Inhalt

Die Geschichte beginnt mit einer doppelseitigen Illustration auf hellbraunem Vorsatzpapier, das nicht nur schmückenden Charakter hat, sondern auch inhaltlich die Geschichte rahmt: Ein Kind in roter Badehose taucht mit offenen Augen durch ein Schwimmbecken, während sich fünf ältere Frauen mit Badekappen am Beckenrand festhalten. Auf dem Titelblatt laufen eine der Frauen und das Kind mit der roten Hose aus dem Schwimmbad raus und auf der nächsten Seite, nun in der Bahn, erfahren wir: Das Kind „ist ein Junge namens Julian“ (Jessica Love: Julian ist eine Meerjungfrau (2020), S. 1. Im Folgenden abgekürzt mit JL), die Frau ist seine Oma. Auf der Heimfahrt vom Schwimmbad vertieft Julian sich in ein Buch und stellt sich seine Verwandlung in eine Meerjungfrau vor: wie die Haare und ein Fischschwanz wachsen, und er Teil eines bunten Fischschwarms wird. Zuhause angekommen verkleidet er sich als Meerjungfrau, während seine Oma duscht. Statt zu schimpfen, dass Julian ihre Gardinen, Zimmerpflanzen und Schminke bei der Verwandlung zweckentfremdet hat, unterstützt ihn seine Oma und gibt ihm eine lachsfarbene Perlenkette. Dann begleitet sie ihn zu einer prächtigen Parade aus kostümierten Meereswesen, die zwischen bunten Häusern beginnt und am Strand entlangführt.

Auf dem hinteren Vorsatzpapier sind die Badegäste vom Anfang zu sehen, jetzt haben sich aber auch alle Frauen in Meerjungfrauen verwandelt, mit Schwanzflossen, die so gemustert sind wie zuvor ihre Badeanzüge. Damit kommentiert die Illustration auf dem Vorsatzpapier die Verwandlung in der Geschichte.

Kritik

Während Mädchen, die sich in Meerjungfrauen verwandeln, ein beliebtes Motiv der Kinder- und Jugendmedien sind (vgl. z. B. die Fantasyserie „H2O – Plötzlich Meerjungfrau“ [Regie: Colin Budds / Jeffrey Walker, Australien 2005], Liz Kesslers Kinderbuchreihe zu „Emiliy Windsnap“ [2003–heute] und Tanya Stewners Jugendbuchreihe zu „Alea Aquarius“ [2015–heute]), hinterfragt die Geschichte eines Jungen, der sich als Meerjungfrau (und nicht als Wassermann!) zeigt, Geschlechterstereotype. Denn es geht nicht um märchenhafte Fabelwesen (wie z. B. bei Hans Christian Andersens Kunstmärchen „Die kleine Meerjungfrau“ (1837) oder dem Kinderbuch „Emilia und der Junge aus dem Meer“ (Annet Schaap, Thienemann, Stuttgart 2019)) oder ihre besonderen Fähigkeiten, sondern um das Akzeptiertwerden, so, wie man ist.

Der Text expliziert dabei, was bildlich offen bleibt: Julian, der auch ein vielleicht siebenjähriges Mädchen sein könnte, wird direkt im ersten Satz mit der Aussage „Das ist ein Junge namens Julian“ (JL: 1) als Junge markiert. Dies kann als Kommentar zu Judith Butlers Theorie über Geschlechtszuweisung durch den Sprechakt gelesen werden: Ein Ausspruch wie z. B. „Es ist ein Junge“ konstruiere erst das Geschlecht und die damit verbundenen Rollenerwartungen (vgl. Butler, Judith: Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity, Routledge 1990). Seine Oma unterstützt Julian in seiner Liebe zu Meerjungfrauen, und widerspricht auch nicht, als Julian ihr sagt, dass er „auch eine Meerjungfrau“ (JL: 13) ist. Die kurzen Dialoge bekräftigen das liebevolle Verhältnis zwischen Oma und Enkel. Die spanischen Wörter „abuela“ und „mijo“ im amerikanischen Original wurden in der deutschen Übersetzung nicht übernommen, es ist einfach eine „Oma“, die ihren Enkelsohn „Schatz“ nennt. Auch das „Oh, oh“ (JL: 20) der Oma als Reaktion auf seine Verwandlung, was erst mit Skepsis gegenüber dem Verkleiden als (Meerjung-)Frau, oder mit Sprachlosigkeit wegen der Zweckentfremdung ihrer Gardine und Pflanzen gedeutet werden kann, löst sich in Unterstützung auf: Julian bekommt von seiner Oma eine Perlenkette und wird von ihr zu einem Umzug von Meereswesen begleitet. Sie sagt, dass die Meerjungfrauen dort genau wie er seien (JL: 29). Julian wird durch seine Verwandlung nicht als „anders“ markiert. Stattdessen können die Lesenden in ihren Vorstellungen von Geschlechterrollen irritiert werden, was Julian ist eine Meerjungfrau zu einem besonderen Buch macht.

