Inhalt
Das Buch erinnert an den mutigen Protest im Februar 1943, der unmittelbar auf die „Judenschlussaktion“ folgte: An diesem Tag wurden reichsweit etwa 8.000 bis 11.000 jüdische Zwangsarbeiter:innen in Fabriken verhaftet, darunter rund 2.000 Menschen, die in Beziehungen lebten, die das NS-Regime als „Mischehen“ einstufte. In Berlin wurden die Verhafteten in das Gebäude der ehemaligen Jüdischen Kultusvereinigung in der Rosenstraße gebracht, das unweit der Gestapo-Zentrale lag. Schon Stunden später versammelten sich dort Ehefrauen, Kinder und Verwandte, um die Freilassung ihrer Angehörigen zu fordern. Historiker:innen gehen von rund 1.000 Teilnehmenden aus, die sich – trotz Drohungen bewaffneter SS-Männer und Bombenangriffen auf Berlin – in den folgenden Tagen dem Protest anschlossen.
Tuckermann erzählt das Geschehen anhand der fiktiven Familie Gumpel, wobei die Perspektive der vielleicht sechs- oder siebenjährigen Tochter Doris im Zentrum steht. Sie wird mit einer Situation eingeführt, die für Kinder gut nachvollziehbar ist: dem Wunsch, auf den Spielplatz zu gehen. Die historischen Strukturen brechen aber sogleich dieses Identifikationsangebot auf, denn der Vater erklärt ihr, dass sie dort nicht erwünscht seien. Und Doris weiß, dass das nur so ist, weil sie Juden sind. „Es gab bestimmt tausend Verbote und Regeln, die nur für Juden galten – auch für Doris und ihren Bruder Helmut. Denn ihr Vater Joachim war Jude.“ (S. 1)
Die feindlich gesinnte Lebenswelt, in der Doris und ihr Bruder aufwachsen, wird in verschiedenen weiteren Szenen gezeigt: in der Schule, beim Einkaufen oder beim Blick aus dem Fenster und auch mit Überlegungen der Familie zur Flucht aus Deutschland. Diese werden allerdings nicht weiterverfolgt, da man sich sicher fühlt, weil die Mutter Christin ist.
Spätestens am 27. Februar, als der Vater nicht aus der Munitionsfabrik zurückkommt, erweist sich die vermeintliche Sicherheit als trügerisch. Doris‘ Mutter nutzt jedoch die Ideologie der Nationalsozialisten entlarvend ihre Stellung als ‚deutsche Frau‘. Entschieden schließt sie sich gemeinsam mit ihren Eltern und den beiden Kindern den ersten Protestierenden an. Der Erfolgt des Protests steht am Ende des Buches, als Doris am 6. März davon geweckt wird, dass der Vater zurück ist und die Familie Pläne für ein Versteck schmiedet.
Kritik
Das Werk vereinigt als Bilderbuch die Gattungen Sachbuch und fiktionale Erzählung. Auf jeder Doppelseite wird die fiktive Handlung erzählt, auf die sich auch die Illustrationen beziehen. Ergänzt wird das durch kursiv gesetzte kurze Sachtexte, die Hintergrundinformationen liefern sollen, aber nicht mit der fiktionalen Handlung verknüpft sind. (vgl. Abb 1.)
