Liebe Inga, als Mangaka, die nicht nur zeichnet, sondern auch aktiv in Bibliotheken und Schulen arbeitet – wie bist Du eigentlich zur Manga-Kunst gekommen?

Seit ich denken kann, habe ich gezeichnet; meist mit einfachen Bleistiften auf Kopierpaper. Als die ersten Animes im Fernsehen liefen war ich sofort von den fesselnden Geschichten und überschwänglichen Emotionen fasziniert. Alles war bunter und lauter als das, was ich bisher kannte. Und viele Geschichten waren so ehrlich und aus dem Leben gegriffen; und es gab weibliche Heldinnen! Bis heute bin ich ein großer Fan.

Wie ist Deine künstlerische Entwicklung verlaufen?

Ich habe immer viel gezeichnet und dann eben angefangen, meine Manga-Helden aus dem Fernsehen zu kopieren. Daraus entwickelte sich ein eigener Stil. Meine Bilder sind oft bunt und es weht viel Wind, haha. Ich mag Bewegung in meinen Motiven.

Welche Themen behandelst Du in Deinen Comics?

Ich schreibe oft über das, was mich gerade bewegt. Ich finde, dass eigene Erfahrungen helfen, wahrhaftig zu bleiben; und eigene Worte für Dinge zu finden, die schon hundert Mal besprochen wurden (Liebe, Streit, Trauer) hat eine gewisse Eleganz. Außerdem mag ich es, auch mal ganz fremde Welten zu erschaffen; z.B. eine Stadt voller Katzen.

Wie sieht der Kontakt mit Deinen Fans aus und wie wichtig ist er Dir?

Ich treffe meine Leser regelmäßig auf Veranstaltungen; manchmal werde ich auch direkt erkannt. Im Internet bekomme ich viel positives Feedback zu meinen Geschichten und ich freue mich über jede Zeile. Neulich schrieb mir eine Frau, dass sie einen zehn Jahre alten Manga von mir gelesen hat und wie toll sie ihn fand. Diese Bestärkung ist ein ganz wunderbares Gefühl!

 

Abb.1: Inga Steinmetz mit Ihren Leser:innen bei einem Workshop, © Inga Steinmetz

Du arbeitest regelmäßig mit Bibliotheken zusammen – welche konkreten Projekte hast Du bereits umgesetzt? Und wie würdest Du die Rolle einer Bibliothek für die Förderung von Comic- und Manga-Leseinteresse beschreiben?

Ich arbeite seit vielen Jahren an einer Art Charme-Offensive für Bibliotheken. Ich erwähne, wie toll sie sind bei jeder Gelegenheit. Vorbei sind die Zeiten, in denen sie Orte waren, wo „Pssst!“ gezischt wird. Bibliotheken sind Plätze zum Verweilen, zum gemeinsamen Lernen, Spielen und das für jedermann. Ein offener Ort vieler Möglichkeiten; das gefällt mir sehr.
Ich halte sie für eine der wichtigsten Institutionen eines Kinderlebens und wünsche mir, dass das noch mehr ins Bewusstsein der Leute rückt.


Ich halte also viele Vorlesungen und Manga-Workshops ab, um Kinder und ihre Eltern erstmal wieder für das Thema zu öffnen. Viele Kinder lesen bereits Manga aber wissen gar nicht, dass Bibliotheken eine Quelle dafür sein können – ganz kostenlos.

An Schulen arbeitest Du ebenfalls häufig – welche Formate bietest Du dort an? Und wie passt Du sie an unterschiedliche Altersstufen an?

Das Programm ist ähnlich, wie in den Bibliotheken: charmante, kurzweilige Events. Manche Vorträge beginnen z.B. mit dem Thema Japan und erweitern dann auf das Thema "anders sein" oder schlagen eine Brücke zum Thema Leseschwäche. Ich glaube, es ist wichtig, Kinder erstmal damit abzuholen, was sie interessiert. Die lebhaften Diskussionen entstehen dann ganz von allein.

Was ist Deiner Erfahrung nach der größte Mehrwert, den Manga-Kunst im Unterricht bringen kann?

Es ist ein Stil, der bereits viele Fans hat. Es wird sich ganz automatisch mit Ausdruckskraft, Anatomie, Bildsprache und Farbgebung beschäftigt. Und man findet für jedes Themengebiet einen Manga. Aquarell-Illustrationen, beeindruckende Tuschegemälde, wunderbare Tierzeichnungen. Die besten Manga haben das alles, es gilt nur, die Lehrkräfte dafür zu sensibilisieren und entsprechende Werke in den Unterricht zu bringen.

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Abb. 2:  © Inga Steinmetz

Welche Tipps hast Du für Lehrkräfte oder Bibliothekar*innen, die eigenständig eine Comic-Stunde integrieren wollen, aber noch wenig Erfahrung mit dem Medium haben?

Vielleicht muss sich erstmal die Denkweise anpassen: Manga ist ein Medium, kein Genre. Manga kann alles sein, wie ein Buch oder ein Film. Viele Verlage bieten Empfehlungslisten und Unterrichtsmaterial an, um Manga zu integrieren. Manchmal gibt es sogar Online-Fortbildungen; auch ich war schon Teil davon. Es lohnt sich, die großen Manga-Verlage mal anzuschreiben; z.B. Carlsen, und sich beraten zu lassen.

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Abb. 3: Buchcover Felis Geheimnis, © Inga Steinmetz

Was würdest Du jungen Menschen, die sich für das Zeichnen und Erzählen von Comics interessieren, ans Herz legen?

Zeichnen sollte Spaß machen. Wenn ich mich quälen muss, um ein Bild fertigzustellen, ist Zeichnen vielleicht nicht das richtige Hobby – und das ist total OK. Das weiße Blatt ist keine Drohung, sondern eine Möglichkeit, Bilder im Kopf wahr werden zu lassen. Und dafür braucht es kein teures Material, wie mein Werdegang zeigt.  Schreiben ist nochmal eine ganz andere Herausforderung. Hier gibt es viele klassische Bücher zum Thema, und viele davon lohnen sich auch als Manga-Zeichner. Für mich als Autorin hat die Geschichte immer Priorität und wenn ich z.B. Filme schaue, versuche ich auch immer zu analysieren, warum sie funktionieren (oder eben nicht). Das stete Verbesserung - und das nie zufrieden sein - ist ein Teil des Mangazeichner-Daseins und ich persönlich liebe es.

Vielen herzlichen Dank für diese schöne Interview, liebe Inga.