Liebe Lena, kannst Du kurz erzählen, wie die Arbeit von BÜCHERALARM aussieht?
Vielseitig! BÜCHERALARM ist als Bildungsinitiative im gesamten DACH-Raum aktiv mit einer Vielzahl von zeitgemäßen und passgenauen Formaten für Heranwachsende im Alter von drei bis 18 Jahren. Wir bringen Kinder und Jugendliche mit Büchern und deren UrheberInnen in spannenden Podcast-Formaten zusammen. Unsere jungen PodcasterInnen lesen aktuelle Kinder- und Jugendliteratur, entwickeln eigene Fragen, führen Interviews und produzieren daraus spanende Audioformate. Im Gespräch mit AutorInnen, ÜbersetzerInnen, IllustratorInnen oder LektorInnen entdecken Heranwachsende bei uns die Geschichten hinter der Geschichte. So verbinden wir Leseförderung, Medienbildung und kulturelle Teilhabe. Kurz gesagt: Bei uns lesen Kinder nicht nur Bücher – sie machen daraus Hörerlebnisse. Und die kann man bei allen Streaming-Diensten hören.
Wie sieht die Zusammenarbeit von BÜCHERALARM mit Verlagen und Autor aus?
Unsere Verlagspartner verstehen sich als Möglichmacher. Sie stellen Bücher zur Verfügung, vermitteln Kontakte zu den UrheberInnen und unterstützen unsere Arbeit auch finanziell. Für viele AutorInnen ist es ein besonderer Perspektivwechsel, wenn Kinder nicht Gegenstand, sondern Gastgeber eines Literaturgesprächs sind. Oft entstehen dabei überraschend kluge Fragen und neue Sichtweisen auf die eigenen Bücher.
Wie kam es zur Idee, Kinder und Jugendliche über Podcasts zum Lesen zu motivieren?
Die Idee entstand während des ersten Lockdowns aus einer einfachen Beobachtung: Es fehlt besonders an Schulen an zeitgemäßen Angeboten, die Kinder wachsen lassen. Kinder erzählen und gestalten gerne und wollen gehört werden. Warum also Lesen nicht mit einem Medium verbinden, das Teil ihrer digitalen Lebenswirklichkeit ist? Podcasts schaffen einen authentischen Kommunikationsraum. Das Buch wird dabei zum Ausgangspunkt für etwas Eigenes und genau darin liegt oft die Motivation.
Gründerin Lena Stenz (vorne Mitte) mit den BÜCHERALARM-Botschafterinnen, die bundesweit in Kitas, Schulen und Bibliotheken unterwegs sind. Foto: BÜCHERALARM.
Welche Veränderungen beobachtest du konkret bei Kindern und Jugendlichen, wenn sie durch BÜCHERALARM mit Literatur arbeiten? Verändert sich ihr Zugang zum Lesen spürbar?
Ja, und oft verblüffend intensiv! Viele Kinder lesen zunächst, weil sie „einen Podcast machen wollen“. Irgendwann merken sie, dass sie lesen, um Fragen zu entwickeln, Zusammenhänge zu verstehen oder den Menschen hinter der Geschichte herauszufordern. Das Medium Buch wird vom Unterrichtsgegenstand zum Gesprächspartner. Besonders beeindruckend ist, wie Kinder beginnen, Literatur als etwas wahrzunehmen, das mit ihrem eigenen Leben zu tun hat, und dabei oft über sich selbst hinauswachsen.
Viele Studien zeigen, dass Lesemotivation stark von Selbstwirksamkeit abhängt. Welche Rolle spielt es aus deiner Sicht, dass Kinder bei Euch selbst zu Produzentinnen und Produzenten werden?
Eine zentrale Rolle. Bildungsforschung zeigt immer wieder, dass Motivation steigt, wenn Menschen erleben, dass ihr Handeln Wirkung hat. Bei BÜCHERALARM produzieren Kinder etwas, das veröffentlicht und gehört wird – inzwischen über 2 Millionen Mal! Kinder erleben sich nicht als Konsumenten, sondern als Gestalter. Dieses Gefühl von Selbstwirksamkeit wirkt oft weit über das Lesen hinaus.
Erreichen du und dein Team mit BÜCHERALARM auch Kinder, die sich selbst nicht als „Leserinnen“ oder „Leser“ bezeichnen würden? Und wenn ja: Was macht ausgerechnet dieses Format für sie so attraktiv?
