Inhalt
Die Monografie ist in drei Hauptteile gegliedert: Zunächst werden die theoretischen Grundlagen (Kapitel 1 bis 3) gelegt, beginnend mit dem Kernproblem der „begrifflichen Unschärfe“ (S. 15), die den Diskurs über das Erstlesebuch bis heute prägt. Um diese zu überwinden, entwickelt Siewert eine eigene Definition, die auf dem Kriterium der peritextuellen Markierung (vgl. S. 31) sowie dem Vorhandensein eines pädagogisch-lesedidaktischen Konzepts basiert. D.h., als Erstlesebücher gelten nur solche Titel, die vom Verlag explizit so eingeordnet werden, z.B. durch einen Vermerk auf dem Buchumschlag oder den Reihentitel. Darauf aufbauend unternimmt die Verfasserin eine historische Einordnung der Subgattung und korrigiert die bisherigen Annahmen zur Entstehung von Erstlesebuchreihen in den 1970er Jahren durch den Verweis auf die bereits ab 1961 im Carlsen Verlag erschienene Lerne lesen-Reihe (vgl. S. 41). Im zweiten Teil (Kapitel 4 bis 6) fundiert die Verfasserin theoretisch das zentrale Spannungsfeld, das dem Erstlesebuch inhärent ist: die doppelte Zielsetzung der Förderung von Lesefähigkeit und Lesemotivation. Sie fasst Aspekte einer leseerleichternden und motivationsfördernden Textgestaltung zusammen (z.B. Leserlichkeit, Lesbarkeit und Verständlichkeit) und befasst sich mit der – von der Literaturtheorie seit Jahrzehnten kontrovers diskutierten – Frage, was die Literarizität eines Textes eigentlich ausmacht. Das Herzstück der Arbeit bildet die empirische Untersuchung von Erstlesebüchern (Kapitel 7 bis 10). Siewert entwickelt hierfür ein eigenes Analysemodell für „bimodale Erzähltexte“, das sie auf ein Korpus von 75 Erstlesebüchern (vgl. S. 19) anwendet. Daran anschließend reflektiert sie das Potenzial von Erstlesebüchern zur Initiierung literarästhetischer Lernprozesse.
Im Fazit hält die Verfasserin fest, dass Erstlesebücher mit einer adressat*innenorientierten, vereinfachten Gestaltungsweise gezielt den Leseerwerb unterstützen können und das Potenzial besitzen, literarästhetische Lernprozesse und – damit verbunden – Lesemotivation anzuregen. Sie merkt kritisch an, dass die vorliegenden Konzeptionen von Erstlesereihen sehr heterogen und nicht von einem Verlag auf einen anderen übertragbar sind – insbesondere im Hinblick auf die Festlegung der „Lesestufen“ (vgl. S. 356). Hervorzuheben ist darüber hinaus der Befund, dass sprachliche und visuelle Verfremdungen in Erstlesebüchern nicht zwangsläufig die Textkomplexität erhöhen und die Lesbarkeit einschränken, sondern in vielen Fällen sogar leseerleichternd sind und literarästhetisches Lernen anregen (vgl. S. 358f.). Demnach ergebe sich das literarästhetische Potenzial „vor allem aus der partiellen Mehrdeutigkeit der Texte, die von Erstleser*innen erkannt werden kann, jedoch nicht erkannt werden muss“ (S. 362). Daraus folgert Siewert, dass sich eine leseerleichternde und eine motivationsförderliche Gestaltung von Erstlesebüchern nicht ausschließen, sondern gegenseitig begünstigen.
