Inhalt
Beastars spielt in einer Welt, die ausschließlich von Tieren bevölkert wird. Die binäre Welt wird in Fleisch- und Pflanzenfresser eingeteilt – Herbivore und Carnivore. Es gilt als allgemeine gesellschaftliche Handlungsnorm, dass die Pflanzenfressenden nicht von den Fleischfressenden verspeist werden – sie gelten jedoch unausgesprochen als die Stärkeren. Und doch beginnt der Manga mit dem Unaussprechlichen: der Alpaka-Teenager Tem wird von einem unbekannten Fleischfresserschüler auf dem Schulgelände der Cherryton-Akademie (Cherryton High School) brutal gerissen. Was wie ein Thriller beginnt, ist der Beginn des wachsenden Misstrauens in der fragilen Welt, in deren Mittelpunkt der siebzehnjährige Grauwolf Legoshi steht. Die brüchige Ordnung der Schulgemeinschaft wird durch den Vorfall erschüttert. Parallel verliebt sich der unerfahrene Wolf in das Zwergkaninchenmädchen Haru. Das ungleiche Paar – denn hybride Beziehungen zwischen Fleisch- und Pflanzenfressern werden sozial geächtet – erlebt Höhen und Tiefen. Sie werden in die Aufklärung des Mordfalls, die Machenschaften der Shishigumi, einer kriminellen Löwen-Mafia, die den Schwarzmarkt für illegalen Fleischhandel für Carnivore kontrolliert, und diverse Liebesdreiecke verstrickt. Und müssen gleichzeitig – Coming-of-Age-typisch – Schulfeste und -clubs organisieren. Sie träumen davon der nächste 'Beastar' zu werden – eine gesellschaftlich angesehene Persönlichkeit in der anthropomorphen Welt. Ein Titel, der mit Macht und Einfluss auf das Gesellschaftssystem einhergeht. Das Wortspiel aus Monster/Biest und Held/Star deutet auf die Ambivalenz der gesamten Struktur des Werks hin und wird zur allumfassenden Symbolstruktur.
Der Manga wurde in der Weekly Shōnen Champion (Shūkan Shōnen Champion) veröffentlicht, einem renommierten Manga-Magazin für unkonventionelle Titel, die sich eher an männlich gelesene junge Erwachsene richtet. Auch wenn tradierte Shōnen-Themen aufgegriffen werden (z. B. Kampf, Rivalität, Training, Glaube an Ideale, Opfer), offenbaren sich auch Shōjo-Themen (romantische/unerwiderte Liebe, Liebesdreiecke, Introspektion). Beastars nimmt damit bewusst eine Hybridposition im Shōnen-Genre ein.
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Legoshi (17, Grauwolf bzw. Grauwolf-Komodowaran-Hybrid in 2. Generation, namentlich angelehnt an Bela Lugosi): Lange Klauen, ein stählerner Körper und lange Reißzähne, doch unsicher knickt er seine opulente Statur lieber ein, als sich aufzurichten. Im Theaterclub, der hohes Ansehen genießt, arbeitet er lieber im Hintergrund, als auf der Bühne. Er trauert um Tem und verliebt sich Hals über Kopf in Haru – hat jedoch keine Erfahrung mit Mädchen. Louis (18, Rothirsch): Selbstbewusst steht das arrogante Rotwild als schauspielerischer Leiter auf der Bühne und strahlt trotz seines fragilen Äußeren Kraft und Unnahbarkeit aus. Er wird als Anwärter auf den begehrten 'Beastar'-Titel gehandelt. Viele Mädchen schwärmen für ihn, er ist Affären nicht abgeneigt. Sein Name wirkt royal und königlich, obgleich es seine Vergangenheit nicht ist. Haru (18, weißes Zwergkaninchen, übersetzt 'Frühling'): Haru ist selbstbewusst, weiß um ihre Reize und ist promiskuitiv. Da ein vergebenes, männlich gelesenes