Inhalt

Die kleine Schnecke, die zusammen mit anderen Artgenoss*innen nahe eines Hafens auf einem Stein wohnt, äußert ihre Sehnsucht, um die Welt zu reisen. Diesen Wunsch schreibt sie mit Hilfe ihrer „Schneckenschrift-Schnur“ (S. 4), einer glitzernden Schleimspur, auf einen Stein. Unverstanden von den anderen findet sie dennoch einen Weg, ihren Traum zu realisieren: Ein Buckelwal nimmt sie mit auf eine Reise durch verschiedene Regionen der Erde. Das ungleiche Gespann passiert viele Gebiete, begegnet furchteinflößenden Haien und trotzt stürmischem Wetter. Als sie in eine von Menschen bewohnte Gegend gelangen, verliert der Wal durch den Lärm der Boote die Orientierung und strandet schließlich. Nach einem kurzen Schreck ergreift die Schnecke die Initiative und es gelingt ihr, eine Lösung zu finden, um ihren Freund vor der Austrocknung zu retten. Die Schnecke begibt sich auf den Weg zur nahe gelegenen Schule, um dort ihre Bitte an die Tafel zu schreiben. Dazu nutzt sie erneut ihre „silbrige Schneckenschrift-Schnur“ (S. 23). Die Adressierung an die Kinder funktioniert und zusammen mit ihnen und anderen Freiwilligen gelingt es ihr, den Wal wieder hinaus ins Meer zu befördern. So können die beiden ihre Reise zurück zum Hafen antreten. Dort treffen sie auf überraschte Schnecken-Artgenoss*innen, die sich schließlich mit auf eine weitere Reise um die Welt trauen. 

Kritik

Die Schnecke und der Buckelwal ist eine gereimte Bilderbuchgeschichte, die junge Leser*innen auf eine bemerkenswerte Reise schickt und von Freundschaft, Verschiedenheit und Mut erzählt. Als Protagonistin führt die kleine Schnecke durch die Handlung und bestimmt deren Wendepunkte. Ihr Wunsch, „um die Welt“ (S. 5) mitgenommen zu werden, erscheint für eine Seeschnecke übergroß, verdeutlicht jedoch ihre Sehnsucht nach Freiheit und Weite. Diese wird sprachlich durch fließende Reime, trochäisch gleitende Formulierungen wie „von Wellen und Wogen, von Sonne und Wind | von Weiten, die voller Wunder sind“ (S. 7) und detailreich gezeichnete Landschaftspanoramen verstärkt. Der melodische Gleichklang und die Reihung der Alliterationen erzeugen einen Sog, der die Abenteuerlust der Schnecke sinnlich erfahrbar macht und zugleich den poetischen Charakter des Textes betont. Die Sprache der Schnecke ist auffallend knapp und prägnant: Parataktische Strukturen, Ellipsen, Parallelismen und stumpfe Kadenzen verdichten ihre Aussagen und verleihen ihnen Nachdruck und eine hohe Wirksamkeit. Ebenfalls wird dies dadurch verstärkt, dass nahezu alle Äußerungen Modalverben oder Imperative enthalten. In dieser formalen Reduktion spiegelt sich Entschlossenheit. Die Schnecke formuliert keine langen Überlegungen, sondern handelt. „Die Schnecke fühlt sich hilflos und klein. | Doch es fällt ihr was ein und schnell kriecht sie fort, | nur fort von dem Ort. | „Ich muss es schaffen“, sagt sie sich. | „Ich muss, sonst wird es fürchterlich.“ (S. 21). 

Unterstützt werden die aussagekräftigen Worte der Schnecke sowie die Beschreibungen der Handlung durch die detailreichen für Axel Scheffler charakteristischen Illustrationen. Diese zeigen die umgebende Natur mit vielen und farbenfrohen Details. Vor allem das Größenverhältnis zwischen dem Wal und der Schnecke fällt in verschiedenen Szenarien auf und unterstützt die Kleinheit der Schnecke beziehungsweise das Über-sich-Hinauswachsen. Durch die Bild-Text-Interdependenz entsteht eine weitere Ebene der Betrachtung. Neue Facetten werden durch die Parallelität sichtbar.

2023 wurde der Klassiker nach 20 Jahren als Pappbilderbuch im Oktavformat für noch jüngere Rezipient*innen mit Möglichkeiten zum Ziehen, Schieben, Spielen neu aufgelegt (vgl. Abb. 1).

Donaldson Scheffler Schnecke Pappe CoverAbb. 1.: Spielpappe "Die Schnecke und der Buckelwal" für Kinder ab 2 Jahren

Das Spielbilderbuch verzichtet auf den Schmutztitel und beginnt direkt mit der gekürzten Geschichte. Wird die Materialität dieser Neuauflage betrachtet, wird deutlich, dass die beweglichen Bildelemente Teil der Narration sind und diese ergänzen. Das Stranden sowie die Rückkehr in das Meer werden durch das Ziehen an Laschen hervorgerufen, was die Wirkung des Textes anschaulich inszeniert. Die Raumwirkungen in dem Spielbilderbuch werden durch die interaktiven beweglichen Pappelemente verstärkt. Der Wunsch der Schnecke, der im Original zu Beginn steht und Ausgangspunkt für das Abenteuer und die innovative Reise-Idee ist, wird in der Spielpappe weggelassen. Auch auf das sich wiederholende Motiv der Schneckenschleimspur kann damit nicht zurückgegriffen werden, der Mut, der Erfindungsreichtum und die Aktivierung der übrigen Schnecken werden somit nicht abgebildet. Durch diese Reduktion und Straffung der Geschichte gehen der Spielpappe elementare Aspekte der Geschichte verloren, die die Kleinheit der Protagonistin im Original kompensierten. Jedoch ist die Reduktion der Komplexität und die Konzentration auf ludische und haptische Erlebnisangebote für die sehr jungen Rezipierenden zu vertreten.

Fazit

Das gereimte Bilderbuch erzählt von den Möglichkeiten des Klein-Seins und reiht sich damit in die übrigen Geschichten von Julia Donaldson und Axel Scheffler ein. Mittlerweile existiert auch hier – wie bei den Vorgängerbüchern – ein Medienverbund mit einer Vielzahl von Medien und Produkten. So gibt es etwa einen Film und ein Hörspiel, Spielzeuge sowie verschiedene Ausführungen des Bilderbuches und somit auch ein umfassendes Spektrum an Verwendungsmöglichkeiten für Kinder im Alter von drei Jahren bis zur Grundschule. 

Titel: Die Schnecke und der Buckelwal
Autor/-in:
  • Name: Julia Donaldson
Originalsprache: Englisch
Übersetzung:
  • Name: Mirjam Pressler
Illustrator/-in:
  • Name: Axel Scheffler
Erscheinungsort: Weinheim
Erscheinungsjahr: 2003
Verlag: Beltz & Gelberg
ISBN-13: 978-3-407-79310-2
Seitenzahl: 32 Seiten
Preis: 15,-
Altersempfehlung Redaktion: 4 Jahre
Donaldson, Julia / Scheffler, Axel: Die Schnecke und der Buckelwal