Inhalt

Vom Aal über die Makrele bis zum Zander – die Tiere im Wasserbecken sind allesamt krank! Aber nein, sie haben sich nicht gegenseitig mit einer viralen oder bakteriellen Infektion angesteckt, denn alle haben unterschiedliche, mehr oder weniger ernsthafte Erkrankungen bzw. violente Verlet­zun­gen: von der gebrochenen Flosse über ein undefinierbares Trägheitsgefühl bis zur Übelkeit. Für den Doktorfisch – ausgestattet mit Stethoskop und veterinärmedizinischem Verstand – heißt das: unter­suchen, diagnostizieren, behandeln. Doch bei der ärztlichen Versorgung benötigt dieser aufgrund der Vielzahl der Krankheiten und Wassertiere Unterstützung. So zieht er einen artverwandten Doktor­fisch­kollegen zur Behandlung der Muräne heran, denn der wackeln die Zähne; der Krebs assistiert bei weniger ernsthaften Erkrankungen und versorgt erkältete Tiere mit Tee wie die Schnecke unter der Decke oder reicht dem Wal einen selbst gestrickten (viel zu kleinen) Schal. Auch ge­sund gebliebene Fische helfen bei der ärztlichen Versorgung, indem sie zum Beispiel den Kranken die ver­schrie­bene Medizin verabreichen wie der Makrele mit kratzender Kehle. Selbst zwischentierische Leiden werden im Aquarium versorgt, wenn der heulende Hummer – geplagt von schwerem Liebes­kummer – mitleidig ein Taschentuch von einem fischigen Mitbewohner gereicht bekommt. Und am Ende juckt’s auch noch den Barsch – wo wird nicht verraten – und so bleibt das Aquarium bis auf Weiteres geschlossen…

Kritik

Das dem gleichnamigen Bilderbuch zugrunde liegende Gedicht „Das Aquarium bleibt heute geschlos­sen“ von Michael Augustin wurde 2018 in der kinderlyrischen Anthologie „Ein Nilpferd steckt im Leucht­turm fest“ erstveröffentlicht. Für die Publikation als Bilderbuch dichtete der Bremer Lyriker 30 Verse hinzu und erweiterte damit das Spektrum der erkrankten Wasserbewohner deutlich. In Paarreimen verfasst wird im von Andrea Ringli illustrierten Bilderbuch jeweils im ersten Vers das Meerestier genannt und im zweiten Vers auf dessen namentliche Bezeichnung das entsprechende Leiden gereimt. Dabei ähneln sich die aufs Wesentliche reduzierten Verse stark im Aufbau, der − in kleineren Varianzen − folgendes schematisches Muster aufweist: Artikel + Meerestier(e) // Verb + Nomen bzw. Adjektiv.

Wortwitzig und sprachspielerisch leicht kommen diese zweiversigen Reime daher, in denen die Fische teils anthropomorphisiert werden („Der Hai // stöhnt „Au wei!“), teils an typisch humanen Krankheiten leiden („Der Aal // ist grippal.“), teils (menschlich) emotionale Reaktionen zeigen („Die Quappe // zieht ’ne Flappe.“). Diese im Gedichttext angelegten Vermenschlichungen greift Andrea Ringli in ihren Illustrationen auf und unterstreicht diese bildlich: Der Krebs beispielsweise geht mensch­lichen Tätigkeiten nach, wenn er strickt; der Hai wird mit den für Masern typischen roten Hautflecken dargestellt; der Dentist-Doktorfisch wird mit einer Zahnzange aus der Humanmedizin ausgestattet; der liebeskranke Hummer weint und hält ein Foto seiner Geliebten in der Hand. Viele dieser kleinen Bilddetails laden zum genauen Hinsehen ein und eröffnen eine weitere Rezeptions­ebene – nicht zuletzt durch die Figur des Krebses, der bereits auf dem vorderen Vorsatz farblich abgehoben wird und die Fische mit ihren heruntergezogenen Mundwinkeln besorgt beäugt. Über das Buch hinweg taucht er immer wieder mit helfender Hand auf und fungiert als die einzelnen Reime verbindendes Element, dessen Aufgabe am Ende (als Entscheidungsträger) darin gipfelt, das Schild mit der Aufschrift „Das Aquarium bleibt heute geschlossen!“ hochzuhalten. Auf dem hinteren Vorsatz ist er dann abschließend zu sehen, wie er den wieder gesundeten, jetzt lächelnden Fischen hinterherschaut.

Die doppelseitenfüllenden Bilder zeigen zahlreiche Details, die die Verse ausschmücken. Die Figuren entwirft Andrea Ringli auf deren wesentliche Elemente reduziert: Dabei arbeitet sie mit großen Farbflächen, die gänzlich ohne Out­lines auskommen und die Bilder zweidimensional wirken lassen. Insbesondere die großen Kuller­augen – bekannt aus Comics – fallen bei der stilisierten Figurenzeichnung auf. Unterstützt wird das comichafte Zeichnen durch Bildmetaphern wie beispielsweise ein Herz, das die Verliebtheit der Made in die Dorade ausweist, sowie Speedlines, die u. a. die kinetische Fortbewegung der Fische dar­stellen. Nicht zuletzt die Bildrahmen (ohne Randlinien), die an Panels erinnern, unterstreichen den comichaften Illustrationsstil.

Fazit

Krank sein und daheimbleiben müssen, das kennen die kindlichen Rezipient:innen aus ihrer eigenen Erfah­rungswelt. Und genau an diese thematische Identifikation knüpft Andrea Ringli illustratorisch in dem Bilderbuch „Das Aquarium bleibt heute geschlossen“ an, indem sie die kranken Meeres­bewoh­ner mit Wärmflasche, Krücken und Fieberthermometer zeigt. Dabei regen kleine Details der farben­frohen Bilder – wie z. B. der bemalte Gips des Butts – die Entdeckerfreude der Kinder an. Und auch der kindliche Humor kommt illustratorisch nicht zu kurz, wenn beispielsweise die Bröckchen des Erbrochenen rund um den Rochen schwimmen. Auf Textebene treffen Michael Augustins vergnügliche Verse den Nerv der kindlichen Reimfreude und gipfeln in einer überraschenden Pointe im letzten Verspaar, in dem der Barsch im Mittelpunkt steht…

Ein Bilderbuch, das Kinder ab vier Jahren und ihre erwachsenen Begleiter*innen zum Weiterreimen anregt und das man nicht mehr aus der Hand legen möchte. Wie gut, dass es mit „Unser Zoo bleibt heute zu!“ einen weiteren Band des Duos gibt.

 

Literatur

Augustin, Michael (Text)/Ringli, Andrea (Ill.) (2024): Unser Zoo bleibt heute zu! Stuttgart: Thienemann.

Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung/Stiftung Internationale Jugendbibliothek/Stiftung Lyrik Kabinett (Hgg.) (2018): Ein Nilpferd steckt im Leuchtturm fest. Tiergedichte für Kinder, München: Mixtvision.

Titel: Das Aquarium bleibt heute geschlossen
Autor/-in:
  • Name: Michael Augustin
Illustrator/-in:
  • Name: Andrea Ringli
Erscheinungsort: Stuttgart
Erscheinungsjahr: 2023
Verlag: Thienemann
Seitenzahl: 32
Preis: 15,- Euro
Altersempfehlung Redaktion: 4 Jahre
Augustin, Michael / Ringli, Andrea: Das Aquarium bleibt heute geschlossen