Inhalt
Als Léane die Hausaufgabe bekommt, ein Interview mit ihren Verwandten über ihre Einwanderung in die Schweiz zu führen, scheint dies der perfekte Start in die Ferien zu sein. Nichts wünscht sie sich mehr als eines Tages Radiojournalistin zu werden, und ein Interview zu führen, war schon immer ihr Traum. Schnell offenbaren sich allerdings erste Probleme: Ihre Eltern sind in der Schweiz geboren und ihre aus Italien eingewanderten Großeltern bereits verstorben. Ernüchtert begibt sich das neugierige Mädchen auf die Suche nach einer neuen Interviewpartnerin und wird schließlich bei ihrer älteren Nachbarin Celeste fündig, die als kleines Mädchen zusammen mit ihrem Vater aus Apulien in die Schweiz eingewandert war.
Der Comic wechselt fortlaufend zwischen der Gegenwart Léanes und der schweren Kindheit Celestes in den 1960er-Jahren und erzählt den Leserinnen und Lesern, geleitet durch die Interviewfragen, einen bisher kaum beleuchteten Teil der schweizerischen Geschichte. So arbeitete Celestes Vater, wie etliche weitere italienische Männer, als Saisonarbeiter in der Schweiz, während sein fragiler Aufenthaltsstatus den Familiennachzug untersagte. Als Celestes Mutter stirbt, entscheidet ihr Vater sich dafür, seine Tochter heimlich in die Schweiz zu schmuggeln und sie dort zu verstecken. Celeste wächst illegal im Verborgenen auf, wie unzählige weitere Kinder in Einsamkeit und verfolgt von der ständigen Angst, entdeckt zu werden.
Bewegt durch die Erzählungen ihrer Nachbarin wächst auch Léane an ihrer Interviewhausaufgabe und kann erste Erfahrungen als Journalistin, im Umgang mit Rückschlägen und der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sammeln. So baut sich ganz unterschwellig eine neue generationenübergreifende Freundschaft zwischen beiden Frauen auf, bei der sie sich über ihre Kulturen austauschen, gegenseitig voneinander lernen und sich helfen.
Kritik
Gestalterisch springt der Comic zwischen zwei Zeitebenen hin und her, wobei die Vergangenheit um Celeste in Sepia und die Gegenwart um Léane in Grautönen abgebildet wird. Beide Ebenen werden durch die Fragen der Teenagerin verbunden und ermöglichen so, zusammen mit der unterschiedlichen Farbwahl, sowohl inhaltlich als auch optisch fließende Wechsel. Die trostlos wirkende Farbwahl untermauert die schweren Themen der Migration, des gefährdeten Aufenthaltsstatus, der Ausbeutung der Arbeitskräfte und der allgegenwärtigen Bedrohung vor Entdeckung.
Celestes Angst wird dabei in den Rückblenden ins Zentrum gerückt (vgl. Abb. 1):
Abb. 1: Bortune/Bozzoli: Celeste. Das versteckte Kind. Zürich/Genf: Seismo, 2024. S. 25.
