Die englischsprachige Version der Rezension finden Sie hier. / The english version of the review can be found here.

Inhalt

Die On Disney-Anthologie, herausgegeben von Ute Dettmar und Ingrid Tomkowiak, ist der neunte Band in Studien zu Kinder- und Jugendliteratur und -medien, einer wissenschaftlichen Buchreihe, die inter- und transmediale Netzwerke in der Jugendkultur untersucht. Zu den bisherigen Bänden gehören Anthologien an der Schnittstelle zwischen Kindermedien und urbaner Kultur, mündlichem und schriftlichem Erzählen, Erinnerung und Politik sowie Monografien, die sich mit räumlichen und poetischen Aspekten der Kinderliteratur befassen. Im Einklang mit dem Fokus der Reihe auf Medien greift On Disney den transkulturellen und transmedialen Impuls von Disney auf und hinterfragt, wie das Medienunternehmen im Laufe der Jahrzehnte Geschichten (Adaptionen, Neuverfilmungen und Originale) wieder aufgegriffen und angepasst hat. Damit reiht sich der Band in die umfangreiche Disney-Forschung ein, die darauf abzielt, Disneys facettenreiche Medienpräsenz zu entwirren und insbesondere den aktuellen politischen Diskurs und Disneys Verhandlung der europäischen Kultur fokussiert.

Die fünfzehn Aufsätze in On Disney sind in fünf thematische Abschnitte unterteilt. Abschnitt eins bis drei „Human-Human and Human-Animal Relations”, „Gender and Diversity” und „Aspects of Cultural Heritage”, reflektieren kritisch Disneys Strategien, eine Reihe von Identitäten, Kulturen und Körpern auf der Leinwand darzustellen. Die Beiträge dieser Abschnitte befassen sich in erster Linie mit visuellen Medien – Disneys Zeichentrick- sowie Realfilmen und Dokumentationen – aber diese filmischen Analysen sind in einem vielfältigen Netz von Quellen angesiedelt, darunter Plakaten, Romanen, Themenparkprojekte, Pressemitteilungen, Musikpartituren, Mythologie und Wohltätigkeitsorganisationen. Abschnitt vier, „Iconic Characters and Narratives”, fasst drei Kapitel zusammen, die die Konfiguration erkennbarer Charaktere dokumentieren: tanzende Skelette, Robin Hood und Captain Jack Sparrow. Der fünfte und letzte Abschnitt, „Immersive Experiences, Reflexive Engagement”, untersucht die Möglichkeiten für Disney-Fans über sensorische und performative Kanäle am Phänomen Disney teilzunehmen.

Kritik

Die Aufsätze von Ingrid Tomkowiak und Christine Lötscher im ersten Abschnitt bieten ergänzende Perspektiven dazu, wie sentimentale Tierfiguren in Disney die Mensch-Tier-Beziehungen in der realen Welt widerspiegeln können. In „Happy Pictures? Disney’s Dumbo Films and the Entertainment Industry” (dt.: Glückliche Bilder? Disneys Dumbo-Filme und die Unterhaltungsindustrie) vergleicht Tomkowiak wie die intersektionale Identität des Elefanten-Protagonisten Dumbo „as a child, as an animal and as a disabled person” (S. 5) innerhalb des Jahres 1941 im animierten (d. h. handgezeichneten) Film und Tim Burtons Live-Action-Remake Dumbo aus dem Jahr 2019 jeweils unterschiedlich konstruiert wird. Lötschers Beitrag „Animal Bodies, Human Voices, and the Big Entanglement. Disneynature’s Documentary Series” (dt.: Tierkörper, menschliche Stimmen und die große Verstrickung. Disneynatures Dokumentar-Reihe) analysiert die oft übersehenen Disneynature-Filme, die Tieraufnahmen mit humorvollen Coming-of-Age-Geschichten kombinieren, typisch für Disneys Animationsfilme. In beiden Aufsätzen wird zufriedenstellend aufgezeigt, wie Disneys anthropomorphe Tiere zur Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Politik einladen, etwa PETAs tierbewusste Empfehlungen für das Ende des Dumbo-Remakes und die Auswirkungen der jährlichen Naturschutzkampagnen von Disneynature.

