Inhalt und Kritik
Im ersten Teil ihrer Habilitationsschrift fokussiert Dorothea Salzer die Entstehung und Entwicklungen jüdischer Kinderbibeln seit dem Ende des 18. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit. Die Arbeit gliedert sich dabei in einen einleitenden Teil, der Begriffsbestimmungen vornimmt und jüdische Kinderbibeln in ihrer Bedeutung als historische Quellen darlegt. Ausführungen zur Methodik der Arbeit fokussieren die Analyse der Darstellungs- und Bearbeitungsformen jüdischer Kinderbibeln, wobei jeweils repräsentative Vertreterinnen ausgewählt und detailliert betrachtet werden sollen. Nach der Einleitung folgen ein Teil zu den historischen Hintergründen rund um die jüdische Aufklärungsbewegung (Kapitel 2) und ein umfangreicher Analyseteil (Kapitel 3), der die Formen, Bearbeitungsstrategien und schließlich die Peritexte jüdischer Kinderbibeln thematisiert. Nach dem Ergebnisteil (Kapitel 4) schließt Dorothea Salzer mit einem chronologischen, nach Subgenres geordneten Verzeichnis der untersuchten jüdischen Kinderbibeln. Neben Abbildungsverzeichnis und Bibliographie sind außerdem ein Stellenregister mit den erwähnten Bibelstellen sowie ein Sach- und Personenregister zu finden, die es erleichtern, die umfangreiche Habilitationsschrift ausgewählt nach bestimmten Stichworten und Themen zu lesen.
Im historischen Teil zu Beginn ihrer Arbeit beschreibt Dorothea Salzer die hebräische Bibel als Zentrum einer neuen jüdischen Identität: Mit der ‚Haskala‘, der jüdischen Aufklärung, kommen zum Ende des 18. Jahrhunderts die ersten jüdischen Kinderbibeln im deutschsprachigen Raum auf. Hintergrund sind hier die Reformbewegungen jüdischer Aufklärer (Maskilim), welche die Bibel zur Grundlage religiöser Erziehung erklärten und sich damit gegen die herkömmlichen aschkenasischen, rabbinischen Traditionen stellten und für ein modernes Judentum einsetzten. Die Maskilim forderten eine gute sprachliche Ausbildung der Schüler mit dem Ziel der Zwei- oder Mehrsprachigkeit und grenzten sich so von der bisherigen Unterrichtspraxis der mündlichen Wort-für-Wort-Übersetzung aus dem Hebräischen ins Jiddische ab. Im Gegensatz zu dieser Praxis sollte der Unterricht an den maskilinischen Schulen zum Beispiel durch eine intensive Sprachbetrachtung geprägt sein. Diese transmediale Verschiebung vom Mündlichen in das Schriftliche eröffnete nach Salzer eine neue materielle Dimension, die das Rezipieren der biblischen Texte grundlegend veränderte und den Kindern eine selbstständige Lektüre ermöglichte. Ziel war es, eine Vertrautheit mit den biblischen Texten und Traditionen zu unterstützen, die sich auch in der konkreten Lebenspraxis zeigen sollte. Diese Reformen hatten zur Folge, dass auch entsprechende Lehrbücher entwickelt wurden. Hier ist die Entstehung des Genres der jüdischen Kinderbibel zu verorten, welches Salzer wie folgt definiert:
„Textsammlungen, die für ein kindliches Publikum aufbereitete Texte, im wesentlichen Erzählungen, aus der Hebräischen Bibel beinhalten und in Lehrbuchform präsentieren.“ (S. 52)
