Inhalt
Was also findet statt, in diesem flüssig zu lesenden, unterhaltsamen wie zugleich höchst informativen ... tja, Lokal-Roman, der in Essen spielt? Regelmäßig geht´s ums "Sexeln", Kiffen und Saufen – und laut Verlags-O-Ton hierum: "In einer temporeichen, süchtig machenden Sprache erzählt Marc Degens vom Siegeszug der Graphic Novels und von den Höhen und Tiefen der DIY-Kunst [...] eine überaus menschliche Komödie über den Rausch des Möglichen, die Fallstricke unabhängigen Verlegens und den schmalen Grat zwischen Plagiat und Hommage" (vgl. https://www.ventil-verlag.de/titel/1981/verfuhrung-der-unschuldigen). Oder gar Persiflage, um diese summary gleich sinnstiftend zu erweitern. Im Sinne von "Es gibt keine Wahrheit, nur Praxis" eher als Frage interpretiert, die reflektieren kann, wer sich einliest in eine spannende, wenn auch durchaus ausufernde Story...
Springen wir also hinein ins umtriebige Geschehen, angesiedelt in Essen-Katernberg nahe dem UNESCO-Weltkulturerbe Zeche Zollverein: Wir schreiben das Jahr 2016f., eingebettet in ein wechselvolles weltpolitisches Geschehen, siehe die Super-Nova "No. 0" in der US-Flagge Donald Trump. Angeekelt beobachtet von der angehenden Comic-Zeichnerin Marthe, die an der Akademie für Visuelle Kunst und Grafisches Erzählen studiert – und auch textlich für plakative Dialoge sorgt (den Zeilen-Umbruch habe ich bei den Zitaten beibehalten):
Keiner mochte Zweitausendsechzehn. [...]
Zweitausendsiebzehn wird garantiert besser, sagt Vlad oder Dustin,
einer der schwer zu unterscheidenden Zwillinge. Und schon findet sich Überschneidendes von Welt-Geschehen und Comic-Welten:
Am zweiten Jahrestag der Anschläge auf Charlie Hebdo veranstalten wir im Sadie eine Gedenknacht mit Comiclesungen. [...]
Hinterher werde ich mit Lob überschüttet. Nur Culotte [...] kritisiert mich.
Deine Strips sind wie Talkshows, behauptet sie. Ich sehe die ganze Zeit nur Köpfe und Sprechblasen, die mir die Welt erklären.
Aber dafür sind Comics doch da, verteidigt mich Corvin. [...]
Nein, winkt Culotte verächtlich ab. Sie sind dazu da, um mich zu unterhalten und mir die Welt zu verschönern.
Aber das tun sie dann doch ganz automatisch, entgegnet Vlad oder Dustin. (S. 163)
Schon weit davor geht es darum, wie Comics wirken:
Sina behauptet, dass jede einzelne Comicseite für sich stehen und deshalb genauso anfangen wie aufhören muss.
Wenn die Seite nicht einzeln funktioniert, sagt sie, funktioniert sie auch nicht in der Graphic Novel. [...]
Wobei es generell ja nicht darauf ankommt, ob etwas gut oder schlecht gezeichnet ist, meint Corvin. (S. 84)
Zwei typische Dialoge, wohnt Marthe doch mit drei Kommiliton:innen in einer WG, mit denen sie auch eine Menge Arbeit für den studentischen Comic-Verlag Bolsterbaumhaus teilt. Wer sich einliest, erfährt "mit ihr" eine Menge über die Geschichte der Comics, etwa zu Werden und Wandel(n) von Wonder Woman und William Moulton Masters:
Wonder Woman war aber nicht seine Erfindung, fährt Charleen dazwischen. Sondern die von ihm und seiner Frau Sadie.
Sadie, wiederhole ich überrascht.
Was damit zu tun hat, dass die Unterhaltung in einem In-Lokal namens Sadie stattfindet.
Charleen nickt.
