Inhalt

Bellwidder Rückwälzer ist eigentlich ein sehr zufriedenes Schaf. Mit Yoga oder Selbstgesprächen kann er sich in seinem kleinen Haus im Wald gut allein beschäftigen und braucht nichts anderes. Wenn seine Vorhänge zugezogen sind, fühlt er sich sicher. Obwohl, ein bisschen Hunger auf Beeren hat Bellwidder schon, die müssen allerdings draußen im Wald gesammelt werden – und dort lauern bekanntlich gefährliche Wölfe. Aber wenn Bellwidder ehrlich ist, sehnt er sich durchaus auch nach duftenden Blumen und Vogelgezwitscher außerhalb seiner dunklen vier Wände. Also wagt er sich  schließlich in den Wald, flüchtet jedoch aufgrund von Ängsten und Paranoia schnell wieder in sein vermeintlich sicheres, aber eben doch auch etwas enges Zuhause. Dann hat Bellwidder eine Idee, die ihm hilft, sich von einem schutzlosen Schaf in einen gefährlichen Wolf zu verwandeln: Er näht sich einen eigenen Wolfspelz. So gerüstet traut sich Bellwidder zurück in den Wald. Der Wolfspelz ist unbequem und hindert ihn am Waldgenuss, aber immerhin gehört Bellwidder nun zu den Starken und kann gemeinsam mit den Wölfen Wolfssachen machen. Doch zu seinem Unglück ribbelt sich Bellwidders Wolfspelz nach und nach auf. Vergeblich versucht er, seine Tarnung aufrecht zu erhalten. Das kostet jedoch viel Kraft und bleibt nicht unbemerkt. Schließlich akzeptiert Bellwidder sein Schicksal und gibt sich den Wölfen als Schaf zu erkennen. Anders als erwartet, fressen ihn die Wölfe jedoch nicht. Stattdessen nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung. Denn nicht nur Bellwidder gibt vor, jemand anders zu sein...

Kritik

Der Wolfspelz spricht eine breite Palette an Themen an, ohne sie explizit zu benennen: Angst und deren Überwindung, Identität, Grübeln, Vermeidung, Gemeinschaft und Empowerment. Sid Sharp arbeitet dabei mit einer Menge Grusel auf textlicher und bildlicher Ebene. Schon das Cover zeigt eine gänsehauterregende Unheimlichkeit. 

Die Text-Bild-Komposition mutet insgesamt filmisch an und führt Kinder so an das Genre der Graphic Novel heran, für die diese Formensprache ebenfalls typisch ist. Dies geschieht etwa durch das Heranzoomen an einzelne Details in kleinen Panels, wie Risse in Bellwidders Wolfspelz, oder durch Bilder, die die Szenerie auf der gesamten Bildbreite als Totale zeigen. Der Wolfspelz  nimmt mit einzelnen Bildern auch Bezug auf Filmhistorie und andere Elemente aus Horrorgeschichten: Wie im Filmtitel des Horrorfilms “The Hills Have Eyes” hat in diesem Bilderbuch alles Augen, was keine haben sollte, oder formt sich seltsam verzerrt zu geisterartigen Umrissen: Schmetterlingsflügel, Büsche, Steine, Bäume… Spinnen krabbeln über Buchseiten und Beerenschalen; Würmer und Käfer auf Bellwidders Tisch deuten darauf hin, dass “Der Wald” (Kapitel 2, S. 18 f.) und damit Bellwidders Ängste sich nicht aus seiner heimeligen Einsamkeit ausschließen lassen. Motten haben spitze Zähne und Bellwidders Nadelkissen hat im wahrsten Sinne des Wortes eine unheimliche Ähnlichkeit mit einer Voodoo-Puppe in Form eines Schafes. 

Mit einfachen Mitteln wirken kleine Veränderungen in Bellwidders Mimik und Gestik eindrücklich und überzeugend. Sid Sharp arbeitet etwa viel mit der Veränderung von Augenbrauen, Augen und Mund (vgl. S.20 f.). Mimik und Gestik von Bellwidder machen so zunehmend deutlich, dass sein Leben nicht so friedlich ist, wie es zu Beginn auf der Textebene scheint. Und auch Bellwidders Inneneinrichtung hat ein Eigenleben, das sich an seine Gemütslage anpasst: Hört Bellwidder ein Wolfsjaulen und bekommt Angst, so verwelkt auch die Blume in der Vase (s. Abb 1). Kapitelüberschriften (von denen es insgesamt fünf gibt) geben weitere Hinweise auf unheilvolle Geschehnisse, wie etwa der Titel “Der Riss” (S. 76 f.). Diese Diskrepanzen und gegenseitigen Verstärkungen zwischen und von Text, Bild und Inhalt sorgen für ein schleichendes Gefühl von Unbehagen, das auch Kinder empfinden können, ohne dass sie dabei jeden kulturellen oder intermedialen Bezug verstehen müssen. Zugleich ergibt sich aus den Bezügen eine weitere Ebene, die unter Umständen auch Erwachsene adressiert und für einen Lesegenuss unterschiedlicher Altersstufen sorgt. 

