Inhalt

Sieben blinde Mäuse bemerken eines Tages etwas Neues an ihrem Teich. Eifrig machen sie sich ans Werk, dieses zu entdecken. Über eine Woche hinweg macht sich jeden Tag eine andere Maus auf, um das Geheimnis zu lüften. Auf je einer Doppelseite geht eine Maus, jede hat eine andere Farbe, los zum Unbekannten. Auf der nächsten Doppelseite berichtet sie ihren Gefährtinnen von dem, was sie vorgefunden hat.
Durch die Tatsache, dass alle Mäuse blind sind, entsteht der Spannungsbogen der Geschichte, denn sie entdecken jeweils unterschiedliche Dinge: eine Säule, einen Fächer, eine Klippe und mehr.
So werden sechs verschiedene Gegenstände genannt und Geschichten erzählt, bis die siebte, weiße Maus loszieht und das Neue am Teich einmal auf und ab läuft. Sie löst dadurch das Rätsel und kann berichten: "Es ist ein Elefant!". Dieser Elefant enthält alle Elemente, von denen die Mäuse erzählt haben. Auf demselben Bild erkunden dann alle Mäuse den großen Elefanten und erkennen, dass sie alle ein bisschen Recht hatten. Die Geschichte endet klassisch für Fabeln mit einer "Mäuse-Moral": "Wissen in Teilen macht eine schöne Geschichte, aber Weisheit entsteht, wenn wir das Ganze sehen."