Wie die Autorin im Analyseteil der Arbeit (Kapitel 3) anbringt, waren Autoren der jüdischen Kinderbibeln zumeist ausgebildete Pädagogen, beispielsweise Peter Beer, Verfasser der ersten jüdischen Kinderbibel, ספר תלדות ישראל Sefer Toledot Israel (Geschichte Israels, 1796). Bewusst verschrieben sich die Autoren der Pädagogik, um das Judentum zu modernisieren (vgl. S. 67). Hierbei konzentrierten sie sich zu Beginn vor allem auf die Vermittlung von Faktenwissen zur Bibel, wodurch das neue Genre trotz aller Innovation eher schlicht und sprachlich nüchtern gehalten war. Die biblischen Texte wurden moralisierend gedeutet, mit Erzählkommentaren versehen, die Figuren als Vorbilder im Sinne der Aufklärung ohne Ambivalenzen gestaltet (z. B. ist Jakob kein Lügner) und zu Vertretern bürgerlicher Tugenden stilisiert (z. B. Josef als Personifizierung des Fleißes). Die Vorstellung der jüdischen Aufklärer, Kinderbibeln so dem intendierten Lesepublikum in Form und Inhalt anzupassen, erwies sich dabei, so Salzer, besonders in Bezug auf die Texte des Pentateuch als herausfordernd: Der Kanon der jüdischen Kinderbibeln wurde sorgsam entsprechend der aufklärerischen Moral- und bürgerlichen Sittendiskurse bearbeitet. So finden sich beispielsweise keine Texte in den jüdischen Kinderbibeln, die Sexualität oder die Zweitfrauen in den Geschichten der Urväter thematisieren, um den bürgerlichen Familienvorstellungen zu entsprechen.
Unter dem Einfluss der Jugendschriftenbewegung erfuhr die jüdische Kinder- und Jugendliteratur (KJL) zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Innovationsschub (vgl. S. 141 ff.), weg von der religiösen Unterweisung hin zur unterhaltenden Lektüre. Neuere Werke fokussierten die atmosphärische Gestaltung. Individuelle und subjektive Erzählweisen sollten die Identifikation der Lesenden fördern sowie eine ästhetische, emotionale Leseerfahrung ermöglichen, eine „Korrelation zwischen Einst und Jetzt“ erzeugen (S. 144). Hierbei wurde zunehmend auch das Wunderbare der biblischen Erzählungen betont, rabbinische und ostjüdische Erzählungen wieder oder neu eingeflochten. Die jüdischen Kinderbibeln sind dabei über die Zeiten hinweg immer auch als Reaktion auf die aktuelle Lebensrealität der jüdischen Gemeinschaft zu lesen. So zeigt z. B. Die Reiche Israel und Juda (1936) von Joachim Prinz mit der Integration außerbiblischer Texte über die Makkabäer, Judith und Bar Kochba klassische Vorbildfiguren der zionistischen Bewegung, die unter der Verfolgung durch die Nationalsozialisten in den 1930er Jahren an Bedeutung gewann.
Nach der Shoah wurden in Deutschland mit Ausnahme der Werke von Hella Taubes (Die Bibel erzählt von 1963 und Im heiligen Land von 1964) keine jüdischen Kinderbibeln mehr publiziert. Die jüngste jüdische Kinderbibel, übertragen von Hannah Liss und Bruno Landthaler, erschien fünfbändig 2014-2016 unter dem Titel Erzähl es deinen Kindern und orientiert sich an den Wochenabschnitten der Tora.
Für den Analyseteil der Habilitationsschrift ist in Verbindung mit den erläuterten historischen Kontexten die Frage zentral, wie die jüdischen Kinderbibeln im Vergleich zum ‚Original’ konzipiert wurden. Der Korpus der von Dorothea Salzer analysierten Werke umfasst dabei über 100 jüdische Kinderbibeln. Mit der Untersuchung dieser umfangreichen Primärquellen, also jüdische Kinderbibeln im deutschsprachigen Raum ab dem 18. Jahrhundert, wird eine wichtige und beeindruckende Grundlagenarbeit geleistet, deren Umfang nicht nur im Haupttext der Arbeit, sondern auch im angehängten Werkverzeichnis deutlich wird. Viele der hier aufgeführten Kinderbibeln sind nur eingeschränkt antiquarisch verfügbar und nur noch weltweit in Bibliotheken und Sammlungen zu finden, zu denen die Autorin über interdisziplinäre Forschungsprojekte und -stipendien Zugang erhalten konnte.