Sharp Wolfspelz Innen Abb1Abb. 1: Sogar Bellwidders Blumen welken, wenn Bellwidder Angst bekommt. Einfache Mittel machen Mimik und Gestik von Bellwidder überzeugend. (c) Sharp: Der Wolfspelz, NordSüd 2023

Auch Humor kommt in Der Wolfspelz nicht zu kurz: Zum Frühstück isst Bellwidder Blumen aus einer Vase, er macht Dehnübungen und spricht sich selbst im Spiegel ganz im Sinne von Zeiten der propagierten Selbstliebe gut zu. Diese (zumal für ein Schaf) unkonventionellen Verhaltensweisen werden ganz konventionell, mit einfachem Satzbau, präsentiert, und sorgen somit zusätzlich für Irritation und Komik. Ebenso komisch ist der Widerspruch in Bellwidders Selbstbeteuerung (“Ich habe KEINE Angst vorm Wald”, S. 21) und dem Erzähltext (“Bellwidder hatte große Angst vor dem Wald.”, ebd.), mit dem deutlich wird, dass Bellwidder sich etwas vorzumachen versucht.

Doch Bellwidder bleibt nicht nur ängstlich. Er überwindet diese Angst ohne die Hilfe einer äußeren Instanz. Zunächst zurückhaltend und vorsichtig, indem er ohne Pelz im Wald Beeren sammeln geht. Hier wird deutlich, dass Bellwidders Angst vor allem in seinem Kopf stattfindet, etwa, wenn er im Wald zu grübeln beginnt und sich in seine Ängste hineinsteigert. Hier stellt er sich die Wölfe ohne Augen vor, was die Angst noch unpersönlicher, ungreifbarer und unkontrollierbarer macht. Gleichzeitig versucht er, seine Ängste zu kontrollieren und sein Vermeidungsverhalten zu rechtfertigen, indem er es sich rational erklärt: “Wölfe verspeisten Tiere wie Bellwidder zum Abendessen, also war es nur logisch, Angst vorm Wald zu haben.” (S. 27). Zunächst rettet Bellwidder sich zurück in die Vermeidung, in sein warmes, wohliges Haus, das auch durch Farbkontraste mit dem Wald sicher erscheint (das Haus orange erleuchtet, der Wald mit kalten, dunklen Farben), versucht dann aber, sein Schicksal zu beeinflussen und zu kontrollieren, indem er sich einen Wolfspelz näht. Keine Erwachseneninstanz, keine sich sorgende Bezugsperson hilft Bellwidder dabei, sondern er kanalisiert seine Angst zunächst selbst in Wut und nutzt sie dann produktiv. Dabei schiebt er jedoch erst einmal die Schuld für seine Begrenzungen aufs Äußere. Er wird selbst hart, um die eigenen Schwächen nicht fühlen zu müssen (“Ich wünschte, ich wäre BÖSE und SCHRECKLICH und hätte nie vor IRGENDETWAS Angst”, S. 42). Mit seinem Plan, sich einen Wolfspelz zu nähen, glaubt er, sich “nie wieder verstecken” (S. 47) zu müssen, was einer gewissen Ironie nicht entbehrt, da er ja gerade im Begriff ist, sich eine Verkleidung zu nähen. So heißt es dann auch im Erzähltext: “Und anstatt er selbst, war er jemand anders.” (S. 52 f.). Potenzielle Freund:innen und Verbündete vertreibt Bellwidder nun, denn die anderen kleineren Tiere wie Eichhörnchen und Hasen flüchten auf den Bildern jetzt vor ihm (s. Abb 2). Seine Verkleidung behindert seinen Genuss, er kann nicht mehr riechen, schlechter hören und es ist anstrengend, sie zu tragen. Genauso anstrengend ist es, mit dem “Mackertum” der anderen Wölfe mitzuhalten, zu prahlen, zu mobben, stark zu sein und die Lüge aufrechtzuerhalten: Nach dem ersten Aufeinandertreffen muss er sich daher erst mal hinlegen. 

Sharp Wolfspelz Innen Abb2Abb. 2: Kleine Tiere flüchten jetzt vor Bellwidder als Wolf. Nicht nur die Tiere, auch Büsche und Steine scheinen zu leben und tragen zu einem Gefühl von Unheimlichkeit bei. (c) Sharp: Der Wolfspelz, NordSüd 2023.