Japanerkaninchen mit ihr fremdging, wird sie von den Hasenmädchen anderer Hasenarten gemobbt und als minderes und gewöhnliches Zwergkaninchen betrachtet. Sie hat es satt als schwach und verletzlich gelesen zu werden und kehrt ihre vermeintliche Schwäche in sexuelle Macht um und beginnt viele Affären, in denen sie sich verliert. Sie hat zu Beginn eine Affäre mit Louis und schwärmt für ihn, entwickelt jedoch nach und nach mehr Gefühle für Legoshi. Handlungstragende Nebenfiguren Tem (Alpaka): Sein Tod im Theater-Club ist zentral für den Beginn der Handlung, er fällt einem Fleischfresser zum Opfer. Gohin (Panda): Der erwachsene Panda arbeitet als Psychologe für deviante Fleischfressende auf dem schwarzen Markt. Er wird zum Lehrmeister und Vorbild für Legoshi. Gosha (Komodowaran): Der zurückgezogen lebende Großvater von Legoshi, der sich in eine Grauwölfin (Legoshis Großmutter) verliebte. Yahya (Pferd): Goshas Jugendfreund, der amtierende 'Beastar' mit ausgeprägten Prinzipien. Juno (Grauwölfin): Eine attraktive und selbstbewusste Grauwölfin, die sich zunächst in Legoshi und später in Louis verliebt. Melon (Gazelle-Leopard-Hybrid): Psychopathischer und verstörter Antagonist, der sich keiner Welt zugehörig fühlt und manipulativ sowie emotional instabil agiert. |
Tab. 1 Figurenensemble – Abbildungsquelle: ALI (2019) "Wild Side" [Song]. In Beastars (Opening Theme, Season 1), Funky Notes/SME Records, 00:24 min. TOHO animations (16.10.2019) YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=bgo9dJB_icw&list=RDbgo9dJB_icw&start_radio=1
Die Hauptfiguren zeichnen sich allesamt durch innere und äußere Ambivalenz aus. Während Legoshis physische Stärke vordergründig ist, hat seine sensible Psyche die Übermacht über ihn. Louis trägt bei einer schwachen Physis eine ausgeprägte Dominanz bzw. Arroganz nach außen. Er ist als Spiegelfigur der tradierte 'friendly-foe': Legoshi und Louis beneiden sich gegenseitig – um Anerkennung, Stärke und die Beziehung zu Haru. Doch Haru ist kein unschuldiger Flirt im weißen Fellkleid, sondern eine junge Frau, die durch sexuelle Selbstbestimmung und Verletzlichkeit fasziniert. Sie ist eine offensive Figur, selbstbewusst, attraktiv und dominant; eine marginalisierte Außenseiterin, die sich nicht dafür schämt promiskuitiv zu sein, aber mit ihrer Einsamkeit hadert und nicht als gewöhnlich angesehen werden will. Während Legoshi seinen moralischen Kompass einordnen will, will Louis ihn ausloten und neue Grenzen bestimmen. Diese Konstellation – sowie die Beziehung zu Haru – treibt die Erzählung kontinuierlich voran.
Abb. 1: Haru und Legoshi. Quelle: Beastars, Bd. 14, Kapitel 122, S. 131.
Dabei sind die Figuren von gesellschaftlichem Druck und Erwartungen umgeben. Legoshi ist nicht der berüchtigte Predator, den die Gesellschaft in ihm sieht. Er schätzt kleinere Tiere, versucht auf andere zuzugehen und pflegt winzige Insekten. Doch sein instinktiver Fleischtrieb und sein moralischer Anspruch, kein Fleisch zu verspeisen, zerreißen ihn innerlich und münden im Begehren zu Haru. Louis hadert mit seinem Trauma als Kind auf dem 'Black Market' verkauft worden zu sein. Sein Bestreben gipfelt in Perfektionismus, Selbstschutz, Statuserhalt, Distanziertheit und Kaltblütigkeit.