Als Ergebnis ihres Quellenstudiums untergliedert Dorothea Salzer die jüdischen Kinderbibeln in verschiedene Formen (vgl. S. 94 ff.): So ordnen z. B. “Kinderbibeln als Geschichtserzählungen” die biblischen Erzählungen in die Geschichte der Israeliten ein, um ein historisches Narrativ der jüdischen Identität zu unterstützen. Die “katechisierenden Nacherzählungen” wiederum zielen auf das Memorieren der Erzählungen durch Frage-Antwort-Strukturen.
Neben der Textauswahl und -anordnung hebt Salzer den Modernisierungsschub durch die formalen Gestaltungsmittel hervor. Die „unbedingte Bewahrung“ (S. 116) des ursprünglichen Textes war kein Kriterium der Übersetzungen mehr. Sprachliche Besonderheiten des hebräischen Urtextes traten im Sinne der aufklärerischen Idee einer korrekten Sprache in den Hintergrund (vgl. S. 117 ff.). Die Hinwendung zum Deutschen hatte dabei einen emanzipatorischen Effekt: Waren es ursprünglich nur die Jungen, welche die Tora studierten, eröffneten die Kinderbibeln die Welt der Bibel auch für Mädchen und Frauen. Neben den Übersetzungen ist darüber hinaus die paraphrasierende Nacherzählung in jüdischen Kinderbibeln sehr häufig zu finden. Historisch ist eine Entwicklung von stark raffenden, informierenden hin zu dynamischen, durch Dialoge und bildhafte Sprache geprägten Nacherzählungen zu beobachten, so zum Beispiel bei Joachim Prinz, dessen Sekretärin seine mündlichen Erzählungen im Unterricht aufschrieb, sodass Helden und Abenteurer der Bibel (1930) entstand.
Der letzte umfangreiche Teil der Habilitationsschrift fokussiert schließlich die Peritexte jüdischer Kinderbibeln, wobei diesen Elementen nicht nur eine strukturierende, sondern auch eine lektüreleitende und sinnstiftende Funktion zugeschrieben wird.
In Bezug auf die Peritextuelle Rahmungen der Textsammlungen betrachtet Dorothea Salzer dabei das Titelblatt, Einleitungen, Inhaltsverzeichnisse, Anhänge, etc. als lektüreleitende und kontextualisierende Elemente. Zentrale Erkenntnis ist, dass jüdische Tradition und maskilische Innovation miteinander verbunden wurden, z. B. durch zweisprachige Titel.
Darüber hinaus ist auch die Materialität als Peritext von Interesse: Im Zentrum steht hier die Typographie als rezeptionsleitendes Mittel und Marker kultureller Transformationsprozesse. Anhand zahlreicher Abbildungen werden Interlinearübersetzungen, Gegenüberstellungen der Schriftsysteme und Schwerpunktsetzungen der jeweiligen Sprachen interpretiert. Das Druckbild jüdischer Kinderbibeln wird dabei als ein Übersetzungsprozess zwischen jüdischer Tradition, nichtjüdischer Umwelt und jüdischen Selbstverständigungsprozessen charakterisiert (vgl. S. 185 ff.). Im Lauf der Zeit ist ein Wandel von der hebräischen Quadratschrift hin zur deutschen Frakturschrift zu beobachten. Dieses Sprengen normativer Gattungsgrenzen bewirkte einen deutlichen Popularitätsschub und verweist auf einen kulturellen Wandel des Judentums zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Erst im 20. Jahrhundert wurden als Ausdruck des Lösens von der deutschen Kultur und der selbstbewussten Hinwendung zum Zionismus auch runde Schrifttypen, zum Beispiel Antiqua, verwendet.