Tatsächlich erreichen wir gerade diese Kinder leichter. Wer sich nicht als Leser versteht, sieht sich oft aber sehr wohl als Podcaster, Interviewer oder Medienmacher. Der Zugang erfolgt über Neugier, Kreativität und Teamarbeit. Das Buch steht nicht am Ende der Motivation, sondern am Anfang eines spannenden Projekts. Das senkt Schwellenängste und öffnet Türen. Ein besonderer Fokus unserer Arbeit liegt sogar auf Kindern, die sich mit dem Lesen besonders schwertun und im Podcast-Projekt in vielen Fällen erstmals überhaupt eine schöne Leseerfahrung sammeln.
Medienkompetenz im Fokus: Techisches Set-up und Audioschnitt runden das Lese-Erlebnis mit BÜCHERALARM in der Grundschule ab. Foto: BÜCHERALARM.
Wie gehst du mit der Herausforderung um, Leseförderung in einer zunehmend digitalen und visuell geprägten Medienwelt attraktiv zu gestalten, ohne das Buch selbst in den Hintergrund treten zu lassen?
Ich sehe darin weniger einen Widerspruch als eine Chance. Kinder wachsen heute selbstverständlich in unterschiedlichen Medienwelten auf. Erfolgreiche Leseförderung muss diese Lebenswirklichkeit ernst nehmen. Bei BÜCHERALARM nutzen wir digitale Medien nicht als Konkurrenz zum Buch, sondern als Brücke zum Buch. Ohne Lesen kein Podcast – aber durch den Podcast bekommt das Lesen einen zusätzlichen Sinn. Dabei ist das auditive Medium eine ganz bewusste Wahl, um das Zuhören, Sprechen und Verstehen in einer visuell geprägten Umwelt zu fördern.
Welche Herausforderungen hast du beim Aufbau von BÜCHERALARM erlebt – sowohl konzeptionell als auch organisatorisch?
Das Konzept stand eigentlich vom ersten Podcast an. Eine Gründung im Bildungsbereich ist die eigentliche Herausforderung. Anfangs musste ich natürlich schon aufklären und beweisen, dass Podcasting und Leseförderung ein wunderbares Paar sind. Und dennoch machen aktuell noch viel zu wenige Schulen, Kitas und Büchereien mit und wir müssen weiterhin Partnern finden, die unsere ambitionierte Mission auch finanziell unterstützen. Denn in Schulen und Kindergärten mangelt es viel zu oft an Ressourcen.
BÜCHERALARM wurde mit dem Hessischen Gründerpreis ausgezeichnet. Wie hast Du die Auszeichnung erlebt, und was hat sie für dich persönlich und für BÜCHERALARM bewirkt?
Die Auszeichnung war vor allem eine Anerkennung für die Idee, Bildung und Innovation zusammenzudenken. Persönlich hat sie mir gezeigt, dass gesellschaftliche Projekte nicht nur pädagogisch, sondern auch unternehmerisch relevant sein können. Für BÜCHERALARM hat sie Sichtbarkeit geschaffen und neue Türen geöffnet.
Welche Bedeutung haben solche Auszeichnungen für die Wahrnehmung von Leseförderung als gesellschaftliche Aufgabe und für zukünftige Partnerinnen und Partner?
Auszeichnungen machen sichtbar, was im Bildungsbereich oft im Verborgenen geschieht. Sie signalisieren potenziellen Partnern, dass Leseförderung kein Nischenthema ist, sondern eine gesellschaftliche Zukunftsaufgabe. Gleichzeitig stärken sie das Vertrauen in innovative Ansätze. Neue Partner sind daraus bislang leider noch nicht hervorgegangen, aber ich bleibe dran.
Du planst, BÜCHERALARM weiter auszubauen. Wie sehen die nächsten Schritte konkret aus und welche Visionen verfolgst du dabei?
Unsere Vision ist, dass jedes Kind die Chance erhält, Literatur aktiv mitzugestalten – unabhängig von Wohnort, Herkunft oder Bildungsbiografie. Dafür bauen wir unsere Angebote auch über die Grenzen Deutschlands hinweg weiter aus. Wir sind zum Beispiel an einer deutschen Schule in Dänemark – da heißen wir BOGALARM. Außerdem entwickeln wir neue Formate an der Schnittstelle von Lesen und Medienbildung und stärken Kooperationen mit Schulen, Bibliotheken und Kultureinrichtungen. Dazu passt auch unserer Sonderreihe „Starke Stimmen für die Demokratie“, die wir im vergangenen Jahr gestartet haben und hoffentlich weiterführen können. Reinhören lohnt sich, denn wenn Kinder durch Bücher ihre eigene Stimme finden, haben wir viel erreicht. Wenn sie diese Stimme nutzen, um die Welt mitzugestalten, noch mehr.
Liebe Lena, herzlichen Dank für das Interview und viel Erfolg auf dem weiteren Weg von BÜCHERALARM.
Nachweis:
Porträtfoto: © BÜCHERALARM.