Beide Figuren reißen aus, ein typisches Coming-of-Age-Motiv. Legoshi beendet vorzeitig die Schule und die Beziehung zu Haru und Louis verklärt seine Rolle vom Musterschüler hin zum eiskalten König der Unterwelt. Der eine flieht in die 'reale' Welt außerhalb der Schulmauern, der andere in eine Welt, die jenseits der Gesellschaftsordnung liegt. Der Grauwolf wird erst im finalen Arc zur identitär gefestigten Figur, die für seine Prinzipien einstehen kann. Er erkennt seine Gefühle an, entscheidet sich für ein Leben und Lieben jenseits gesellschaftlicher Erwartungen. Er wird zur perfekten Gegenfigur von Melon, einem Fleisch-Pflanzenfresser-Hybrid (Gazelle/Leopard). Denn dieser vereint den gesellschaftlichen Determinismus und die implizite Kritik an der Zwei-Gruppen-Gesellschaft – er ist ein Systemsprenger. Melon fühlt sich keiner Gruppe zugehörig, die Pflanzenfressenden misstrauen ihm, die Fleischfressenden akzeptieren ihn nicht. Sein Selbsthass gipfelt im politischen Hass auf die Gesellschaft – er will den radikalen Umsturz und die totalitäre Kontrolle. Ein gefestigter junger Mann, der zu sich, seinen Gefühlen und seiner Vergangenheit steht und seinen Wert nicht von der Gesellschaft abhängig macht, ist die ideale Reibungsfläche.
Gesondert hervorzuheben ist die Anime-Adaption des Werks, die seit 2020 auf Netflix in deutscher Synchronisation verfügbar ist. Die abschließende Hälfte der Final Season wird voraussichtlich 2026 ausgestrahlt. Für weiterführende inter- und intramediale Untersuchungen bieten sich insbesondere die Openings von Studio Orange an, die mit einer Fülle an Metaphern und Symbolen spielen. "Wild Side" von ALI, das Opening der ersten Staffel, verhalf der Band zum Durchbruch, die anschließend "Lost in Paradise" mit AKLO für das globale Phänomen Jujutsu Kaisen von Gege Akutami sang. So ungewöhnlich wie der Manga ist das 1. Opening: Puppenhafte Stop-Motion-Szenerie, ambivalente Erzählung, schneller Tempo- und Genrewechsel von Pop, Jazz und Swingelementen und tradierte Märchen- und Fabelmotive (Wolf, Wald, Hase, Schatten, Blut, Mond etc.). Der internationale Erfolg zeigt sich auch im Opening der 2. Staffel, "Kaibutsu" (jap. Monster), das von der international erfolgreichen japanischen Band YOASOBI gesungen wurde. Der Animationsstil ist so hybrid wie Genre und Figuren: eine Mischung aus CGI und 2D lassen ihn widersprüchlich wirken – gewöhnungsbedürftig und doch atmosphärisch. Er zeigt die Figuren im Opening als Schablonen, doch die Serie dekonstruiert genau diese Schablonenhaftigkeit und zeigt, dass Identität komplexer als ein schablonenhafter Scherenschnitt ist. Mit "Into The World" von issei gelingt ein ästhetischer Streich: fast psychedelisch anmutende 2D-Ästhetiken und realweltliche Bilder treffen durch found-footage intermedial in einem Diorama aufeinander. Das Opening des zweiten Teils der finalen Staffel steht derzeit noch aus.
Kritik
Geschichten von anthropomorphen Tieren sind nichts Neues und haben eine lange Tradition. Und doch bricht dieser anthropomorphe Manga mit etlichen Tabus und wird zum Novum: Rassismus, Kannibalismus, Sexualität, Andersartigkeit, Ächtung, queere Liebe. Die Figuren in dem Manga könnten unterschiedlicher nicht sein und werden doch durch ein Thema verbunden: Identitätsfindung und Systemkritik. Die adoleszenten Figuren müssen sich in einer von starren Normen geprägten Welt den Herausforderungen des Erwachsenwerdens stellen.
