Inhalt

Die renommierte Literaturwissenschaftlerin Corona Schmiele stellt sich der Aufgabe, die Spuren der Brüder Grimm als Autoren in ausgewählten Texten der Kinder- und Hausmärchen aufzuzeigen und zu kommentieren. Im Rückgriff auf die bereits von den Grimms beigegebenen Kommentierungen zu den von ihnen verwendeten Quellen und unter Berücksichtigung älterer und aktueller Sekundärliteratur notiert Schmiele die schrittweise Überarbeitung der ausgewählten Texte. Diese erfolgt im Wesentlichen durch Wilhelm Grimm und erstreckt sich über eine Zeitspanne von fast 50 Jahren, also von der Erstveröffentlichung im Jahr 1812 bis ins Jahr 1858. Von den 210 Märchentexten wählt Schmiele 36 aus und fasst diese zu thematischen Gruppen zusammen. Dabei behandelt sie zunächst das Märchen Der Froschkönig, sodann weitere, an denen sie Bearbeitungen durch die Grimms im Rahmen der nachfolgenden Ausgaben feststellen kann.

Schmiele vergleicht Quellentexte mit den Bearbeitungen, die anhand der sechs Auflagen erkennbar werden. Diese kommentiert sie und kann überzeugend nachweisen, dass vor allem Wilhelm Grimm den Texten diejenige Form und denjenigen Stil gibt, der diese Märchentexte bis in die Gegenwart prägt. Damit ist die Autorenschaft der Brüder – wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung – nachgewiesen.

Kritik

Es liegt an dem gewählten methodischen Vorgehen, dass Schmiele die historische Kulisse der Entstehung und Bearbeitung der Märchentexte fast gar nicht erwähnt bzw. darauf Bezug nimmt. Erst vor diesem Hintergrund wären wohl die deutsch-nationalen, die pädagogischen und lebensphilosophischen Implikate nachvollziehbar und überzeugender darzustellen gewesen. Zu den pädagogischen Absichten der Grimms wird wenig gesagt, zugleich aber die kindliche Lesemotivation unterstellt, was sich gegenseitig plausibel stützen soll. Ein Blick auf die Beschulung der Kinder und Jugendlichen in Preußen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigt, dass der Anteil der lesenden und Schrift kundigen Schüler gering war, und dass die Lektüre der Märchentexte erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Lehrplan des Deutschunterrichts für die Klassenstufe 5 auftaucht. Welche Leserschaft die Märchentexte also zunächst hatten und welche Zielgruppe die Grimms im Verlauf der sechs Auflagen vor Augen hatten, bleibt unklar.

Schmiele behauptet wiederholend, dass die Märchen keine Moral thematisieren. Das ist kaum nachvollziehbar, denn es finden sich immer wieder Handlungen, die erkennbar soziale Regeln verletzen, als auch solche, die Hilfeleistungen und Solidarität befolgen. Richtig wäre allerdings, darauf hinzuweisen, dass die Rechtfertigungen der sozialen Regeln und Normen fast völlig fehlen, wie es auch keine diskursive Erörterung über die Geltung dieser Regeln gibt. Diese Leerstelle ist zugleich eine Schwäche der sozialen Wahrnehmung der Heldenfiguren, die eben wesentlich aus ihren ihnen eingegebenen Voraussetzungen ihr individuelles Glück finden. Wenn es Schmiele darum ging, die Einflüsse der romantischen Anthropologie, die Nähe zu Max Stirner und sogar zu Nietzsches 'Übermenschen' darzustellen, hätte wohl weiter ausgeholt werden müssen.

Die deutsch-nationale, konservative Vereinnahmung der Märchentexte bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts stellt eine weitere Aufgabe dar für die Rekonstruktion der Grimmschen Textbearbeitung und der ideologischen Funktion der Texte in den Lesebüchern der Grund-, Volks- und Mittelschulstufen in den ihnen nachfolgenden 100 Jahren.

Fazit

Die differenzierte textnahe Arbeit ist ein gutes Beispiel für die Methode des 'close reading'. Die sich an diese Ergebnisse anschließenden spekulativen Kommentare zu den Textinhalten eröffnen interessante, z. T. neuartige Sichtweisen auf das Wirkungspotential der Texte. Insofern wird dem literaturwissenschaftlichen Leserinnen- und Leserkreis gedient, aber auch die ausgewählte Behandlung eines Märchentextes oder einer thematischen Gruppe könnte in der gymnasialen Oberstufe einen Lerninhalt darstellen, der dann anhand der Erkenntnisse dieses Bands exemplarisch vertieft wird. Hier liegt es nahe, den noch heute bekannten Texten den Vorzug zu geben, also zum Beispiel Der Froschkönig, Rotkäppchen, Der treue Johannes oder auch Frau Holle. Zu diesen Texten liegen weitere Interpretationen vor, die in den Texten psychologische oder kulturelle Bezüge zu erkennen glauben, welche in den mündlichen Überlieferungen konventionell Nicht-Sagbares zum Ausdruck bringen.  Ob es also um magisches Denken, um sexuelle Verbote oder regelüberschreitendes Handeln geht, kann im Unterricht erarbeitet werden und die Tragfähigkeit der Analysemethode kann kontrovers erörtert werden.

Titel: Autor im Suchbild. Geheime Verfassersignaturen in Grimms Kinder- und Hausmärchen
Autor/-in:
  • Corona Schmiele
Erscheinungsort: Heidelberg
Erscheinungsjahr: 2020
Verlag: Universitätsverlag Winter
ISBN-13: 978-3-8253-4680-5
Seitenzahl: 390
Preis: 32,00 €
Schmiele, Corona: Autor im Suchbild. Geheime Verfassersignaturen in Grimms Kinder- und Hausmärchen