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| Text-Bild-Interdependenzen |
Das Zusammenspiel von Text- und Bildebene kann innerhalb eines Comics variieren. Dabei ist u. a. möglich:
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| Seitenlayout |
Die Anordnung der Panels auf einer Seite lenkt die Aufmerksamkeit und Blickrichtung. Das Verhältnis von Seitenlayout und Erzählung kann folgende Formen annehmen:
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Besonderheiten im Kontext von KJM
Das erworbene Wissen und die erworbenen Fähigkeiten im Bereich der Erziehung zur Literatur lassen sich im Kontext Kinder- und Jugendmedien für die Erziehung durch Literatur fruchtbar machen (und umgekehrt). Comicspezifische Erzählmittel beeinflussen die Wahrnehmung des Erzählten sowie die Bewertung des Wahrgenommenen, seien es Figuren, Handlungen oder von der eigenen Vorstellung abweichende Weltvorstellungen. Die adäquate Entschlüsselung der eingesetzten erzählerischen Mittel kann außerdem Bedingung dafür sein, kulturelles, historisches oder psychologisches Wissen fundiert aufzubauen und ästhetische Kreativität auszubilden. Die analysegeleitete Rezeption historischer Comic-Erzählungen wie Das Tagebuch der Anne Frank. Graphic Diary (2017) kann Geschichtsbewusstsein (vgl. Pandel 2022, S. 93f.) anregen. Das komplementäre Verhältnis von Text und Bild im folgenden Panel und die dadurch entstehende Leerstelle fordern dazu heraus, darüber nachzudenken, warum die auf der Bildebene dargestellte Institution Kirche als ein „schlimmere[s] Versteck[ ] als ein Erdloch im Wald“ bezeichnet wird und stößt eine Auseinandersetzung mit der Rolle der Kirche im Nationalsozialismus an.

Im abgebildeten Panel aus Das Tagebuch der Anne Frank. Graphic Diary (2017) wird durch den Satz „Nichts geht über den Geruch von Schiesspulver [sic!] am Morgen.“ ein intertextueller Verweis auf den Film Apocalypse Now (1979) auf Textebene gesetzt, durch den die Figur mittelbar charakterisiert wird (vgl. Ingermann 2022, S. 81f.) Der Verweis markiert außerdem, dass hierbei auf Bild- und Sprechblasenebene Elemente in die Darstellung von Anne Franks Tagebuch implementiert werden und dadurch das Tagebuch erweitert, kommentiert und neu gedeutet wird (vgl. ebd., S. 77–82). Die unterrichtliche Thematisierung eines multimodalen Texts wie dem Comic kann fürderhin grundsätzlich die ‚visual literacy‘ (vgl. Kümmerling-Meibauer 2012, o. S.) fördern, also die Entschlüsselung von Symbolen und Zeichen in Bildern. Eine Kompetenz, die in der gegenwärtigen visuell geprägten Mediengesellschaft unabdingbar ist und einen kritischen Umgang mit den oft oberflächlich rezipierten visuellen Botschaften fördert.
Damit bei der Behandlung von Comics die Ziele des Literaturunterrichts – insbesondere das „Lernen über Literatur“ und das „Lernen für [das Verstehen von] Literatur“ (Zabka et al. 2022, S. 37) – erreichbar sind, sollten folgende Punkte in der Unterrichtsvorbereitung bedacht werden:
- Die Lehrkraft sollte über ‚Comic-Kompetenz‘ verfügen und die Spezifika des Erzählens im Comic durchdrungen haben.
- Die Lernenden müssen zunächst mit der speziellen Erzählweise des Comics vertraut gemacht werden, damit eine Auseinandersetzung mit Multimodalität gelingen kann.
- Alle grundlegend erzählenden Elemente des Comics müssen in den Unterricht einbezogen werden. Weder darf sich nur auf die Bildebene, noch nur auf die Textebene oder nur auf beide voneinander unabhängig bezogen werden. Das Verhältnis von Text und Bild sowie die Panelübergänge sind also für eine multimodale Comicanalyse einzubeziehen.
