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"Wer liest All-Age-Literatur und warum?" Bertling entscheidet sich für die Untersuchung dieser massenhaft verkauften Titel, nicht für die Lieblinge, die man als Erwachsener aus der Kinderzeit gerettet hat und immer wieder hervorholt. Wie sie gleich zu Beginn anmerkt, waren Sci-Fi und Fantasy schon immer All Age – nur dachte Tolkien, er schreibe für Erwachsene. Dann kam Harry Potter, und auf einmal gab es bei den späteren Bänden unterschiedliche Umschläge für Kinder- und Erwachsenenausgaben. Trotzdem ist All-Age nicht leicht zu definieren:

Es ist ein bisschen, als sei All-Age ein Zauberwort, bei dem niemand so genau weiß, was sich dahinter verbirgt. Und so ändert sich die Bedeutung des Begriffs 'All-Age' je nachdem, in welchem Kontext er verwendet wird. Dabei bezieht sich der Begriff 'All-Age' auf unterschiedliche Phänomene in verschiedenen Ebenen … (23).

Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Mediensozialisation, den Rezeptionsmodalitäten und Emotionen: Rezeptionsmodalitäten nach Suckfüll, Lesemodi nach Werner Graf, Emotionen beim Lesen nach Mellmann; dazu Morettis Ansatz der Quantitativen Literaturwissenschaft zur Untersuchung des Anteils an Emotionsworten in den Texten (6). Die Arbeit enthält einen ausführlichen empirischen Teil (Fragebögen mit Auswertung). Termini und Methoden sind sorgfältig ausgewählt und festgelegt, und nach einem frechen Seitenhieb auf manche Fächer (7) geht es los.

Der in V ausführlich vorgestellte empirische Forschungsansatz basiert dabei auf folgenden Fragen und Hypothesen:

Wer liest All-Age-Literatur und warum?

1. Es gibt eine Gruppe von Lesern, die hauptsächlich oder zumindest bevorzugt All-Age-Literatur liest. Diese sind jünger als die Leserinnen und Leser von Erwachsenenbelletristik und überwiegend weiblich.

2. Bei den All-Age-Lesern sind die Modalitäten Kommotion und Präsenz (also emotionale Modalitäten) stark ausgeprägt, während bei Leserinnen und Lesern von Erwachsenenbelletristik die Modalitäten medienspezifisches Gestaltungsmittel und Ideensuche (also eher distanzierte Modalitäten) ausgeprägt sind.

3. All-Age-Leserinnen und Leser sind in ihrer Kindheit nicht durch Bücher, sondern hauptsächlich durch Film und Fernsehen sozialisiert, Leserinnen und Leser von Erwachsenenbelletristik eher durch Bücher und weniger durch TV / Film. All-Age-Literatur erschließt daher neue Leserkreise, nämlich Menschen, die in ihrer Kindheit wenig gelesen haben und jetzt vorzugsweise All-Age-Literatur lesen. (71).

Es geht also darum, die Gruppe der Leser und Leserinnen anhand der Parameter emotionale Involviertheit beim Lesen und Mediensozialisation zu definieren.

Kritik

Das Design der Befragung wird ausführlich begründet; die Fachliteratur wird selbstverständlich auch hier überblickt und gewinnbringend eingesetzt (71-82). Auch die Probleme einer internetgestützten Untersuchung werden reflektiert, was für die vorliegende Arbeit relevant ist. Ebenso ausführlich ist die Auswertung der Studie (97-119). Das übliche Problem solcher Befragungen bei Dissertationen, nämlich die im Vergleich zu anderen Gesellschaftsgruppen überdurchschnittlich hohe Zahl an Studierenden, die teilnehmen, besteht auch hier. Bertling ist sich dessen bewusst und versucht, dieses Problem bei der Interpretation der Daten mit einzubeziehen. Eine anspruchsvolle Rechenarbeit, bei der die Autorin durch alle Höhen und Tiefen der empirischen Analyse und Auswertung gegangen ist. Doch das Schönste an Befragungen ist, dass man sie selbst ausprobieren kann. Das rettet jede Party! Wie auch Bertling immer wieder betont: Vielleicht ist nicht jede/r so ganz ehrlich bei der bibliografischen Rückschau in die Kindheit… Der Fragebogen zu dieser Arbeit eignet sich zu solch peinlichen Geständnissen wie das Spiel "Humiliation" bei David Lodge (dort müssen Literaturwissenschaftler gestehen, welche großen Werke der Weltliteratur sie nicht gelesen haben). Aber wir haben diese Titel ja alle nur gelesen, weil es zu unserem Job gehört, selbstverständlich.

Doch bevor es an die Beantwortung der Fragen durch die tatsächlichen Teilnehmer der Studie geht, kommt eine ausführliche theoretische Einleitung in das Thema. Denn zunächst einmal muss der Begriff All-Age geklärt werden. Jeder glaubt zu wissen, was gemeint ist, aber gerade so ergeben sich Missverständnisse ohne Ende. Daher bietet Bertling eine ausführliche Analyse unterschiedlicher Ansätze zur Definition des Begriffs All Age, einschließlich einer Abgrenzung anhand verschiedener Definitionen des Begriffs Crossover. Der Überblick beginnt mit Zohar Shavit aus den 1980ern (9-10) und führt über Barbara Wall aus den 1990ern (10-11) zu Hans-Heino Ewers, späte 1990er und 2000er (11-14). Crossover erweist sich als besonders komplizierter Fall, denn Bertling merkt gleich an, dass der Begriff sehr uneinheitlich gebraucht wird (10). Hier kommen Falconer (14-17), Beckett (17-19) und Blümer mit ihrer Einbeziehung von Marketingaspekten beim Crossover (19-23) zu Wort.

