Inhalt

Der Märchenwolf ist gefährlich, hinterlistig und gefräßig. Ist er das Wirklich? So scheint es: "Der Wolf war stolz auf seinen Plan." (o.S.) So beginnt Meschenmoser seine Geschichte. Und so steht er auch da im Bild: Entschlossen blickt er drein, verkleidet als Geißenmutter in rosafarbenem Kleidchen, roten Schuhen und mit einem Klorollengehörn auf dem Kopf.

Doch oh Graus: Kaum haben die Geißlein die Tür aufgemacht, stolpert er über einen herumliegenden Ball und fällt in die große, große Unordnung! Dies wird allein durch die Bilder erzählt. Nur wer eine Familie mit vielen Kindern in einer kleinen Wohnung kennt, weiß, wie es da aussehen kann. Aber dem Wolf macht diese Unordnung zu schaffen. Und so räumt er auf und putzt. Erst das Wohnzimmer, dann die Küche und schließlich noch das ganze Obergeschoss inklusive Kinderzimmer. "Wie konnte man nur so unordentlich sein! Ob sie sich nicht schämten, wenn jemand vorbeikommt, um sie zu fressen und so einen Saustall vorfinden muss?" (o.S.), fragt sich der Wolf. Aber gerade da kommt Mama-Geiß nach Hause, zusammen mit ihrer Freundin, dem Schweinchen - und die neue, gute wölfische Haushaltshilfe wird gleich weitergereicht.

Kritik

Eine herrliche Geschichte! Wunderbar bildlich durchkomponiert, denn schon auf dem Vorsatzblatt sieht man, wie sich der Wolf sorgfältig auf seinen Plan vorbereitet, sich aufwändig zurechtmacht und durch den Innentitel zum Geißenhaus stapft. Liebevoll und passend sind die vielen Details in den Bildern, die gefunden werden wollen und sich auch beim dritten Durchgang nicht vollständig auffinden lassen. Hier richten sich die Illustrationen vor allem an die Kinder, an ihre Neugier und Entdeckerlust, während Erwachsene eher einzelne Bild-Scherze humorvoll rezipieren dürften. Es zeigt sich im Detail, dass die in diesem Buch letztlich sehr jämmerliche Gestalt des Wolfes durchaus einen kulturellen Anspruch hat: Auf den ordentlich gedeckten Tisch gehört ein Blumenstrauß, das Altglas kommt zur sachgemäßen Entsorgung in den Bollerwagen und auch das Spinnennetz in der letzten Ecke muss entfernt werden.

Text und Bild erzählen gemeinsam das Geschehen, auch wenn der Bildanteil quantitativ deutlich überwiegt. Bemerkenswert setzt Meschenmoser beispielsweise die Unordnung im Geißenhaus bildlich in Szene. Zunächst in einer nahezu textlosen Sequenz über vier Seiten ("Ha!"; "Ha…aaa!!"; "Haaaarrrghnnpff!" (o.S.) ist auf diesen Seiten der einzige Text), später auf wimmelbuch-ähnlichen Doppelseiten. Doch auch der Text bringt die Erzählung in knappen, pointierten Sätzen voran:

Weit und breit kein Geißlein zu sehen. Kein Wunder, bei dieser Unordnung! Aber so schnell gab der Wolf nicht auf. Er müsste nur ein bisschen reinemachen, ein wenig aufräumen und schon gäbe es keine Verstecke mehr (o. S.).

Die Geißlein erzählen in den Bildern ganz eigene Geschichten: Frech sind sie, einige eher kooperativ, andere kontraproduktiv. Und auch sieben Mäuse geistern durch das Haus und führen ein eigenes Leben. Dynamik kommt durch polyszenische Erzählweisen in die Bilder, zudem wird mit der Seitenaufteilung gespielt. Mal sehen wir ein Bild auf einer Doppelseite, teilweise wird in lockeren Bildfolgen erzählt und einmal wird auch ein Querschnitt des Hauses mit allen Zimmern gezeigt: Im Untergeschoss vollendete Ordnung, in den Obergeschossen buntes Chaos.

Die Bilder sind mit Aquarellfarben kolorierte Zeichnungen: Dünne Linien konturieren und gestalten Figuren und Bildinventar, die Zeichnungen gewinnen durch die grobe Kolorierung an Raumtiefe. Die meisten Farben sind eher blass gehalten, umso stärker können durch Kontraste Einzelheiten herausgehoben werden, z. B. die mit Lippenstift nachgezogenen Mundlinien des Wolfes.

Die verflixten sieben Geißlein ist das dritte Buch von Meschenmoser, das für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde: 2007 wurde Herr Eichhorn und der Mond und 2015 Gorden und Tapir in die Liste aufgenommen. Neben seinen zahlreichen Bilderbüchern ist Meschenmoser auch als bildender Künstler erfolgreich. Seine oft großformatigen Bilder werden regelmäßig ausgestellt, 2017 gab es eine erste Einzelausstellung im Museum Wiesbaden.

Meschenmosers Bilderbücher zeichnen sich durchgängig dadurch aus, dass sie von vorne bis hinten durchkomponiert sind. Ähnlich dicht ist auch das erste Märchenbilderbuch von Meschenmoser: Rotkäppchen hat keine Lust (2016). Dort wird der Wolf von einem pummeligen, stink-wütenden Rotkäppchen ignoriert und sieht sich selbst in der Pflicht, der armen Großmutter Blumen, Kuchen und Wein zu bringen.

Inzwischen ist Meschenmosers dritte Märchenadaption erschienen: Vom Wolf, der auszog, das Fürchten zu lehren (2018). Wir erfahren dort, dass der Wolf aus Die verflixten sieben Geißlein noch zwei Brüder hat, denn sowohl intertextuell als auch interpiktural werden alle drei Märchenadaptionen dort aufeinander bezogen.

Fazit

Wie in Rotkäppchen hat keine Lust und Vom Wolf, der auszog, das Fürchten zu lehren ist dem Autor und Illustrator Meschenmoser auch im vorliegenden Bilderbuch eine wunderbare Neufassung im Spiel mit dem Märchenstoff gelungen! Originell baut er ihn um, entzaubert die Figur des "bösen Wolfes" und spielt auch mit dem Figurenverständnis der Geißenkinder als kindliche Identifikationsfiguren. Die Doppeladressierung macht das Buch für Kinder ab vier Jahren, aber auch für Kinder im Grundschulalter und alle Eltern interessant, vor allem dann, wenn man das Originalmärchen kennt.

 

Weitere Rezensionen zu den Büchern, die für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 nominiert wurden, finden Sie hier.

Titel: Die verflixten sieben Geisslein
Autor/-in:
  • Sebastian Meschenmoser
Illustrator/-in:
  • Sebastian Meschenmoser
Erscheinungsort: Stuttgart
Erscheinungsjahr: 2017
Verlag: Thienemann
ISBN-13: 978-3-522-45857-3
Seitenzahl: 28
Preis: 12,99 €
Altersempfehlung Redaktion: 4 Jahre
Meschenmoser, Sebastian: Die verflixten sieben Geisslein