Die Unterwasserwesen werden von der studierten Illustratorin Jessica Love mit thematisch passend wässrigen Farben (Aquarell, Gouache und Tinte) gemalt, und sind meist leuchtend bunt gemustert. Das hellbraune Untergrundpapier wird dabei mit wenigen Pinselstrichen zum Sandstrand, zum Fußboden oder urbanen Außenraum; durch geschicktes Aussparen auch zur Kontur und zum Schattenwurf. Die (Stadt-)Menschen der Geschichte tragen Kleidung, die genauso gemustert ist, wie es die Unterwasserwesen sind. Durch diese interpiktorialen Bezüge werden die Beziehungen der Menschen auch in den Beziehungen der Wasserwesen widergespiegelt: So bekommt zum Beispiel die Meerjungfrau Julian eine Perlenkette von einem blau gemusterten Fisch, bevor sie der als Meerjungfrau verkleidete Julian von seiner Oma bekommt, die ein blau gemustertes Kleid trägt. Gekonnt spielt Love auch mit dem Medium Buch: Zum einen auf der inhaltlichen Ebene, da die Hauptfigur wie die Lesenden in einem Buch über Meerjungfrauen blättert, und sich dabei in die Unterwasserwelt träumt. Zum anderen in der Komposition der Figuren auf der Doppelseite, da laufen Figuren aus dem rechten Bildrand heraus, oder Julian lugt so um Häuserecken, dass es das Umblättern auf die nächste Seite zu kommentieren scheint.

Das Verwandeln mag Love in ihrer Zeit auf der Schauspiel-Schule gelernt haben, mit dem Verwandeln in ein anderes Geschlecht hat sie sich als cishet (cis für cisgender, also Geschlechtsidentität entspricht dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht, und het für heterosexuell) Autorin zunächst intensiv beschäftigt, um ihrer Verantwortung gerecht zu werden: Auf ihrer Website reflektiert sie ihren Arbeitsprozess schriftlich. Dass sie von ihrer Hauptfigur lernen will, begleitet sie mit folgender Illustration, bei der sie sich selbst gemalt hat, wie sie zu ihrer sich als Meerjungfrau zeigenden Hauptfigur aufblickt, diese zu verstehen versucht.

 love julian is a mermaid jessica julian

Abbildung 1: „Jessica und Julián“: Loves Illustration zu ihrem Websiteeintrag „On being a white, cishet artist creating outside my experience...“ (Quelle Jessica Love, Verwendung mit ihrer Erlaubnis)

Keine Rolle in der Geschichte spielt, dass fast alle Personen der Geschichte Schwarz sind („Schwarz“ wird hier als Selbstbezeichnung großgeschrieben, vgl. dazu z. B. https://diversity-arts-culture.berlin/woerterbuch/schwarz), sie sind dadurch nicht „anders“ oder „besonders“. In der weiß dominierten Kinderbuchwelt spielt es aber doch eine Rolle, ob und wie Schwarze, Indigene und People of Color repräsentiert werden. Welches Recht Love darauf hat, als weiße Autorin eine solche Geschichte zu erzählen, ist eine weitere Frage, die sie sich im Arbeitsprozess gestellt hat, wie sich in auf ihrer Website veröffentlichten Interviewausschnitten nachlesen lässt.

Fazit

Julian ist eine Meerjungfrau regt zum Entdecken, Träumen und Nachdenken an und kann deshalb viele Male neu gelesen werden. Aufgrund der dünnen Seiten und der Narration, die zwar zum Zurückblättern anregt, aber doch am Stück zu lesen ist, zu empfehlen für Kinder ab vier Jahren – aber alle Altersklassen sind in diesem Buch zu finden, besonders interessant ist es natürlich für Schwimmbegeisterte und ihre Großeltern.
Loves Debüt wurde zu Recht von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur zum Buch des Monats April 2020 gewählt und 2021 für den Huckepackpreis nominiert – im Oktober 2020 ist der Folgeband Julián at the Wedding erschienen, die deutsche Ausgabe ist im Februar 2021 unter dem Titel Julian feiert die Liebe erschienen.

Titel: Julian ist eine Meerjungfrau
Autor/-in:
  • Love, Jessica
Originalsprache: Amerikanisch
Übersetzung:
  • Tatjana Kröll
Erscheinungsort: München
Erscheinungsjahr: 2020
Verlag: Knesebeck
ISBN-13: 978-3-95728-364-1
Seitenzahl: 32
Preis: 13,00
Altersempfehlung Redaktion: 4 Jahre
Love, Jessica: Julian ist eine Meerjungfrau