Kritik
Der Aufbau und die Struktur der vorliegenden Studie sind klar und sehr gut nachvollziehbar. Die Verfasserin setzt an zentralen Fragestellungen zum Medium Erstlesebuch an und es gelingt ihr, an die einschlägigen Diskurse aus KJL-Forschung, Literaturwissenschaft sowie Lese- und Literaturdidaktik anzuschließen und dazu beizutragen, diese näher zusammenzuführen. Dass Siewerts Definition des Erstlesebuchs eine peritextuelle Markierung voraussetzt, ist terminologisch und forschungsökonomisch sehr gut nachvollziehbar, da so eine klare Ab- und Eingrenzung des Textkorpus möglich wird. Diese Vorgehensweise exkludiert jedoch zum einen literarische Texte, die vom Verlag ausschließlich epitextuell als Erstlesebücher markiert werden (vgl. z.B. die Webseite zur entsprechenden Reihe im Moritz Verlag) – auf diesen Punkt weist die Verfasserin selbst hin (vgl. S. 30). Zum anderen werden andere, für Leseanfänger*innen geeignete Formate nicht berücksichtigt, seien es z. B. Bilderbücher, Kindercomics oder digitale Erstleseanagebote. Für ein weiter gefasstes Verständnis des Forschungsfelds der Erstleseliteratur sind diese Formate jedoch unverzichtbar und finden auch in jüngerer Forschungsliteratur Beachtung (vgl. z. B. Mikota/Schmidt 2023; Schmidt/Mikota 2024).
Positiv hervorzuheben ist die Prämisse der Untersuchung, Erstlesebücher als „bimodale Erzähltexte“ zu betrachten. Damit rückt die Frage nach den Schrift-Bild-Relationen und deren Auswirkungen für den Leseerwerb und die Leseentwicklung in den Fokus – ein Aspekt, dem erstlesedidaktisch bislang deutlich zu wenig Beachtung geschenkt wurde. Denn Erstlesen ist in den allermeisten Fällen Schrift-Bild-Lesen (vgl. hierzu Staiger 2025): 88 % der von Siewert untersuchten Buchseiten enthalten Bilder (vgl. S. 286) und 84 % „comicale Erzählelemente“ (S. 287); die Schrift-Bild-Relationen sind überwiegend symmetrisch und interessanterweise – bezogen auf das Textkorpus – in keinem Fall kontrapunktisch. Die Untersuchung liefert für diesen Forschungsbereich erste wichtige Erkenntnisse und bietet einen guten Ausgangspunkt für weitere Studien.
Die Gesamtanalage von Siewerts Studie fokussiert den Blick gekonnt auf das Spannungsfeld zwischen pädagogischer Funktion und literarästhetischer Autonomie des Erstlesebuchs, eine – scheinbare – Opposition, die ja für die Kinder- und Jugendliteratur insgesamt charakteristisch ist und die Forschungsdiskurse seit langem prägt. Deutlich wird am Beispiel des Erstlesebuchs die große Bedeutung der Produktions- und Distributionslogiken des Buchmarkts, die ihre eigene Dynamik entwickeln. Trotzdem kann die Studie belegen, dass Erstlesebücher trotz ihrer klaren pädagogischen Funktion nicht pauschal als literarisch minderwertig abgetan werden können.
Fazit
Siewerts Studie ist ein sehr wichtiger – und längst überfälliger – Beitrag zur Etablierung eines eigenen, interdisziplinär ausgerichteten Forschungsfelds zur Erstleseliteratur. Sie trägt zum einen zur Theorie- und Begriffsbildung sowie zur Geschichtsschreibung des Mediums Erstlesebuch bei und entwickelt ein anschlussfähiges Modell für die Beschreibung und Analyse narrativer Erstlesetexte. Die Erkenntnisse im Hinblick auf die multimodale literarische Ästhetik des Erstlesebuchs und die hierauf bezogenen motivationsförderlichen Potenziale sind nicht nur eine wichtige Grundlage für eine Didaktik des literarästhetischen Erstlesens, sondern sollten auch von großem Interesse für jeden Verlag sein, der eine Erstlesebuchreihe herausgibt.
Literaturverzeichnis
Erstleseliteratur als vielfältiger Lern- und Erfahrungsort. Hrsg. von Jana Mikota und Nadine J. Schmidt. München: kopaed Verlag, 2023.
Literarisches Lernen mit Erstleseliteratur im Unterricht. Didaktisch-methodische Implikationen und empirische Forschungsperspektiven. Hrsg. von Nadine J. Schmidt und Jana Mikota. München: kopaed Verlag, 2024.
Schrift / Bild – Lesen. Interdisziplinäre Perspektiven für die Leseforschung. Hrsg. von Michael Staiger. Berlin/Heidelberg: J.B. Metzler Verlag, 2025.
- Name: Sandra Siewert