Elizabeth Holloway Marston, sagt sie. Genannt Sadie. Die beiden haben zusammen auch den Lügendetektor erfunden. In den Comics ist der das goldene Lasso, das sogar Superman fesselt und alle zwingt, die Wahrheit zu sagen. Überhaupt sind die Bondage-Anspielungen in Wonder Woman ja unübersehbar. (S. 206)
Schon gewusst? Nun, von derlei Nerd-Wissen strotzt die Story. Doch auch von Eifersüchteleien zwischen diversen Comic-Schaffenden (inkl. Comic-Klo-Rollen-Editionen, S. 223) – und vom Streben nach wie Sterben von Plagiaten. Denn Marthe lektoriert außerdem für den Bolsterbaumhaus Verlag den Kreuzfahrt-Comic Combo der Künstlerin Amadea, was sich als langwieriger Prozess erweist. Wenige Monate nach dem schließlich geschafften Erscheinen zeigt sich: Der 16-jährige Zeichner Urs Mærzwald hat für die mithilfe seiner Medien-vernetzten Mutter gehypte Debüt- und Bestseller-Graphic-Novel Onesie Canyon breite Passagen aus Combo abgezeichnet! Es entwickelt sich eine überhitzte öffentliche Debatte, die das innige Verhältnis von Marthe und Co. arg infrage stellt. Das startet mit S. 260, steht im Fokus der zweiten Roman-Hälfte – und beleuchtet Plagiate aus verschiedenen Perspektiven, wobei schon klar wird: Entscheidend beim ja durchaus akzeptierten Kopieren (= Abschreiben, Abzeichnen...) ist, 1. zumindest die Quellen zu benennen (und/oder der Person zu danken). Dazu kommt üblicher Weise auch: 2. nur wenige "Zitate" zu verwenden und 3. diese zu verdeutlichen (durch Anführungszeichen, Fußnote o.ä.) – so meine Zusammenfassung und darüber hinaus. Um einen Eindruck von der durchaus kontrovers geführten Debatte zu erhalten, mag dieser Ausschnitt dienen, der zugleich eine kompakte Inhaltsangabe der Comic-Vorlage bietet:
Piratebay_Jenny schreibt zuerst über ihre Begeisterung beim Lesen, über die Intensität von Onesie Canyon und die vielen grandiosen Bilder und fragt sich, woher ein beim Zeichnen gerade einmal sechzehnjähriger Comickünstler so viel über die internen Abläufe innerhalb der Großraumküche eines Kreuzfahrtschiffs weiß, über den Stress und den Hass auf die Passagiere, über die tragischen Schicksale der anderen Küchenhilfen, die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen und den Ekel auf alles und jeden. Urs Maerzwald könne nicht selbst an Bord gearbeitet haben. (S. 262f.)
Während die Zeichnerin von Combo Amadea ja tatsächlich auf Kreuzfahrtschiffen gearbeitet hat...
Dass allerdings Marthe selbst Grenzgängerin in Sachen Urheberrecht ist, zeigt sich früh anhand der gesammelten Beiträge in den von ihr so genannten Comic-Bibeln:
Comicfiguren sind schließlich keine Heiligen, die eine unveränderliche Form haben, pflichtet Suuk-Yin mir bei.
Auch nicht die von Disney, sage ich.
Ihre müsst natürlich mit den Rechten aufpassen, meint Novotny und schlägt meine Bibel auf.
...ein Dozent u.a. von Marthe...
Suuk-Yin winkt ab.
Das Ganze ich doch vielmehr eine Hommage, erklärt sie.
Und kostenlose Werbung, ergänze ich. Wegen unserer Hefte wird ja keine einzige Graphic Novel weniger verkauft (S. 96f.)
Wie sich derlei entwickeln kann, zeigen aktuell im realen Markt etwa die Figureninterpretationen eines Gerry Lagler und seines Comic Circle, zu verfolgen auf Instagram und Facebook. Doch wenn es ausufert, also tatsächlich Passagen übernommen werden, dann führt das zu heftigen Auseinandersetzungen: Sei es im Bolsterberghaus "intern" oder in der medialen Auseinandersetzung.
Faszinierend, wie der Autor zwischen einerseits der sich zunächst langsam, dann rasant entwickelnden vielfachen Rezeption des Plagiat-Themas in der Neunten Kunst generell – und andererseits den eher ruhigen Einsprengseln zum Entwickeln von konkreten Comics wechselt! Illustrieren können diese individuell-persönliche Lebenswelt einige weitere ausgewählte Spotlights, die durchaus Bilder erzeugen– und so einer Bild-Geschichte ähneln. "Kino im Kopf" also, immer rund um die Ich-Erzählerin Marthe:
Hundert oder zweihundert Seiten lange Graphic Novels bringen doch heute gar nichts mehr.
Wie viele Seiten hast du denn schon fertig, frage ich Kurt.