Dabei wird Fleischfressen zum Motiv des Einverleibens. Legoshis und Harus erste Begegnung in der Nacht wird durch diese Ambivalenz aufgeladen. Legoshi riecht das Kaninchenmädchen, er verfällt ihr und jagt sie. Das tradierte Muster von Raub- und Beutetier wird zu einer Coming-of-Age Metapher für erste Liebe, Sexualität und romantisiertem Begehren umgedeutet. Der onomatopoetische Herzschlag übertönt die Szenerie, die Figuren spüren einander, verstehen, dass ihre Emotionen nun Türen und Tore öffnen werden. Es entsteht ein Spannungsfeld, das für Heranwachsende als überwältigend, faszinierend und bedrohlich erfahrbar ist – Liebe, Lust, Trieb und Begehren liegen gefährlich nah beieinander. 'Fleischeslust' kann hier bewusst mehrfach codiert gelesen werden. Als Triebhaftigkeit der Carnivoren, aber auch als sexuelles Verlangen und Reiz des Unbekannten für die Heranwachsenden. Es ist kaum verwunderlich, dass Legoshi eine Referenz auf Bela Lugosi ist, berühmt für seine Dracula-Darstellung und in cineastischer Referenz für Bedrohung, Verlangen und Blutdurst stehend. Doch dieser draculeske Wolf will alles andere als blutrünstig sein, er will sein Begehren und seine Gefühlswelt verstehen. Und trotzdem stolpert er über seine Gefühle, wird von Haru in kompromittierende Situationen gebracht oder überschätzt sich. Die Schlüsselstelle des ersten Aufeinandertreffens von Wolf und Hase (bzw. Kaninchen) ist zeichnerisch bewusst mehrdeutig codiert: Während der Wolf bei Äsop als gieriger und machtvoller Räuber über den Herbivoren steht, wird die Szene bei Itagaki durch Jagd und Verlangen in Intimität aufgelöst (vgl. Abb. 2). Die Darstellungsweise von Legoshi ist überwiegend ambivalent aufgebaut und strotzt vor dramatischer Strichführung und einem deutlichen verdunkelten Bildanteil. Der Duktus wechselt rasch von dramatisch zu sensibel, um eben diese Spannung zu verdeutlichen. Überwältigt er Haru oder umklammert er sie? Genießt sie seinen Griff oder hat sie Todesangst? "Unglaublich was dein Geruch in mir auslöst." (Beastars, Bd. 1, Kap. 5, S. 139) – ist es Verlangen oder Verliebtheit? Aus dieser Perspektive erinnert der Manga an populäre Dark-Romance-Romane. So nah und vertraut die Szenerie scheint, so unklar ist sie für die Figuren – "Bin ich das? Oder bist du das?" (Beastars, Bd. 1, Kap. 5, S. 141). Der Herzschlag ist onomatopoetisch hör- und erlebbar – aber wessen Herz hören wir hier eigentlich pulsieren?
Abb. 2: Legoshi und Haru treffen aufeinander. Quelle: Beastars, Bd. 1, Kap. 5, S. 139–141.
Dabei trifft das Einverleiben in seiner Gesamtheit auch auf weitere Interpretationsebenen. So verleibt sich Louis als Pflanzenfresser Fleisch ein, um Anerkennung in der Unterwelt zu erhalten und Machtlosigkeit umzudeuten. Parallel opfert er sein Bein für Legoshi, um ihm durch sein Blut Kraft zu schenken. Kannibalismus trifft auf Eucharistie. Schuld, Sühne und Angst vor Kontrollverlust – das Begehren der Figuren wird real und in alle Grenzbereiche ausgelotet. Itagakis Figuren suchen ihren Platz in der Welt, die die Jugendlichen ebenfalls einnimmt.
Die Figuren suchen nach ihrem Platz in einer Gesellschaft, die von starrem Dualismus geprägt ist und Abweichungen werden kritisch beäugt. Die Liebe zwischen Legoshi und Haru ist deshalb nicht romantisch, sondern vor allem politisch zu lesen. Beziehungen zwischen Fleisch- und Pflanzenfressern werden stigmatisiert und sozial geächtet und fleischfressende Tiere strafrechtlich verfolgt. Klassenkämpfe, Devianz, Ausgrenzung, Prostitution und der Verkauf des eigenen Körpers sind Teil einer Welt, in der Macht stetig hinterfragt wird. Während Legoshi seine Identität und Gefühle für Haru seit der ersten Begegnung hinterfragt, stellt sie ihren moralischen Kompass nach Sehnsucht, Sexualität und Selbstzerstörung in Frage. Ihre Furchtlosigkeit zeigt sich nicht selten in Todessehnsucht, einem Motiv so alt wie die Literatur. So bittet sie Legoshi darum, mit ihr den 'Black Market' (Schwarzmarkt) zu besuchen. Inmitten eines illegalen Fleischereifachgeschäfts für Kaninchenfleisch fordert sie Legoshi auf, sie zu küssen (vgl. Abb. 3). Doch dieser erwidert ihren Kuss nicht und lehnt sie – trotz aller Gefühle ab. Eine weitere Schlüsselszene, die die wachsende Intimität und das Erwachsenwerden inmitten adoleszenter Grenzüberschreitung aufzeigt: Legoshi respektiert sie längst, sie muss keine prätentiöse Dramatik provozieren, um als stark in einer Welt voller Fleischfressender zu gelten. Sie lernt, dass echte Nähe sich nicht durch Sexualität erzeugen lässt.
