Inhalt

Böhm untersucht zu Beginn die Kinder- und Jugendliteratur im Medienverbund und richtet ihren Blick mit Judith Butlers und Raewyn Connells Gendertheorien auf die Konstruktion von Männlichkeit. Sie betrachtet Medienverbünde näher, definiert sie als Texte, die in verschiedenen Medien als Stoffe präsent sind und rückt den Fokus auf Trivialität und Serialität. Zudem konstatiert Böhm eine Ausrichtung zur Unterhaltung, womit ein Wertediskurs einhergeht. Mit der literarischen Vereinfachung (vgl. Lypp 2005) der Kinder- und Jugendliteratur werden oft Stereotype niedergeschrieben, die wiederum Vorstellungen von Geschlecht formen. Kritisch sind Geschlechterfestschreibungen in Texten sowohl in der Oberflächen- als auch Tiefenstruktur zu betrachten:

Auf der Oberfläche erscheinen diese Texte mitunter innovativ, da Differenzierung, Komplexitätssteigerung und Reflexivität Prozesse der Schematisierung, Komplexitätsreduzierung und Somatisierung überlagern. Der Seriencharakter, die Wiederholung einer immer wiederkehrenden Variation von Ähnlichkeiten innerhalb einer gleichbleibenden Narration, verschleiert diese Schein-Innovativität. Diese Unterscheidung von vermeintlich innovativen Oberflächentexten und eher traditionellen, konservativen Subtexten ist für die vorliegende Arbeit essentiell, […] (Lypp, S. 27). 

Das Aufdecken solcher Verschleierungen von innovativen Geschlechterdarstellungen nimmt Böhm systematisch vor. Nach einer generellen Auseinandersetzung der Genres Mädchen- und Jungenliteratur, bzw. Backfischbuch und Abenteuerbuch, bei denen geschlechtsspezifische Differenzierungen meist bereits anhand äußerer Merkmale (Titel, Covergestaltung, etc.) scheinbare Interessen widerspiegeln, versucht Böhm mithilfe einer akribisch durchgeführten und detailreichen Analyse der beiden seriellen Kinderromane der Die Wilden Hühner und Die Wilden Fußballkerle auszuarbeiten, wie textimmanent Weiblichkeit bzw. Männlichkeit konstruiert und symbolisch repräsentiert wird. Bei beiden Reihen wird mit starken Stereotypenbildungen gearbeitet; während die Fußballkerle zur Archaisierung neigen, da unter anderem traditionell männlich codierte Erzählmuster aufgegriffen werden, wird parallel dazu eine Tendenz zur Pinkifizierung (vgl. Six 2014) beobachtbar: überall da, wo etwas für Mädchen verkauft wird, färbt sich alles in Pink, wird mit Glitzer und Herzchen versehen, während Jungenprodukte mit wilden Tieren, Fahrzeugen, Piraten und Rittern präsentiert werden (S. 51).

Die Darstellung von Männlichkeit in Die Wilden Fußballkerle ist im homosozialen Raum situiert und entsteht aus dem Mannschaftsgefüge. Leserinnen und Leser werden oft direkt adressiert, bereits die Farbgestaltung des Covers (schwarz) referiert auf die Wildheit, die der Autor stilisiert. Männlichkeit wird performativ über das eigene Handeln dargestellt, Attribute sind Gefährlichkeit und Stärke, die auch über die Inszenierung von körperlichem Schmerz sichtbar werden. Handlungsmotive sind Ehre, Stolz und Würde. Die Verwendung von Kriegsmetaphorik ist kaum an Archaität zu überbieten (S. 44ff). Der weitläufige Medienverbund mit Filmen, einer Serie aus 26 Folgen und über 500 Merchandising-Produkten ist für die Reihe sehr bedeutsam, wobei darin einerseits Männlichkeit über archaische Elemente sowie die Sexualisierung der wenigen Mädchenfiguren verstärkt werden.

Ebendies gilt auch für die Die Wilden Hühner, die "echte Mädchenbande", die vor allem Abenteuer gemeinsam erlebt. Im späteren Verlauf der Reihe geht sie zu Liebes- und Beziehungsthematiken über. Das oft als progressives, emanzipatorisches bezeichnete sogenannte Mädchenbuch wird von Böhm aufgeschlüsselt. Die Figuren werden zwar differenziert ausgestaltet, was das Identifikationspotenzial für unterschiedliche Leserinnen und Leser erhöht, sind jedoch immer Klischees zugeordnet, wobei stark mit Polaritäten gearbeitet wird. Positiv besetzte, starke Mädchen weisen meist kein oder wenig geschlechtsrollentypisches Verhalten auf, und auf Ebene der histoire werden zugeordnete Verhaltensweisen hinterfragt und kritisiert. "Parallel zu ihrem Aufbau werden progressive Elemente der Figurenzeichnung in den gleichen Kontexten zurückgenommen und verbleiben somit auf diskursiver Ebene" (S. 104). Besonders weibliche Körperdiskurse werden problembehaftet dargestellt. Während zu Beginn zwei geschlechtshomogene Banden (die Hühner und die Pygmäen) inszeniert werden, deren Figuren parallelisiert sind, vermischen sie sich im Verlauf der Reihe und die Mädchen inkorporieren das Klischee der Unterordnung: "An die Stelle von Aktivität tritt Passivität, an die Stelle von Selbstbewusstheit Unsicherheit, Selbstbestimmtheit wird ersetzt durch Fremdbestimmtheit" (S. 121). Das Eintreten in die Heteronormativität wird durch Verliebtsein und als "schwärmerisch-romantische, emotionale Weiblichkeit" eingeführt. Böhm benennt eine Entwicklung vom androgynen, jungenhaften Mädchen hin zu einer in Bezug auf die Liebe einer Ästhetisierung der Demut unterworfenen Weiblichkeit, wie sie für die Mädchenliteratur des Biedermeier als Mittel der Idealisierung von Unterdrückung verwendet wurde (vgl. S.  74). Der auch bei den Die Wilden Hühner weit umfassende Medienverbund (Filme, Fotobücher, Kleidung, Kosmetika, Lernhilfen, u.v.m.) verstärkt die Inszenierung von Körpern, spitzt die Stereotype zu und sexualisiert die Mädchenfiguren stärker, während die Inszenierung von Männlichkeit deutlicher an hegemonialen Mustern orientiert ist.