Abschnitt zwei, der längste der Sammlung, enthält fünf Aufsätze, die Disneys Darstellung von Race, Geschlecht und Vielfalt in Animations- und Realfilmen ab 1989 untersuchen. In „Curtailment in Mermaid Lore. Disney’s The Little Mermaid (1989)” (dt.: Die Kürzung der Meerjungfrauen-Geschichte. Disneys Arielle, die Meerjungfrau (1989) bewertet Lies Wesseling die erzählerischen Einschränkungen, die Disney der potenziell binaritätsbrechenden mythischen Figur der Meerjungfrau auferlegt und stellt fest, dass der Arielle zugeordnete literary tomboy trope” (p. 47) nicht in der Lage ist, Hierarchien aufzubrechen. Yvonne Festl untersucht in „'Be a Man'. Gender and Body in Disney's Mulan (1998)” (dt.: 'Sei ein Mann.' Geschlecht und Körper in Disneys Mulan (1998)), wie die sich verändernde visuelle Gestaltung der Charaktere in Mulan die Konstruiertheit des Geschlechts hervorhebt, während Sara Van den Bossche die antifeministische. und später post-feministisch, Konstruktion von Prinzessin Jasmin in „Walking the Line. A Feminist Reading of Gendered Orientations and Voice in Disney's Aladdin Films (1992/2019)” (dt.: Die Grenze überschreiten. Eine feministische Lesart von geschlechtsspezifischen Orientierungen und Stimmen in Disneys Aladdin-Filmen (1992/2019)) aufdeckt. Alle drei Aufsätze legen deutlich aus, wie Disney häufig Geschlechterrollen und geschlechtsspezifische Körper in den Vordergrund stellt, um die in frühen Werken erkennbaren patriarchalen Ideologien zu verkomplizieren und aufzubrechen, wenn nicht sogar völlig zu überarbeiten. 

Claudia Sackl untersucht in Screening Blackness. Controversial Visibilities of Race in Disney's Fairy Tale Adaptations” (dt.: Schwarzsein vorführen. Kontroverse Sichtbarkeiten von Race in Disneys Märchenadaptionen) Disneys Darstellungsstrategien in Bezug auf schwarze Charaktere anhand von drei Filmen des 21. Jahrhunderts. Angesichts der Resonanz in den sozialen Medien auf die Besetzung der afroamerikanischen Schauspielerin Halle Bailey als Arielle im Live-Action-Remake von Arielle, die Meerjungfrau (2023) sind Sackls differenzierte Überlegungen darüber, wie „emergent visibilities of race” (S. 82) in Disneyfilmen das Resultat eines complex, multi-layered convergence between reality and imagination caught between online participatory culture and corporate fan service, fan activism and conservative backlash” (ibid.) sind,  zeitgemäß. Den Abschluss des Abschnitts bildet Ute Dettmars Aufsatz „From E.T.A. Hoffmann to Disney. Figurations of the Nutcracker in Changing Media and Culture” (dt.: Von E.T.A. Hoffmann bis Disney. Figurationen des Nussknackers in sich wandelnden Medien und Kulturen), der aspects of adaptation, cultural hybridisation, and Intermediality in Disney’s treatment of its explicitly credited sources” (S. 99) untersucht und beispielhaft aufzeigt, wie Elemente aus Hoffmanns Märchen und Tschaikowskys Ballett in Disneys großformatigem, extravaganten Fantasy-Coming-of-Age-Film Der Nussknacker und die vier Reiche (2014) eingebettet wurden. Obwohl der Film offensichtlich als „story of female empowerment” (S.106) intendiert ist, enthüllt Dettmar, wie Disney weiterhin auf eine „tried-and-true image strategy” (ibid.) setzt, die Geschlecht und Vielfalt verhandelt, ohne diese fundamental umzudeuten.

