Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Kinder- und Jugendbuchillustratorin zu werden?

Ich habe eigentlich nicht zu träumen gewagt, dass ich Kinder- und Jugendbuchillustratorin werden könnte. Ich habe Visuelle Kommunikation in Weimar studiert und mit der Zeit gemerkt, dass das doch ein Weg sein kann. Begabte Menschen in meinem Umfeld haben erste Bücher illustriert und irgendwann hatte ich auch die ersten Anfragen für Buchillustration und hatte großen Spaß daran.

Wie schwer ist es, sich als Illustratorin im Kinder- und Jugendbuchmarkt einen Namen zu machen? Mit welchen Strategien ist Ihnen dies gelungen?

Es ist schwer und man kann es nicht forcieren. Mein Motto ist immer "Go with the Flow". Erst einmal mußt du einen Fuß in die Tür der Verlagswelt bekommen, aber hat man dann die Gelegenheit ein erstes Buch zu machen, ist es das beste Aushängeschild für weitere Projekte und so kommt meist eins zum anderen. Und man muss die Menschen finden, die sich für die gleichen Sachen begeistern wie man selbst, so kann aus einer tollen Idee dann wirklich ein Buch werden.

In dem Bilderbuch Mascha Kalékos leuchtende Jahre, das sie zusammen mit der Autorin Veronika Wiggert publiziert haben, integrieren Sie Zitate aus Maschas Gedichten in ihre kollagenartigen Illustrationen. Wie sind Sie auf diese kreative Idee gekommen?

Ich liebe den Interpretationsspielraum, den der spielerische Umgang mit Sprache in Gedichten darstellt, und diese Offenheit wollte ich in die Art der Illustration übertragen. Außerdem sollte das Buch Mascha Kalékos Geist atmen. Da wir nur die Rechte an vier Gedichten hatten, habe ich versucht, viele Zitate aus weiteren Gedichten bildlich in die Illustrationen einzubauen und habe so ein paar "Easter Eggs" für Kenner ihrer Gedichte in den Illustrationen versteckt.

Die Illustrationen aus ebendiesem Bilderbuch scheinen Mascha wieder lebendig werden zu lassen. Wie sind Sie bei der Recherche über Mascha Kaléko vorgegangen?

Ich habe viel gelesen und mir Bilder aus der Zeit und ihren Zeitgenossen angeschaut. Es gibt in Berlin auch eine kleine Ausstellung über das Romanische Café, die ich mir angeschaut habe. Veronika Wiggert, die Autorin des Buches, ist sehr tief in das Thema eingestiegen, und ich konnte sie alles fragen.

In Ihrer aktuellen Graphic Novel Zeichen setzen gegen Hitler beleuchten Sie die mutigen Taten des gegen die Nazis Widerstand leistenden Schülers Walter Klingenbeck. Wie sind Sie als Berlinerin auf dieses eher weniger bekannte  Schicksal eines Münchner Lokalhelden gestoßen?

Das war Zufall; Veronika Wiggert mit der ich schon 3 Bücher gemeinsam gemacht habe, wohnt in der Maxvorstadt in München und kannte Hermann Höfler aus der Gemeinde Sankt Ludwig, zu der Walter Klingenbeck gehört hatte. Herr Höfler ist schon seit Jahren sehr bemüht gewesen, die Geschichte von Walter Klingenbeck zu vermitteln, und hatte die Idee, dass eine Graphic Novel ein sehr geeignetes Medium wäre, um vor allem Jugendlichen die Geschichte nahe zu bringen. Für mich war das eine sehr spannende Aufgabe, und wir hatten das Glück einen Verlag [St. Michaelsbund; Anm. d. Red.] von der Idee überzeugen zu können.

In der gerade genannten Graphic Novel spielt auch Farbgebung eine besondere Rolle. Können Sie uns Ihr Konzept dazu erläutern?

Ich mag diese reduzierte Farbgebung, das bietet sich bei dem Projekt an, es spielt in der Vergangenheit und man hat so eine Reduktion auf das Wesentliche. Der Sepiafarbton ist angelehnt an alte Fotos. Da eine Graphic Novel aus sehr vielen Einzelbildern besteht und selbst bei dem Vorliegenden, der ja nicht all zulang ist, ist es auch vom Arbeitsprozess eine Zeitersparnis, wenn man nicht alles bis ins letzte Detail durchkoloriert. Sehr spitzfindigen Leserinnen und Lesern wird aufgefallen sein, dass auf der letzten Doppelseite, wo die Eltern erfahren, dass ihr Sohn wirklich umgebracht wurde, die Sonderfarbe nicht passgenau ist. Das war eine bewusste Entscheidung. Mit dieser Nachricht fällt die Welt der Familie Klingenbeck auseinander, die Koloration fällt dann auch aus ihren Fugen und sitzt verrutscht im Bild.

Mascha Kaléko und Walter Klingenbeck – beides Menschen, die sehr stark unter den Nationalsozialisten gelitten haben und sogar gestorben sind. Was macht für Sie den Reiz aus, Opfer des Dritten Reichs in den Fokus ihrer Arbeit zu stellen?

Das liegt vermutlich daran, dass es die schlimmste Zeit der jüngeren Vergangenheit ist, die uns auf vielen Ebenen immer wieder neu schockiert und bewegt. Meine Oma ist 1911 geboren und hat mir als kleines Mädchen noch von dieser Zeit erzählt. Und viele sagen, dass die damaligen politischen Entwicklungen viele Parallelen zu heute haben, das sehe ich auch so. Es ist also immer die Hoffnung, etwas Wesentliches aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Durch die Beschäftigung mit einzelnen Biographien merkt man, dass diese Menschen auch unbeschwert und anfangs voller Träume  waren und viel mit uns gemein haben, man baut eine richtig emphatische Verbindung auf. Ich denke, es ist wichtig, dass wir Mitgefühl und Menschlichkeit üben, das ist die Grundlage für Frieden.

Welche Ziele haben Sie für die Zukunft, gerade auch mit Blick auf die Kinder- und Jugendliteratur?

Ich würde gern auch andere Zeiten näher beleuchten, es gibt gerade so viele Baustellen in der Welt aber auch im Zusammenhalt in unserem Land. Den Blickwinkel immer wieder zu verändern und andere Perspektiven einzunehmen, ist fundamental wichtig für ein friedliches Miteinander. Ich hoffe, dass Bücher an dieser Stelle ihren Teil dazu beitragen können.

 

Vielen Dank für Ihre authentischen Antworten und viel Erfolg für die Zukunft! Folgendes Bild entstand bei dem Live-Zeichnungs-Event: 

Bild Kalekos Leben klein

Zentale Stationen in Mascha Kalékos Leben © Marie Geissler 2026