Auch wenn ihre Beziehung gesellschaftlich prekär gelesen wird, haben sie selbstverständlich wie jedes andere Paar konventionelle Beziehungsprobleme: Unsicherheit, Angst vor Nähe, Alltagssorgen. Ihre Liebe ist mehr als der gesellschaftliche Rahmen, sie sind letztlich ein normales Paar mit normalen Konflikten, die mehr sind als die derzeit geltende Norm.
Abb. 3: Schlüsselszene auf dem Schwarzmarkt zwischen Legoshi und Haru. Quelle: Beastars, Bd. 14, Kap. 121, S. 126–127 (links); Kap. 122, S. 146–147 (rechts).
Beastars rückt die Vielfalt von Mischidentitäten in den Vordergrund und kritisiert das gültige binäre Identitätskonzept, indem die Folie von Fleisch- vs. Pflanzenfresser auf eine neue Etappe gehoben wird. Der Manga zeigt, dass artübergreifende Liebe immerzu ein Thema war, aber erst in Legoshis und Harus Generation in die Mitte der Gesellschaft rückt. Legoshi kämpft um friedliche Akzeptanz und Koexistenz, er will gelebte und respektierte Vielfalt und eine Beziehung jenseits gesellschaftlicher Normierungen. Dabei ist der Manga aus Sicht der Queer Studies als Pionierarbeit zu verstehen, da Fragestellungen von gesellschaftlicher In-/Exklusion bedeutsam sind: Wen verstößt die Gesellschaft? Wie geht die Gesellschaft mit Diversität und queeren Beziehungsmodellen um? Welche impliziten Normen werden reproduziert oder dekonstruiert? Aber ab wann wird Gesellschaftskritik zum populistischen Fanatismus – und wie schmal ist der Grad zum totalitären Umbruch? Wie kann sich eine Gesellschaft durch eine neue Generation verändern? Oder inwieweit müssen Zugeständnisse gemacht werden? Und wie geht eine Gesellschaft letztlich mit Devianz und Herausforderungen um?
Fazit
Ist Beastars ein Gegenwartsmärchen? Kaum, eher eine queere und diversitätssensible Gegenwartsfabel, die bekannte Motive neu interpretiert und umdeutet, ohne mit dem moralischen Finger zu zeigen. Es wird mit dem Bild des bösen Wolfes gespielt, die Figuren sind weder gut noch böse. Sie bewegen sich in Graubereichen, es sind Heranwachsende, die ihren Platz suchen, Fehler machen, scheitern, sich ausprobieren und Grenzbereiche ausloten. Sie sind deviant in alle Richtungen: Promiskuitiv, kannibalistisch, draufgängerisch und dramatisch. Und gerade weil die Figuren anthropomorph sind, können sie sich in diesem breiten Spannungsfeld bewegen, ohne eine konkrete Gesellschaft, Auffassung o. ä. anzuprangern. Es wäre zu banal, die Figuren als universelle Spiegelbilder für alle fundamentalen gesellschaftlichen Missstände zu interpretieren. Vielmehr werden hier Jugendliche gezeigt, die dafür einstehen, ein derzeit bestehendes Gesellschaftssystem zu dekonstruieren oder reproduzieren. Legoshi und Haru stehen dafür ein, ein Gesellschaftssystem von innen heraus zu verändern. Sie glauben an ein friedliches und artübergreifendes Zusammenleben, in dem Empathie stärker als Instinkte oder Vorannahmen ist. Ihre Liebe ist systemkritisch, normüberschreitend und queer im strukturellen Sinn einer von totalitären Politik geprägten dualistischen Gesellschaft. Louis hingegen entscheidet sich letztlich gegen die artübergreifende Liebe und für eine Vernunftehe mit einem anderen Rotwild. Er unterliegt dem gesellschaftlichen Druck. Doch auch hier geht es nicht