Abschnitt drei besteht aus zwei Aufsätzen zum europäischen Kulturerbe. In einem höchst originellen Beitrag, „Walt O'Disney and the Little People. Playing to the Irish-American Diaspora” (dt.: Walt O'Disney und die kleinen Leute. Zur Irisch-Amerikanischen Diaspora), untersucht Emer O'Sullivan, wie Irischsein auf der Leinwand dargestellt und im paratextuellen Material von Disneys Live-Action-Familienfilm Das Geheimnis der verwunschenen Höhle (1959) (engl. Darby O'Gill and The Little People) inszeniert (und verkauft) wurde. O’Sullivans Untersuchung von Walt Disneys erfolglosen Versuchen, den Film als ein „original, genuine Irish article” (S. 127) zu verkaufen, indem er seine irisch-amerikanische Diaspora-Identität ausnutzte und einen fiktionalisierten 'Making of'-Dokumentarfilm produzierte, in welchem sein Team einen 'echten' Leprechaun fängt, ist augenöffnend. Ludger Scherer steuert „From the Old World. Disney's Transformation of European Cultural Heritage in Fantasia (1940)” (dt.: Aus der Alten Welt. Disneys Transformation des europäischen Kulturerbes in Fantasia (1940)) bei; ein detaillierter Bericht darüber, wie ein “hecatomb of collaborators“ (S. 134) – Regisseur*innen, Künstler*innen, Komponist*innen, Dirigent*innen – klassische europäische Musik, griechisch-römische Mythen und Kunststile verschmolz und Fantasia erschuf. Das Ergebnis ist, wie Scherer zu Recht anmerkt, ein mehrdeutig erotischer Flickenteppich aus Episoden, die die Grenze zwischen „intercultural exchange and cultural hegemony“ (S. 151) verschwimmen lassen.

Die drei Aufsätze, die Abschnitt vier abschließen, beleuchten ikonische Charaktere des Disney Franchises. Julia Benners Kapitel „Music in Their Bones. Play, Music and Materiality in Disney's Dancing Skeleton Films” (dt. Musik in ihren Knochen. Spiel, Musik und Materialität in Disneys tanzenden Skelettfilmen) untersucht, wie die fünf Disney-Skelettfilme, die zwischen 1929 und 2017 veröffentlicht wurden, als Meta-Kino und „filmic palimpsests“ (S. 155) gelesen werden können, die parodistische Ebenen von Folklore, Festivals, Spielzeugen und Musik enthalten. Benner gelingt es, die subtilen kulturellen Veränderungen zwischen den Filmen nachzuzeichnen, die zur Transformation des lebenden Skeletts von einer Ansammlung musikalischer Knochen in The Skeleton Dance (1929) bis zu einer prominenten Popstar-Figur in Coco (2017) beitrugen. In „'Taxing the Heart and Soul out of the People.' Disney's Robin Hood (1973) as Conservative Fable” (dt.: Das Herz und die Seele der People besteuern. Disneys Robin Hood (1973)) als konservative Fabel) nähert sich Anika Ullmann Disneys Amerikanisierung des Robin-Hood-Mythos als eine „conservative political-economic fable“ (S. 173) an. Ullmann zeigt, wie Armut in diesem Animationsfilm als eine Auswirkung und nicht als Voraussetzung der Besteuerung dargestellt wird, denn „Robin the fox does not steal from the rich and give to the poor, he steals from the rich and gives back to the momentarily poor” (S. 178), die einst reich waren. Robin der Fuchs, argumentiert Ullman, ist der Inbegriff eines Disney-Helden: er ist eher eine vorübergehend reaktionäre als eine revolutionäre Figur. Aleta-Amirée von Holzen erkundet in „Jack Sparrow – the Ultimate Adventurer” (dt.: Jack Sparrow - der ultimative Abenteurer) die Eigenschaften eines weiteren Disney-Helden und bietet eine Analyse von Johnny Depps Piratenfigur in der Fluch der Karibik (2003, 2006, 2007, 2011, 2017) Film-Reihe. Von Holzen greift auf Georg Simmels philosophisches Konzept des ‚Abenteurers’ zurück, um Jack als einen postmodernen, binär-brechenden Helden zu identifizieren, der das Abenteuer personifiziert.