Es folgt ein Kapitel zum Medienhandeln (27-57). Bertling erläutert insbesondere das 7-Faktoren-Modell von Suckfüll, das sie als Basis für ihre eigene Untersuchung im Bereich der Rezeptionsmodalitäten nimmt (40 ff). Damit wählt sie ein Modell, das sowohl hochinvolvierte als auch völlig nüchterne und von einem gefühligen Erlebnis abgekoppelte Rezeptionsmodalitäten enthält. Wie die Autorin anschaulich schreibt (153):

Unwissenschaftlich und beispielhaft formuliert: Nach Ansehen des Films 'Der Rosenkrieg' überlegt Rezipient Nr. 1, wie er ein solches Drama vermeiden kann, Rezipient Nr. 2 überlegt, ob die Schauspieler wohl auf eine Leiter steigen mussten, um am Kronleuchter zu hängen, Rezipient Nr. 3 lässt seinen Tränen freien Lauf.

Ergänzt wird das Modell von Suckfüll durch die Modi der literarischen Rezeptionskompetenz von Graf (48 ff.).

Der nächste untersuchte Aspekt sind Mediensozialisation und Medienbiographieforschung (57-70). Von diesen einleitenden Kapiteln führt die Autorin zur oben zitierten Fragestellung. Auch die Probleme einer internetgestützten Untersuchung werden reflektiert, was für die vorliegende Arbeit relevant ist. Ebenso ausführlich ist die Auswertung der Studie (97-119).

Kapitel V handelt von Emotionspsychologie und Medienpsychologie (119-151) und thematisiert Fragen, die sich aus dem Ergebnis der Befragung ergeben haben. Das ist ein interessanter Aufbau, denn sehr oft enden Arbeiten mit der Auswertung der Befragung und dem Hinweis, dass noch viele Fragen offen sind und die Arbeit Anregung für weitere Arbeiten bietet. Einen Teil dieser Anschlussarbeiten übernimmt Bertling mal lieber selbst. Dafür wagt sie sich in wieder neue Gefilde. Und plötzlich steht die Leserin vor einer Art zweiter Arbeit mit neuen Analyseinstrumenten, nämlich einer computerlinguistischen Analyse nach Moretti, bei der die Emotionswörter in einem All-Age-Roman im Vergleich zu einem belletristischen Text für Erwachsene gezählt werden (158-168). Ein Verfahren, das wieder völlig neue Kompetenzen verlangt, auch vom Publikum. Auch wieder Mathe.

Fazit

In der Schlussfolgerung fasst die Autorin zusammen, was sich anhand der Untersuchung wirklich über die All-Age-Leserin sagen lässt: "die emotional involvierte Vielleserin" (170). Das hat einen leichten Hab-ich-mir-doch-gedacht-Effekt, was aber bekanntlich die Qualität wissenschaftlicher Untersuchungen nicht mindert.

Hochinteressant ist aber, dass der Ausblick (170-172) nach dem Fazit nicht nur das übliche "Hier könnten weitere Untersuchungen anschließen" enthält. Vielmehr übt die Autorin eine handfeste Kritik am Buchmarkt, der für den Boom der All-Age-Titel eine gewisse Verantwortung trägt:

Meines Erachtens ist nicht die All-Age-Literatur an sich das Problem, sondern der Hype, der in der Verlagsbranche darum gemacht wird, indem horrende Vorschüsse für eine Lizenz bezahlt werden, die durch ein sehr aggressives, einseitiges Marketing wieder eingespielt werden müssen. (171)

Sie plädiert dafür, Unterhaltungsliteratur für Erwachsene, die schließlich auch nicht höchsten Qualitätsansprüchen entspricht, sondern nur den Feierabend versüßen soll, mit All-Age zu vergleichen und nicht mit der ehrgeizigen Belletristik, die es den Lesern gerade nicht leicht machen will. Da gehört sie zu vielen Rufern in der Wüste. Vermutlich ist es für das Feuilleton einfach zu schön, hin und wieder den Untergang des Abendlandes auszurufen, als dass es auf All-Age-Bashing verzichten könnte. Aber wer weiß, vielleicht greift Bertling da bald ein? Einleitung und Fazit zeigen, dass sie sehr wohl auch journalistisch schreiben kann und nicht nur wissenschaftlich-sachlich.

Weil ich als pingelig in Kleinigkeiten bekannt bin, muss ich diesem Ruf gerecht werden: Die Auslassungszeichen stehen alle falsch herum und hätten durch die 'Symbol'-Option repariert werden können. Außerdem stimmt etwas bei der Kapitelzählung nicht; die Nummerierung im Text und die im elektronischen Inhaltsverzeichnis widersprechen sich. Aber das sind Peanuts. Denn dieses Buch ist hochinteressant und bietet eine engagierte Kombination aus interdisziplinär ausgewählten Methoden. Der Lesefleiß der Autorin wurde in ihr eigenständiges Denken integriert. Und, ja: An diese Arbeit werden noch viele weitere Arbeiten anschließen. Bestimmt.

Titel: All-Age-Literatur. Die Entdeckung einer neuen Zielgruppe und ihrer Rezeptionsmodalitäten
Autor/-in:
  • Maria Bertling
Erscheinungsort: Wiesbaden
Erscheinungsjahr: 2016
Verlag: Springer
ISBN-13: 978-3-658-14333-6
Seitenzahl: 207
Preis: 34,99 €
Bertling, Maria: All-Age-Literatur. Die Entdeckung einer neuen Zielgruppe und ihrer Rezeptionsmodalitäten