In eckigen, randständigen Textfeldern spricht Celeste aus der Gegenwart über ihre Kindheitserinnerungen, wodurch zum einen eine wirksame sprachliche Untermalung der gezeichneten Bilder erreicht wird und zum anderen der Bezug beider Zeitebenen bestehen bleibt. In dieser Szene befindet sich die junge Celeste allein in der Wohnung ihres Vaters, weshalb weitere Sprechblasen, die eingängige Anweisungen ihres Vaters enthalten, kein Ventil (Verbindungsstrich einer Sprechblase zu einer Figur) aufweisen, sondern in kleinen Wölkchen wie Erinnerungsfetzen im Raum schweben. Das Knarren des Fußbodens ist als Lautmalerei Teil der Bildebene und somit nicht in einer Sprechblase abgebildet. Die Größe und Anordnung der Panels variiert von Seite zu Seite und zeigt in diesem Fall das unruhige, durch Angst getriebene Umherwandern des Kindes. Der detaillierte und realistische Zeichenstil beginnt mit einer vollen Raumansicht und wechselt danach zu Fokussierungen auf Details oder Einzelansichten des Kindes, wodurch ein dynamischer filmischer Effekt erreicht wird, der heranzoomt und das Kind aus unterschiedlichen Blickwinkeln darstellt. Der abrupte Wechsel zwischen mehreren Details untermalt hierbei die Unruhe und Angst von Celeste. Trotz der eintönigen Farbwahl findet eine Helligkeitsfokussierung auf das Fenster statt, zu dem Celeste selbst auch immer wieder blickt oder hinausschaut. Im Gegensatz zu dem dunkleren Zimmer wird durch diese Hell-Dunkel-Abgrenzung der Kontrast zwischen Freiheit, Leben, Selbstbestimmtheit auf der einen und Gefangenschaft, Einsamkeit und Trostlosigkeit auf der anderen Seite symbolisiert.
Auch in anderen Szenen wird die Angst von Celeste in den Fokus gerückt und gestalterisch durch einen Albtraum verstärkt, der als einziger Farbfleck in bedrohlichen Rottönen aufleuchtet. Die Härte und Belastung, die Celeste bereits in jungen Jahren erleben musste, wird verdeutlicht:
"Sie träumt, dass sie in einem Schrank versteckt ist und bedrohliche Schritte auf sie zukommen. Ein Mann öffnet langsam eine knarrende Tür wie in einem Horrorfilm. […] Immer mehr lautes und abstossendes Gelächter entströmt seinem Mund, der eine Pfeife fallen lässt. […] 'Wohin glaubst du, dass du dich retten kannst, Kleine?'" (Bortune 2024, S. 39).
Durch Léane bietet sich den Leserinnen und Lesern eine wissbegierige Identifikationsfigur, die den Einstieg in die Geschichte und den Umgang mit den auch heute noch aktuellen Themen erleichtert. Durch sie wird die Freude am Entdecken und an der Recherche über die Vergangenheit, aber auch Offenheit gegenüber den Geschichten und Kulturen fremder Menschen gefördert, unabhängig von ihrer Herkunft. So lernen die Leserinnen und Leser, wie bereichernd es sein kann, auf andere Menschen zuzugehen, ohne Vorurteile den eigenen Kulturkreis zu verlassen und über den eigenen Horizont hinauszuschauen. Begleitet werden die Erzählungen durch Einflechtungen über die italienische Kultur, bei denen mehrmals Fußnoten italienische Worte weiterführend erklären, dadurch unterschwellig Wissen vermitteln und gleichzeitig Interesse wecken (vgl. Abb. 2):
Abb. 2: Bortune/Bozzoli: Celeste. Das versteckte Kind. Zürich/Genf: Seismo, 2024. S. 13.