Doch als Bellwidders Pelz sich auflöst, die Verkleidung weg ist, stellt er sich schließlich seinen Ängsten, den Wölfen, und zeigt sein wahres Ich. Damit wird er zum Vorbild für die anderen, die nach und nach ihre Pelze ausziehen und den übrigen “Wölfen” offenbaren, dass auch sie selbst keine sind. Alle sind schließlich froh, ihre Verkleidungen loszuwerden und sie selbst zu sein: “Moment… also ist KEINER ein Wolf?” (S. 108), fragt Bellwidder schließlich fassungslos, und drückt damit etwas Universelles aus: Dass ein jeder in gewisser Weise performt und sich dem gesellschaftlichen Druck anzupassen versucht. Der Wolfspelz ist damit eine subversive Befreiungsgeschichte. Das kommt sicher nicht von ungefähr, denn Sid Sharp identifiziert sich selbst als nicht-binär. Die Idee liegt daher nahe, hier sei ein Kinderbuch über Geschlechtsidentitäten und ihr Verstecken geschrieben worden, ebenso wie über das befreiende Gefühl, zur wahren Geschlechtsidentität offen stehen zu können. Das Buch eignet sich zur Besprechung von Identitäten, die vermeintlich versteckt werden müssen, wie etwa Transidentitäten und Non-Binarität. Sid Sharp vermittelt dies jedoch ohne die direkte Thematisierung von Geschlechtlichkeit. Die Tierfiguren, deren Geschlecht wir, bis auf das Bellwidder Rückwälzers, der mit dem Pronomen “er“ benannt wird, höchstens in Form von geschlechtsspezifischen Namen erfahren, nicht aber auf der Bildebene, tragen dazu bei, dass „Geschlecht“ und „Identität“ in Der Wolfspelz nicht dramatisierend verhandelt werden (vgl. Debus, Katharina. “Dramatisierung, Entdramatisierung und Nicht-Dramatisierung in der geschlechterreflektierten Bildung.” Geschlechter-reflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule 150 [2012]). Die Tiere, ebenso wie die Geschichte insgesamt, bieten somit eine interpretatorische Offenheit auch für Kinder, was es ihnen leicht macht, sich mit den Figuren und unterschiedlichen eigenen Themen zu identifizieren. 

Fazit

Der Wolfspelz ist ein lustiges, gruseliges, empowerndes Buch, das zur Auseinandersetzung mit verschiedenen Themen anregt. Durch die offene Gestaltung des Inhalts als parabelartige Geschichte lassen sich sowohl Geschlechtsidentitäten, als auch andere identitätsbildende Aspekte und Gefühle wie Scham, Mut, Angst, Überwindung und das Bedürfnis, dazuzugehören und “cool” zu sein, thematisieren. Text- und Bildebene greifen dabei ineinander und sorgen für spannende und lustige Momente.

Der Verlag empfiehlt das Buch ab 6 Jahren. Der Wolfspelz lässt sich ggfs. jedoch bereits ab 5 Jahren gut vorlesen. Das gemeinsame Entdecken von gruseligen Bildelementen – und auch das gemeinsame Ängstigen – können hier für Momente liebevoller Bindung sorgen. In diesem Fall und generell bei sensibleren Kindern sollte aber sichergestellt sein, dass genügend Zeit für die Besprechung des Gelesenen/Gesehenen bleibt und das Buch bis zur Auflösung rezipiert werden kann. Andernfalls kann die Unheimlichkeit, die in Kombination mit der Auflösung empowernd wirkt, möglicherweise doch eher für “negative Gefühle“ sorgen. Ein gut begleiteter Grusel oder das Bestärken der Kinder, das Buch selbst zu lesen und den Grusel durch Weglegen, Zuschlagen und Wiederaufnehmen des Buches zu kontrollieren, mag jedoch die Resilienz der Kinder und auch den gesunden Umgang mit “negativen” Emotionen wie Angst und Scham stärken. 

Titel: Der Wolfspelz
Autor/-in:
  • Name: Sid Sharp
Originalsprache: Englisch
Übersetzung:
  • Name: Alexandra Rak
Illustrator/-in:
  • Name: Sid Sharp
Erscheinungsort: Zürich
Erscheinungsjahr: 2023
Verlag: NordSüd
ISBN-13: 978-314-10663-7
Seitenzahl: 136 Seiten
Preis: 22,00 Euro
Altersempfehlung Redaktion: 5 Jahre
Sharp, Sid: Der Wolfspelz