Lieber Christian, dein aktueller Jugendroman Wenn die Welt unsere wäre (2025 bei dtv erschienen) erzählt die Lebensgeschichten dreier Jugendlicher, die in unterschiedlichen Zeiten leben: im Dritten Reich, in der DDR und in der Gegenwart der Bundesrepublik Deutschland. Was verbindet diese drei Epochen miteinander?

Es waren und sind Zeiten großer Umbrüche. Und es ist nicht irgendeine Art Vorsehung oder das Schicksal, was handelt. Sondern es sind konkrete Menschen, die konkrete Entscheidungen treffen. Die Geschichte kann jederzeit ihre Richtung ändern. Wenn ich mich zum Beispiel an das unfassbare Glück des Mauerfalls erinnere und den unschätzbaren Mut der Menschen in der DDR, dann lässt mich das Hoffnung schöpfen.

Die Frage danach, was Freiheit ist, muss je nach Epoche und Denkweise wohl unterschiedlich beantwortet werden. Was ist für dich Freiheit?

Freiheit ist nicht nur was Persönliches, sondern es betrifft uns alle als Gemeinschaft. Es gibt diesen Satz: „Niemand ist frei, solange nicht alle frei sind.“ Das empfinde ich tatsächlich so.

Wie gefährdet unsere Freiheit war, ist und sein wird, zeigst du seit Beginn deines Schaffens in deinen Geschichten und Figuren immer wieder auf. Ist deine Arbeit als Autor und Literaturvermittler auch ein Stück weit politisch und aufklärerisch motiviert?

Nein, nicht primär, sonst müsste ich eigentlich Sachbücher schreiben. Ich möchte einfach das, was mich bewegt, in Form von Geschichten mit Anderen teilen. In der Hoffnung, dass Lesende dadurch inspiriert werden, auch über ihre eigenen Geschichten nachzudenken. Und über das, was sie jeweils bewegt. Aus Lesungen weiß ich, dass ein und dieselbe Geschichte bei verschiedenen Menschen ganz unterschiedliche Resonanzen hervorruft. Das liebe ich sehr an meiner Arbeit.

Dein Science-Fiction-Abenteuerroman Boy from Mars – Auf der Jagd nach der Wahrheit spielt im Jahr 2099 nach einer schweren Klimakrise auf der Erde. Der 13-jährige Protagonist Jonto ist in einer Kolonie auf dem Mars aufgewachsen und reist nun zum ersten Mal auf die Erde. Im Gepäck hat er Hinweise seines Großvaters auf eine Art Supergenerator. Was hat es mit dieser Superwaffe auf sich?

Was es mit dem mysteriösen Future Boost genau auf sich hat, kann ich natürlich nicht spoilern, sonst verrate ich zu viel. Aber irgendwie ist das Teil auch einfach ein McGuffin – also ein Ding, das die Handlung vorantreibt und das dafür sorgt, dass verschiedene Menschen einander begegnen. Freundschaft, Vertrauen, Verrat und Enthüllungen – und das vor der Kulisse einer Erde, deren Bewohner*innen nach vielen apokalyptischen Katastrophen inzwischen zur Besinnung gekommen sind und eine neue, bessere Welt aufbauen wollen.

Wir werden tagtäglich überflutet von Nachrichten, die uns über Krieg, Armut, Umweltkatastrophen oder technischen Innovationen informieren. In einer Kommunikationskultur, die auf Snapchat, TikTok und Co. gelebt wird, fällt es insbesondere Kindern und Jugendlichen immer schwerer zu kanalisieren, welche dieser Informationen wirklich wichtig sind, wie sie einzuordnen sind und welche Auswirkungen sie auf das eigene Leben haben. Wie kann Kinder- und Jugendliteratur positiv darauf einwirken?