In sechs gleichmäßig angeordneten und fast gleich großen Panelabfolgen wird auf dieser Seite Léane gezeigt, die aufgrund der Ausgangssperre ihr Haus nicht verlassen darf und deswegen auf ihrem Handy durch die sozialen Medien scrollt. Dabei findet in randständigen Textfeldern eine zeitliche und räumliche Verortung statt, aber auch Hintergrundinformationen oder begleitende Kommentare zu dem Abgebildeten werden vermittelt. Dadurch werden die Bilder für die Leserinnen und Leser eingeordnet, was das Verständnis der Handlung außerhalb der Bildebene erleichtert. Die Bildansicht wechselt hierbei von Halbnah zu Nah, bis in Panel 3 und 4 schließlich Detailansichten Léanes Handy zeigen. Dadurch wird ein Heranzoomen und anschließendes Herauszoomen vorgenommen, wenn Panel 5 und 6 wieder nahe und halbnahe Ansichten abbilden. Der Fokus der Leserinnen und Leser wird demnach auf Léanes Recherchen und Interessen im Internet gelenkt. In Gedankenblasen sehnt sie sich hier nach Pittule und Salento, wobei diese beiden Wörter ebenfalls als einzige Begriffe auf der Seite kursiv geschrieben sind, was die Relevanz der italienischen Wörter hervorhebt. In einer Fußnote wird Salento am unteren Bildrand weiterführend erklärt, wodurch den Rezipientinnen und Rezipienten eine Vertiefung der Thematik ermöglicht wird. Auch die Bilder auf dem Handy von Léane zeigen gleichzeitig, worum es sich bei den Begriffen handelt, wodurch Neugier geweckt wird. Durch die Gedankenblasen, die einen direkten Zugang zu Léanes inneren Emotionen erlauben, wird ihre Sehnsucht und ihr Fernweh greifbar. Auch in den weiteren Panels wird mehrmals ihr Gesicht fokussiert, wodurch den Leserinnen und Lesern Léanes Gefühle der Langeweile und des Nachdenkens unmittelbar gezeigt werden. Dass in diesen Bildern unterschiedliche Perspektiven auf die Teenagerin eingenommen werden, ohne dass sie sich selbst großartig bewegt, verdeutlicht das stundenlange Scrollen in den sozialen Medien und die körperliche Trägheit, die damit einhergeht.
Aus diesem Zusammenspiel des Heranzoomens auf ihre Recherche über Italien, die Gefühlsvermittlung über Gedankenblasen und unterschwelligem Wecken von Neugierde, wird eine interessante Handlung mit Emotionen und Wissensvermittlung verknüpft, ohne die Leserinnen und Leser gleichzeitig zu überlasten. Ihnen wird vielmehr die Wahl gelassen, ob sie sich tiefer gehend mit der Thematik beschäftigen möchten. Die Fußnoten sind eine gelungene Lösung, um den Lesefluss nicht zu stören, aber bei Bedarf einen tieferen Einblick zu ermöglichen. Diesem Zweck dient auch ein vierseitiger Sachtext am Ende der Geschichte, der die Erzählung mit weiteren Fakten, Daten und Verweisen auf Forschungsliteratur bereichert. Die Entscheidung, die Geschichte als Comic zu gestalten, unterstützt dies ebenfalls und baut anfängliche Hürden vor Sachtexten ab.
Durch den eigenen Bezug Bortunes und Bozzolis zu der Geschichte wird des Weiteren Authentizität geschaffen. Beiden wurde durch ihre Vorfahren die schwierige Situation der italienischen Saisonarbeiter berichtet, wodurch die Erzählung auch einen persönlichen Bezug zum Autor und der Illustratorin aufweist. Anekdotisch berichtet Bortune im Sachteil des Comics: "Als Grossvater an Weihnachten nach Hause kam, packte er nicht einmal seinen Koffer aus, sondern holte heraus, was er brauchte und legte es dann sofort wieder an seinen Platz." (Bortune 2024, S. 53).
Fazit
In Celeste. Das versteckte Kind gelingt es Bortune und Bozzoli, das schwere Schicksal tausender Kinder leicht, anschaulich und interesseweckend zu präsentieren. Der Comic ist ein Plädoyer für Offenheit gegenüber anderen Kulturen mit ihren individuellen Geschichten und bietet Zugang zu Themen wie Migration und illegaler Einwanderung. Mitfühlend wird über einen fast unbekannten Teil der italienisch-schweizerischen Geschichte aufgeklärt, wodurch es den Leserinnen und Lesern ermöglicht wird, zwanglos Neues zu lernen. Der Comic eignet sich für Jugendliche ab 12 Jahren, da der geschichtliche Hintergrund und die in Fußnoten erklärten Fachbegriffe ein kleines Grundwissen über das Funktionieren von Kulturen und Politik voraussetzen; zum Selbstlesen, aber ebenso, um im Geschichts- oder Politikunterricht zusammen besprochen zu werden.
- Name: Bortune, Pierdomenico
- Name: Bozzoli, Cecilia
- Name: Bozzoli, Cecilia