Abb. 1: Die Kombination aus Sachbuch und fiktionaler Erzählung wird über die typografische Gestaltung markiert, Tuckermann/Sperber: Damals in der Rosenstraße. Fischer Sauerländer 2026
Die fiktionale Erzählung und die Illustrationen passen sehr gut zusammen. Sie schildern aus der Sicht von Doris die Ereignisse und laden zur Perspektivenübernahme ein. Die Szenen aus dem Leben der Familie Gumpel ab 1941 und mit Rückblick bis 1938 sind durchgehend für junge Rezipierende ansprechend gestaltet und gut nachvollziehbar. Die Familiengeschichte wird imaginationsreich so erzählt, dass die historischen Strukturen in ihren Grundzügen erkannt werden können. Z.B. heißt es auf S. 3: „Juden durften nur spätnachmittags für eine Stunde in die Geschäfte und nicht viel kaufen. Doris und Helmut hatten oft Hunger, und sie kannten es nicht anders: Die Welt um sie herum war feindlich und gefährlich.“
Auch in den Illustrationen wird die Bedrohungslage der Familie durch die den Erwachsenen gut bekannten Symbole der Verfolgung wie Hakenkreuzfahnen, Schmierereien an jüdischen Geschäften oder Deportationsszenen aufgegriffen. Für Kinder ohne Vorwissen sind diese zwar weniger leicht kontextualisierbar – doch der Bedrohungscharakter für Doris und ihre Familie wird allein über die Farbwahl deutlich. So stehen die Doppelseiten, die eine bedrohliche Außenwelt zeigen, in starkem Kontrast zu farblich harmonischeren Szenen, welche die Familie, Gemeinschaft und Solidarität der Protestierenden zeigen. Letztere wirken im Verlauf der Handlung tröstend, aber nicht sentimental.
Die Sachtexte sind dagegen kritisch zu betrachten. Sie durchbrechen den Lesefluss und die spannende Handlung ebenso wie die Identifikationsangebote und heben das Erzählte auf eine abstrakte Ebene, die wenig zugänglich ist. Besonders problematisch sind sie, weil sie eine Eindeutigkeit suggerieren, die junge Rezipierende dazu verleitet, (die) Geschichte nicht als eine sinnstiftende Deutung von historischen Ereignissen zu sehen, sondern als Abbild einer historischen Wirklichkeit zu verstehen. Gerade weil diese kurzen Erklärungen adressatenspezifisch die historische Komplexität stark vereinfachen, besteht außerdem die Gefahr, dass das in der Forschung nicht einheitlich gedeutete Ereignis stark mythologisiert aufgeladen wird. Zum Beispiel suggeriert der Sachtext: „Die Regierung fürchtete öffentlichen Protest und die öffentliche Ablehnung ihrer Verbrechen. Schließlich befahlen die Verantwortlichen, die jüdischen Menschen aus gemischten Familien freizulassen.“ (S. 37) einen klaren, direkten Zusammenhang zwischen Protest und Freilassung. Doch die Quellenlage dazu ist wenig eindeutig. Goebbels notierte am 8. März 1943 zwar in seinem Tagebuch, man habe die „Judenevakuierung“ in Berlin angesichts der „unliebsamen Szenen (…) nicht ausgerechnet in einer so kritischen Zeit fortsetzen“1 wollen, was sich auf die Niederlage bei Stalingrad und die schweren Zerstörungen durch Bombenangriffe bezog. Genauso könnte die von Goebbels angeordnete Freilassung sich aber auch darauf beziehen, dass die Verhaftung der „Mischehe“-Angehörigen noch nicht vorgesehen war. Da später auch die zunächst wieder Freigelassenen deportiert wurden, spricht vieles dafür, dass die Freilassung keine grundsätzliche Rücknahme aufgrund des Protestes war, sondern eher erfolgte, weil der Zeitpunkt für das NS-Regime ungünstig war.
Wenn man die Sachtexte als zusätzliche Informationen wichtig findet, weil sie bei Bedarf hinzugezogen werden können, dann wäre es für das Verstehen der Vergangenheitsebene hilfreich gewesen, wenn auch Erläuterungen zur NS-Rassenlehre und die Einordnung erfolgt wären, um zu erklären, wie Doris und ihr Bruder als „jüdische Mischlinge“ kategorisiert wurden. Denn auch Vorleser:innen dürften nicht alle erklären können, warum die Familie zunächst „geschützt“ war und warum die Mutter und ihre Eltern eine so zentrale Rolle spielen konnten. Diese Informationen fehlen zwar auch im fiktionalen Teil weitgehend, dafür betont er durch das nicht rassistische, sondern menschliche Handeln der Familie die Fragwürdigkeit und Willkür dieser ideologischen Setzungen. Unter diesem Aspekt sind zwei Szenen besonders eindrucksvoll ausgestaltet. Einmal ist es das entschlossene Handeln der Mutter, als sie den Stern von Doris‘ Jacke abtrennt. Doris wendet noch ein, dass das doch verboten sei, doch die Mutter antwortet: „‘Damit ist jetzt Schluss. Und du gehst gar nicht mehr allein raus. Das ist zu gefährlich.‘ Mutter sprach streng, also wusste sie genau, was sie tat, in ihrer Stimme hörte man keine Furcht, da hatte Doris schon weniger Angst.“ (S. 13). Zum zweiten ist die Doppelseite sehr gelungen, als Doris feststellt: „Die Bäckersfrau stellte einen Hocker auf die Straße, bot Kindern Schrippen mit Zucker an. Auf einer Pappe stand: ‘Nur für Kinder’. Und Kinder waren sie ja – aber eben auch Juden.“ (S. 3). Hier wird ohne didaktischen Zeigefinger, aber mit subtiler Kritik darauf aufmerksam gemacht, dass es immer Entscheidungsmöglichkeiten gibt und dass Widerstand im Kleinen beginnen kann.