Kritik

Ed Young ist Illustrator und Texteschreiber von Kinderbüchern. Geboren ist er 1931 in China und er studierte in den USA Architektur, später Grafik und Illustration. Seine über 60 Kinderbücher erhielten vielfache Auszeichnungen, z.B. die Caldecott-Medal.
Übersetzerin des Buches Sieben blinde Mäuse ist Katrin Schulz, welche Germanistik und Theaterwissenschaft studierte. Sie arbeitete zu der Zeit als Lektorin und Übersetzerin beim Altberliner Verlag.
Die Geschichte des vorliegenden Bilderbuchs ist angelehnt an eine chinesische Fabel über Mäuse, die sich auf die Suche nach Weisheit machen. Sie erkunden erst einzeln, dann gemeinsam einen riesigen Gegenstand. Nur die Zusammenführung der verschiedenen Erkenntnisse bringt sie schließlich weiter. Die Geschichte hat einen philosophischen Grundgedanken, dessen Kern in minimalistischem Bilddesign aufbereitet wird: Das Thema des Buches ist die Suche nach der Wahrheit und das Zusammenbringen verschiedener Perspektiven. Die Geschichte stellt diese gesellschaftlich relevante Frage pointiert dar. Anhand der Mäuse-Geschichte wird das Thema schon für Kindergartenkinder zugänglich, vor allem wenn der Text weiterführend in den Alltag einfließt.
Die verschiedenen Perspektiven werden nicht nur durch die erzählte Geschichte, sondern auch durch die Bildsprache verdeutlicht. Die Mäuse haben alle eine andere Farbe – die sie selbst nicht sehen können, da alle blind sind. Sie müssen sich also auf ihre anderen Sinne verlassen und erkunden damit die Welt. Auf den Bildern, auf denen die Mäuse einzeln den Elefanten erkunden, ist dieser in typischen Grau-braun-Tönen dargestellt. Es ist der jeweilige Ausschnitt sichtbar, welchen die Mäuse zum Mittelpunkt ihrer Deutung machen. So ist die rote Maus am Montag am Fuß des Elefanten und berichtet davon, eine Säule entdeckt zu haben. Auf dem Bild, auf dem sie berichtet, sieht man nicht mehr den Elefantenfuß, sondern eine rote Säule. Im Subtext schwingt also mit, dass es eine "rote Erzählung" ist, geprägt von der Wahrnehmung der roten Maus.
Entsprechend entdeckt die grüne Maus den Elefantenschwanz und erzählt von einer Schlange, welche wiederum grün eingefärbt ist.
Für Kinder, aber auch für die Bildungsarbeit mit heterogenen Altersgruppen, lässt sich hieran das Thema der Wahrnehmung und Wirklichkeit anschließen. Denn die einzelnen Perspektiven sind immer eingefärbt durch persönliche Erfahrungen, Wissen, Gefühlslagen und vieles mehr. Die Blindheit der Mäuse ist hier insgesamt ein stimmiges Symbol für die Begrenztheit der eigenen Perspektive, um die es im Verlauf des Textes geht. Durch ihre Blindheit sind sie sich nämlich der eigenen und der anderen Farben nicht bewusst. Zudem können sie das Gesagte ihrer Gefährtinnen nicht unmittelbar nachprüfen. Die gemeinsame Neugier motiviert aber jede einzelne dazu, nachzusehen um was für einen Gegenstand es sich am Teich handelt.
Jeden Tag wird ein Teil des Elefanten gezeigt und im Anschluss mit einer eingefärbten Geschichte verändert. Die Pointe besteht darin, dass zum Schluss die siebte weiße Maus den Streit der Mäuse, was das denn nun sei, auflöst, indem sie selbst loszieht. Sie verwendet mehr Zeit als ihre Freundinnen darauf, das "seltsame Ding“ zu erkunden und sie läuft von rechts nach links, von oben nach unten. Der Elefant behält dabei seine typischen Farben und die weiße Maus führt die Geschichten ihrer Freundinnen zusammen: "Es ist fest wie eine Säule, geschmeidig wie eine Schlange, …". (o.S.) Mit dieser Erkenntnis geht sie zurück und im Anschluss erkunden alle Mäuse den Elefanten in Gänze. Jetzt verstehen sie auch die Perspektive der anderen.
In der Gesamtkomposition wird das Auge weniger auf den Text, mehr auf die Bilder gelenkt. Das liegt vor allem an den kurz gehaltenen Textpassagen und an dessen unauffälliger Gestaltung. Die Bilder sind insgesamt eher minimalistisch gehalten. Die Grundfarbe ist schwarz, worauf collagenartig die Mäuse und der Elefant aufliegen. Farbige Elemente sind gemasert und heben sich dadurch effektvoll vom dunklen Hintergrund ab. Die Figuren sind also gut erkennbar und können schon von Kindern ausgemacht und erkannt werden.
Die Augen der Mäuse sind weiße Kreise – die Blindheit schwingt durch diesen Schleier mit. Außerdem haben die Mäuse menschliche Eigenschaften: Sie schauen sich an, heben bei ihren Erzählungen die Arme zum Gestikulieren oder kuscheln sich gespannt aufeinander.
Insgesamt ist der Text sehr strukturiert. In den verschiedenen Abschnitten erkunden die Mäuse das Ding und es werden sprachlich und teilweise visuell Wochentage, Zahlen und Farben eingeführt. Diese Ordnung macht den Text recht einfach zu lesen und mitzusprechen. Lediglich die Entdeckungen der Mäuse sind schwierigere Begriffe, wie Speer, Säule oder Fächer. Da die Gegenstände gleichzeitig auf den Bildern gezeigt werden, sind sie aber ebenso eingängig zu verstehen.
Auffällig ist, dass allein die Bilder Hinweise zum Elefanten geben. Seine entdeckten Körperteile werden nicht explizit genannt. Hier ist also eine Eigenleistung der Leserinnen und Leser notwendig.
Das Buch eignet sich für Kinder ab drei Jahren. Im gemeinsamen Lesen können die Kinder nach und nach das Rätsel mit den Mäusen lösen oder es auch schon früher durchschauen. Die Bilder ermöglichen ein abwechslungsreiches Leseerlebnis. Auch zum Erstlesen ab der 1. bis 2. Klasse eignet sich das Buch mit seiner Strukturierung des Textes und der Mischung aus leichten und schwierigeren Elementen. Auch die klare Schriftart, die Schriftgröße und die Textanteile auf den Seiten laden zum gemeinsamen Lesenlernen ein.
Nach oben hin gibt es keine Altersgrenzen. Der symbolische Charakter der Geschichte passt in viele Einsatzgebiete der Bildungsarbeit. In heterogenen Gruppen, z.B. des Alters, des kulturellen Hintergrundes oder des Geschlechts wegen, eignet sich die Geschichte, um auf blinde Flecken einzelner Perspektiven hinzuweisen. Bei den Mäusen steht zum Schluss die Ergänzung der einzelnen Sichtweisen umeinander im Vordergrund. Die philosophische Botschaft des produktiven Umgangs miteinander kann mit dieser Geschichte heruntergebrochen werden, ohne an Komplexität zu verlieren.
Das Buch gibt viele Anknüpfungsmöglichkeiten für thematische Arbeit. Allen voran die angesprochene philosophische Frage darüber, wie es funktionieren kann, verschiedene Meinungen und Perspektiven nebeneinander bestehen zu lassen bzw. diese in einen gemeinsamen Kontext einzubetten. Diese also zusammenzuführen und statt auf "richtig" und "falsch" zu beharren oder zu polarisieren. Die schwierige Fähigkeit der Ambiguitätstoleranz ist in der Geschichte angelegt, denn nur durch die Anerkennung der Komplexität von Problemdimensionen und -lösungen ergibt sich ein gemeinsames Bild. Daran schließen Themen wie Respekt, friedliches Zusammenleben und Pluralismus in der demokratischen Gesellschaft an.

Fazit

Das Buch Sieben blinde Mäuse ist vielseitig einsetzbar und überzeugt durch eine strukturierte Geschichte und plastische, kontrastreiche Bilder. Es ermöglicht komplexe Themen wie Respekt, Toleranz und Ambiguität einfach und kindgerecht anzusprechen. Ohne explizit unter dem Mantel des Pädagogischen zu stehen, enthält das Buch eine tiefsinnige Botschaft. Kinder ab drei Jahren können der Geschichte mithilfe der Bilder folgen. Je nach Altersgruppe und Vorwissen kann die Geschichte gut in Alltagsfragen eingebettet werden.

Titel: Sieben blinde Mäuse
Autor/-in:
  • Name: Ed Young
Originalsprache: Englisch
Übersetzung:
  • Name: Katrin Schulz
Illustrator/-in:
  • Name: Ed Young
Erscheinungsort: Weinheim und Basel
Erscheinungsjahr: 1995
Verlag: Beltz & Gelberg
ISBN-13: 978-3-407-76054-8 (minimax)
Seitenzahl: 20
Preis: 6,50
Altersempfehlung Redaktion: 3 Jahre
Young: Sieben blinde Mäuse, Cover