Schließlich betrachtet Dorothea Salzer die Peritextuellen Rahmungen der Einzelerzählungen. In einer ausführlichen Analyse werden die Überschriften, Mottos, Kommentare, Illustrationen und vieles mehr in ihrer Entwicklung untersucht und aufgezeigt, dass diese gezielt Interpretationen lenken und moralisieren. Ein Beispiel: Der Lesefokus der Geschichte von Kain und Abel wird erheblich durch die Formulierung der Überschrift gesteuert. Es macht einen Unterschied, ob neutral von „Kain und Abel“ oder von „Kains Brudermord“ gesprochen wird. Ein besonderer Fokus liegt auf der Kategorie des Kommentars und der Entwicklung verschiedener Strategien, zum Beispiel der konkreten Sittenlehre und Verbürgerlichung, Erziehung zum Patriotismus oder einer Historisierung der biblischen Ereignisse. Besonders interessant ist hier, dass – ausgelöst durch die fehlende gesellschaftliche bzw. rechtliche Gleichstellung der Juden im deutschsprachigen Raum – Toleranz und Nächstenliebe, Emanzipation und Individualisierung als zentrale Werte explizit in nahezu allen jüdischen Kinderbibeln durch die peritextuelle Rahmung vermittelt werden.
Im Fazit wendet sich Salzer schließlich den Paradigmen der Auslegung im Kontext der Transformation von jüdischer Religion und Kultur zu und resümiert dabei, dass die Gattung der jüdischen Kinderbibel als „ein Spiegel der jüdischen Religionsgeschichte in der Moderne zu verstehen ist“ (S. 283), in dem auch immer die „Suche nach einer gemeinsamen religiösen Sprache mit der christlichen Mehrheitsgesellschaft“ und sogar ein „transreligiöse[r] Austausch“ (ebd.) als grundlegende Prinzipien zu erkennen sind – beeindruckende Markierungen auf dem Weg in die Moderne.
Fazit
Dorothea Salzer bezeichnet die jüdischen Kinderbibeln als „Midraschim für die Moderne“ (S. 9) und stellt sie so den bedeutendsten Texten des Judentums gleich. Diese Aufwertung und Wertschätzung zeigen sich in der Habilitationsschrift anhand der tiefgründigen Analysen ausgewählter Werke und Konsequenz der Argumentation. Die zahlreichen, übersetzten Beispiele und Abbildungen erleichtern es dabei auch fachfremden Lesenden, den Ausführungen zu folgen. Immer wieder wird mit Einblicken in innerjüdische Diskurse dabei auch das Ringen um die Zugehörigkeit der Juden in der christlichen Mehrheitsgesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts deutlich – und die Rolle, die Literatur und insbesondere die jüdischen Kinderbibeln hierbei spielten. So gelingt ein faszinierender Einblick in die literarische jüdische Kultur im deutschsprachigen Raum, die durch die Shoah einen jähen Bruch erfahren hat, der sowohl in Konzeption und Inhalt der Arbeit erschreckend deutlich wird. Umso wichtiger erscheint die Lektüre dieser Habilitationsschrift.
Literaturverzeichnis
Beer, Peretz [Peter]: ספר תלדות ישראל [Buch der Geschichte Israels]. Prag: Elsenwanger, 1796.
Liss, Hannah; Landthaler, Bruno: Erzähl es deinen Kindern. Berlin: Ariella Verlag, 2014-2016.
Prinz, Joachim: Helden und Abenteurer der Bibel. Berlin: Peter Baumann, 1930.
Prinz, Joachim: Die Reiche Israel und Juda. Berlin: Reiss, 1936.
Taubes, Hella: Die Bibel erzählt. Frankfurt am Main: Ner-Tamid-Verlag, 1963.
Taubes, Hella: Im heiligen Land. Frankfurt am Main: Ner-Tamid-Verlag,1964.
- Name: Dorothea M. Salzer