Inhalt

Ein Junge stottert, die Worte wollen seinen Mund nicht verlassen. Nach einem schlimmen Erlebnis in der Schule fährt er mit seinem Vater gemeinsam an den Fluss. Als sich seine Augen mit Tränen füllen, legt der Vater den Arm um seine Schultern und sagt: „Siehst du das Wasser? Wie es sich bewegt? Das ist, wie du sprichst. Das bist du.“ (Scott/Smith 2022, o. S.) Das Wasser sprudelt, es gischtet, wirbelt und drängt vorwärts, so wie das Sprechen des Jungen. Jene Erfahrung am Fluss und die Worte des Vaters spenden dem Kind Mut und helfen ihm, seine Stimme wiederzufinden und ihre Eigenart zu akzeptieren.

Kritik

Wie lässt sich ein lautsprachliches Phänomen wie Stottern im Bilderbuch angemessen darstellen, wenn dessen Bilder und Texte in erster Linie stumm sind?

Ich bin wie der Fluss nutzt hierfür die jeweiligen medienspezifischen Potenziale der beiden Domänen Text und Bild auf außerordentliche Weise. Dabei entsteht ein spannungsreiches Wechselspiel der Ebenen, die das Stottern, den verursachten emotionalen Schmerz und schließlich die Selbstbehauptung des kindlichen Protagonisten vielschichtig präsentieren. Denn während die emotionalen Bilder einen Fokus auf die Selbstisolation des Kindes legen, beschreibt der Text dessen Artikulationsschwierigkeiten auf eine poetische und sehr bildhafte Weise.

scott ich bin wie der fluss abbildung 1Abb. 1: Die einsame Morgenroutine des Kindes (Scott/Smith 2022, o. S.).

Doch zunächst zu den Bildern: Teilweise ganzseitig, teilweise in Panels angeordnet, werden die naturnahen bildlichen Darstellungen in zarten Wasserfarben realisiert. Durch den dünnen Farbauftrag scheinen unterschiedliche Papiertexturen hindurch, hinzu kommen zumeist weiße Höhungen, die mehr Tiefe und Kontur erzeugen. Dabei zeigen besonders die Darstellungen des Kindes dieses häufig isoliert: ein Blick durch den Türspalt auf den Zähne putzenden Protagonisten, ein Blick durch das Fenster darauf, wie er einsam am Frühstückstisch sitzt. Die Betrachter*innen sind ausgeschlossen, das Kind ist mit sich allein (Abb. 1). Während die Illustrationen ein Gefühl der Einsamkeit transportieren, benennt die Textstimme wiederum die sprachliche Stille und Wortlosigkeit des Kindes als Grund für jene Isolation. Dort heißt es: „Ich wache am Morgen auf und in meinem Mund stecken die Wörter fest. / Ich bleibe stumm wie ein Stein.“ (Scott/Smith 2022, o. S.)

scott ich bin wie der fluss abbildung 2Abb. 2.: Der Klassenraum vor und nach der Katastrophe (Scott/Smith 2022, o. S.).

Die Ruhe und Einsamkeit des Morgens enden im Klassenzimmer. Dort versteckt sich der Junge in der letzten Reihe, um bloß nicht vom Lehrer angesprochen zu werden. Als dieser dann doch eine Frage an ihn richtet, drehen sich alle zu ihm um, blicken ihn an und er verstummt. Hierbei lösen sich die Wasserfarben der Illustrationen in verwaschener Abstraktion auf (Abb. 2). Die Situation verschwimmt also vor den Augen des Kindes und vor denen der Betrachter*innen gleichermaßen. Auf der Folgeseite bricht sodann auch der Textsatz bzw. das Versmaß auf, indem die Zeilen nahezu drastisch umbrechen und verspringen. Dort heißt es:

Sie sehen nicht
    den Baum, der mir
        statt der Zunge
    zwischen den Lippen
        wächst.

Sie hören nicht
    die Krähe
    Rax! Rax!
        in meinem Rachen
            krächzen. (Scott/Smith 2022, o. S.)

