Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit sind Biographien von berühmten Persönlichkeiten. Wie sind Sie darauf gekommen?
Auf Anregung eines Freundes habe ich ein Jugendbuch geschrieben und bin dadurch in Kontakt mit dem Verlag Beltz & Gelberg gekommen. Dort gab es eine Biographie-Reihe und man fragte mich, ob ich nicht ein Buch über den Weltreisenden Georg Forster, der Ende des 18. Jahrhunderts lebte, schreiben wolle. Da mir Forster bekannt war, sagte ich zu. Es zeigte sich, dass mir die Kombination von Recherchieren und Schreiben lag. Und so folgten noch weitere Biographien.
Ihre Biographien erscheinen bisweilen doppelt, wie z.B. bei der über Martin Luther King, einerseits als Ausgabe für Erwachsene und andererseits als Ausgabe für Heranwachsende. Wie unterscheiden sich diese?
Durch mein Buch über Hermann Hesse, dem Idol meiner Jugend, kam ich in Kontakt mit Volker Michels, der beim Suhrkamp Verlag den Nachlass Hesses betreut. Michels sorgte dafür, dass das Buch von seinem Verlag übernommen wird und seither erscheinen die meisten meiner Biographien, die ursprünglich für Jugendliche gedacht sind, auch als Taschenbuch für Erwachsene bei Suhrkamp/Insel. Die Cover sind je nachdem für eine jugendliche oder eine erwachsene Leserschaft ausgerichtet. Inhaltlich unterscheiden sie sich nicht. Sie sind textgleich. Was meine Bücher meiner Meinung nach sowohl für jugendliche als auch für erwachsene LeserInnen geeignet macht, ist, dass sie gut lesbar, verständlich und gleichzeitig anspruchsvoll sind.
Die Persönlichkeiten, über die Sie schreiben, sind höchst unterschiedlich (von Jesus bis Martin Luther King). Wie arbeiten Sie sich immer wieder neu in komplexe Menschenbilder ein?
Der Garten des Menschlichen ist groß. Und ich möchte durch meine Auswahl zeigen, wie unterschiedlich Menschen sein können. Darum habe ich neben religiösen Gestalten wie Jesus auch über eine Figur wie Joseph Goebbels, den Propagandaminister Hitlers, geschrieben – ebenfalls für Jugendliche. Sie sollen durch das Buch verstehen, wie Propaganda funktioniert und wie Wahrheit zu Lüge verdreht wird.
Grundsätzlich muss von einer Person, über die ich schreiben möchte, eine gewisse Faszination für mich ausgehen und etwas Verstörendes. Sie muss anziehend sein und verunsichern. Bücher, die nur bestätigen und nicht verunsichern, haben für mich keinen Sinn. Gerade jugendlichen Leserinnen und Lesern möchte ich etwas zumuten, in dem Sinn, dass sie durch ein Buch herausgefordert und damit zum Nachdenken angeregt werden.
Dem Schreiben voraus geht eine lange Zeit der Annäherung an eine Person. Das heißt, ich muss alle Dokumente lesen, die es über sie gibt, vornehmlich Briefe, Tagebücher. Dazu gehört es auch, die Orte zu besuchen, an denen sie gelebt hat und, falls noch möglich, Leute zu sprechen, die sie gekannt haben. Diese Vorarbeit ist kein reines Sammeln. Sie ist bereits kreativ und es ergeben sich erste Zusammenhänge und Einblicke in eine Persönlichkeit. Im Verlauf dieser Recherche gibt es dann einen Punkt, wo ich "gesättigt" bin, wo ich einer Person so nahe gekommen bin, dass ich glaube zu verstehen, wie sie "tickt". Dann entscheidet sich, wie ich über sie schreibe. Und das ist bei jedem Menschen anders…
Ihre Biographien über Jesus und den Heiligen Franziskus sind religiöser Natur. Wie wichtig sind Ihnen christliche Themen in Ihrem literarischen Schaffen?
Ich bin in einem sehr katholischen Milieu aufgewachsen und habe später auch an einer jesuitischen Hochschule studiert. Meine religiöse Erziehung im Elternhaus und in der Schule hat bei mir wenig Spuren hinterlassen. Und so habe ich irgendwann beschlossen, ganz von vorne anzufangen, und das, was man den christlichen Glauben nennt, für mich neu zu erschließen. Alle Figuren, über die ich geschrieben habe, sind Suchende, sie werden angetrieben von den Fragen, mit denen sich Religion beschäftigt. Den Fragen nach Sinn, nach Orientierung, nach dem Woher und Wohin, nach Rechtfertigung.