- Der gewählte Comic muss visuell, inhaltlich und intellektuell ansprechend sein. Die Rezipierenden dürfen vom Comic hinsichtlich des Inhalts und der eingesetzten Erzählmittel jedoch nicht unter- oder überfordert werden. Dementsprechend sind die individuellen Lernvoraussetzungen der Lerngruppe zu berücksichtigen und ggfs. Hilfestellungen (Steinmetz 2026) zu integrieren.
Literatur
Dolle-Weinkauff, Bernd: Comics. Geschichte einer populären Literaturform in Deutschland seit 1945. Weinheim/ Basel: Beltz, 1990.
Eder, Barbara: Graphic Novels. In: Comics und Graphic Novels. Eine Einführung. Hrsg. von Julia Abel und Christian Klein. Stuttgart: Metzler, 2016. S. 156–168.
Engelns, Markus: Comic und Graphic Novel. In: Einführung in die Kinder- und Jugendmedien. Band 2. Didaktik. Hrsg. von Stefanie Jakobi, Tobias Kurwinkel, Michael Ritter, Philipp Schmerheim und Franziska Thiel. Tübingen: Narr, 2025. S. 191–209.
Folman, Ari/ Polonsky, David: Das Tagebuch der Anne Frank. Graphic Diary. Frankfurt am Main: Fischer, 2017.
Fritzsche, Joachim: Zur Didaktik und Methodik des Deutschunterrichts. Band 3: Umgang mit Literatur. Stuttgart: Klett, 1994.
Grünewald, Dietrich: Rezeptionskompetenz als Grundlage für den Umgang mit Comics. In: Comics in der Schule. Theorie und Unterrichtspraxis. Hrsg. von Markus Engelns, Ulrike Preußer und Felix Giesa. Berlin: Ch. A. Bachmann, 2020. S. 105–130.
Magirius, Marco/ Scherf, Daniel: Graphic Novels: Comics mit Kunstanspruch? Graphic Novels als Gegenstände literarischen Lernens. In: Deutsch 5–10, H. 80. Hannover: Friedrich Verlag 2024. S. 4–7.
McCloud, Scott: Comics richtig lesen. Die unsichtbare Kunst. Veränderte Neuausgabe. Hamburg: Carlsen, 2001.
Möbius, Thomas: Zur Einführung. In: Graphic Novels und Comics im Literaturunterricht. Analysen und didaktische Perspektiven. Hrsg. von Thomas Möbius und Janika Frei-Kuhlmann. Berlin: Peter Lang, 2025. S. 7–12.
Packard, Stephan/ Rauscher, Andrea/ Sina, Véronique/ Thon, Jan-Noël/ Wilde, Lukas R. A./ Wildfeuer, Janina: Comicanalyse. Eine Einführung. Stuttgart: J. B. Metzler, 2019.
Pandel, Hans-Jürgen: Geschichtsbewusstsein. In: Wörterbuch Geschichtsdidaktik. Hrsg. von Ulrich Mayer, Hans-Jürgen Pandel, Gerhard Schneider und Bernd Schönemann. Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag, 2022. S. 93–94.
Steinhöfel, Andreas/ Garanin, Melanie: Völlig meschugge?! Hamburg: Carlsen, 2022.
Steinmetz, Michael: Aufgaben im Literaturunterricht. https://www.kinderundjugendmedien.de/images/fachlexikon/fachdidaktik/pdf/Aufgaben_Steinmetz.pdf
Zabka, Thomas: Ziele im Literaturunterricht. https://www.kinderundjugendmedien.de/images/fachlexikon/fachdidaktik/pdf/Zabka_Ziele_final_.pdf
Zabka, Thomas/ Winkler, Iris/ Wieser, Dorothee/ Pieper, Irene: Studienbuch Literaturunterricht. Unterrichtspraxis analysieren, reflektieren und gestalten. Hannover: Friedrich Verlag, 2022.