Vierzehn, antwortet er.
Du Armer, lache ich, und streichle tröstend seinen Arm. [...]
Bei der Gelegenheit hole ich meine neuen Comics aus meinem Ranzen. [...]
Sieben neue Strips habe ich in der letzten Woche gezeichnet. Jeden Tag einen. Meine Striparbeit ist auch eine Disziplinierungsmaßnahme.
...wobei Stirn runzelnd zu fragen wäre: Ist "Striparbeit" hier bewusst als mehrdeutig interpretierbar formuliert...
Ist das eine Katze?, fragt Gyro.
Ja, nicke ich. Katze, Hund, Elefant, Maus. Das sind Sina, Scott, Bo und ich. (S. 24)
Damit sind gleich mehrere Personen der umfassenden "Menagerie" plastisch eingeführt – und Marthes individuelle Arbeitsweise definiert. Die allerdings mehr als "nur" ihre Farm-Strips entwickelt: So ist sie als Herausgeberin von Comic-"Readern" für andere tätig, eben die Comic-Bibeln, zusammen mit Suuk-Yin – und wird sich im Verlauf der Geschichte mit einer Lösung für ihren Master-Comic herumzuschlagen haben. Und Geld verdient sie "nebenbei" im Comic-Laden:
Die Arbeit im Splash macht mir Spaß und die erste Woche vergeht wie im Flug. Vormittags kümmern wir uns um den Wareneingang und packen die neu eingetroffenen Comics aus. Am Nachmittag kommen die Kunden, ich stehe an der Kasse und rede mit ihnen, dieser Teil der Arbeit gefällt mir am besten. (S. 48)
Für viele in der Community ist der autobiografische Bezug zentral, so auch für Marthe:
Du hast schon lange keine Träume mehr von dir gezeichnet, sagt Corvin.
Ich nicke.
Weil ich die Strips jetzt vor dem Schlafen zeichne, antworte ich. Früher, als ich sie direkt nach dem Aufwachen gezeichnet habe, waren die Träume viel präsenter. (S. 82)
Oder gar ein Text-Bild entsteht, anstelle von Bild-Geschichte mit Text, bei Oleg z.B., hier ein illustratives Liebes-Gedicht (S. 113, weitere im Verlauf, zugleich die Veränderungen in der Beziehung illustrierend):
Abb. 1: Degens 2025. S. 113.
Was allerdings Comic als solchen thematisch verlässt. Andererseits gibt es in der realen Welt vielerlei comicrelevante Cross-Overs, einmal zwischen Kunstformen wie bei Lyonel Feininger als Zeichen-Künstler, andererseits bei Patricia Highsmith als Autorin gleich mehrfach, siehe S. 123:
Bevor ihr erster Roman erschien, hat Highsmith jahrelang Comics für einen Verlag in New York geschrieben, erklärt mir Valeska. (...)
Übrigens hat auch Reddington, eins der frühesten Opfer von Tom Ripley, als Zeichner in der Comicbranche gearbeitet.“
Weil´s wieder anregendes Nerd-Wissen ist, sei abschließend dieses Zitat ergänzt:
Ist Scott eigentlich Kanadier?, fragt Oleg.