Das Wichtigste scheint mir zunächst, dass junge Menschen stabile Beziehungen zu authentischen Menschen erleben können. Sei es in der Familie, in der Peergroup, im Sportverein oder wo auch immer. Literatur kann da ein Hilfsmittel unter vielen sein. Ihre Stärke ist vielleicht, dass wir beim Lesen wieder üben können, uns selbst zu entschleunigen und uns mit Tiefe und Empathie auf eine Geschichte einzulassen, auf ein Thema, auf Figuren mit ihren Konflikten und Sehnsüchten. Das hilft uns, hinter die Fassaden zu blicken und Themen auf den Grund zu gehen.

Auch in Social Media werden Geschichten erzählt. Für Jugendliche bietest du (mit Kooperationspartnerinnen und -partnern) immer wieder Schreibworkshops an. Wie sind deine Workshops aufgebaut und welche Erfahrungen machst du mit Heranwachsenden in einer Gegenwart, in der Hausaufgaben von KI-Chatbots erledigt werden und für die Ausbildung kreativer Schreibfähigkeiten und -fertigkeiten in Schule nur (noch) wenig Raum bleibt?

Vor allem geht es genau um das, was du sagst: nämlich Räume zu öffnen, wo sich Kreativität entfalten kann. Schreibworkshops sollen ein Safe Space sein, wo du Inspiration und Struktur bekommst, um deine eigene Sprache zu entdecken; dein Thema, deine Story – nicht zuletzt dein Publikum. Denn die Workshops leben auch von Resonanz, von Feedback und sind insofern eine Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Letzteres gehört meiner Meinung nach zu den Sachen, die wir Menschen ganz dringend brauchen. Vielleicht aktuell mehr denn je.

In deinem neusten Jugendroman Fische sind scheiße (erscheint im März 2026 bei dtv) schreibt Till auf Anraten von Selim alles auf, was er erlebt hat. Ist Schreiben eine gute Therapie, Christian?

Nein, denn niemand kann sich selbst therapieren. Aber Schreiben ist natürlich Selbstreflexion. Egal, ob wir autobiografisch oder autofiktional oder – scheinbar – komplett fiktional schreiben. Ich werbe aber immer auch dafür, dass Schreiben nicht unbedingt einen Zweck erfüllen muss. Schreiben ist einfach toll und hat einen eigenen Wert – an und für sich.

interview linker schreibworkshopChristian Linker (2.v.l.) bei einem seiner Schreibworkshops, Foto: Giorgio Morra.

Einige deiner Romane wurden von der Plattform boys & books als Top-Titel prämiert. Wie müssen fiktionale Texte beschaffen sein, die potenzielle Nichtleser für das Medium Buch begeistern wollen?

Ich finde, dass sich Romane auf Augenhöhe mit den Lesenden bewegen müssen. Egal, ob die Person schon dreimal alle Harry-Potter-Bände gelesen hat oder zum ersten Mal im Leben ein Buch in die Hand nimmt. Vielleicht sollten wir dabei den großen Anspruch zurückstellen, dass wir generell fürs Lesen begeistern wollen. Vielleicht reicht es erst mal, die Lesenden zu einer einzigen, ganz konkreten Geschichte einzuladen. Das wäre fair. Kinder und Jugendliche spüren ja schnell, wenn man sie zu irgendetwas „kriegen“ will. Ich freue mich, wenn jemand ein Buch mag; und das sollten wir nicht daran messen, ob die Person jemals noch ein zweites Buch liest oder aber eben nicht. Wenn Kinder und Jugendliche dann aber die Erfahrung machen, dass Lesen doch ganz spannend, bereichernd, unterhaltsam ist, und wenn sie anschließend mehr wollen – na, dann um so besser. Ich glaube, dass die vielen wunderbaren Bücher, die die Expertenjury von boys & books halbjährlich auswählt, für genau diesen Ansatz stehen können.

Lieber Christian, herzlichen Dank für das Interview und viel Erfolg für deine anstehenden Projekte.

 

Nachweis:

Porträtfoto: © Barbara Dünkelmann