Natürlich kann ein Bilderbuch weder die Komplexität der historischen Situation noch die Forschungslage in allen Details aufnehmen. Es erzählt exemplarisch, selektiv und perspektivisch. Die fiktionale Erzählung spiegelt das durch die szenische Anlage und die Perspektivierungsfiguren wunderbar, sie lässt auch Deutungen offen, z.B. wie es zur Freilassung kam. Die kurzen Sachtexte können das nicht vermitteln.
In die Bewertung der Sachtexte muss auch einbezogen werden, dass „Damals in der Rosenstraße“ kaum für die Alleinlektüre sehr junger Kinder gedacht ist und daran können auch die ergänzenden Sachtexte nichts ändern. Für etwas ältere Grundschulkinder vermitteln gerade die Erzählung und die Illustrationen ein Bild der Zeit. Die Fiktionalisierung mit ihren Interpretationsfreiräumen und dem offenen Ende lädt zur wiederholten Lektüre sowie zu Verstehens- und Deutungsgesprächen mit anderen ein, um die Andersartigkeit von Doris‘ Lebenswelt und die Bedrohungslage einordnen zu können. Erwachsene Mitleser:innen könnten dabei noch gut aufgreifen, was die Erzählung ausblendet: Die Gefangenen aus der Rosenstraße wurden freigelassen, aber die Proteste konnten die weitere Verschärfung der Verfolgung nicht verhindern. Im Januar 1945 wurden auch die letzten noch in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden deportiert. Diese wichtigen Informationen können dem Nachwort des Bilderbuches entnommen werden, das für eine private Lektüre auch die wichtige Funktion einnimmt, erste Antworten auf die durch die Erzählung aufkommenden Fragen zu geben.
Fazit
Das Werk ist insbesondere geeignet für den fächerverbindenden Unterricht in der Grundschule ab Klasse 4 und den unteren Jahrgängen der Sekundarstufe I. Gerade eine unterrichtlich begleitete Lektüre kann ein Bewusstsein für Demokratie, Menschlichkeit und Verantwortung fördern.
Aber auch für die private Lektüre erzählt das Buch eine wichtige Geschichte; nicht nur über die Vergangenheit, sondern für die Gegenwart und Zukunft. Sie ermutigt die Lesenden – und dabei ist nicht nur an die Kinder zu denken, sondern auch an vorlesende und gesprächsbereite Erwachsene – sich gegen wahrgenommenes Unrecht und menschenverachtendes Verhalten zusammenzutun und gemeinsam stark zu sein. Es zeigt am historischen Beispiel, dass gewaltloser Widerstand sogar im NS-Staat möglich und erfolgreich sein konnte – und dass Mut, Solidarität und Zusammenhalt immer etwas bewirken können.
Dass der Fischer-Verlag 2023, in dem das Buch erschienen ist, in die Rosenstraße gezogen ist, dürfte Anlass für die Veröffentlichung dieses Buches gewesen sein. Das mindert aber nicht die wichtige Idee, diese lange wenig erzählte Geschichte für Kinder zugänglich zu machen.
Anmerkungen
1 Tagebücher Goebbels, Teil II, Bd. 7, S. 487: Eintrag vom 6. 3. 1943.
- Name: Anja Tuckermann
- Name: Annabelle von Sperber