Wie bist du auf die Idee gekommen, Übersetzerin, Lektorin und Autorin zu werden?

Eigentlich bin ich nie auf die Idee gekommen, Lektorin und Übersetzerin zu werden. Bücher haben immer einen wichtigen Platz in meinem Leben eingenommen, ganz besonders gute Kinderbücher. Also war es nur logisch, dass ich nach meinem Studium eine Zeit lang im Lektorat eines Kinderbuchverlages gearbeitet habe. Alles andere, die Tätigkeit für Belletristikverlage, die vor allem Bücher für Erwachsene publizieren, und das Übersetzen – das ist ganz natürlich entstanden, sozusagen gewachsen.

Du bist für viele renommierte Verlage tätig. Wie wählst du die Verlage aus?

Meistens wählen die Verlage mich aus. Viel Spielraum gibt es da nicht. Oft geht es um persönliche Kontakte, also darum, wen ich kenne und mit wem ich bereits gut zusammengearbeitet habe … Und dann spielt auch immer die Zeit eine Rolle. Wenn ich bereits ein größeres Projekt auf dem Tisch liegen habe, muss ich manchmal wirklich spannende Texte ablehnen. 

Deine Bandbreite an Buchprojekten, die du bereits betreut hast, ist unglaublich groß: Von Tierbüchern über Tik-Tok-Trend-Romane bis hin zu Romanen über Holocaustüberlebende. Wie wählst du deine Buch-Projekte aus?

Auch hier sind meine eigenen Möglichkeiten begrenzt. Natürlich habe ich meine Schwerpunkte, aber wenn mir ein Projekt für einen bestimmten Zeitraum angeboten wird, für den ich noch Arbeit gesucht habe, lasse ich mich oft auf neue Themen ein.

Was sind deine Lieblingsthemenfelder?

Ich beschäftige mich am liebsten mit Texten, die gut zu lesen sind und zugleich wichtige Impulse geben. Das können Kinder- und Jugendbücher sein, aber auch ernste Bücher für Erwachsene. Gar nicht selten finde ich das derzeit auch bei fantastischen Stoffen, zum Beispiel im Bereich der queeren Literatur.

Welche literarischen Themenfelder findest du weniger spannend, mit denen du dich deines Berufs wegen trotzdem auseinandersetzen musst?

Das gibt es natürlich auch immer wieder, dann sind meine persönlichen Herausforderungen aber nur andere. Schließlich gewinnen gerade solche Texte durch ein gutes Lektorat oder eine gute Übersetzung besonders.

Was war bislang dein Lieblingsprojekt?

Ein einziges Lieblingsprojekt habe ich nicht. Sehr gern mag ich zum Beispiel das Buch der südafrikanischen Autorin Elana Bregin, das ich vor ein paar Jahren übersetzt habe. Es erzählt die Fluchtgeschichte eines kongolesischen Jugendlichen, der in Südafrika von einer älteren Frau aufgenommen wird (Der Junge, der sein Herz wiederfand, blanvalet 2023; Erg. d. R.). Auch das Kinderbuch über den chinesischen Affenkönig Wukong von Sandra Reiser (Huang 2024; Erg. d. R.), das ich lektoriert habe, gehört zu meinen Lieblingen.

Was ist dein interessantestes aktuelles Projekt, sofern du schon etwas verraten darfst?

Derzeit sitze ich gerade an der Übersetzung einer spannenden Zeitreisegeschichte. Danach wird mich ein Roman in die USA der 1920er Jahre entführen – langweilig wird mir nicht werden.

Wieviele Projekte laufen bei dir in der Regel parallel oder fokussierst du dich stets eher auf eines?

Bei umfangreichen Übersetzungen bemühe ich mich schon, mich ganz darauf zu konzentrieren. Das ist beim Lektorieren und bei kürzeren Texten etwas anders.

Wie kann man sich die Zusammenarbeit mit Verlagen genau vorstellen? Wer sind z. B. deine Ansprechpartnerinnen und -partner in den Verlagen?

Angefragt werde ich eigentlich immer von den Verlagslektorinnen. Ich verwende hier übrigens bewusst die weibliche Form, denn das sind ganz überwiegend Frauen. Von ihnen bekomme ich erste Informationen und mit ihnen kläre ich die Rahmenbedingungen.

Empfindest du KI als eine Bedrohung für deinen Job oder eher als eine Bereicherung?

Ganz klar als beides. KI durchdringt ja alle meine Arbeitsbereiche bereits und es gibt viele Aspekte dieses Themenfelds zu klären. Das würde dieses Interview aber sprengen. Deshalb vielleicht nur ein Gedanke, der mich im Moment oft beschäftigt: Durch die Entwicklung von KI-Systemen bietet sich uns Übersetzerinnen und Lektorinnen die Chance, unsere wertvollen Tätigkeiten mehr in der Öffentlichkeit darzustellen und zu erklären, was unsere Arbeit ausmacht. Diese Möglichkeit sollten wir nutzen!

 

Vielen Dank für das Interview! Wir freuen uns nicht nur auf die von dir betreute Zeitreisegeschichte, sondern auch auf den angesprochenen historischen USA-Roman.

 

Bildnachweis:

Rechteinhaberin des Portraitfotos von Regina Jooß: (c) Barbara Hartmann