Ich möchte mit meinen Büchern zeigen, dass Religion nicht ein Bereich neben dem normalen Leben ist, sondern eine Dimension des Lebens, und dass, wo diese Dimension fehlt, ein Leben ziemlich platt wird. Außerdem geht es mir darum, nicht theoretisch von Religion zu sprechen, sondern von gelebtem Glauben zu erzählen nach dem Motto: An den Früchten sollt ihr sie erkennen.
Über bekannte Persönlichkeiten, über die Sie schreiben, weiß auch eine KI in der Regel viel. Verwenden Sie KI als Brainstorming-Tool z. B. für Recherchezwecke oder für andere Aspekte Ihrer Arbeit?
Ich verwende KI, um Informationen zu erhalten über Personen oder geschichtliche Ereignisse, die ich früher zeitaufwendig hätte recherchieren müssen. Das spart viel Zeit. Ansonsten verwende ich keine KI. Die Quellentexte, die ich für meine Arbeit brauche, sind meist Dokumente, die ich nur in speziellen Bibliotheken wie der Bayerischen Staatsbibliothek erhalte oder einsehen kann. Sie genau zu lesen und auszuwerten gehört zu meiner Arbeit. Nur so kann ich garantieren, dass das, was ich schreibe, auch fundiert ist. Biographien enthalten viele Behauptungen, die ich begründen und deren Quellen ich nachweisen muss. Bei KI generierten Texten sind die Quellen oft nicht angegeben und die Kriterien der Verknüpfung von Infos nicht ersichtlich.
Wie stehen Sie als Autor zur KI? Sehen Sie diese in Zeiten der Überflutung durch minderwertige Online-Buchpublikationen als Bedrohung für "handwerklich konventionelle" Autorinnen und Autoren an?
Ich habe ein entspanntes Verhältnis zu KI. Ich sehe zwar, dass immer mehr Bücher teilweise oder ganz von KI generiert sind, und dadurch das allgemeine Niveau sinkt. Aber ich glaube oder hoffe vielmehr, dass diese Entwicklung auch eine Chance ist, sich wieder darauf zu besinnen, was Literatur eigentlich ausmacht. Von KI erstellte Texte sind meist voller Klischees und von einer sterilen Sprache. Was ihnen vor allem fehlt, ist Originalität oder das, was man einen persönlichen Ton nennt. Solche gesichtslosen Texte gab es auch schon vor KI, aber jetzt, da KI alle Bereiche durchdringt, wird die Dringlichkeit größer, darüber nachzudenken, was sie vom eigentlich Literarischen unterscheidet.
Gerade für meine Gattung, dem Verfassen von Biographien, scheint KI eine große Konkurrenz zu sein. Biographien sind, im Idealfall, eine Mischung aus genauer Recherche und literarischem Schreiben. Was das reine Sammeln von Informationen anbelangt, wird KI immer überlegen sein. Was sie allerdings nicht leisten kann, ist, Lebenszeugnisse und die darin enthaltenen Erfahrungen, Weltanschauungen und Werte zu verstehen und daraus einen literarischen Text, also ein Sinngebilde zu machen. Damit aus gesammeltem Material eine gute Geschichte wird, muss ich als Autor auch meine Geschichte und meine Erfahrungen, also mein authentisches Erlebniswissen einbringen. Und es muss etwas entstehen, das über mich hinausgeht. Für mich gilt immer noch die Forderung Kafkas, dass Literatur die Axt sein muss, die das Eis in uns zerbricht. Ich fürchte, dass KI in der Literatur nur das Eis in uns vermehrt.
Vielen Dank für Ihre vielschichtigen Antworten und viel Erfolg für Ihre Projekte! Wir sind gespannt auf weitere tiefgründig recherchierte Biographien über bedeutende und/oder ambivalente Persönlichkeiten.

Dr. Alois Prinz und Dr. Michael Stierstorfer (c) Stierstorfer

Dr. Alois Prinz während seiner "Rilke"-Lesung (c) Stierstorfer