Im letzten Kapitel geht Böhm kompakt auf Archaisierungs- und Pinkifizierungstendenzen der beiden Kinder- bzw. Jugendbuchreihen ein. Dazu gehören sowohl die archaischen Erzählmuster der Fußballkerle durch die Nutzung von Epitheta, dem antiken Epos, Charakterisierung der Heldenfiguren, Naturalisierung von Machtverhältnissen, als auch das Beschwören des Revolver- und Westernhelden, das Aufrufen archetypischer Landschaftselemente, das Aussparen der Zivilisation, das Stiften einer männlichen Genealogie und Aufrufen eines Schöpfungsmythus, die Typisierung der Figuren, usw. Die Autorin entlarvt die zuerst als widersprüchlich erfahrbaren weiblichen Mythen als entwicklungspsychologisch hintereinanderliegend und benennt Sexualisierung als eine Folge der Pinkifizierung. Die Hühner folgen einem Muster der "emphasized femininity", etwa in Hinblick auf visuelle Codes, da sich die Figuren ständig am männlichen Blick orientieren, aber auch durch die Akzeptanz der männlichen Herrschaft. Beide Phänomene liest Böhm als Vergegenwärtigungsstrategien der Mythen von Weiblichkeit und Männlichkeit, die mit der Implementierung in Medienverbünde potenziert werden und besonders mit dem Thema der Liebe einhergehen. Im Fazit hält die Verfasserin fest:

Die Kinderliteratur scheint nicht nur zweigeteilt, sie ist es. Diese Zweiteilung basiert auf einem gemeinsamen und die Teile verbindenden kulturellen Ideal: der Idee einer hegemonialen Männlichkeit, die als geschlechtlicher Index dem ‚Feld der Macht‘ eingeschrieben ist und auf das ‚literarische Feld‘ einwirkt. Die Binarität der Geschlechter wird entlang der Matrix normativer Heterosexualität fortgeschrieben und stellt die Grundlage der Narrationen dar (S. 157).

Kritik

Kerstin Böhms Dissertation untersucht nicht nur systematisch und genau das Primärliteraturkorpus, sondern reichert ihre Arbeit auch mit zahlreichen Theorien aus den Sozial- sowie Literaturwissenschaften, der Philosophie und den Gender Studies an. Damit schafft sie es, die kommerziellen Buchreihen Die Wilden Hühner und Die Wilden Fußballkerle sowohl in gesellschaftspolitische als auch literaturhistorische sowie ästhetische Kontexte und in ihrem diskursiven Format einzuordnen. Gleichzeitig werden das Interesse der unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren der Literaturbranche und des Lesepublikums aufgezeigt. Böhms Text legt für weitere kommerzielle Buchreihen, die vielleicht aktueller als die von ihr gewählten Reihen und dadurch weniger wissenschaftlich untersucht sind, nahe. Ausbaufähig ist im besprochenen Werk lediglich die knappe didaktische Reflexion, die umfangreicher und genauer ausfallen hätte können – sie wirkt eher skizzenhaft als Zusatzkapitel neben der sonst gewissenhaften und gehaltvollen Untersuchung der Autorin.

Fazit

In der klar strukturierten und gut lesbaren Studie Böhms werden die Medienverbünde um Die Wilden Hühner und Die Wilden Fußballkerle (teilweise vorhersehbar) als kommerziell ausgerichtete Kristallisationspunkte für die Bindung von Konsumentinnen und Komsumenten aufgezeigt. Diese werden geschlechtsspezifisch adressiert und als klar erkennbare Zielgruppen mit Stereotypen, Markierungen von Geschlecht und geschlechterbasierten Mythen avisiert. Für beide Serien liegen bereits einzelne Studien und Medienverbundanalysen vor, Böhm problematisiert jedoch erstmalig Geschlechtsspezifika in unterschiedlichen Facetten. Die Autorin untersucht dabei nicht nur auf der Oberfläche (beispielsweise das Geschlecht der Figuren), sondern leistet mit ihren systematischen Analysen eine wichtige Basis für die Erforschung serieller Kinder- und Jugendliteratur mit Fokus auf genderspezifische Ausgestaltungen.

Literatur

  • Lypp, Maria: Die Kunst des Einfachen in der Kinderliteratur. In: Lange, Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur. Bd. 1 Grundlagen – Gattungen 2005, S. 828–843.
  • Six, Anna: „In Rosarot ist die Welt doch viel hübscher!“ Der Medienverbund bei ‚Prinzessin Lillifee‘ und ‚Hello Kitty‘ als Scharnier zwischen Erzählung und (weiblichem) Konsumverhalten. In: Weinkauff, Kinder- und Jugendliteratur in Medienkontexten. Adaption, Hybridisierung, Intermedialität, Konvergenz 2014, S. 199–217.
Titel: Archaisierung und Pinkifizierung. Mythen von Männlichkeit und Weiblichkeit in der Kinder- und Jugendliteratur
Autor/-in:
  • Böhm, Kerstin
Böhm, Kerstin: Archaisierung und Pinkifizierung. Mythen von Männlichkeit und  Weiblichkeit in der Kinder- und Jugendliteratur