um gut versus schlecht. Systemkritik und Systemerhalt: beide Wege sind für eine funktionierende Gesellschaft von Relevanz, da erst durch ihre Reibung gesellschaftliches Wachstum entstehen kann. Beastars endet also nicht mit dem radikalen Umsturz der dualistischen Gesellschaft, sondern mit Selbstakzeptanz und dem Einschlagen eines neuen Lebensabschnittes nach der Schulzeit. Legoshi und Haru entscheiden sich – entgegen aller gesellschaftlichen Stigmata – zusammen zu sein, aber das ändert weder ad hoc die Gesellschaft, noch leben sie 'happily ever after'. Denn der Manga endet nicht in der totalen Romantisierung von Herbivoren und Carnivoren. Deutlich wird dies durch Beast Complex, eine fortlaufende Kurzgeschichtenanthologie der Mangaka. Beast Complex ist gewissermaßen Prequel, Sequel und Spin-Off von Beastars. Ein Epilog in der Reihe zeigt nach dem Ende von Beastars den Alltag von Legoshi und Haru, der weiter spannungsgeladen bleibt (2021–2023). Der Manga ist also kein Märchen, in dem romantische Liebe alles löst. Das Paar muss – wie jedes Liebespaar – an seiner Liebe und an sich selbst arbeiten, ganz unabhängig von der Gesellschaft. Es bleibt ebenso eine Leerstelle, wer der nächste 'Beastar' wird. Zwar verkörpert Legoshi viele moralische Qualitäten eines Beastars – sofern man dies als gesellschaftlich erstrebenswerte Position oder erwartetes Ideal lesen will – doch er weigert sich in diese Position zu treten, um seinen eigenen Weg im System zu gehen. Liest man den Plural des Titels, wachsen letztlich alle Figuren über sich hinaus und arbeiten ihre Identität selbstbestimmt auf – sie werden alle auf ihre Weise Beastars und gestalten die Welt aktiv mit.
Literatur und Medien
Akshaya, A., & Chellerian, S. (2021). Anthropomorphism in animation – Disney’s movie Zootopia and animated series Beastars. In Annals of the Romanian Society for Cell Biology, 25(6), 8875–8881. http://annalsofrscb.ro/index.php/journal/article/view/7127/5323
ALI (2019) "Wild Side" [Song]. In Beastars (Opening Theme, Season 1), Funky Notes/SME Records.
ALI feat. AKLO (2020) "Lost in Paradise" [Song]. In Jujutsu Kaisen (Ending Theme, Season 1), Funky Notes/Sony Music.
Beast Complex (seit 2021). Weekly Shōnen Champion. https://www.akitashoten.co.jp/series/8012
De Guzman, K. M. (2023). The ritualistic death in (and of) the male friendship: Dismembering embodiments of inter-male homosocial relationships in Beastars. In Plaridel 20(2), 1–29.
Höpfler, M. (2021). BEASTARS Mangaka zeichnet lieblichen Legoshi zur Ankündigung neuer Verkaufszahlen. Crunchyroll. Deep Dives. https://www.crunchyroll.com/de/news/deep-dives/2021/11/1/beastars-mangaka-zeichnet-lieblichen-legoshi-zur-ankndigung-neuer-verkaufszahlen?srsltid=AfmBOorPz9NoSVGWmzgknB6C2EMUSKW1IB9TRimmzERI7aHrYi6m14N2
issei (2024) "Into the World" [Song]. In Beastars Final Season (Opening Theme, Part 1), Netflix/Studio Orange.
Netflix (seit 2020). Beastars. https://www.netflix.com/de/title/81054847
Weekly Shōnen Champion/ Shūkan Shōnen Champion (seit 1969). https://www.akitashoten.co.jp/w-champion
YOASOBI (2021). "Kaibutsu" [Song]. In Beastars (Opening Theme, Season 2), Sony Music Entertainment Japan.
- Name: Paru Itagaki
- Name: Jürgen Seebeck
- Name: Paru Itagaki
