Inhalt

Die Handlung ist einfach: Eine Krähe sitzt in einer Ecke. Nach anfänglicher Langeweile beginnt das Tier, die Ecke zu möblieren, schafft Sofa, Regal und Lampe ran, dazu Teppich und Topfpflanze. Anschließend verbringt die Krähe ihre Zeit mit Lesen, Blumengießen und Musikhören. Doch kann das alles sein? „Was brauche ich noch?“ (ZO-O 2021, o. S.) fragt sie. Nach und nach beginnt die Krähe, Fenstermuster an die noch weiße Wand zu malen, bis diese schließlich vollgefüllt ist. Doch irgendetwas fehlt immer noch. Ein richtiges Fenster muss her, das prompt in die Wand gesägt wird. Licht fällt ein, die Krähe blickt heraus – und begegnet einem anderen Tier.

Abb. 1: Die Krähe beginnt mit dem Malen der Fenster (ZO-O 2021, o. S.)Abb. 1: Die Krähe beginnt mit dem Malen der Fenster (ZO-O 2021, o. S.)

Kritik

Die preisgekrönte Illustratorin ZO-O gilt als eine der talentiertesten Neuentdeckungen Koreas. Ihr Pseudonym steht für "Krähen-Zoo" und ist damit in ihrem ersten Bilderbuch gewissermaßen Programm. Dabei wirkt die Geschichte der isolierten Krähe wie das Buch der Stunde. Jedoch erschien die südkoreanische Originalausgabe bereits 2020. So treffend das Bilderbuch auch auf die Zeit während der Corona-Pandemie passt, motiviert davon ist es nicht. Stilistisch brillieren die hellen Buntstiftzeichnungen durch einen zarten Strich mit leichten Schraffuren. Sie erzeugen eine Atmosphäre der Ruhe und Ordnung mit viel Weißraum, der nach und nach vom Sonnengelb der gemalten Fenster gefüllt wird. Das schmale Hochformat des Buches ergibt beim Aufschlagen eine quadratische Doppelseite. Die titelgebende Ecke wird gebildet durch die Faltmitte der Buchdoppelseiten und ist damit gewissermaßen auch räumlich erfahrbar. Gleichzeitig jedoch verschluckt die Faltung zentrale Teile der Zeichnung und erzeugt bedauerlicherweise eine optische Unruhe, die der eigentlichen Wirkung der Illustrationen entgegengeht. Dabei kommt das Bilderbuch fast ganz ohne Text aus. Nur gelegentlich werden die stillen Bildseiten von einer Textstimme begleitet, die sich mit kurzen Sätzen an die Lesenden richtet oder das Wachstum der Zimmerpflanze kommentiert: "Die Pflanze ist aber schnell gewachsen." (ZO-O 2021, o.S.)

Thematisch kreist das Bilderbuch um Fragen der Einsamkeit und Selbstachtsamkeit. Es stellt die Frage: Was und wen brauche ich zum Glücklich-Sein? Oder in der Bildsprache der Krähen-Erzählung gesprochen: Wie bringe ich Licht in mein Leben? Denn obwohl die gemalten Fenstersilhouetten letztlich die gesamte Buchseite und damit die gesamte Wand im Krähenzimmer füllen, bringen sie doch nicht mehr Tageslicht. Erst das tatsächliche Loch in der Wand lässt die gewünschte Sonne in den Raum, an der sich Krähe und Zimmerpflanze gleichermaßen erfreuen. Letztendlich ermöglicht dieses Fenster zur Außenwelt (im eigentlichen wie auch im übertragen Sinn) der Krähe die Begegnung mit anderen Tieren.

Die zarten und poetischen Bilder schaffen viel Raum für Interpretation. Und sie können treffend auf das soziale Leben während der Corona-Pandemie und der Isolation in den eigenen vier Wänden übertragen werden. Eine Leseweise könnte entsprechend lauten: Licht und Begegnungen lassen sich nicht illusionieren. Und beide sind essenziell für das tierliche und menschliche Wohlbefinden. Doch auch ohne pandemischen Kontext motiviert es die Lesenden, sich selbst zu befragen: Was bringt Licht in mein Leben?

Abb. 2: Krähe und Pflanze genießen das Sonnenlicht. (ZO-O 2021, o. S.)Abb. 2: Krähe und Pflanze genießen das Sonnenlicht. (ZO-O 2021, o. S.)

Nun wird auf den insgesamt über sechzig Seiten des Bilderbuches nicht allzu viel erzählt. Gleichzeitig vermitteln die stillen Bilder Gefühle der Gelassenheit und Zufriedenheit. Der Mangel an Handlung ist hier ein aktives und genussvolles Nichts-Tun gepaart mit viel Konzentration auf die Ausgestaltung des kräheneigenen Lebensraumes. Es ist dargestellte Ruhe samt Selbstfindung. Während ein Verständnis der Bilderzählung als Frage nach dem krähen- und menscheneigenen Glück für erwachsene Leser*innen zwar naheliegend erscheint, erfordert diese Leseweise jedoch ein gewisses Abstraktionsvermögen. Entsprechend stellt sich die Frage: Was bleibt kindlichen Leser*innen, die (noch) nicht in der Lage sind, derartig komplexe strukturelle Analogien zu verstehen und zu deuten? Ob Kinder im Vorschulalter diesen Transfer von den sinnträchtigen Fenstern der Krähenerzählung auf Aspekte des eigenen Lebens leisten können (und sollten), ist fraglich. Mindestens bedarf es aber eines begleiteten Lesens durch Erwachsene.

Bleibt man also bei den basalen Erzählelementen des Bilderbuches, überwiegt eine etwas langatmige Renovierungsgeschichte. Diese darstellerische Eintönigkeit passt zwar hervorragend zum Thema des Buches, erhöht jedoch nicht unbedingt das Lesevergnügen. Für ein genussvolles Lesen erscheint es daher besonders wichtig, das Gesehene zum eigenen Alltag in Beziehung setzen zu können.

Fazit

Die Ecke erzählt in wunderbar zarten und stimmungsvoll ruhigen Bildern von Achtsamkeit, Einsamkeit und der Suche nach den eigenen Freudenbringern. Die Stärke des Bilderbuches liegt dabei weniger in seinem narrativen, dafür mehr in seinem metaphorischen Potenzial. Das Bestreben der Krähe, Licht in ihr Leben zu bringen, ermöglicht eine genussvolle Übertragung der Geschehnisse auf das eigene Leben und eröffnet den Raum für Fragen nach den eignen Bedürfnissen. Kinder, die zu einem derartigen Bildverständnis und Transfer jedoch (noch) nicht in der Lage sind, werden lediglich eine Krähe beim Möbelrücken und Fenstermalen beobachten können. Obgleich diese einfache Einrichtungshandlung bereits von Dreijährigen erfasst werden kann, so liegt die eigentliche Qualität der Erzählung im Sinnbildlichen. Geeignet ist es daher frühestens ab fünf Jahren.

Titel: Die Ecke
Autor/-in:
  • Name: ZO-O
Originalsprache: Koreanisch
Illustrator/-in:
  • Name: ZO-O
Erscheinungsort: Stuttgart
Erscheinungsjahr: 2021
Verlag: Urachhaus
ISBN-13: 978-3-8251-5278-9
Seitenzahl: 64
Preis: 16
Altersempfehlung Redaktion: 5 Jahre
ZO-O: Die Ecke