Der letzte Abschnitt bewegt sich entschieden weg von der Analyse der Bildschirmmedien und hin zu immersiven Produkten, die eine aktive, reflexive Beteiligung der Fans fördern. In „From Anaheim to Batuu. Fan Tourism and Disney's Star Wars: Galaxy's Edge as Transmedia Playground” (dt.: Von Anaheim nach Batuu. Fan Tourismus und Disneys Star Wars: Galaxy's Edge als transmedialer Spielplatz) bescreibt Lincoln Geraghty detailliert die Fülle an Möglichkeiten, die Fans, die den Star Wars-Themenbereich besuchen, der in zwei Disney-Resorts in den Staaten vorgefunden wird, geboten wird: „[they] do not just imagine the Star Wars storyworld, they can live it and return home with a part of it thanks to the merchandise and memories collected whilst in that space” (S. 204). Durch die Neupositionierung des Fans sowohl als Flaneure als auch als Fan-Touristen betont Geraghty den performativen Akt vor Ort zu sein, einschließlich der Einnahme von thematischen Speisen und Getränken, dem Spielen von Charaktere, der Erkundung der „old city“ (S. 207) und der Teilnahme an imaginären Fahrgeschäften. Natalie Borsy bietet in ihrem Aufsatz „Consuming Disney. Image Cultivation, Indoctrination and Immersive Transmedia Storytelling in Disney Cookbooks” (dt.: Disney verzehren. Bildkultivierung, Indoktrination und immersives transmediales Geschichtenerzählen in Disney-Kochbüchern). Begleitet von köstlichen Bildern von Speisen und Getränken, wie dem Dagobah Slug Slinger-Getränk aus The Official Blackspire Outpost Cookbook (2019), nähert sich Borsy dem Disney-Kochbuch aus einer Vielzahl von Blickwinkeln, darunter künstlerischem Design, generationenübergreifender Attraktivität, Lizenzierung und Fanbeteiligung und, was am faszinierendsten ist, der Art und Weise, wie Essen als Adaption von Disneys Geschichten fungiert (S. 222). Für den letzten Aufsatz des On Disney-Bandes betrachtet Anna Sparrman in „The Social Aesthetics of Family Space. The Visual Heritage of Disney in a Swedish Amusement Park“ (dt.: Die soziale Ästhetiks des Familienraums. Das visuelle Erbe von Disney in einem Schwedischen Freizeitpark) den Einfluss der Main Street in Disneyland auf einen Vergnügungspark namens Liseberg. Sparrmans Selbstreflexionen über ihre methodische Reise bieten Einblicke in die Art und Weise, wie Forschende mit dem Disney-Phänomen auf eine Art und Weise umgehen könnten, die Vorurteile und reine Kritik vermeidet und stattdessen einen Ansatz sucht, der „suggestive in nature rather than argumentative” (S. 245) ist.

Fazit

Wie dieser Band zeigt, gibt es in Disneys jahrzehntelangem Katalog viele lebendige Beispiele, die Spannungen zwischen der sich verändernden Ästhetik und der Ideologie seiner Produkte in allen Medien aufzeigen. Obwohl die Beiträge in On Disney ein breites Spektrum an Filmen und ihrer Medieneinflüsse abdecken, hätte ich mir gewünscht, dass die Sammlung Aufsätze zu einem breiteren Spektrum interaktiver Medienformen enthält, wie in Abschnitt fünf angesprochen. Überlegungen zur Dekonstruktion von Bildern, Tropen und Narrativen, beispielsweise bei der Gestaltung von Disney-Merchandise-Artikeln und Theaterproduktionen oder innerhalb von Disneys Bildungsressourcen und -programmen, hätten dazu beitragen können, die Vielfalt der inter- und transmedialen Kanäle zu beleuchten, über die Disney versucht, sich öffentlich mit aktuellen Diskursen auseinandersetzen. Das Unternehmen erfreut sich unbestreitbar einer von Nostalgie geprägten generationenübergreifenden Beliebtheit, aber sein kritischer Ruf als kapitalistischer Gigant, der die europäische Kultur amerikanisiert und von konservativen Werten geprägt ist, erschwert die Konstruktion und Wahrnehmung von Bildern, Tropen und Narrativen. Erfrischenderweise widerstehen die Beiträge in diesem Band dem Drang, diese Spannung zu vereinfachen, indem sie The Disney Company gänzlich verunglimpfen oder vergöttern. Stattdessen tragen sie zur Entschlüsselung der Komplexität des Schaffens und des Konsums von Medien in einer sich verändernden Welt bei.

Titel: On Disney: Deconstructing Images, Tropes and Narratives
Herausgeber:
  • Name: Ute Dettmar
  • Name: Ingrid Tomkowiak
Erscheinungsort: Berlin, Heidelberg
Erscheinungsjahr: 2022
Verlag: J. B. Metzler
ISBN-13: 978-3-662-64624-3
Seitenzahl: 247
Preis: 90,94€
Vor einem roten Hintergrund sind die Buchinformationen zu den Herausgeberinnen, Ute Dettmar und Ingrid Tomkowiak, der Buchtitel, On Disney: Deconstructing Images, Tropes and Narratives sowie der Verlag, J. B. Metzler abgebildet. Das obere Bilddrittel nimmt das Bild eines Tassenkarussells mit Personen ein.