Während auf Bildebene die Situation malerisch ins Haltlose zerläuft, zerfällt auf Textebene die Sprache in ein poetisches Stottern, das gleichzeitig sehr bildhaft erzählt, wie die zu sprechenden Wörter Zunge und Rachen lähmen. Jordan Scott verwendet in der Erzählung hierfür wiederholt das Sprachbild des die Zunge umwurzelnden Baumes, der krächzenden Krähe im Rachen und des stillen Mondes, über den es auf den ersten Seiten heißt: „Das M in Mond / malt mir / ein stummes, / staunendes Lächeln / auf die Lippen.“ (Scott/Smith 2022, o. S.) Besonders ein lautes Vorlesen ermöglicht es hier, die eigenen Bewegungen von Zunge, Rachen und Mund nachzuspüren. Bei diesem äußerst stimmigen Zusammenspiel von Sprachbildern und Metrik muss zudem die wirklich gelungene Übersetzung von Bernadette Ott betont werden.

Die formalästhetische Gestaltung von Text und Bild ändert sich je nach Stimmung und emotionaler Verfassung des Kindes. In Momenten der Ruhe und Sicherheit ist die Sprache der Textstimme von parataktischer Klarheit, während sie in Stressmomenten aufbricht und das Versmaß abrupt umbricht. Und auch die Bilder wechseln bei steigendem Unbehagen des Kindes von einem deckenden Farbauftrag hin zu flüchtig-wässrigen Farbverläufen.

Wie also, um auf die eingangs formulierte Frage zurückzukommen, lässt sich ein lautsprachliches Phänomen wie Stottern im Bilderbuch angemessen darstellen?

Ich bin wie der Fluss zeigt kein Stottern, sondern es erzählt vom schmerzlichen Gefühl eines Kindes, mit jener Last zu leben – und dessen Weg zu neugefundener Kraft. Dass das Buch darauf verzichtet, gestottertes Sprechen textuell abzubilden, ist als sehr positiv hervorzuheben. „Jeder, der stottert, stottert anders“, schreibt Jordan Scott, der in einem der Erzählung hinten angestellten Text von seinem eigenen Stottern berichtet. Weiter heißt es dort: „Ein Stottern ist niemals nur ein Stottern, sondern eine sehr intime Angelegenheit, bei der Wörter, Klänge und der eigene Körper ineinander verschlungen sind.“ (Scott/Smith 2022, o. S.) Scott und Smith wahren jene Intimität ihres Protagonisten, indem sie nicht die äußerliche Erscheinung seines Stotterns, sondern dessen Folgen thematisieren. Die poetischen Sprachbilder sowie die zarten und emotionalen Darstellungen ermöglichen den Leser*innen hierbei tiefe Einblicke in die Welt eines Kindes, das lernt, die Eigenheiten seines Sprechens zu akzeptieren und so zu neuer Stärke zu finden.

Fazit

Ich bin wie der Fluss ist ein sensibler Einblick in das Leben eines stotternden Kindes. In zarten Wasserfarben und mit einem poetischen Sprachduktus erzählen Scott und Smith eine emotionale und vielschichtige Geschichte von Isolation, Scham und Selbstbehauptung. Trotz der Komplexität des Themas gelingt den beiden Autoren eine bildliche und sprachliche Klarheit, die gleichzeitig nicht trivial daherkommt – sondern im Gegenteil: die bildästhetisch und sprachlich brilliert. Geeignet ist es ab vier Jahren.

Titel: Ich bin wie der Fluss
Autor/-in:
  • Name: Scott, Jordan
Originalsprache: Englisch
Übersetzung:
  • Name: Ott, Bernadette
Illustrator/-in:
  • Name: Smith, Sydney
Erscheinungsort: Hamburg
Erscheinungsjahr: 2021
Verlag: Aladin
ISBN-13: 978-3-8489-0197-5
Seitenzahl: 44,00
Preis: 18,00 €
Altersempfehlung Redaktion: 4 Jahre
Scott, Jordan (Text); Smith, Sydney (Bild): Ich bin wie der Fluss