Ja, sage ich... Hat er dir auch schon erzählt, dass Kanada das gelobte Land der Comics ist, weil da wegen der Zweisprachigkeit alles zusammenkommt. Der amerikanische und der französische Einfluss, Superman und Tim und Struppi, Disney und Donjon? (S. 62)
Kritik
Wer diesen Roman liest, mag vor der Frage stehen: Ist das denn ein Jugendbuch? Nun, in Zeiten von Dark Romance & Co. steht der Buchhandel vor dem Dilemma, manche dieser Romane als "ab 16" (oder gar "ab 18") gekennzeichnet zu finden und ggf. (wie Orell Füssli in der Schweiz) mit einer Trigger-Warnung zu versehen – was übrigens beim einen oder anderen Manga gleichermaßen der Fall sein dürfte. Lassen wir die ziemlich lapidar geschilderten Sex-Szenen beiseite, die genauso wenig pornografisch daher kommen wie die erwähnten "Porno-Comics" mancher Protagonisten: Ja, dies ist ein Jugendbuch, dem eben jüngere Leser zu wünschen sind! Zum einen, weil viele der geschilderten Personen deren Alter nahe sind und so ihre Lebens- und Gefühlswelt spiegeln mögen. Zum anderen, weil im Reflektieren für manch einen oder eine so etwas wie Zukunfts-Orientierung entstehen kann: Wäre die Welt der Illustration etwas für mich und meine berufliche Zukunft? Der Autor schildert ziemlich schonungslos, wie prekär es für viele Zeichner:innen wird, sich den Wunsch einer solchen "Karriere" zu erfüllen: Selfpublishing kann eben auch Selbstausbeutung bedeuten, wenn Werke primär als Web-Comic und als selbst finanzierter "Sonderdruck" veröffentlicht werden. Und es mag zu Gratwanderungen führen, denn die bereits erwähnten Plagiate als Kern eines entstehenden Rechtsstreits sind ein absolutes Thema unserer Zeit, bis hin zu KI-Training oder anderweitigem 'copy&paste'-Übernehmen von Content: Wie ist derlei zu sehen, verglichen mit künstlerischer Freiheit à la Hommage oder Remix/Collage im Rahmen von (insbesondere Neunter) Kunst: Wo sind die Grenzen zu ziehen?! Diese und ähnliche Fragen wie auch ihre äußerst vielseitig ausfallenden Antworten (vgl. S. 458f. und S. 492ff.) münden im Roman letztlich in einer Schlammschlacht. Darüber hinaus ist Marc Degens‘ Roman höchst informativ: Der Text von fast 550 Seiten liest sich (auch) wie eine Geschichte des Comics, geschickt in Gedanken und Dialoge eingewoben. Begleitend gibt es verschiedene tiefe Einblicke in die Welt des Comic-Gestaltens, der Illustration, aber auch der Produktion (mit Blick auf Verlage und Selfpublishing) und der Distribution (Messen/Cons verschiedener Art plus Ausklang in der Kneipe...). Die Dialoge sind dauerhaft als unmarkierte direkte Rede wiedergegeben, was an per Sprechblase integrierte Texte in Comic-Panels erinnert...
Der Autor hat in diesem Roman wohl auch die Plagiat-Affäre rund um Helene Hegemanns Jugendbuch-Debüt Axolotl Roadkill verarbeitet, der ein Plagiat des von ihm begleiteten Romans Strobo des Bloggers Airen vorgeworfen wurde. Lange Jahre hat er zudem zwei Buch-Reihen herausgegeben, die über Süßwaren-Automaten vertrieben wurden, ganz im Stil der rororo-Automaten-Bücher in den 1950er Jahren. Die Comic-Szene kennt der Autor "von innen", seine Magister-Arbeit verfasste er zu Donald Duck und die Dichter: Formen und Funktionen des Comiczitats in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.
Fazit
Wer will, mag hier "Dante" der etwas anderen Art wiederfinden, eben als "menschliche Komödie" (siehe Verlags-O-Ton), als Fegefeuer der Eitelkeiten *zwinker*. Definitiv bildet dieser Roman eine Art Pflicht-Lektüre für alle, die selbst gestaltend oder Comics konsumierend auf äußerst unterhaltsame Weise mehr über …. erfahren wollen (und sollten). Wärmstens zu empfehlen, als tiefschürfende Analyse an der Genre-Grenze zum Sachbuch!
PS: Wenn die Süddeutsche Zeitung am 03.03.2026 ketzerisch fragt „Ist die GenZ geeignet für die harte Arbeit in der Küche?“ (https://www.sueddeutsche.de/muenchen/gen-z-ausbildung-gastronomie-kueche-herausforderungen-muenchen-li.3393876?reduced=true abgerufen zuletzt am 03.03.2026, SZ+), hätte Amadea sicher eine mehrschichtige Antwort parat, passend zum Kern-Thema ihrer (fiktiven) Graphic-Novel im hier besprochenen Roman :)...
PPS: Für eine jüngere Zielgruppe geeignet und quasi als Pendant zu diesem Roman als gezeichnete Variante ist inzwischen auf Deutsch erschienen Der Comic-Club von Raina Telgemeier und dem Altmeister des Comic-Generierens Scott McCloud: Ein Blick auch dort hinein lohnt!
Literatur
Degens, Marc: Donald Duck und die Dichter: Formen und Funktionen des Comiczitats in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Bochum, Ruhruniversität, 1999. Abzurufen hier: http://www.satt.org/literatur/01_02_ma_1.html (abgerufen am 23.02.2026)
- Name: Degens, Marc